Mühsame Spurensuche nach homosexuellen Überlebenden des Holocaust
Insel Schweiz und «Geistige Landesverteidigung»
ab 1945
Es gab nur wenige Männer mit dem rosa Winkel, die sich nach dem Krieg über ihre traumatischen Erlebnisse zu äussern wagten. Sie taten es verdeckt, meist nur mündlich in vertrauten Kreisen von Gleichgesinnten, gelegentlich in Briefen, selten aus dem Exil, wenn sie weiterhin dort blieben. Und meist nannten sie nicht den vollen Namen oder brauchten ein Pseudonym. Der Grund ihrer KZ-Haft musste verborgen bleiben, denn sie blieben Kriminelle laut Gesetz der meisten Staaten im Nachkriegseuropa.
Bericht von François de B. und die Reaktion im Kreis

- Gefangener
Einer der erwähnten wenigen Briefe erreichte Ende Februar 1949 die Redaktion des
Kreis [1] und wurde in der Märznummer veröffentlicht. Er war von einem François de B. in Brüssel geschrieben:
«Ich bin Belgier, komme als Journalist oft nach Deutschland. Ich war im Kriege in verschiedenen deutschen KZs. Manchmal sehe ich meine ehemaligen Kameraden wieder. Auch da gibt es eine internationale Solidarität. […]
Im
KZ Neuengamme [2] lernte ich einen Deutschen […] Arzt kennen. Er hatte folgendes Schicksal: 1936 war er in seiner westfälischen Heimatstadt mit 300 anderen [Homosexuellen] im Verlauf einer Sonderaktion verhaftet worden. Man konnte ihm eine Reihe ‹Fälle› nachweisen, wie man das wohl jedem von uns gegenüber tun könnte. […] Nach seiner Entlassung (2 Jahre und 3 Monate Zuchthaus) wurde er nach einem guten Jahr wieder verhaftet, weil er mit seinem Freund zusammenwohnte. Nachdem er übel von der Gestapo geschlagen worden war – es war Sommer 1940 – gab er den ‹Fall› zu. Aber man wollte ihn und andere absolut vernichten. Er wurde halbtot gepeitscht und gab danach 6 weitere ‹Fälle› zu, die überhaupt nicht existierten, nur, um seine Ruhe zu haben. Die Verurteilung lautete diesmal auf 3 Jahre Zuchthaus und anschliessend lebenslängliche Sicherheitsverwahrung. […] Nach schwerster Zwangsarbeit in verschiedenen KZs war er bei Kriegsende, erst 40 Jahre alt, ein Wrack.
Eine Arztkollegin nahm ihn auf und päppelte ihn hoch. […] Das ‹demokratische› Deutschland registrierte ihn als Homoeroten, nicht als ‹Opfer des Faschismus›, sondern als Verbrecher. Und was die Nazis nicht taten, das tat das neue Deutschland. Er bekam seine staatliche Prüfung [Arztdiplom] aberkannt, was einem Arbeitsverbot gleichkam. Sein Anwalt versuchte, dass die Zuchthausstrafe nachträglich wenigstens in Gefängnisstrafe umgewandelt würde, denn so hätte er seine bürgerlichen Ehrenrechte und bekäme die Zulassung wieder. Abgelehnt! Und damit nicht genug: Im letzten Jahr (1948) musste er für das Zuchthaus von 1936–1939 noch 350 Mark Verpflegungskosten nachzahlen. Er tat es wieder nur, um seine Ruhe zu haben. Vorletzte Woche aber erschien die Polizei erneut bei ihm, erkundigte sich nach seinen Einnahmen aus Hilfsarbeit – um ihm jetzt, 1949, die Kosten für die KZ-Aufenthalte nachzahlen zu lassen: 1.50 DM pro Tag!! Homoeroten hätten das zu tun. Bei politisch Verfolgten oder ‹echten Verbrechern› läge die Sache anders! Mein Freund antwortete: ‹Ich zahle nichts oder gehe lebenslänglich ins Zuchthaus bzw. ins KZ.›
Ich habe den völlig gebrochenen Mann gesehen, auch seine Papiere. Alles, was ich schreibe, ist keine Erfindung, sondern zum Himmel schreiende Tatsache. […] – Verzeihen Sie, dass ich Ihre Zeit so lange in Anspruch nehme, es geht aber nicht um einen ehemaligen KZ-Kameraden allein, es geht uns alle an, uns alle, jawohl!»
Unter den Kreis-Abonnenten wurde eine Sammlung veranstaltet und das Geld durch einen belgischen Abonnenten zusammen mit François de B. dem betroffenen deutschen Arzt überreicht. Der oben zitierte Brief erschien über Vermittlung des bekannten Emigranten und
Kreis- [1]Abonnenten
Kurt Hiller [3], London, auch in deutschen Zeitungen, was schliesslich zu einer Aufhebung der Aberkennung der staatlichen Arztprüfung führte.
In Januar 1951
[1] [4] veröffentlichte der Kreis den Brief eines anderen (ungenannten) Deutschen, der unter den Nazis in den Lagern fast zu Tode kam, von US Truppen gerettet, dann aber in der neuen BRD wieder ins Gefängnis geworfen und schliesslich – seiner geschwächten Gesundheit wegen – zum Aufenthalt in einer Irrenanstalt «begnadigt» wurde.
Heinz Heger / Josef K. (1915–1994)
1972 erschien der erste authentische Bericht eines Homosexuellen über seine KZ-Zeit in Buchform im Merlin Verlag, Hamburg. Der Autor prägte den berühmt gewordenen Titel «Die Männer mit dem rosa Winkel» und wählte für sich den Namen Heinz Heger. Er beschrieb hautnah den Horror dieser Arbeitslager und den zusätzlichen Terror gegen die Gefangenen mit dem rosa Winkel und wie nur zufällige Beziehungen mit Liebesdienst an höher Stehenden in der Barackenhierarchie sein Überleben ermöglichten. Er war 23, als ihn die Gestapo abholte. Das Buch wurde zum schreienden Mahnmal und zum Fanal für andere Ex-Häftlinge, sich auch einen Menschen zu suchen, der ihnen zuhören und ihre Geschichte niederschreiben würde. Es entstanden weitere Berichte. Sie wiesen den Weg in exakte, umfassende Nachforschungen mit neuen Publikationen.
Heinz Heger war Österreicher. Seinen richtigen Namen haben er und sein späterer Lebenspartner Willi nur mit Josef K. angegeben. Er starb in Wien, ohne von der Republik Österreich je die geringste Entschädigung erhalten zu haben. Noch 1993 wurde der Antrag des 78-jährigen für einen Opferausweis abgelehnt.
[2] [4]
Eines der Forschungsergebnisse über homosexuelle Opfer ist der im Jahr 2000 erschienene Katalog zur gleichzeitigen Ausstellung: «Homosexuelle Männer im KZ Sachsenhausen und Verfolgung homosexueller Männer in Berlin 1933–1945» von Joachim Müller und Andreas Sternweiler,
Schwules Museum Berlin [5],
Verlag rosa Winkel [6]. Darin wird festgestellt, dass in diesem einen KZ bei Berlin vom 4. November 1939, als auch Heinz Heger dort eingeliefert wurde, bis zum April 1945 313 Häftlinge mit dem rosa Winkel registriert, ermordet oder zu Tode geschunden wurden. Ihre Akten sind gesichert. Insgesamt in allen KZs zusammen waren es nach damaligem Wissensstand zwischen 7'000 und 15'000 ermordete homosexuelle Opfer. Heute liegt die Zahl höher.
Pierre Seel (1923–2005)
Ein anderes Zeugnis, das sofort berühmt wurde, ist der Bericht des Elsässers
Pierre Seel [7], «Ich, Pierre Seel, deportiert und vergessen». Das Buch erschien 1994 in Frankreich und 1996 auf deutsch.
[3] [4] Das Leben dieses 18-jährigen, der 1941 nach einem halben Jahr Haft im Elsässer KZ
Schirmeck [8] zusehen musste, wie die Hunde der SS-Schergen seinen gleichaltrigen Freund und Liebhaber zerfleischten bis nur noch Blut, Fetzen und Knochen vor ihm legen, ist ein weiteres Dokument der Hölle auf Erden. Aber es ist noch viel mehr.
Seel wurde nach diesem traumatischen Erlebnis für kurze Zeit entlassen und nach Hause geschickt, aber nur, damit man ihn jederzeit wieder behändigen konnte. Ende März 1942 wurde er an die Ostfront zu den berüchtigten Partisanen-Einsätzen abkommandiert, um schliesslich, nach 1945, entlassen, identitätslos und völlig verstummt in einem ganz anderen Teil Frankreichs, in Toulouse, eine heimliche, total andere, neue Existenz zu beginnen. Er heiratete und gründete eine Familie. Alles Frühere blieb als «Schande» wie in einem dunkeln, mit schweren Steinplatten zugedeckten Grab verborgen.
Sein Zeugnis erschütterte, weil es der Öffentlichkeit zeigte, was die meisten Ehemaligen mit dem rosa Winkel zu Sprachlosen machte: Das Verbotene, Verfemte, Geächtete als Grund ihrer KZ-Haft. Eine Schlüsselstelle aus dem Buch, der Heimkehr nach dem Trauma in KZ Schirmeck:
[4] [4]
«Man erschoss mich nicht. […] Warum hatten die Nazis mir die Freiheit geschenkt? Was würden sie jetzt von mir verlangen? […]» [Nachdem er verhaftet war und] «ich meine Familie verlassen hatte, musste sie erfahren, dass ich ein Schweinehund war. Wie würden meine Eltern reagieren, so katholisch und auf den guten Ruf bedacht, wie sie es waren? Würden sie mich aufnehmen oder nicht? […] Wie konnte ich alles darlegen, wo ich mich doch verpflichtet hatte, Schweigen zu bewahren?
[…] Die Familie sass beim Abendessen. […] Ich durfte mich zu den Meinen setzen. Die Mahlzeit wurde schweigend fortgesetzt. […] Es war der 6. November 1941. Mit einem Schlag wurde ein doppeltes Geheimnis versiegelt: Das erste galt dem Nazi-Terror, das zweite der Schande, meiner Homosexualität. Von Zeit zu Zeit glitt ein Blick zu mir, voller Fragen über mein ausgemergeltes Aussehen. Was war in den sechs Monaten aus mir geworden? Ich war also homosexuell? Was hatten die Nazis mir angetan? Warum hatten sie mich frei gelassen? Niemand stellte diese ganz natürlichen Fragen. Wenn aber jemand sie gestellt hätte, hätte ich antworten müssen, dass ich gezwungen sei, mein doppeltes Geheimnis zu bewahren. Ich habe vierzig Jahre gebraucht, um diese stummen Fragen zu beantworten.»
Die schweizerische Dachorganisation
Pink Cross [9] meldete am 29. November 2005 den Tod Pierre Seels und fügte bei: «In den Jahren 2000 und 2001 konnte PINK CROSS ihm und sechs weiteren Überlebenden der Schwulenverfolgung durch Hitler-Deutschland Geld aus dem Internationalen
Hilfs-Fonds für Nazi-Opfer [9] (INPF) überweisen.»
Am 23. Februar 2008 benannte die Stadt Toulouse eine ihrer Strassen «Rue Pierre Seel».
Späte Anerkennung – und ein Mahnmal
Zum 40. Jahrestag der Beendigung des Zweiten Weltkrieges hielt der damalige Bundespräsident
Richard von Weizsäcker [10] am 8. Mai 1985 eine Ansprache im Plenarsaal des Deutschen Bundestages in Bonn. Darin sagte er u.a. «Wir gedenken der ermordeten Sinti und Roma (also der Zigeuner), der getöteten Homosexuellen, der umgebrachten Geisteskranken, der Menschen, die um ihrer religiösen oder politischen Überzeugung willen sterben mussten.»
Damit wurden erstmals in Deutschland Homosexuelle als Opfer des Naziterrors offiziell anerkannt.
Am 27. Mai 2008 konnte ein Mahnmal am südlichen Rand des Berliner Tiergartens enthüllt werden. Es galt den homosexuellen Nazi-Opfern. Aus einer Mitteilung von Pink Cross:
«Pink Cross Co-Präsident Pierre André Rosselet reiste auf Einladung des deutschen Bundesministers für Kultur und Medien zu den Feierlichkeiten und traf sich dabei auch mit
Klaus Wowereit [11], dem Regierenden Bürgermeister […].
Das
Denkmal [12] ist eine schlichte graue Stele, die an die Stelen des viel grösseren Denkmals für die ermordeten Juden auf der gegenüberliegenden Strassenseite erinnert. Durch die ‹Entlehnung› der Stele will das norwegisch-dänische Künstlerduo […] zeigen, dass auch bei den Opfern die Schwulen gleichwertig sind und es keine ‹Opferhierarchie› gibt. In dieser Stele gibt es einen Schlitz, durch den der Betrachter ein Video sehen kann: Zurzeit zwei junge Schwule, die sich im Park innig küssen, ein starkes Bild, welches leider immer noch heftige homophobe Reaktionen hervorrufen kann.
Die Botschaft der Redner war klar: Die Bewältigung der Vergangenheit – nicht nur der nationalsozialistischen, auch der nachfolgenden republikanischen – ist wichtig. Aber es gibt auch heute noch viel zu tun, um die wirkliche Gleichberechtigung und Akzeptanz der Homosexuellen zu erreichen.»
Ernst Ostertag [13], Mai 2008
