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Rosa Winkel und die Schwulenfarbe rosa

Insel Schweiz und «Geistige Landesverteidigung»

1933-1945

Die Nazis erfanden in ihren Konzentrationslagern einen Öffnet externen Link in neuem FensterCode zur Einteilung der Häftlinge in Kategorien. Dieser sollte die «Gründe» für ihre Inhaftierung deutlich sichtbar machen und hatte überdies stigmatisierend, entwürdigend und ausgrenzend zu wirken. Dadurch wurden die in diesem zynischen System ebenfalls bewusst geschaffenen lagerinternen Hierarchien unter den Häftlingen verschärft. Zusammen mit dem zusätzlich und willkürlich geförderten Denunziantentum erreichte die Lagerleitung eine meist funktionierende Selbstkontrolle durch sich gegenseitig diskriminierende und bespitzelnde Gefangene. Ein Beweis für die Nachhaltigkeit dieses Systems lieferten die Verbände ehemaliger KZ-Häftlinge selber, indem sie sich bis 40 und mehr Jahre nach dem Krieg weigerten, homosexuelle Mithäftlinge als solche anzuerkennen und sich gegen Erinnerungstafeln an diese Kategorie von Gefangenen mit Erfolg zur Wehr setzten.

Die Homosexuellen waren unterste, letzte Schicht. Wenig über ihnen standen die Zigeuner und die Juden, dann die Emigranten, Religiösen, Politischen und zu oberst, wie konnte es anders sein, die Kriminellen.

Auf seiner Kleidung gut sichtbar musste jeder Gefangene zumindest ein gleichseitiges Dreieck so anheften, dass die Spitze nach unten zeigte. Jeder war also klar gezeichnet, denn die Dreiecke, die offiziell Winkel genannt wurden, hatten ihre bestimmten Farben: rosa Winkel für die Homosexuellen, braune für Zigeuner, gelbe für Juden, blaue für Emigranten, violette für Religiöse, rote für Politische und grüne für die Kriminellen. Homosexuelle Juden hatten ein gelbes Dreieck mit Spitze nach oben und darüber den rosa Winkel zu tragen. Soweit nur die Hauptbezeichnungen, es gab noch viele zusätzliche.

Warum Rosa für die Homosexuellen? Weil es, zumindest in Deutschland, die Farbe für neugeborene Mädchen ist.

Dieses aus Menschenverachtung geborene System überdauerte den Naziterror um viele Jahrzehnte! Nicht nur wurden Homosexuelle von den übrigen KZ-Kategorien nie als «vollwertige» Ehemalige anerkannt, sie blieben auch über die Gesetze der Nach-Nazi-Zeit kriminalisiert und von der Gesellschaft ausgegrenzt. Ansprüche auf Wiedergutmachung blieben ihnen sowohl in Deutschland wie in Österreich, Italien und Frankreich «rechtmässig» bis in die 90er Jahre hinein verwehrt. Auch die Kirchen gaben dieser Politik öffentlich ihren Segen.

So machten die Homosexuellen im langen Nachkriegskampf gegen den Öffnet internen Link im aktuellen Fenster§ 175 im deutschen Recht und gegen die Rechtsprechung und Ausgrenzung in vielen anderen Staaten das Zeichen ihrer Erniedrigung, den rosa Winkel und die Farbe Pink zum Zeichen ihrer Verzweiflung, ihrer Wut, ihrer Trauer, ihres Stolzes.

1984, fast vierzig Jahre nach der Naziherrschaft, konnte erstmals eine Gedenktafel in Form eines Rosa Winkels öffentlich aufgestellt werden: im ehemaligen KZ Mauthausen. Seither gibt es immer mehr solche Zeichen aus rosarotem Stein dort, wo Homosexuelle verfolgt, verhaftet, in Gefängnisse und Lager eingewiesen und missbraucht, verkrüppelt, gefoltert und umgebracht wurden. Die Inschrift aller dieser Mahnmale beginnt mit denselben Worten:

TOTGESCHLAGEN

TOTGESCHWIEGEN

DEN

HOMOSEXUELLEN OPFERN

DES

NATIONALSOZIALISMUS

An einem so berüchtigten Ort wie Auschwitz allerdings fehlt bis heute der Hinweis auf die auch dorthin gebrachten Homosexuellen. Dies, weil die zuständigen Organe jede entsprechende Erwähnung ablehnen. Offenbar ist die KZ-Mentalität, dass es «bessere» und «schlechtere» Opfer gab, noch immer tief verankert. Und das ist eine Beleidigung aller Opfer.

Mahnmal Rosa Winkel
Rosa Winkel-Mahnmal am Nollendorfplatz in Berlin

Text auf der Tafel: «Der 'Rosa Winkel' war das Zeichen, mit dem die Nationalsozialisten Homosexuelle in den Konzentrationslagern in diffamierender Weise kennzeichneten. Ab Januar 1933 wurden fast alle rund um den Nollendorfplatz verteilten homosexuellen Lokale von den Nationalsozialisten geschlossen oder zur Anlegung von ‹Rosa Listen› (Homosexuellen-Karteien) durch Razzien missbraucht.»

Öffnet internen Link im aktuellen FensterErnst Ostertag, August 2004