Hilfe für verfolgte homosexuelle Flüchtlinge
Insel Schweiz und «Geistige Landesverteidigung»
1933–1967
Anfänglich war
Karl Meier / Rolf als Redaktor des
Menschenrecht und ab 1943 des
Kreis sehr zurückhaltend, weil er die mühsam errungene Freiheit für Homosexuelle in keiner Weise aufs Spiel setzen wollte. Es gab jedoch Abonnenten, die an seiner Stelle Flüchtlingen, welche sich bei der Redaktion gemeldet hatten, vorübergehende Unterkunft verschafften und ihnen beistanden, damit sie, wenn immer möglich, den Flüchtlingsstatus erhalten konnten. Ein Erwähnen homosexueller Veranlagung als Fluchtgrund war undenkbar, das Risiko einer möglichen und wahrscheinlichen Verweigerung und Abschiebung war viel zu gross. Erleichternd wirkte dabei der Umstand, dass einerseits sorgfältiges Verbergen der Veranlagung Teil jeder homosexuellen Persönlichkeit war und es andererseits als unschicklich galt, Sexuelles zu thematisieren.
Gute (= wohlwollende) Beziehungen zu Behörden und Polizei waren Voraussetzung für das Erscheinen der Zeitschrift wie für die Organisation geselliger Zusammenkünfte und sonstiger Treffen. Seit einer kurzen Verhaftung 1937 von
Mammina und Rolf zwecks Abklärung, ob hinter der «Liga für Menschenrechte» eine kommunistische Zelle stecke, galt den beiden jede Verbindung zu «Kommunisten» als gefährlich, obschon politische, wie auch religiöse Neutralität bei der Liga für Menschrechte und im KREIS selbstverständlich war. Kontakte zu Flüchtlingen, politischen wie anderen, wurden aus Gründen des gegenseitigen Schutzes fast immer verschwiegen.
Später, in den 50er Jahren, erzählten die älteren Kameraden gerne von ihren Erlebnissen während der Kriegszeit und berichteten auch von Flüchtlingen. Via KREIS hätten etliche vorübergehend Zuflucht und materielle Hilfe gefunden. Aufnahmebedingungen und Asylmöglichkeiten seien mitgeteilt worden und über Abonnenten mit «Verbindungen» habe es auch gelegentlich Arbeit gegeben. Leute mit besonderen Kenntnissen, vorallem wissenschaftlicher oder sprachlicher Art, waren gesucht.
Schriftliche Belege gibt es keine. Alles geschah unter der Hand, denn es war verboten, unangemeldete Ausländer über mehr als zwei bis drei Tage zu beherbergen. Trotzdem existierten (vor dem Krieg und weiter bis 1942, danach wurde es schwieriger) verschiedene mehr oder weniger verborgene Auffangnetze, private, halbkirchliche, halbpolitische und auch homosexuelle.
Die
Unabhängige Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg (UEK, «Bergier-Kommission») stellt in ihrem Schlussbericht 2002 fest: «Fürsorgeabhängigkeit und moralische Beanstandungen wie unsittlicher Lebenswandel, Homosexualität oder Querulantentum konnten nämlich zum Entzug der Aufenthaltsbewilligung und zur Ausschaffung führen.»
[1]
Es gibt, und das ist unter diesen Umständen nicht verwunderlich, nur ganz wenige Dokumente über homosexuelle Flüchtlinge. Und diese beziehen sich, zumindest bis 1945, auf eher prominente Persönlichkeiten, die später Berichte über ihr Exil in der Schweiz verfassten. Zwei davon sollen hier vorgestellt werden, weil ihre Geschichte ein Licht auf die Zeit und den Umgang mit solchen Emigranten wirft.
Hans Mayer (1907–2001)
Das Bundesamt für Flüchtlinge hat im Dezember 2003 einen Band «Prominente Flüchtlinge im Schweizer Exil» herausgegeben und darin enthalten ist ein Aufsatz der Autoren Thomas Egli und Hugo Schwaller mit dem Titel «Homosexuelle Flüchtlinge in der Schweiz – eine Spurensuche und ein Beispiel».
[2] Das Beispiel betrifft den berühmten
Gelehrten Hans Mayer.
Als der kommunistischen Partei nahestehender homosexueller Jude floh der Jurist Mayer 1934 von Köln über Frankreich in die Schweiz, um an der Universität Genf seine Laufbahn als Literaturwissenschafter mit Studien über Georg Büchner zu beginnen.
Homosexuelle Kontaktnahmen an öffentlichen Orten führten jedoch im März 1942 nach mehrmaligen Verwarnungen zu Internierungen von je sechs Monaten in den Strafanstalten Witzwil und Lenzburg. In Lenzburg «habe ich in jenem Winter die Grundlage einer spezifisch literarischen und literaturwissenschaftlichen Bildung gelegt. Die Lenzburger Bibliothek war gut. Sie hielt sich an das klassische Repertoire, was mir eben recht kam.» So schrieb er in seinem zweibändigen Werk «Ein Deutscher auf Widerruf».
[3]
Nach der Entlassung lebte Mayer in fünf verschiedenen Arbeitslagern für Flüchtlinge in der deutschsprachigen Schweiz. Am 8. November 1945 reiste er nach Deutschland zurück.
Die oben genannten Autoren berichten weiter: «In den späten Phasen seines Schweizer Aufenthaltes enthält Mayers Flüchtlingsdossier (P 43505) vor allem Akten, die im Zusammenhang stehen mit seinem zunehmenden kulturellen Engagement. In Zürich gehörte er dem leitenden Ausschuss der Kulturgemeinschaft der Emigranten an.» Offenbar war er jedoch dem «Schweizerischen Vaterländischen Verband» ein Dorn im Auge, denn dieser wandte sich ans
Eidgenössische Justiz- und Polizei-Departement, EJPD, um Vorträge Mayers und sein kulturelles Engagement zu unterbinden. Trotzdem «wurde Mayer die Teilnahme grundsätzlich gestattet. […] Einträge bezüglich seiner Homosexualität finden sich keine mehr. Insbesondere war es Mayers gelebte Homosexualität, die den Behörden Taktgefühl und Augenmass abverlangte. […] In den Akten finden sich weder Verunglimpfungen noch verbale Ausrutscher. Wohl wurden gegen Mayer wegen seines homosexuellen Verhaltens gewisse Massnahmen – Versetzungen, erhöhte Aufsicht – ergriffen, über den engen Rahmen dieser Massnahmen hinaus hatte er aber wegen seiner […] Veranlagung als solcher keine Nachteile zu ertragen […] und sein Buch über Büchner […] erschien 1938 in
Emil Oprechts Europa-Verlag (Zürich), der ersten Adresse der exilierten deutschen Literatur.»
Dazu muss ergänzt werden, dass Mayer erst 1939 sein Manuskript völlig beendete. Es erschien 1946 unter dem Titel «Georg Büchner und seine Zeit» im Limes-Verlag, Wiesbaden. Und die Rezension des Bandes «Prominente Flüchtlinge im Schweizer Exil» in der
NZZ von Christoph Wehrli,
[4] erwähnte auch den Abschnitt über den «marxistischen Literaturwissenschafter Hans Mayer». Er schloss mit den Worten: «Die Behörden hätten Hans Mayer ‹rechtlich korrekt und moralisch anständig› behandelt, finden die Autoren. Ihr Urteil wird nicht jeder teilen, auch wenn man die Normen jener Zeit als Massstab nimmt […]».
Mayers 100. Geburtstag (19. März 2007) feierte das Schwule Museum Berlin mit einer Ausstellung unter dem Titel: «Aussenseiter: Hans Mayer».
Zu diesem 19. März 2007 wurde auch sein umfangreiches Hauptwerk «Aussenseiter» neu aufgelegt. In einer Hommage schrieb Manfred Koch in der NZZ:
[5] «Obwohl das Buch keine Zeile eines persönlichen Bekenntnisses enthält, gehörte schon bei seinem Erscheinen 1975 nicht viel Phantasie zu der Vermutung, der Verfasser handle hier auch von sich selbst, genauer: dem eigenen, doppelten Aussenseitertum als Jude und Homosexueller. […] es ist das erste Buch, das konsequent der Frage nachgeht, wie – von Winckelmann bis Genet – die Erfahrungen dieses existenziellen Aussenseitertums sich in Literatur niederschlagen, zu Literatur werden.»
Richard Plant (1910–1998)
«Ich bin als Jude emigriert, um als Schwuler zu überleben»
Diese Aussage von
Richard Plant im Jahre 1991, fasst die Situation treffend zusammen. Sie stand als Überschrift in der Basler Ausstellung «unverschämt unterwegs». Zu diesen Details gehörte auch ein Abschnitt über Richard Plant:
Er «ist schwul, jüdisch, links. Asyl in der Schweiz bekommt er nur deshalb, weil er Jude ist.» Plaut war sein Geburtsname. Erst nach der Übersiedlung in die USA 1938 nannte er sich Plant. Er starb 1998 in New York.
Zusammen mit dem ebenfalls homosexuellen Germanisten
Oskar Koplowitz (1910–1984) floh Plaut am 27. Februar 1933 von Frankfurt nach Basel, wo beide in einem kleinen Zimmer wohnten und sich als Studenten an der Universität einschrieben, um so die Aufenthaltsbewilligung zu erhalten. Diese musste alle sechs Monate erneuert werden. Steter Begleiter war die Angst vor Ausweisung, sollten sie irgendwie oder irgendwem «auffallen». Trotzdem traf sich Plaut gelegentlich mit homosexuellen Männern in den Szenelokalen «Sternwarte» und «Besenstiel», in denen auch andere Emigranten verkehrten, und es kam zu vereinzelten Liebschaften. Er verwendete schon damals das Pseudonym Orlando Gibbons, um sich zu tarnen. Später, als er am City College New York deutsche Sprache und Literatur lehrte, wählte er wiederum denselben Namen als Autor homosexueller Geschichten.
Seine
homoerotischen Geschichten
Der Ausstellungstext fuhr weiter:
«Zu den beiden Freunden stösst 1935
Dieter Cunz (1910–1969), der Partner von Koplowitz. Nun wohnen sie zu dritt im kleinen Zimmer. Geld verdienen sie u.a. mit dem gemeinsamen Schreiben von Kriminalromanen, so zum Beispiel ‹Musik im Totengässlein›. 1934 beginnt in Deutschland die aktive Verfolgung von Homosexuellen. Das Zimmer der Männer wird eine Zuflucht für Freunde und Freundes-Freunde. Die Fliehenden sind oft misshandelt und gefoltert worden, sie werden von Studienkollegen und Bekannten Plauts behandelt – offizielle Hilfe kann nicht gerufen werden.»
1986 erschien Richard Plants Buch «The Pink Triangle: The Nazi War Against Homosexuals», welches 1991 unter dem Titel «Rosa Winkel. Der Krieg der Nazis gegen die Homosexuellen» in deutscher Sprache herauskam. Die Januar Nummer Der Kreis – Le Cercle – The Circle 1956 veröffentlichte im englischen Teil eine Kurzgeschichte, gezeichnet von Orlando Gibbons mit dem Titel «Tobago».
[6] Es folgten noch vier weitere wirklich zauberhafte Geschichten homosexuellen Lebens in New York und Massachusetts, wo Plant oft seine Sommeraufenthalte verbrachte. So etwa «Boston Adventure».
[7]
In den Akten der
SOH findet sich ein Briefwechsel von Richard Plant mit Marcel Ulmann, Präsident der SOH. In einem ersten Schreiben vom 2. April 1985 hiess es: «Ich bin (halb retiriert) Prof. für Geschichte an einem kleinen NY College und schreibe für unsere gay-Zeitung, den ADVOCATE.» Es ging um eine Kontaktaufnahme, da Plant nach Europa reisen wollte. Ulmann reagierte am 15. April und am 6. Mai traf die Antwort von Plant ein, verfasst am 25. April. Er wohnte an der Perry St. 23 in New York und schrieb darin u.a.: «Wie ich erwähnt habe, war ich lange Zeit in Basel, habe Rolf gut gekannt, für das Heft geschrieben, unter Orlando Gibbons – das muss in alten Kreis-Nummern zu finden sein, und verdanke Rolf viel.» Er berichtete weiter, dass er am 3. Juni nach Frankfurt reise «ich bin da aufgewachsen» und gab seine dortige Wohnadresse bei Frau Kirsten Michalski-Kalow an. Er würde sich gern von dort aus mit Ulmann treffen, wenn möglich in Basel während der dortigen «Gay Liberation Woche», über die er in den USA berichten wolle. Im Gegenzug offerierte er Berichte über die amerikanische Schwulengeschichte, die er als Reportage zusammenfassen und übersetzen könne. Auch erwähnte er den Basler Buchhändler und Aktivisten der
HABS und SOH: «Peter Thommen habe ich kennen gelernt und freue mich auf ein Wiedersehen.»
In wenigen Sätzen streifte er sein Schaffen und berichtete von seinem Buch – offenbar unter dem damaligen Arbeitstitel: In Frankfurt
«sehe ich mich in der Bibliothek um für mein neues Projekt. Mein altes heisst ‹Swastika and Pink Triangle: Hitler's Persecution of Gays› und erscheint im Frühjahr 1986. Zwölf Jahre schwere Arbeit, darunter Gestapo Akten durchgesehen etc. Zum Krankwerden. […] Wenn Sie etwas von mir haben wollen, einen Bericht, auf deutsch, ich bin gerne bereit: nur nicht über die Aids-Krise. Aber ich war Gründungsmitglied der GAU, Gay Academic Union.»
Seine Lebensgeschichte hat Andreas Sternweiler im Buch «Frankfurt, Basel, New York: Richard Plant» zusammengefasst.
[8]
Ernst Ostertag, März 2007


