Das Cabaret Cornichon – essigsaure Wahrheiten über das Zeitgeschehen

Insel Schweiz und «Geistige Landesverteidigung»

1934–1951

Die Gründung

Plakat: Die Gurke des Cabarett Cornichon
Die Gurke des Cabarets Cornichon

«Im Kern schweizerisch, volkstümlich, politisch, allen guten Geistern der Freiheit und Menschlichkeit verschrieben sollten die Programme sein, das stand fest,» schrieb Walter Lesch 1933, als die ersten Gespräche zur Gründung eines Cabarets aufgenommen wurden. Mit dabei waren auch Öffnet externen Link in neuem FensterEmil Hegetschweiler [1], Trudi Stössel und Mathilde Danegger. Ort dieser Geburtsstunde war Hegetschweilers, oder Hegis Konditorei im Helmhaus und Treffpunkt blieb sie über Jahre hinaus. Er hatte sie von seinem Vater übernommen und blieb darin weiter tätig, nebst seiner Volksschauspieler-Karriere. Was noch fehlte, war «nur» ein Geldgeber. So wurde der bereits für den Herbst reservierte «Hirschen» der «Pfeffermühle» überlassen. Rezept und Erfolg dieses Exil-Kabaretts beflügelte die Schweizer.

«Dann geschah das kleine, entscheidende Wunder», erinnert sich Öffnet externen Link in neuem FensterElsie Attenhofer [2] und fuhr weiter: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[1] [3] «Am 30. Dezember trafen sich Walter Lesch und Otto Weissert.» Weissert gewährte ein Startkapital von 3000 Franken und wurde zugleich organisatorischer Leiter. Es galt nun schnellstens das erste Programm auf die Beine zu stellen. Nur war man sich über den Namen des Cabarets noch immer nicht einig. […] Öffnet externen Link in neuem FensterAlois Carigiet [4][welcher inzwischen als Bühnenmaler dazugestossen war] bestellte in Hegis Tea-Room schliesslich ein Schinkenbrot. Es war garniert mit einem Essiggürkchen. Im Kreis der ermüdeten Tafelrunde scheint sich die grüne, scharfe Gurke wie eine Erleuchtung ausgewirkt zu haben. Cornichon – das war's! Man war sich einig.»

Alois Carigiet, der später berühmt gewordene Engadiner Maler war der Bruder des 1935 zum Cornichonteam hinzugekommenen komödiantischen Multitalents Öffnet externen Link in neuem FensterZarli Carigiet [5].

Die Premiere war am 1. Mai 1934. Dieser Anfang wurde jedoch rasch zum Misserfolg.

«Es musste schief gehen. […] Wir wollten zu viel und konnten noch zu wenig»,

schrieb Lesch später. In Eile machte man ein neues Programm. Das ging besser und an der von Öffnet externen Link in neuem FensterMargrit Rainer [6] (der später berühmten Volksschauspielerin) betreuten Kasse «begann es zu klingeln». Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[2] [3]

Am 1. September wurde nochmals neu gestartet. Zum Ensemble waren u.a. Elsie Attenhofer und Öffnet internen Link im aktuellen FensterKarl Meier [7], «Rolf», hinzugekommen. Am Klavier sass neben anderen bald auch Valeska Hirsch, die Pianistin der Öffnet internen Link im aktuellen Fenster«Pfeffermühle» [8] , und einige Jahre später ergänzte Öffnet internen Link im aktuellen FensterNico Kaufmann [9] das Team. Es begann die ungebrochene Erfolgsgeschichte bis 1951. Man spielte zunächst bis 1937 alternierend mit der «Pfeffermühle», nachher allein meist im «Hirschen», gelegentlich im Zürcher Corso Theater und von Anfang an auf Tournee in der halben Schweiz, in Basel z.B. im «Gambrinus», 1937 sogar an der Weltausstellung in Paris.

Das Konzept und seine Auswirkungen

Im Gegensatz zur «Pfeffermühle» – und diese damit ergänzend – wollte das «Cornichon« ein rein schweizerisches Cabaret sein. Mit wenigen Ausnahmen waren alle Texte in Mundart verfasst und gesprochen. Das Ensemble bestand fast ausschliesslich aus Schweizern. So konnten alle «Totalitäten», die ausländischen wie die eigenen, «gutbürgerlichen» oder «östlich angehauchten» in ihren Verlautbarungen, Zirkeln, Parteien oder im Verwaltungsapparat aufgezeigt und cornichonscharf kritisiert werden. Zugleich waren die angetönten alltäglichen Sorgen und Nöte, die echten und falschen Hoffnungen und Sehnsüchte, das Mitfühlen gegenüber Opfern von Politik und Krieg mit Texten in der Volkssprache sehr viel direkter auszusprechen. Man war am Puls der Menschen in dieser unsicheren Zeit, konnte mit Liedern und Klavier unterhalten, vieles augenzwinkernd-zweideutig spiegeln und damit schweizerischen Zuhörern den nur ihnen zugänglichen Ein- und Durchblick öffnen. Darsteller und Publikum verschmolzen zur verschworenen Einheit, jede und jeder bekam sein Fett weg und alle hatten Spass daran.

Nur die Totalitären nicht. Die besonders Aktiven der Nationalen Front agierten und rumorten in gleicher Weise wie gegen die «Pfeffermühle». Und die diplomatischen Vertretungen der Achsenmächte intervenierten bis Ende 1944 regelmässig in Bern und Zürich. Eingeweihte wussten, warum sie sich um die Premierekarten rissen. Programm-Nummern verschwanden unversehens oder «mussten umgeschrieben» werden – nachdem sie bereits gezündet hatten.

Es gab zu keiner Zeit einen offiziellen Zensurentscheid gegen das «Cornichon». Man sprach sich nach der Premiere und nach Protesten der Diplomatischen Vertretungen ab, wie weit man gehen wollte/durfte. Stadtpräsident Emil Klöti hielt seine schützende Hand auch über das «Cornichon» und vereinbarte 1939 mündlich eine Art Selbstzensur: «Es sei doch besser, in einer Kleinigkeit den braunen Machthabern nachzugeben und dafür in wesentlichen Dingen die Narrenfreiheit zu bewahren.» Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[3] [10] Der eben neu geschaffene Nachrichtendienst der Zürcher Kantonspolizei wurde nun zur «Überwachung und Berichterstattung» in den «Hirschen» beordert. «Von da an wusste man, dass sowohl die Herren der Kantonspolizei wie des Deutschen Generalkonsulates jeweils in der hintersten Reihe sassen und eifrig notierten.» Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[4] [3]

Ein Beispiel: Der nach Intervention des Generalkonsulats und in Vereinbarung mit dem Stadtpräsidenten abgesagte Sketch (Text von Max Werner Lenz) gehörte zum Programm «Aschpiraziönli» vom April 1939, nach Besetzung der Tschechoslowakei, und hatte den Titel «Grössenwahn». Es spielten das Duo Alfred Rasser als A. für Adolf Hitler und Karl Meier als B. für Benito Mussolini. «Darin wurden zwei geisteskranke Schweizer, A. und B., in einer Irrenanstalt geschildert. Obschon keine Namen genannt wurden, A. und B. sprachen urchiges Schweizerdeutsch, merkte das Publikum schon allein an der Gestik, dass es sich um Hitler und Mussolini handelte, und reagierte auf jede Anspielung mit Gelächter. Die Devise ‹C'est le ridicule qui tue› bewährte sich genau wie seinerzeit, als der Frontenfrühling sarkastisch aufs Korn genommen wurde. Nur war diesmal das Vergnügen von kurzer Dauer.» Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[5] [3]

Einblick in die damalige Lage nach Kriegsausbruch und Generalmobilmachung vom 1. September 1939 gibt ein Brief, den Karl Meier am 27. September an seinen Mitarbeiter im Menschenrecht, Öffnet internen Link im aktuellen Fenster [11]Charles Welti [11], schrieb, welcher «im Dienst an der Grenze» stand: «Das Theaterleben schien anfangs ins Stocken zu geraten, aber auf Anraten der Behörden sind die Betriebe doch überall weitergeführt worden – bis auf das Corso! – und die Besucherzahl scheint dem Wagnis recht zu geben. Auch wir vom Cornichon setzten uns heute Abend zur ersten Besprechung [des neuen Programms] zusammen und werden aller Voraussicht nach am 16. Oktober eröffnen! Wir glauben, es tun zu dürfen, denn es regnet von allen Seiten Anfragen, ob wir denn die Geistige Landesverteidigung ganz aufgegeben hätten!! Also wagen wir es.» Und in einem zweiten Brief an Charles Welti berichtete Karl Meier am 21. November: «Seit 23. Oktober spielen wir wieder im Hirschen ‹Landi 1964› [das neue Programm mit Blick auf die nächste Landesausstellung], der Besuch ist nach wie vor gut bis sehr gut. Weihnachten werden wir wahrscheinlich wieder im Corso starten. Hoffentlich sind Sie vorher zurück!»

Die Rückwanderer Lesch, Lenz und Meier und der Emigrant Weissert

Von 1931 bis 1933 aus Deutschland in die Schweiz zurückgekehrt und im «Cornichon» tätig waren nebst Karl Meier u.a. auch der eigentliche Initiant und Kenner der deutschen Kabarett-Kultur, Walter Lesch, sowie der Schauspieler, Regisseur und vor allem Textdichter Max Werner Lenz. Otto Heinrich Weissert hingegen war Emigrant aus Deutschland. Zu diesem schrieb Attenhofer: «Otto Weissert war ein grosser ‹Anreger› und oft waren die besten Pointen seinen Einfällen zu verdanken. […] ‹Im Nebenberuf Komponist›, sagte er bescheiden von sich selbst. Dabei gehören seine Chanson-Kompositionen zu den besten, die das Cornichon während all der Jahre zu bieten hatte.» Trotzdem (oder deswegen?) bereiteten ihm die Behörden vielfache Schwierigkeiten, die man heute – milde gesagt – nur als bewusst zermürbendes Schikanieren bezeichnen kann. Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[6] [3] Erst 1948 wurde Weisserts mutiges Wirken von den Behörden vorbehaltlos anerkannt und er selber rehabilitiert, indem er endlich die Einbürgerung erhielt.

Karl Meier

Elsie Attenhofer über Karl Meier, häufig Carlo Meier genannt:

«Bevor er Mitglied des ‹Cornichons› wurde (und zwar ein unentbehrliches Mitglied, als helfender und allwaltender guter Geist), sass er eines Abends im Publikum, und sein stimmungsförderndes Lachen verbreitete gute Laune vor und auf der Bühne. Am Schluss der Vorstellung sagte die freundliche Hirschenwirtin, ohne ihn zu kennen: ‹Chömet Sie doch öppe-n-emol! Sie lached eso schön!› »

«Mit Karl Meier war ein unermüdlicher Mitarbeiter für die kleine Bühne gewonnen worden. Er war – wie es im Bühnenjargon heisst – ‹rundum verwendbar›. Bei Karl Meier hiess das: man konnte ihm sowohl komische wie ernste Rollen anvertrauen, heitere wie nachdenkliche. Über seine Darstellung des ‹Kaftanjuden› in ‹Babylonische Gefangenschaft› (seinem eigenen Text, 1946) wurde in einer Zeitung geschrieben: ‹Karl Meier ist mit seiner eindringlichen Leistung von der tragenden Säule zum Eckstein des Ensembles geworden.› » Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[7] [3]

«Oft wurde Karl Meier auch als Autor zugezogen; das Cornichon verdankt ihm einige gute Texte. Immer aber half er hinter der Bühne, auch später, als Albert Knöbel die technische Leitung übernommen hatte. Meier und Knöbel haben als einzige fast sämtliche Cornichon-Programme – in 17 Jahren an die 5000 Vorstellungen – mitgemacht. Was die unverbrüchliche Treue dieser beiden Mitarbeiter für das Cornichon bedeutete, ist in Worten nicht auszudrücken.»

Albert Knöbel, Heterosexuell und nicht Abonnent des Kreis, machte viele Bühnenbilder für die während der grossen KREIS-Feste aufgeführten Theaterstücke und Sketches.

Nico Kaufmann

1944 trat mit Nico Kaufmann (1916–1996) ein neuer Komponist und Begleiter am Flügel zu den vielen anderen Musikern, die über kürzere oder längere Zeit im «Cornichon» mitwirkten. Er war ein Freund von Karl Meier und Abonnent des Kreis und betätigte sich auch im «Cabaret Federal», das von 1949–1953 bestand.

Der Pianist Öffnet internen Link im aktuellen FensterNico Kaufmann [9] und der KREIS.

Würdigung

Aus einem Programmheft der Nachkriegszeit:

«Es sei damals nötig gewesen, in ‹Geistiger Landesverteidigung› zu machen. So war es. Aber ist es heute weniger nötig?»

Ist dieses «heute» nicht immer heute?

Und die «Kleine Rede an den Nachwuchs» von Walter Lesch beginnt mit: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[8] [3]

«Zugegeben, meine Herren, wir hatten es leichter. Der Angriff von aussen, dem wir uns 1934 zu begegnen anschickten, war heftiger. Er war insofern auch gefährlicher, als die schwankenden Gestalten unter uns viel zahlreicher waren als heute. Furcht und Feigheit grassierten …»

Und sie endet im Heute:

«Wenn nämlich die Satire Format haben soll, muss es auch ihr Objekt haben. […] Richten Sie Ihre Kanonen […] auf ‹höhere› Ziele! Warum hört man so wenig von den fetten Legionen unserer lieben Neureichen? Und warum bleiben die Flegelei der wanzenkleinen Machthaber, der tierische Ernst der ‹Musterbürger› und die tödliche Krönung der Mittelmässigkeit tabu? – Allons enfants de la parodie!»

Öffnet internen Link im aktuellen FensterErnst Ostertag [12], September 2004