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Einführung

Langsames Überwinden des scholastisch geprägten Welt- und Menschenbildes

Die Natur- und Humanwissenschaften haben in einem schon im Altertum begonnenen Prozess - reaktiviert und beschleunigt seit Kopernikus und Galilei - die Einsicht gefördert, dass fixe Systeme, etwa zentriert auf den Menschen als "Krone der Schöpfung" und "Untertan oder Kind Gottes" oder gedacht als Erd-Scheibe und Mittelpunkt des gestirnten Himmels, nicht naturgemäss sind. Dies, weil sie als "ewig gefestigte" Vorstellungen den Gedanken der stetigen Veränderung im Naturgeschehen nicht zulassen und die Erforschung der gesamten Umwelt und des menschlichen Seins massiv behindern. Noch immer stehen wir in diesem Prozess.

Das dokumentiert auch die Schwulengeschichte der Schweiz. Denn diese ganze Geschichte dreht sich um das Postulat einer ethisch definierten Ordnung und deren Anspruch auf eine zu lebende Norm. Homosexuelle Menschen, die völlig natürlich ihre Sexualität leben wie heterosexuell Veranlagte es auch tun, stellen offenbar eine "gottgewollte" Norm in Frage. Denn diese Norm zwingt dazu, so veranlagte Menschen auf ihre Sexualität zu reduzieren. Dies aber widerspricht der Natur jedes Menschen, sich als ganzheitliches Wesen wahrzunehmen. Die Spannung aus unerfüllbarem Anspruch und gelebter Natur brachte die Emanzipationsbewegung jener Menschen hervor, die sich Schwule und Lesben nennen, weil in diesen Namen das Wort sexuell nicht vorkommt.

In der Tradition des freien Geistes der Französischen Revolution standen Vorläufer, Wegbereiter und einige Pioniere der Schwulenbewegung. Alle wurden tragische Opfer ihrer Zeit.

Ernst Ostertag, Januar 2005