Das literarische Cabaret «Die Pfeffermühle»
Insel Schweiz und «Geistige Landesverteidigung»
1933–1937
Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen;
ich war ja kein Kommunist.
Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen:
ich war ja kein Sozialdemokrat.
Als sie mich holten,
gab es keinen mehr, der protestieren konnte.
Max N., homosexuell, 1938–1945 im KZ
Es gab andere, die wollten es niemals so weit kommen lassen. Sie protestierten früh und mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln.
Erika Mann, Therese Giehse und Annemarie Schwarzenbach
Zu den Protestierenden gehörten auch die beiden Ältesten, Tochter und Sohn, von Katja und
Thomas Mann:
Erika und
Klaus, beide homosexuell. Klaus gab bereits im Exil von September 1933 bis August 1935 die literarische Widerstandszeitschrift
«Die Sammlung» heraus und Erika gründete zusammen mit ihrer jüdischen Freundin
Therese Giehse (1898–1975) das literarische Cabaret
«Die Pfeffermühle». Dazu Erika Mann:
[1]
«Unleugbar standen wir ‹im Einsatz›, allen voran die Giehse. Denn während der Zündstoff von mir kam – etwa 85 Prozent der Texte lieferte ich, zu etwa 10 Prozent war Klaus vertreten, und das Restchen entstand am Rande – , war doch besonders sie es, die zündete.»
Der «Zündstoff» lag in literarisch verdeckten, fein ironisierenden Weisen der Kritik an den aktuellen politisch-gesellschaftlichen Umbrüchen und war in Form von Liedern und Gedichten ebenso klar wie intelligent und zugleich kunstvoll-geschickt verpackt.
Am 1. Januar 1933 – 29 Tage vor der Machtergreifung Hitlers – eröffneten sie die «Pfeffermühle» in München. Sie hatten dazu die Unterstützung von Klaus und etlichen Freunden und konnten die «Bonbonnière» anmieten, ein Vergnügungslokal neben dem Hofbräuhaus, wo nur wenige Wochen später Hitler als neuer Reichskanzler seine Antrittsrede vor Parteigenossen halten sollte. «Bevor Erika, Klaus und Therese Giehse im März 1933 Deutschland verliessen, konnten sie immerhin noch zwei Programme in der ‹Bonbonnière› vorstellen. Der Erfolg beim Publikum gab ihnen recht. […] Die Botschaften wurden verstanden, von Anhängern wie von Gegnern. Auch das neue Regime interessierte sich im Februar 1933 für das Kabarett. Innenminister Frick persönlich war bei einer Aufführung anwesend und machte sich Notizen.»
[2]
Erika Mann wurde denn auch 1935 nicht als Halbjüdin, sondern als «linke Kabarettistin» von den Nazis ausgebürgert.
Erika und Therese gelangten in die Schweiz und zeigten am 30. September erstmals ein neues «Pfeffermühle»-Programm im «Hirschen» im Zürcher Niederdorf. Allerdings, weil sie Emigranten waren, konnten sie erst starten, nachdem sich ein Mensch mit Schweizerpass dazugesellte und mitwirkte. Das war
Valeska Hirsch (1910–2004). Nun wurde der «Hirschen» zum Stammsitz bis 1937. Therese Giehse zur Exilzeit der «Pfeffermühle»:
[3]
«Wie gut der von Thomas Mann für sie gefundene Name [Pfeffermühle] zu ihnen passte. Hinter der literarischen Tarnung waren sie verwegen politisch. Namen wurden nicht benutzt, und doch wurde alles beim Namen genannt: Die Dummheit, Heuchelei, der Betrug und der Mord, der faschistische Terror und das grosse Verbrechen wider die Menschlichkeit. […] Das Publikum im Hirschen sass dicht gedrängt auf den zweihundertzwanzig Sitzgelegenheiten. […] Die Pfeffermühle spielte wochenlang vor ausverkauftem Haus, danach quer durch's kleine Schweizerland und das am Anfang noch so grosse freie Europa, das mit den Jahren immer kleiner wurde, weil von den Faschisten besetzt und erobert.»
Sie waren unermüdlich unterwegs, fast jeden Abend an anderen Orten auftretend, und sie fuhren dabei ihr bald legendär gewordenes kleines Cabriolet, welches sie «Rumpel-Ford» nannten. Trotz des Erfolges, wirklich genug Geld verdienen konnten sie weder für sich noch für das Team von Mitarbeitern. Aber da gab es glücklicherweise die grosszügige schweizerische Freundin und Gönnerin,
Annemarie Schwarzenbach. Sie war es auch, die ihre Bekannte, Valeska Hirsch, später Gattin des Regisseurs
Leopold Lindtberg, als Pianistin für die «Pfeffermühle» gewann. Der Ausstellungstext «unverschämt – Lesben und Schwule gestern und heute» ergänzte:
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«Annemarie Schwarzenbach steht in den 30er Jahren in engem Kontakt zu Erika und Klaus Mann. Sie unternehmen verschiedene Reisen miteinander und verbringen zusammen Ferien. Annemarie Schwarzenbach verzehrt sich in ihrer Liebe zu Erika Mann, die unbeantwortet bleibt. Dank ihrer guten finanziellen Lage unterstützt sie sowohl die Pfeffermühle wie auch die literarische Widerstandszeitung Die Sammlung von Klaus Mann mit grosszügigen Beiträgen.»
Die schweizerische Nationale Front, «Frönteler»
Ohne der Beiträge von Annemarie Schwarzenbach hätte «Die Pfeffermühle» kaum die wichtige, aufklärende und aufrüttelnde Mission erfüllen können. Dass ihre Botschaft in weite Kreise wirkte und erfolgreich ihr Anliegen über den Bühnenrand hinaustrug, bewiesen die sofort unternommenen hasserfüllten und teilweise massiven Störkampagnen der schweizerischen Nazi-Freunde, vorab jene der
Nationalen Front. Viele Vorstellungen mussten unter Polizeischutz stattfinden. Erika Mann erinnert sich:
[5]
«Wir wirkten in der Parabel, im Gleichnis und Märchen, unmissverständlich, doch unschuldig – dem Buchstaben nach. Trotzdem hagelte es Proteste von Seiten der NS-Botschafter und Gesandten… In der Tschechoslowakei gab es die
Henlein-Leute, in Holland die Banden des Mynheer Mussert, in Belgien diejenigen des
L. Degrelle und in der Schweiz die ‹Frontisten›. Anno 34 gingen letztere zum bewaffneten Angriff über. Die Saalschlacht tobte, es wurde scharf geschossen – einen Monat lang zog allabendlich die motorisierte Polizei von Zürich Schutzringe um unser Lokal, ohne doch die gefährlichsten Krawalle verhindern zu können. Wir fanden – die Giehse und ich – keine Unterkunft mehr in den Hotels, wohin die ‹Patrioten› uns steinewerfend folgten. Meine Eltern wohnten in Küsnacht. Unterwegs dorthin – das war amtlich bekannt – lauerten Entführer, wir sollten ‹heim ins Reich›. Der Ford blieb also aus. Blieb der Bus. Und der Küsnachter Schutzmann, der uns abzuholen hatte an der Station. Der Gute. Und wenn nun von unseren Gönnern auch nur zwei oder drei bewaffnet anrückten?»
Valeska Hirsch führte Tagebuch und schrieb daraus in ihren Erinnerungen: «Die Partei der Frontisten hatte an Mitgliedern gewonnen, ich kannte einige Herren aus sehr guter Familie dabei. Und nun begann der unschöne Kampf gegen die ‹Pfeffermühle›.»
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Eine weitere Illustration zur Lage liefert ein Zürcher Flugblatt vom November 1934:
Gegen die Wühlerei der Emigranten!
Öffentliche Protestkundgebung
in der «Stadthalle»
Mittwoch, den 21. November, 20.15 Uhr
Es sprechen: Henne, Tobler, Wirz
Gegen das jüdische Emigrantenkabarett:
- «Pfeffermühle», in der alles Nationale und Vaterländische in den Schmutz gezogen wird,
- Prof. Mannheim, der auf der Bühne des Zürcher Schauspielhauses sein jüdisches Gift verspritzt und die Völker verhetzt,
- Dr. Fritz Adler, den Ministermörder und Sekretär der II. Internationale, der die schweizerische Gastfreundschaft missbraucht und mit frecher Dreistigkeit dem Schweizervolk Lehren erteilen zu müssen glaubt,
- Dr. Kurt Löwenstein, der seine minderjährigen Schüler «zu Studienzwecken» in die Bordelle führte und dem Schweizer Arbeiter marxistisch-jüdische Asphalt-«Kultur» beibringen will,
Für die radikale Säuberung der Schweiz vom ganzen Geschmeiss ausländischer Emigranten, das sich schon allzu lange in unserem Lande breit macht.
Zur Deckung der Unkosten wird eine Eintrittsgebühr von 30 Cts. verlangt. Kartenvorverkauf auf der Gauleitung, Zähringerstr. 25 und an der Abendkasse.
NATIONALE FRONT
Interessant sind zwei Details: Die «Gauleitung» weist darauf hin, dass die Schweiz von den Nazi-Sympathisanten bereits analog zu Hitlers Deutschland in Gaue aufgeteilt und für diese Gaue auch schon «Gauleiter» ernannt waren, welche beim «Anschluss» sofort ihre vorbestimmten Funktionen zu übernehmen hatten.
Ein Beispiel für die schroffen Gegensätze dieser Zeit, die sich selbst innerhalb einer Familie auswirken konnten, gibt Annemarie Schwarzenbachs Cousin
James Schwarzenbach (1911–1994), der sich ab 16. November 1934 als Mitglied der Nationalen Front an den Krawallen gegen die «Pfeffermühle» beteiligte.
«Hin und wieder publizierte er Artikel im ‹Eisernen Besen›, dem Hetzblatt der Nationalen Front. Im November 1934 spielte er in dem von Zürcher Frontisten gegen das antifaschistische Kabarett ‹Pfeffermühle› angezettelten Tumult eine Hauptrolle. Mit einer Trillerpfeife gab er das Zeichen zu einem wüsten Radau, während dessen Erika Mann und ihre Mitstreiter mit Rufen wie ‹Jude verrecke!›, ‹Hinaus mit den Emigranten!› und ‹Die Schweiz den Schweizern› eingedeckt wurden.»
[7]
1967 wurde er als Vertreter der NA (Nationale Aktion gegen die Überfremdung von Volk und Heimat) in den Nationalrat gewählt, dem er bis 1978 angehörte. Als Nationalrat taufte er die NA um in Republikanische Partei. Die heutigen SD (Schweizer Demokraten) sind Nachfolger dieser Partei.
Annemaries Mutter sympathisierte mit den Nazis und unterstützte das Treiben ihres Neffen James. In seinem Buch «Die Geborene,
Renée Schwarzenbach-Wille und ihre Familie»
[8] schildert
Alexis Schwarzenbach die komplexe und oft schwierige Beziehung von Mutter Renée und Tochter Annemarie. Diese fand einen verständnisvollen Freund im zwölf Jahre älteren Pfarrer Ernst Merz, der sie 1924 konfirmiert hatte. Ihm eröffnete sie bereits 1925, als 13-Jährige ihre erotische Hingezogenheit zu Frauen und erzählte in Briefen von den Schwierigkeiten mit der Freundin ihrer Mutter, der bekannten deutschen Sängerin Emmy Krüger, und von den politischen Differenzen zur Mutter. Er war ihr ein diskret vertrauter und stets hilfsbereiter Gefährte, der auch zwischen Mutter und Tochter zu vermitteln versuchte.
[9]
Nach persönlichen Mitteilungen, die er mir gegenüber machte, gehörte Ernst Merz (1896–1977) zum «äusseren» George-Kreis und in Gesprächen nannte er den Dichter
Stefan George, (1868–1933) stets «Meister». In den 40er Jahren wurde er Abonnent des Kreis und schrieb für die Weihnachtsnummer 1954 einen Aufsatz mit dem Titel «George und das Christentum». Bereits im Dezember 1945, wurde sein Buch «Macht und Geheimnis der Erziehung» im Kreis besprochen und er selber als «ehemaliger Religionslehrer am Gymnasium Zürich» vorgestellt.
[10] 1955 lernte ich ihn im KREIS kennen und war dann gelegentlich Gast in seinem Haus im Tessin bei Sant'Abbondio hoch über Ranzo am Lago Maggiore.
Klaus Mann und die «homosexuellen Nazis»
Auch Klaus Mann ging 1933 ins Exil, in ein unstetes, ständig wechselndes. Im August 1934 besuchte er den «Ersten Allunionskongress der Sowjetschriftsteller» in Moskau und kehrte enttäuscht zurück. Im März jenes Jahres war dort die erneute Kriminalisierung der Homosexualität beschlossen worden und der sowjetische «Staatsdichter»
Maxim Gorki schrieb dazu in der
Prawda vom 23. Mai 1934:
«Während in den Ländern des Faschismus die Homosexualität, welche die Jugend verdirbt, ungestraft agiert, ist sie in dem Lande, wo das Proletariat kühn und mannhaft die Staatsmacht erobert hat, als ein soziales Verbrechen erklärt und wird streng bestraft. […] Man hat sogar das sarkastische Sprichwort geprägt: ‹Rottet die Homosexualität aus – und der Faschismus verschwindet.› »
Klaus Mann schrieb darüber im Dezember 1934 in Prag einen Artikel «Die Linke und das ‹Laster› », um sich zu distanzieren und die Intoleranz auch der sowjetischen totalitären Weltanschauung zu geisseln. Er war nicht allein. Am selben Kongress nahmen auch andere homosexuelle Schriftsteller teil und schrieben ähnlich darüber: André Gide «Retour de l'URSS», Stefan Zweig «Die Welt von gestern», Panaït Istrati «Auf falscher Bahn. Sechzehn Monate in der Sowjetunion». Am Moskauer Kongress war auch Annemarie Schwarzenbach und äusserte sich später ebenso wie Klaus Mann.
In Paris und anderswo übernahmen deutsche Emigrantenkreise die sich so billig anbietende These des homosexuell durchseuchten Nationalsozialismus, um damit auf der einfachsten aller möglichen, der Schiene «moralischer Korrektheit», gegen Hitlers Diktatur zu agieren.
«Als sehr unfein und deplaziert aber musste es empfunden werden, wenn Blätter, die sich mit Vorliebe ‹liberal und aufgeklärt› nannten, plötzlich anfingen ‹Knabenschänder› zu schreien, wie eine hysterische Pastorengattin.»
So Klaus Mann in «Heute und Morgen». Selbst nach dem
«Röhm-Putsch» hingen viele weiter an ihrer simplen Vorstellung fest. Das veranlasste Klaus Mann zu Aufsätzen wie u.a. «Woher wir kommen», «Die Linke und ‹das Laster› ». Im letzteren schrieb er:
«Glaubt man denn immer noch, dass die exklusiv Homosexuellen eine einheitliche Menschenart bilden? Das unglückliche Schlagwort vom ‹dritten Geschlecht› hat zu diesem dummen Irrtum beigetragen, in Wahrheit gibt es unter den exklusiv Homosexuellen alle Typen – vom dekadentesten Ästheten bis zum Landsknecht. […] Das ‹Bündische›, sagt man, habe stets homoerotischen Charakter, und auf dem ‹bündischen› Prinzip basiere der Faschismus. […] Man erkundige sich doch, ob in proletarischen, linken Jugendbünden dergleichen ausgeschlossen war – die Antwort wird den überraschen, der die Homosexualität für eine Eigenart des Faschismus hält. […] Man ist im Begriffe, aus ‹dem› Homosexuellen den Sündenbock zu machen – ‹den› Juden der Antifaschisten. Das ist abscheulich. Mit ein paar Banditen die erotische Veranlagung gemeinsam zu haben, macht noch nicht zum Banditen.»
Und in seinem Aufsatz «Wendepunkt», geschrieben 1942 im Exil in den USA:
«Die einzig aktuelle, einzig relevante Frage ist: Wird aus diesem Krieg eine Welt entstehen, in der Menschen meiner Art leben und wirken können? […] In einer Welt des gesicherten Friedens und der internationalen Zusammenarbeit wird man uns brauchen; in einer Welt des Chauvinismus, der Dummheit, der Gewalt gäbe es keinen Platz, keine Funktion für uns […] ich folgte dem Beispiel des entmutigten Humanisten Stefan Zweig …»
Am 21. Mai 1949 folgte er wirklich diesem Beispiel und starb an einer Überdosis von Schlaftabletten.
Ernst Ostertag, September 2004



