Johannes von Müller
Vorkämpfer und Opfer
1752–1809
Ein Schaffhauser Freundeliebender zur Goethe-Zeit
Durch die «Geschichten Schweizerischer Eidgenossenschaft» (der erste Band erschien 1780) wurde der Schaffhauser Gelehrte
Johannes von Müller berühmt, denn sein Werk war als erste Geschichte der Schweiz nach
Aegidius Tschudi (1505–1572) ein sofort weithin beachtetes Ereignis. Es beruhte auf breitem Quellenstudium sowie guter Kenntnis der Örtlichkeiten, denn Müller hatte in den Sommern der 1770er Jahre praktisch die ganze Schweiz durchwandert. Die meisterhafte Sprache stellte sein Werk auf eine Stufe mit den bekannten antiken Historikern.
Bewunderung für Napoleon
Zugleich hielt es der dem Untergang geweihten Alten Eidgenossenschaft den untrüglichen Spiegel ihrer idealisierten Ursprünge entgegen und war somit ein Politikum. «Es brachte das Interesse und die Begeisterung für die Schweiz, die im 18. Jahrhundert ganz Europa erfasst hatten, auf einen neuen Höhepunkt. Schillers ‹Wilhelm Tell› ist ohne Müllers ‹Schweizergeschichte› nicht denkbar»
[1] Und
Johann Wolfgang Goethe war es, der die im Original französische Rede über
Friedrich den Grossen ins Deutsche übersetzte. Mit ihr hatte Müller seine Bewunderung für Napoleon offen kundgetan.
Diese Bewunderung, die er erst spät, 1806, mit der erwähnten Rede formulierte, war verständlich: Müllers «homosexuelle Neigungen» brachten ihn immer wieder in Gefahr, «seinen Ruf oder gar seine bürgerliche Freiheit zu verlieren».
[2] Nun aber hatte Frankreich ab dem 21. März 1804 ein neues Strafgesetz erhalten, den
«Code Napoléon», in welchem sexuelle Verhaltensweisen nicht erwähnt wurden. Es gab also kein Delikt «Sodomie» oder «Päderastie», im Unterschied zu vielen der damaligen deutschsprachigen Länder und Staaten.
Müller führte ein aussergewöhnlich unstetes Leben, wohl auch bedingt durch seine Veranlagung, «die ihn immer wieder in peinliche Situationen brachte und für Erpressung anfällig machte».
[3] Zuerst studierte er, wie sein Vater, Theologie, setzte sich in Göttingen mit den Gedanken der Aufklärung auseinander und wurde dann in Schaffhausen nicht Pfarrer, sondern Lehrer für Griechisch. Um weiter forschen und schreiben zu können, wirkte er als Privatgelehrter, Hauslehrer, Professor und Bibliothekar in Genf, Bern, Kassel und wiederum Genf, Schaffhausen, Bern, um schliesslich am
Hof von Mainz zum Ratgeber des Erzbischofs und Kurfürsten und zum bedeutenden Diplomaten von europäischem Rang aufzusteigen – bis zur Einnahme der Stadt durch die Franzosen 1792.
Erhebung in den Adelsstand
1791 wurde er von Kaiser
Leopold II. von Österreich in den Adelsstand erhoben. Dessen Sohn
Franz II. berief in 1792 nach Wien, wo er u.a. als Diplomat an der Geheimen Hof- und Staatskanzlei und ab 1800 als Kustos der Hofbibliothek wirkte. Infolge des Hartenberg Skandals 1803 verliess er Wien und zog nach Berlin, wo er ab 1804 «Hofhistoriograph des Hauses Brandenburg» war. Nach seiner öffentlichen Parteinahme 1806 für
Napoleon musste er Berlin verlassen. Das war 20 Jahre nach dem Tod Friedrichs des Grossen und wenige Monate vor dem Einzug des Franzosenkaisers. Diese Parteinahme schadete ihm mehr als alle seine Freundeslieben. Für viele Leute wurde er dadurch zum Verräter und man begann, seine wohlbekannten privaten «Eigenheiten» als moralisch verwerfliche Lebensform zu taxieren und hervorzustreichen.
Minister in Kassel
Wenige Monate später wurde von Müller auf Veranlassung Napoleons als «directeur de l'instruction publique» Minister in Kassel, der Hauptstadt des neuen
Königreichs Westfalen, dessen König ab Juli 1807 Napoleons Bruder, Jérôme, war. Die schwierigen Verhältnisse und zahllosen Intrigen des politischen Alltags am Hofe setzten Müller aber so sehr zu, dass er, menschlich und gesundheitlich gebrochen, bereits 1809 starb. Er stand im 58. Lebensjahr. Seine Schweizergeschichte war unvollendet (die fünf Bände reichten bis zu den Burgunderkriegen) und eine geplante Universalgeschichte blieb skizzierte Vision.
Trotzdem galt Müller bis zu seinem Tod als grösster Historiker Europas. Zu seiner Zeit war er wohl der bekannteste Schweizer. Er führte einen geradezu gigantischen Briefwechsel. Im Nachlass fanden sich um die 30'000 Briefe. So verkehrte er u.a. mit Alexander von Humboldt, Kronprinz Ludwig von Bayern, Voltaire, Herder, Fichte, Madame de Staël, Goethe, Wieland, Jean Paul, Erzherzog Johann von Österreich und sehr vielen anderen Gelehrten, Humanisten, Künstlern, Adeligen und Politikern, von denen er viele persönlich kannte.
Auch für Heinrich Hössli war Müller kein Unbekannter. In Hösslis Nachlass fanden sich handschriftliche Notizen über die «herrschende Irridee der Männerliebe gegenüber, deren Fluch auch am Leben eines Johannes von Müller nagte».
Andreas Bellois, der Diener
Er hatte nie geheiratet und seit seinem 30. Lebensjahr mit seinem Diener Andreas Bellois aus Celle zusammen gelebt, einem gleichaltrigen Mann, der für Müller kochte, putzte, wusch, Einkäufe machte, Botengänge unternahm, ihn tröstete, in Krankheit und Schwäche pflegte, gegen böse Gerüchte verteidigte und ihn vor Einflüsterungen warnte – kurz, er war nicht nur sein Diener, sondern der vielleicht einzige, treueste Freund, den Müller je besass.
Diese eheähnliche Beziehung war im Sinne der Zeit wohl auch erotisch, indem «Leute von Stand» sich mit Dienenden einlassen konnten, wie «Das Recht auf die erste Nacht» beweist. Denn durch seine Berühmtheit und den freundschaftlichen Umgang mit «Hochgestellten Personen» galt der bürgerliche Müller als diesen Kreisen angeglichen.
«Die Geschichte der vormodernen Männerliebe und diejenige Müllers, das muss betont werden, ist im Endeffekt doch hauptsächlich eine Angelegenheit städtischer und höfischer Nischen für die Eliten der Ständegesellschaft. Daher kann gesagt werden, dass sich Müller mit wachsendem sozialen Rang der Gefahr entwand, als Sodomiter am Pranger, im Kerker oder am Strang zu enden, […] da die Richter im Falle hochgestellter Päderasten und anderer Wüstlinge oft connaisseurhaft ein Auge zudrückten […].
[4]
Carl Viktor von Bonstetten, eine «heroische Freundschaft»
Eine unglücklich-glückliche Konstante in Müllers Leben, die Freundschaft mit dem sieben Jahre älteren Bonstetten, begann 1773 und dauerte bis gegen das Lebensende.
Carl Viktor von Bonstetten (1745–1832), Berner Patrizier und Gelehrter, war wie Müller von den Ideen der Aufklärung geprägt und veröffentlichte mit diesem zusammen 1782 das Buch «Briefe über ein schweizerisches Hirtenland». Es blieb das einzige in Co-Autorschaft erstellte Werk. Nur den Winter 1784/85 verbrachten die beiden Freunde gemeinsam auf Bonstettens Landsitz in Valeyres (VD), sonst lebten sie immer weit voneinander entfernt. Die Liebschaften Bonstettens galten Frauen. Durch ihre Briefe aber blieben sie einander über Jahrzehnte hinweg in einer Art egalitärer Freundesliebe oder «heroischer Freundschaft» verbunden.
1798 und 1802 wurden die Briefe an Bonstetten ohne Wissen Müllers veröffentlicht. Sie belegen diese besondere Freundschaft mit auch für den heutigen Leser berührenden Worten. Einige Beispiele:
Schaffhausen, 14. Mai 1773
«Es ist immer um gute Bekanntschaften eine nützliche Sache, man nennt auch sehr oft diejenigen Freunde, deren Bekanntschaft uns schätzbar ist. Wenn aber die Seelen sich vereinigen, […] wenn ich meinem Freund ins Mark seiner Seele sehe, nicht den Edelgeborenen, nicht den Gelehrten, sondern den guten und den weisen Menschen aus innerstem Grund meines Herzens liebe, und unserem Jahrhundert zum Vorwurf und zur Lehre, zum Ruhm der menschlichen Natur und unserer Nation von nun an durch alle Jahre meines Lebens liebe – dann, edler Bonstetten! verdient diese Vereinigung den eigentlichen heiligen Namen der Freundschaft, und wir erheben uns zur Grösse der vortrefflichsten Menschen.»
26. Mai 1773
«Einiges in Ihrem Briefe kann allenfalls ein anderer auch schreiben, vieles aber konnte niemand schreiben als mein Bonstetten. Wär ich bei Ihnen, so könnte ich in einer einzigen Umarmung von unserer Freundschaft Ihnen mehr sagen, als mein gerührtes Herz in zwanzig Briefen ausdrücken kann. […] Der Gott der Freundschaft schuf Sie für mich, vielleicht mich auch für Sie.»
Genthod bei Genf, 6. Februar 1778
«Ich verzweifle, Dich je genugsam lieben zu können; ich bin Dir das Leben schuldig, vorher besass ich nur das Dasein; und nun erfüllst Du mein Herz, welches mich sonst in Torheiten leiten würde.»
Boissière bei Genf, 11. Mai 1779
«Es ist kein Tag im Leben, da ich meines Freundes nicht bedürfte, keine kleine Handlung noch Freude, noch Traurigkeit, von deren ich ihn nicht gern teilhaftig machte, und ich nicht gern von ihm wissen und mit ihm teilen möchte. […] Vergiss nie, dass kein Glied deines Körpers, noch keine Kraft deiner Seele mehr Dein eigen ist, als ich Dein bin. Stündlich fühle ich die Unvollkommenheit alles gegenwärtigen und Unsicherheit alles künftigen Wohls ohne Deine Freundschaft.»
Kassel, 16. Juni 1781
«Adieu, Geliebtester, ich küsse Dich zärtlich. Komm zu mir; ich lebe meine Tage fern von aller Traurigkeit und allem Verdrusse ruhig dahin.»
Friedrich von Hartenberg und die ersten mann-männlichen Liebesbriefe
Ab 1795 begann die Briefaffäre mit dem in Wien wohnenden, damals 15-jährigen Schaffhauser Friedrich von Hartenberg. Dessen Mutter hatte Johannes von Müller gebeten, dem Jungen zu rechter Ausbildung und Einführung in gehobenere Gesellschaftskreise zu verhelfen. Müller willigte gerne ein, denn «Fritz» erschien ihm als intelligenter und schöner Bursche. Sieben Jahre dauerte diese Förderung, obwohl bald klar wurde, dass «Fritz» faul, eitel und nur an Äusserlichkeiten interessiert war. Im Juli 1802 begann Fritz von Hartenberg seine erpresserischen Briefe zu schreiben. Darin täuschte er einen Grafen Louis vor, der sich in ewiger Liebe mit Müller verbinden wolle. Er habe im Krieg seinen Liebhaber verloren und sehe nun in Müller den idealen Mann einer neuen Liebesbeziehung. Er habe, 36 Jahre alt, den jungen Fritz von Hartenberg adoptiert und werde bald ein sehr grosses Erbe antreten. Er bitte nun Müller um finanzielle Hilfe für den Jungen zur Überbrückung der momentanen Notlage bis zur Einsetzung in sein Erbe, worauf er alle Schuld reichlich tilgen werde.
Das tönte zwar wie in einem schlechten Roman, aber der sichtbar alternde Gelehrte ging blind darauf ein. In zehn Monaten schrieb er mehr als hundert Briefe an seinen geliebten «Grafen Louis», gab sein ganzes Geld an Hartenberg, machte Schulden – bis im Mai 1803 der Betrug aufflog. Diese Affäre und der anschliessende Prozess bereiteten Müllers Aufenthalt in Wien ein Ende. Seine Stellung als Gelehrter und sein Ansehen in der Gesellschaft blieb jedoch – vorläufig – unberührt. Das änderte sich erst drei Jahre später mit jener öffentlich ausgesprochenen Bewunderung für Napoleon.
Die «Hartenbergbriefe» sind Zeugnis für eine innere Situation von bewusst empfundener gleichgeschlechtlicher Liebe, die sich hier wohl erstmals in deutscher Sprache prägnant und gültig äusserte. Seine «Lage» liessen Müller eine Sprache erfinden, die bislang unerhört war, um gleichgeschlechtliche Liebe zwischen Männern auszudrücken, indem […] ganz selbstverständlich erotisch-sexuelles Begehren dazwischenformuliert und damit Ebenen vermischt wurden, welche in der Vormoderne noch strickt getrennt sein mussten […]. Hier ergiesst sich ein komplexer Charakter in denjenigen eines geliebten Andern, es sind echte Liebesbriefe […]. Vielleicht entwickelte Müller aufgrund seiner umfassenden Kenntnis der Geschichte, seiner Kenntnis von Textmassen, die er (wie nach ihm auch Heinrich Hössli) auf mann-männliche Episoden hin scannte, ein besonderes Bewusstsein für sein Begehren nach einem erotisch-sexuellen Verhältnis zu einem ihm gleichen Freund, das sich von den zeitgenössischen Kategorien des Päderasten, Sodomiten, Kinäden oder auch blossen Freundschaftsfreundes abhob.»
[5]
Aus den Hartenbergbriefen
Zitat aus einem der Hartenbergbriefe in heutiger Schreibweise (nach André Weibel, Anmerkungen zu Johannes von Müllers Männerliebe, Vortrag, 2004):
«Wien, den 5. August 1802
Ich träumte in der Morgenstunde, deren Träume erfüllt werden. Da lag er neben mir, der Geliebte, der Untrennbare; himmlische Ruhe in den zufriedenen Zügen; hingebeugt, in seine Betrachtung versenkt, seinen Atem trinkend, hütete ich mich ihn aufzurufen. Da dehnte er sich und seine Arme fanden den Freund. Da ging die Sonne auf, der Glanz seiner Augen. Er gab mir einen sanften Verweis über ein paar Stellen meines Briefes von gestern. Und ich behauptete fest ihren Sinn, machte mein Recht evident, wollte nicht mir Verzeihung erküssen. Er, wie gemeiniglich wenn er nicht mehr antworten mag, ergriff stillschweigend den Weg der Gewalt, seinen mächtigen Arm, der unterwirft; worauf dem Unterjochten allerdings nichts bleibt, als ihm seufzend in allem Recht zu geben; das wird immer so sein.»
Im Sonderheft «Die Schweiz» (Kreis, 9/1955) wurde unter dem Titel «Absturz» ein Abschnitt aus dem unten erwähnten Buch von Willy Stokar publiziert. Er beschreibt das Drama um Friedrich oder Fritz von Hartenberg und schliesst mit Auszügen aus einem weiteren Brief an den jungen Grafen:
«Wie ein Traum, kaum glaubbar ist es mir; wie! Endlich also doch? ihn sehen – haben – für immer – unverstellt – öffentlich – Ewiger! Wie tugendhaft muss ich sein, um das Glück zu verdienen! Schatten der Grossen und Edlen, bei den zärtlichen Tränen, womit ich als Mensch und als Geschichtsschreiber oft euer Andenken gefeiert, Schatten verewigter Liebender, freuet euch, einen Freund soll ich haben! […] Wer sie zurückrufen könnte, die verlorene Jugend, als lieblich und schön auch ich genannt wurde! Könnte ich nun alles Verschwundene, alles Vernachlässigte sammeln, das Geschenk meiner selbst kostbarer zu machen, […] dass Louis mich sein würdig finde.»
Detail aus dem Hartenbergbrief
Transskript: «Zweifle nicht, Louis, u. wäre, wie man wir schrieb, zu meinem Verderben ein Plan angelegt - gern will ich nicht mehr seyn, wenn du glaubst, mein Leben sey der Erhaltung nicht mehr werth. Längst einmal schrieb ich's dir; auch den Giftbecher nähm ich dankend aus deiner Hand. Dass ich für dich mein Leben gäbe, ist natürlich, weil es ohne dich mir nichts ist. (U. der Vater hasst den der für den Sohn sterben möchte!)»
Urteil und Schweigen der Nachwelt
Bereits Bonstetten grenzte sich in aller Öffentlichkeit ab und betonte seine Freundschaft zu von Müller als reine «ideale heroische Freundesliebe». Zusammen mit dessen Bruder Johann Georg wollte er ihn auf einen moralisch korrekten Weg zurückführen.
Nach 1807 begannen die «Deutschnationalen», die Gegner der napoleonischen Besatzung, das Bild des «Verräters» Müller zur Karikatur zu demontieren, indem sie sein «Liebesleben» hervorzerrten und mit negativer Bewertung blossstellten. Das verstärkte sich durch das ganze 19. Jahrhundert parallel zur medizinischen wie vor allem psychiatrischen Beurteilung dieser Liebe als Krankheit und Abnormität und dauerte bis weit ins 20. Jahrhundert hinein. Da der «Griechische Eros» in Müllers Werk unübersehbar ist, wurde es nur noch mit kritisch-negativen Bemerkungen oder Fussnoten zitiert und mit ebensolchen Kommentaren in Biographien und Geschichtsbüchern abgehandelt oder erwähnt. Eine mutige Ausnahme machte einzig Willy Stokar in seinem Buch «Das Rätsel der Freundschaft», welches 1937 bei Rudolf Geering in Basel erschienen ist.
Lange nach der Helvetischen Republik (1798–1815) mit u.a. der Einführung des Code Napoléon, als homosexuelles Verhalten längst wieder in fast allen Kantonen der Schweiz, auch in Schaffhausen, gesetzlich unter Strafe stand, wurde 1851 Johannes von Müller ein Denkmal errichtet. Es steht in der Fäsenstaubpromenade, hoch über Bahnlinie und Südwestteil der historischen Schaffhauser Altstadt. In den Gedenkreden und Nachrufen zur feierlichen Enthüllung verblieb aber eines, das Thema der «Griechischen Liebe», sorgsam verschämt verhüllt.
Ernst Ostertag, Januar 2005









