- Index
- Inhaltsverzeichnis
- 1. Es geht um Liebe
- 2. Erkenntnis - Selbstbestimmung
- Inhalt
- Zeitschrift «Menschenrecht»
- 4. Der KREIS
- 8. Hin zur Gleichstellung
- Inhaltsverzeichnis
Die Schweiz wird zur Insel – auch für Homosexuelle
Es geht um Liebe
1933–1945
Überblick
- 28. Oktober 1922
- Mussolini übernimmt die Macht in Italien, das Land wird faschistisch
- 30. Januar 1933
- Hitler übernimmt die Macht in Deutschland, das Land wird nationalsozialistisch
- 13. März 1938
- Österreich wird durch «Anschluss» an das Reich Hitlers nationalsozialistisch
- 3. Juli 1938
- Annahme des StGB in der Schweiz durch Volksabstimmung: Bezüglich Homosexualität fortschrittlichstes Gesetz im deutschsprachigen Europa
- 1. September 1939
- Deutschland überfällt Polen, Ausbruch des 2. Weltkriegs
- 22. Juni 1940
- «Vichy-Frankreich» wird Satellitenstaat der nationalsozialistisch-faschistischen Mächte. Die Schweiz als freie Demokratie wird zur Insel.
- 25. Juli 1940
- Rütli-Rapport, General Guisan lanciert das Réduit Schweiz.
- 1. Januar 1942
- Das StGB tritt in Kraft, die Schweiz wird auch diesbezüglich zur Insel
- 2. November 1942
- Erste grosse Niederlage der deutschen Kriegsmaschinerie bei El Alamein
- 19. November 1942
- Die Rote Armee eröffnet die Schlacht um Stalingrad, die Niederlage der Deutschen Armee ist die Kriegswende im Osten
- 6. Juni 1944
- Landung der Alliierten in der Normandie
- 16. Dezember 1944
- Hitler versucht mit der Ardennenoffensive den Vormarsch der Alliierten zu stoppen und scheitert
- 4. Mai 1945
- Bedingungslose Kapitulation des nationalsozialistischen Deutschen Reiches
Wille zum Widerstand und zum Überleben als freie Nation
Geboren im Januar 1930 war ich damals zwar ein sehr junger, aber aufmerksamer Beobachter und Zeitzeuge. Denn ein Kind, das Angst bei seinen Eltern ortet, fühlt sich lebensbedroht und will wissen, warum diese Situation entstanden ist, woher sie kommt und welcher Bösewicht dafür die Verantwortung trägt. Solche Umstände prägen sich unauslöschlich ein; sie haben eine ganze Jugendzeit bestimmt, jeden Tag, und nachts bis in die Träume hinein.
Im Frühjahr 1940 jagten sich die scheinbar unaufhaltsamen Erfolge der Diktaturen: Am 12. März musste das tapfere Finnland den «Frieden von Moskau» unterzeichnen und grosse Gebiete an den Aggressor, Stalins Sowjetunion, abtreten. Am 9. April wurden Dänemark und Norwegen von Hitler-Deutschland angegriffen und bis zum 10. Juni bezwungen. Am Freitag, 10. Mai wurde die «Westfront» eröffnet, die neutralen Staaten Niederlande und Belgien in einem «Blitzkrieg» überrollt und bis zum 28. Mai vollständig besetzt. Danach begann die Schlacht um Frankreich. Am 10. Juni eröffnete Mussolini-Italien eine zweite Front an der Mittelmeerküste und bereits am 22. Juni war Frankreich besiegt und aufgeteilt.
Die Schweiz reagierte mit der zweiten Generalmobilmachung am 11. Mai und sah sich Ende Juni als totale Insel mitten im Kriegsgebiet, umringt von aggressiven Diktaturen. Die Achsenmächte konnten jederzeit die Zufuhr unterbinden. Ohne Einfuhr von amerikanischem Getreide, ohne Kohle und Stahl usw. wären die Konsequenzen Hunger, Arbeitslosigkeit und Elend gewesen. Diese traumatische Situation prägte die gefährlichste Zeit der neueren Geschichte unseres Landes.
Die schweizerischen «Fröntler» und anderen Anhänger eines «friedlichen Anschlusses» waren – Hitler zählte auf fast alle der rund 100'000 Reichsdeutschen in der Schweiz – gut organisiert. Aber der Geist des trotzigen Widerstandes und der Wille zur energischen Gegenwehr war in breitesten Volkskreisen klar vorhanden, auch bei Soldaten wie Offizieren der Armee und Politikern aller Parteien. Es brauchte jedoch ein deutliches Zeichen von oben: vom Bundesrat und vom
General. Die Zeit verlangte starke und über die äusserst schwierige Lage hinaussehende Führungspersönlichkeiten.
Mit seiner illusionslosen Rede vom 25. Juni zeichnete der Bundespräsident und neue Aussenminister
Marcel Pilet-Golaz (FDP, VD) ein kluges Bild der Lage und der nächsten Zukunft. Die politische Führung hatte die Fakten zu analysieren: Ein neues, aus den Fugen geratenes Europa, «monde disloqué», war entstanden und wuchs weiter. Solange der Krieg andauerte blieb dieses Europa ein bedrohlicher Zustand, den es zu überleben galt. Mit hartem und lange andauerndem Einsatz, nicht für sich, sondern für alle. Ein Gebot für jedermann wie auch für die Regierung als «guide sûr et dévoué»: Mit sicherem Tritt und der Sache – dem Überleben als Nation – ergeben vorauszuschauen und voranzugehen und in diesem Sinne Entscheidungen – «prises d'autorité» – zu treffen. Seine Rede vermied alles, was die momentanen Siegermächte und triumphierenden Herren der Gesamtsituation hätte missfallen und zum Zuziehen der Schlinge um unseren Hals bewegen können. Sie war klug. Und die Mehrzahl des Volkes verstand sie auch so und schöpfte daraus Hoffnung und Mut. Es ging auch in den folgenden sehr schwierigen Monaten um Zugeständnisse in vordergründig wichtigen Dingen, um dafür im Kern, der bewaffneten Neutralität, absolut festbleiben – und damit überleben zu können.
Den anderen, ebenso wichtigen Akzent setzte General Guisan einen Monat später am 25. Juli mit seinem
«Rütli-Rapport». Für die grosse Mehrheit der Schweizer wurde dadurch dem unbeugsamen Willen zum Widerstand ein klares, der beklemmenden Situation entsprechendes Ziel gegeben und im psychologisch richtigen Augenblick neu Stellung bezogen. Das wirkte trotz Preisgabe der Bevölkerungszentren nachvollziehbar: Rückzug in ein
Réduit, eine Alpenfestung, die für jeden Aggressor ein Risiko darstellte und ihm für lange Zeit zerstörte Transitwege durch das Gebirge bescherte. Höchstmögliche Abschreckung, das war sowohl bei der Insel-Situation wie nach den Erfahrungen der Überfall- und Blitzkriegtaktik Hitler-Deutschlands die einzig mögliche realistische Antwort mit Aussicht auf ein Überleben als freie Gemeinschaft.
In den folgenden Monaten und Jahren wurde die Réduit-Strategie im Bewusstsein der Bevölkerung zum konkret verwirklichten Symbol. Allerdings, jedes Symbol muss später, wenn es seinen Dienst erfüllt hat, relativiert und entlassen werden. Wer es nicht tut, macht sich zu dessen Sklaven. Leider wirkte und wirkt «unser Réduit» in den Köpfen vieler noch lange, zu lange weiter.
Ernst Ostertag, August 2004
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