Karl Heinrich Ulrichs
Vorkämpfer und Opfer
1825–1895
In seinem Plädoyer von 1929 «Homosexualität und Gesetzgeber», das er zuhanden der
Eidgenössischen Räte verfasst hatte, schrieb der Zürcherische Strafrechtsprofessor Ernst Hafter:
«Schon in den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts hat der Deutsche K.H. Ulrichs, selbst ein Homosexueller, zunächst unter dem Pseudonym Numa Numantius, eine Reihe von Schriften über die gleichgeschlechtliche Liebe veröffentlicht […] und ihre staatliche Anerkennung gefordert. Immer wieder haben seitdem die beteiligten Kreise geltend gemacht, da es sich um einen natürlichen Trieb handle, müsse seine Betätigung als unanstössig gelten.»>
Wer war der deutsche Jurist Ulrichs?
Karl Heinrich Ulrichs lebte zuerst in Hannover, dann in Berlin, um schliesslich nach Italien ins Exil zu gehen und dort verarmt zu sterben. Er ist der grosse deutsche Pionier.
Er kam zu denselben Einsichten, entwickelte fast dieselben Thesen wie Heinrich Hössli und begann im Todesjahr von Hössli, 1864, sie zu veröffentlichen, anfänglich unter dem Pseudonym dem Numa Numantius. Bis 1879 gab er insgesamt zwölf Schriften heraus unter dem Sammeltitel «Forschungen über das Räthsel der mann-männlichen Liebe».
«Ein hochbegabter junger Mann, liebenswürdig, geistreich, gescheit, grundehrlich, mit glänzenden Karriere-Aussichten, wird plötzlich gewahr, dass er homosexuell ist. […] Er erforscht sich selbst, sieht sich um im Deutschland des 19. Jahrhunderts und entdeckt, wie Millionen völlig unschuldiger Männer verlacht, geächtet, wirtschaftlich ruiniert, eingekerkert, in Not, Elend und Selbstmord getrieben werden, weil sie homosexuell sind. Völlig sinnlos! – Er beschliesst, mit den Waffen des Geistes gegen das himmelschreiende Unrecht sich zu wehren, und es beginnt die tragische Geschichte eines Gelehrten, der im Kampf um das Daseinsrecht der Homosexuellen sein Leben ruiniert hat.»
So begann Jürg Amstein seinen Aufsatz über Karl Heinrich Ulrichs, den er für die Zeitschrift hey, 1983 schrieb.
[1] Und er fuhr fort:
«[…] Ulrichs war ein Mann von universeller Gelehrsamkeit. Nicht nur in seinen Hauptfächern, der Jurisprudenz und der Theologie, sondern auch in den Naturwissenschaften und der Philosophie war er völlig zu Hause. In Mathematik, Astronomie, Archäologie, in der Münzen- und Schmetterlingskunde leistete er Hervorragendes. Das klassische Latein beherrschte er in so vollendeter Weise, dass zeitgenössische Kenner in ihm den vorzüglichsten Meister dieser Sprache erblickten.»
Die Urningsschriften und der Begriff Urning
Schon in den ersten drei Schriften, die alle 1864 erschienen, vertrat Ulrichs seine Hauptthese: Homosexualität ist angeboren. Für den geborenen Urning seien gleichgeschlechtliche Liebesakte keineswegs widernatürlich, sondern dem angeborenen Trieb entsprechend naturgemäss. Später erkannte er zudem (in Formatrix, 1865), dass es zwischen den beiden Polen des 100-prozentig männlichen Mannes («Vollmann») und 100-prozentig femininen Urnings («Vollweib») die verschiedensten Mischungen und Grade gibt. Damit hatte er bereits vorweggenommen, was Alfred Kinsey 1948 in seinem berühmten Report beschrieb und grafisch darstellte.
Auf die Bezeichnung «Urning» (der Begriff Homosexualität wurde erst 1869 geprägt) kam Ulrichs durch seine Kenntnis des Altertums, wo man zwischen Venus Pandemos – für die Liebe zwischen Mann und Frau zuständig – und Venus Urania – Göttin der Liebe von Mann zu Mann – unterschied. Diese zweite Form der Venus war die Tochter des Titanenvaters Uranos, dessen abgeschnittene Genitalien ins Meer fielen, sich dort zu Schaum verwandelten, woraus Venus als «Schaumgeborene» entstand. In Prometheus (1870) schrieb Ulrichs dazu: Sie «ist die mutterlose Tochter des Uranos, welche wir auch Urania nennen […] sie hat nicht Teil an weiblich, sondern an männlich allein. Darum ist Uranias’ Eros die Liebe zu Jünglingen. Wer von diesem Gott berauscht ist, wird hingezogen zu dem, was männlich ist […].»
Ulrichs war sich des vollen Erfolges seiner bahnbrechenden Thesen so sicher, dass er bereits in der ersten Schrift den raschen Durchbruch prophezeite: «Den beiden vorherigen Jahrhunderten war es gegeben, die Verfolgung von Ketzerei und Hexerei abzuschaffen. Unserem Jahrhundert, ja hoffentlich unserem Jahrzehnt, wird es vorbehalten sein, die Verfolgung der mann-männlichen Liebe abzuschaffen.»
Der wohl rein intellektuelle Mann hatte die tiefe Verwurzelung traditioneller Denkweisen und Verhaltensformen übersehen, besonders, wenn es um Werte der Ethik, der Moral und ihrer Tabus geht. Hätte er vom Schicksal Heinrich Hösslis gewusst, es müsste ihn gebremst haben. Er war ein Aufklärer und Menschenfreund wie Hössli und entsprach zudem mit seinen Gaben und seiner Schulung genau jenem Mann, den der Putzmacher aus Glarus vergeblich gesucht hatte, damit sie beide zusammen den «Eros der Griechen» richtig gestalten, in Form setzen und zum durchschlagenden Erfolg bringen könnten.
Die Rede vor dem deutschen Juristentag, 29. August 1867
1867 trat Ulrichs als erster Mensch überhaupt vor seine Fachkollegen und forderte während des deutschen Juristentages öffentlich die gesetzliche Abschaffung der Kriminalisierung homosexueller Handlungen. Als er wenig später von Hössli hörte und dessen «Eros» las, erkannte er sofort den mutigen Vorläufer. In Wort und Tat war er jedoch wesentlich radikaler als Hössli: Er regte an, einen «Urningsbund» zu gründen – und auf dem Juristentag in München hat er sich selbst als Urning bekannt – oder geoutet, wie man heute sagen würde. Aus dieser Rede:
«[…] Es handelt sich, meine Herren, um eine auch in Deutschland nach Tausenden zählende Menschenklasse,[…] welcher viele der grössten und edelsten Geister unserer sowie fremder Nationen angehört haben, […] welche Menschenklasse aus keinem anderen Grunde einer strafrechtlichen Verfolgung, einer unverdienten, ausgesetzt ist, als weil die rätselhaft waltende schaffende Natur ihr eine Geschlechtsnatur eingepflanzt hat, welche der allgemeinen gewöhnlichen entgegengesetzt ist. […] Wir wollen nicht länger verfolgt sein! Wir wollen uns nicht mehr verfolgen lassen! […]»
Ulrichs kam nicht über die Anfangspassagen hinaus. Er wurde unterbrochen, niedergeschrieen und musste den Saal verlassen.
Von nun an schrieb Ulrichs unter seinem vollen Namen und veröffentlichte die ungekürzte Rede unter dem Titel Für die Freiheit diese Lanze! Seine Sprache war, mit Hössli verglichen, offensiv und seine Forderungen kompromisslos. So auch in den der Rede beigefügten Abschnitten:
«Obgleich schliesslich gewaltsam unterdrückt, war mein Protest dennoch ein gegen das System zum ersten Mal geführter Stoss. Dieser Stoss hat eine Bresche gebrochen: und diese Bresche soll und muss diesseits benutzt werden um nachzudringen.»
Hier fügte er eine interessante Anmerkung hinzu:
Ein Schweizer, Dr. med., schreibt mir, Bern, 12. Oktober 1867:
«Dass Ihr Thema in München keinen Anklang fand, liess sich voraussehen. Die Hauptsache ist indes, dass das Thema einmal öffentlich zur Sprache gekommen und dadurch der ganzen Sache ein Anstoss gegeben ist.»
Und später:
«Sie dürfen sich trösten mit Berryer in Paris. Lasen Sie seine feurige Rede vom 14. Februar im ‹corps législatif› über die abhängige Stellung der französischen Richter? Auch diese glänzende Rede ward ja von der Majorität erstickt. Der Hieb freilich ist geführt, und solch ein Hieb kann nicht ohne Wirkung bleiben.»
Ulrichs und Hössli
In seiner sechsten Schrift, Gladius furens,
[2] – sie enthält die Rede von 1867 in München – schrieb Ulrichs:
«Trotz alledem wollten schwache Sekunden mich beschleichen und eine üble Stimme raunte mir ins Ohr: Noch ist es Zeit zu schweigen […] du brauchst nur zu verzichten. […] Dann aber war mir's, als ob eine andere Stimme ihr Flüstern begänne. Das war die Mahnung, mit der vor 30 Jahren mein Vorgänger im Kampfe,
Heinrich Hössli in Glarus, sich selber gemahnt hatte, nicht zu schweigen. […] Ich aber wollte Hösslis würdig sein. Auch ich wollte nicht unter die Hand des Totengräbers kommen, ohne zuvor freimütig Zeugnis abgelegt zu haben für das unterdrückte Recht angeborener Natur, […].»
In der siebten Schrift, Memnon
[3] schilderte Ulrichs, wie er von der Existenz Hösslis erfuhr:
«Am 28. Feb. 1866 erhielt ich, von Freundeshand aus der Schweiz mir zugesandt, Heinrich Hössli's Eros; über die Männerliebe; 1836 u. 1838. Das Schicksal hat es nicht gewollt, dass Hössli und ich einander noch die Hände reichten, die wir beide, von einander unabhängig, den gleichen Kampf begannen, die gleiche Herausforderung auf dem Kampfplatz dem Jahrhundert zugerufen haben. Er ist nicht mehr. Doch die Sache, die er im Tode aufgeben musste: schon haben ja meine schwachen Kräfte sie aufgenommen, und andere scharen sich mit mir um die erhobene Fahne. Schon stehen wir mitten im Kampfe. Wohlan, ihr Brüder, vorwärts! […] Das Buch ist nur noch antiquarisch hie und da in der Schweiz zu haben. In Bern haben wir für unsere gemeinsame Bibliothek die letzten 8 dort vorhandenen Exemplare aufgekauft.»
Offenbar hatte Ulrichs Kontakte zu mehreren Persönlichkeiten in der Schweiz. Darunter auch zu
Jacob Rudolf Forster, für dessen Freilassung aus dem Gefängnis er sich 1881 in einem wohlbegründeten Schreiben an den Landammann und Regierungsrat des Kantons St.Gallen einsetzte. Dies bereits aus dem Exil; der Poststempel ist von Neapel.
Denn beide, Hössli wie Ulrichs, sind nach Erscheinen ihrer mutigen Schriften von den Mächtigen im Staat wie von der Mehrheit im Volk geächtet, verfolgt und in den wirtschaftlichen Ruin getrieben worden. Ulrichs lebte schliesslich im Abruzzen-Städtchen L'Aquila am Fuss des Gran Sasso. Auf seinem Grabstein steht: «Exul et pauper» (Verbannt und verarmt).
Exil in Italien, die letzten Lebensjahre
Aus dem oben zitierten Artikel von Jürg Amstein: «Als er immer deutlicher sah, wie wenig Widerhall seine Flugschriften und Broschüren fanden und wie geringe Unterstützung und Förderung ihm von seinen Schicksalsgenossen zuteil wurde, gab Ulrichs das Rennen auf, ergriff den Wanderstab und ging (grösstenteils zu Fuss) über die Alpen nach Italien; dorthin, wo so viele deutsche Homosexuelle vor ihm Zuflucht und Ruhestätte gefunden hatten. 1880 traf er in Neapel ein, verweilte dort über zwei Jahre, fand dann in der frischeren Höhenluft der Abruzzen in L'Aquila eine neue Heimat. 12 Jahre lebte er noch dort […]. Mit der Homosexuellenfrage beschäftigte er sich kaum noch, widmete vielmehr beinahe seine ganze Zeit der Herausgabe einer kleinen lateinischen Zeitschrift Alaudae (Lerchen), deren klassische Gelehrsamkeit und Diktion ihm im Alter noch manchen Freund und Gönner verschaffte. […] Der berühmte Sexualforscher Magnus Hirschfeld ist 1909 in Italien den Spuren Ulrichs nachgegangen.»
Nun zitierte er – leicht verändert – den ganzen Bericht Hirschfelds über seine Erlebnisse in L'Aquila und beim alten Marchese Dottore Niccolo Persichetti, welcher in freundschaftlicher Verbindung zum «professore tedesco», Karl Heinrich Ulrichs, gestanden hatte und Hirschfeld viele Details aus dessen letzten zwölf Lebensjahren erzählte. Dabei sei er immer wieder in die Worte ausgebrochen: «Oh, c'était un homme extraordinaire, très respectable, admirable, mais trop modeste.»
[4]
Ein wichtiger Abschnitt, jenen zur Hinterlassenschaft Ulrichs, liess Jürg Amstein aus. Das sei hier nachgeholt, doch zunächst nochmals Amstein: «Als er am fünften Tage im Spital lag, brachte Persichetti ihm ein Diplom, das ihm die Universität Neapel in Anerkennung seiner lateinischen Zeitschrift ‹Alaudae› geschickt hatte. Er war aber schon zu krank, um es selbst lesen zu können. Er lächelte nur zufrieden und starb bald darauf in den Armen Persichettis, der ihn neben seiner Familiengruft beisetzen liess.» Hirschfeld: «Persichetti hat das Diplom noch jetzt in Verwahrung. Er besitzt auch sämtliche lateinischen Veröffentlichungen Ulrichs', sowie seine Urningsschriften in der Originalausgabe; auch ein Bild aus seinen letzten Jahren zeigte er mir, eine sehr kleine Photographie, die wir mit der Lupe besahen, ein alter graubärtiger Mann mit schwarzem Käppchen im Kreise der Familie Persichetti.»
Nochmals Amstein: Hirschfeld fügt noch bei: «Als ich mich am Nachmittag dieses Tages auf dem etwa eine halbe Stunde von L'Aquila malerisch in den Abruzzen gelegenen Campo Santo nach der Grabstätte von Carlo Arrigo Ulrichs erkundigte, sagte mir der alte Friedhofwärter, ich sei in den vierzehn Jahren nach seiner Bestattung der erste, der nach dem fremden Mann frage.»
Das hat sich allerdings geändert. «Seit 1988 findet jedes Jahr auf Initiative von
Luciano Massimo Consoli (Rom) eine Feier an Ulrichs’ Grab statt. […] Es ist in den letzten Jahren zu einer wahren Pilgerstätte geworden». So berichte Wolfram Setz in einem (Ge)Denkblatt
[5] zum 175. Geburtstag von Karl Heinrich Ulrichs.
Kontakte zwischen Luciano Massimo Consoli und dem Club Lugano: siehe auch
Club Lugano.
Der Pionier
Im Vorwort zur Neuausgabe der Schriften Ulrichs, herausgegeben durch das WhK 1898, schrieb Hirschfeld auf Seite 13: «Wenn einst die Nachwelt die Urningsverfolgungen in jenes traurige Kapitel eingereiht haben wird, in welchem die übrigen Verfolgungen andersgläubiger und andersgearteter Mitmenschen verzeichnet sind, – und dass das kommen wird, ist über jeden Zweifel erhaben – dann wird der Name Karl Heinrich Ulrichs unvergessen dastehen als einer der ersten und edelsten, die in diesem Felde der Wahrheit und Nächstenliebe zu ihrem Recht zu verhelfen, mit Mut und Kraft bemüht gewesen sind.»
Von Heinrich Hössli und Karl Heinrich Ulrichs spricht man heute als Pionieren und Helden im Kampf um die freie Entwicklung und Bestimmung des Menschen nach seiner Natur und gegen widernatürliche Unterdrückung. Beide gelten als Urväter dieses Kampfes.
Ulrichs war überdies der wohl erste konsequent und selbstbewusst als Uranier lebende Mensch, zumindest im deutschen Sprachraum. Seine Tätigkeiten wiesen weit in die Zukunft hinaus. Dem trug Volkmar Sigusch Rechnung mit dem Titel seines Buches: Karl Heinrich Ulrichs, Der erste Schwule der Weltgeschichte.
[6] Darin schrieb er:
«Viel von dem, was eine ‹Bewegung› ausmacht, nahm Ulrichs als Einzelkämpfer voraus: öffentliche Widerreden, Demonstrationen und Anklagen; Streitschriften und Eingaben an die Gesetzgeber und ihre Kommissionen; Vernetzung der ‹Genossen›; Einrichten eines Archivs des Pro und Kontra und damit der Individual-, Sozial- und Kriminalgeschichte bis dahin Geschichtsloser; Auflisten berühmter Männer der Vergangenheit, die Männer geliebt haben sollen; Androhen, namhafte Urninge […] als solche zu entlarven, heute Outing genannt; […] Konzeption eines ‹Urningsbundes›; Einrichten einer Unterstützungskasse für in Not geratene Gleichgesinnte; Gründung einer ersten Zeitschrift für sie; […] öffentliches Sichbekennen, heute Coming out genannt […]»
Ebenfalls bis heute aktuell und verbindlich ist seine Solidarität für Mitunterdrückte. Aus Prometheus Seite 9:
«Die Vergewaltigten und Geschmähten kennen kein Recht der Vergewaltigung durch nackte Gewalt, noch ein Recht auf Schmähung. Darum ist unsere Stellung überall auf Seite der Vergewaltigten und Geschmähten: mögen sie heissen Pole, Hannoveraner, Jude, Katholik.»
Ernst Ostertag, September 2006


