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Die Ära Rieser 1926–1938 – von der Volksbühne zum grossen deutschsprachigen Theater

1926 hatte der Weinhändler, Jude und Schwager Franz Werfels, Ferdinand Rieser, die Aktienmehrheit der Pfauengenossenschaft, zusammen mit seinem Bruder, einem Rechtsanwalt, an seine Familie gebracht und machte nun daraus die «Zürcher Schauspielhaus AG». Sein Ziel war ein von ihm betriebenes eigenständiges Theater. Die bestehende Verbindung mit dem damaligen Stadttheater (heute Opernhaus) wurde gelöst. Als Geschäftsmann sah er genau auf die Rendite und stellte nach einem Umbau mit bequemer gestaltetem Zuschauerraum seinen Spielplan auf «anspruchsvollere Salonkomödie» ein. Für Klassiker gab es noch kein Zürcher Publikum, musste er sich nach einem gescheiterten Versuch mit Kleists «Amphitryon» 1927 zu dessen 150. Geburtstag eingestehen.

Die nationalsozialistische Kulturzertrümmerung ab 1933 brachte hingegen unerwartet und deutlich die Wende. Das Theater am Pfauen wurde bald zum einzigen Ort wo Dichtung, wo Theater in deutscher Sprache unzensuriert, unverstümmelt dargeboten werden konnte und lebendig bleib. Unter den Emigranten aus dem «Neuen Europa» waren viele Künstler und Theaterleute, die ihr Wissen, ihr Können und ihre Begabungen mit sich brachten und das Leben hier markant zu beeinflussen und zu bereichern begannen. So wurde der Grundstein dessen gelegt, was später als «die grosse Zeit des Zürcher Schauspielhauses» legendenartig in die Geschichte einging.

Widmung an Familie Oprecht
Herrn u. Frau Dr. Oprecht zur Erinnerung an ihren W. Langhoff, Zürich Mai 1935

«Vom Hessischen Theater in Darmstadt kam Kurt Hirschfeld als Dramaturg […]. Leopold Lindtberg [der 1941 die Pianistin der «Pfeffermühle» und des «Cornichon», Valeska Hirsch heiratete] und Erwin Kalser kamen über Paris nach Zürich, Kurt Horwitz und Therese Giehse aus München, Leonhard Steckel aus Dänemark, Karl Paryla aus Wien. Ihnen schloss sich der Bühnenbildner Teo Otto an; bald darauf kehrten auch Heinrich Gretler und Leopold Biberti in die Schweiz zurück, und wenig später stiess Wolfgang Langhoff hinzu.» Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[1] 

Ebenfalls Emigranten waren Ernst Ginsberg, Wolfgang Heinz, Erwin Parker, Emil Stöhr, Grete Heger und andere.

Durch die wachsende Bedrohung änderten sich auch die Bedürfnisse und Ansichten des Publikums. Man war bereit, Klassiker und ihre bedeutungsvollen Themen, ihre Sprache und Dramatik anzunehmen, erlebte und erkannte eindeutig und plastisch die brennende Aktualität zum Zeitgeschehen. Theater wurde Ansporn, geistige Erneuerung, Stärkung, Trost und Vorbild zugleich. Teo Otto sagte später und traf damit den Kern sowohl beim Publikum wie bei den Darstellern:

«Jeder an diesem Theater spürte das Einmalige seiner Situation. Dies Theater war die höchst komplizierte Antwort einzelner auf das Toben der Vernichtung. Es war die Abwehr der Seele gegen die Vermessenheit der Zeit. Das Künstlerische resultierte aus dem Wollen, psychisch und physisch zu überleben, und dem unermüdlichen Bestreben, die Schwere der Situation zu meistern.» Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[2]

Die Tyrannei und Grausamkeit in Shakespeares Tragödien und Königsdramen, die oft bittere Komik dreister Habsucht, blinden Hochmuts, verschlagener Rechtfertigung und dumpfer Feigheit in seinen Volksszenen, die Weisheit der Narren und Ausgegrenzten, alles wirkte treffend und ging unter die Haut. Schillers «Don Carlos» wurde zum eigenen Hoffen und Wollen, «Wilhelm Tell» zum Fanal, zum Jetzt erst recht!

In der Spielzeit 1934/35 wurde Shakespeares «Richard III» wieder aufgenommen und «Professor Mannheim» von Friedrich Wolf kam neu in den Spielplan. Dieses Stück hatte Rassenhass und Judenverfolgung zum Thema und wuchs mit mehr als 40 Vorstellungen zur unmissverständlichen Demonstration. Die gehässige Negativpropaganda des deutschen Generalkonsulats, das ein gefordertes Verbot nicht durchsetzen konnte, und die wilde Agitation der Nationalen Front heizten die Aussagekraft dieses Stückes und die Besucherzahlen erst richtig an.

«Sie [die Nationale Aktion] verursachte einen Tumult nach dem anderen, bewaffnete Polizisten mussten das Pfauentheater bewachen und Rieser, der zahlreiche Drohbriefe erhielt, verteilte, selbst bewaffnet, an die Bühnenarbeiter und Kassiererinnen Gummiknüppel. In einem Artikel bekannte sich das Schauspielhaus nun eindeutig zum politischen Engagement: […] ‹Die Wirklichkeit schlägt zu. Wenn die Getroffenen aufheulen, nun, man kann nichts anderes von ihnen erwarten.› » Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[3] 

Das Flugblatt der Nationalen Aktion «Prof. Mannheim» Öffnet internen Link im aktuellen FensterPfeffermühle

Nach dem «Anschluss» Österreichs verliess Rieser 1938 die Schweiz und ging mit Frau und Tochter nach Amerika. Nun drohte Schliessung und Verkauf des Theaters.

Moorsoldaten
«Die Moorsoldaten» von Wolfgang Langhoff, 1935

Niemand zweifelte später am enormen und vor nichts zurückschreckenden Einsatz Riesers, um extrem gefährdeten Emigranten an seinem Theater Aufenthalt und Arbeit zu verschaffen und schliesslich das berühmte Ensemble aufzubauen. So äusserte sich Angelika Arndts:

«Riesers Verdienst um die Rettung vieler Schauspieler wurde zu spät erkannt. Ohne ihn wär' der Langhoff irgendwo verreckt, wenn nicht im Börgermoor, dann anderswo.» Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[4]

Im KZ Börgermoor, in der Nähe von Papenburg, waren «Politische» und «Homosexuelle» inhaftiert. Viele kamen dort um. Der autobiografisch Bericht «Die Moorsoldaten» von Öffnet externen Link in neuem FensterWolfgang Langhoff schilderte 1935 den Nazi-Terror. Das Buch fand weltweit Beachtung. Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[5] Wolfgang Langhoff lebte 1933 bis 1945 in Zürich und war am Schauspielhaus beschäftigt.

Um die Krise mit drohender Schliessung und Entlassung der Beschäftigten abzuwenden, griff der Verleger Emil Oprecht zusammen mit einigen Stadtvätern ein. Es entstand die «Neue Schauspiel AG», eine «Gründung der Sozialdemokratie mit dem Kapital liberaler Bürger aus der Familie des Musikhauses Hug» Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[6] und zugleich konnte sich auch die Stadt Zürich beteiligen und erhielt so das schon lange gewünschte und nötige Mitspracherecht. Zum neuen Direktor wurde Oskar Wälterlin gewählt. Premiere war am 1. September mit Shakespeares «Troilus und Cressida», gespielt vom bisherigen Ensemble unter der Regie Wälterlins.

Die Neue Schauspiel AG unter Emil Oprecht und Oskar Wälterlin 1938–1961

Schauspielhaus Zürich
Schauspielhaus Zürich

Zur grossen Zeit des Schauspielhauses als einzig verbliebene, unzensierte deutschsprachige grosse Bühne einige Zitate von Beat Schläpfer Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[7], Peter Löffler Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[8] und Kurt Hirschfeld.Öffnet internen Link im aktuellen Fenster [9]

«Als Leitmotiv über der Theaterarbeit des neuen Direktors stand der Wille, das Bild des Menschen in seiner Mannigfaltigkeit zu wahren und damit eine Position gegen die Kräfte des Nationalsozialismus zu schaffen. Die klassischen Werke wurden zu Schlüsselstücken», die man leidenschaftlich und demonstrativ beklatschte.

Beat Schläpfer

«Das Publikum kannte seine Schauspieler so gut, wie wir heute unsere TV-Spieler.»

Peter Löffler

«Je mehr sich die Lage zuspitzte, desto bewusster nutzte man die Klassik in der Auseinandersetzung mit dem Faschismus. Als im Mai 1940 die Kriegsgefahr für die Schweiz ihren Höhepunkt erreichte, setzte Lindtberg mit seiner Faust-Inszenierung einen Markstein.»

Beat Schläpfer

«Als das Wort auch der grössten Dichter zu ersterben drohte, konnte nichts anderes gespielt werden als Goethes Faust I und II, in dem alles, was in deutscher Sprache ausserhalb Deutschlands zu sagen war, sich manifestierte.»

Kurt Hirschfeld

Uraufführung von Bertolt Brecht «Mutter Courage und ihre Kinder»
Uraufführung von Bertolt Brecht «Mutter Courage und ihre Kinder» am 19.4.1941 im Schauspielhaus Zürich

Zur Geistigen Landesverteidigung im erweiterten Sinn gehörten auch Uraufführungen von Stücken schweizerischer und ausländischer Autoren. Die unvergessliche Uraufführung der «Mutter Courage und ihre Kinder» von Bertolt Brecht war am 9. April 1941 mit der Giehse in der Hauptrolle, ihre Söhne wurden dargestellt von den Emigranten Karl Paryla als Schweizerkas und Wolfgang Langhoff als Eilif. In der Nachkriegszeit kamen weitere bedeutungsvolle Uraufführungen dazu: Unter anderem von Cäsar von Arx, Carl Zuckmayer, Jean-Paul Sartre, Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt. Denn diese Art von Verteidigung des freien Geistes war mit dem Krieg nicht zu Ende. Sie ist nie zu Ende. Sie gilt der Anpassung, der Abkapselung und Ausgrenzung, der Anmassung, andere Menschen in ein System zu zwingen.

Ganz im Anfang – ein geschickter Schachzug – gründete Oskar Wälterlin die «Gesellschaft der Freunde des Schauspielhauses», womit er eine bürgerliche Stütze erhielt, die u.a. Angriffe gegen Emigranten, gegen die «jüdisch-marxistische Tendenzbühne» einigermassen neutralisieren konnte.

«In einem Vortrag von 1941 sagte Wälterlin: ‹Unser Theater könnte man ein Kultur- und Bildungstheater nennen, weil ihm das Amt anvertraut ist, Gültiges aus früheren Kulturen in unsere lebendige Kultur herüber zu zweigen und unsere Bildung so mit früheren Kulturen zu verbinden.› Das war das heute viel geschmähte Bildungstheater des viel geschmähten Bürgertums.»

Peter Löffler

Und dieses Konzept Wälterlins blieb lebendig und bestimmend über die ganze Zeit bis zum 4. April 1961, als ein plötzlicher Tod ihn mitten aus seiner Tätigkeit riss.

Oskar Wälterlin, Direktor des Schaupielhauses

Oskar Wälterlin, Zürich
Dr. Oskar Wälterlin

«Die Leitung eines Theaters wird noch darunter leiden, wenn der Direktor homosexuell veranlagt ist.

Der sexuell Perverse muss als Psychopath behandelt werden; unser Theater braucht einen vollwertigen, gesunden Führer.

So äusserte sich 1932 Victor-Emil Scherer, Basler Gross- und Nationalrat und Vorstandsmitglied der Genossenschaft des Stadttheaters im Fall Wälterlin (1895–1961). […] Oskar Wälterlin, 1895 in Basel geboren, war Direktor am hiesigen Stadttheater. […] Er hatte eine Beziehung mit dem Schauspieler Wilfried Scheitlin. Das war bekannt und geduldet. Erst im Jahr 1932 wurde daraus ein Skandal. […] Während einer Vorstellung vergriff sich ein Sänger an einem mitspielenden 13-jährigen Jungen. Der Fall wird angezeigt. In den folgenden internen Verhandlungen wird nun aber Wälterlins Homosexualität zum Problem, obwohl er keinerlei Vergehens schuldig ist. […] Es kommt zu obigen Äusserungen. […] Darauf reicht Wälterlin seine Demission ein. Auch ein Aktionskomitee zu seiner Unterstützung, das über 3000 Unterschriften sammelt, bewirkt nichts. Wälterlin geht erst an die Frankfurter Oper, dann 1938 nach Zürich ans Schauspielhaus. 1942 bis 1944 leitete er daneben auch das Schauspiel in Basel. In der Saison 1961/62 sollte er nochmals Theaterdirektor in Basel werden. Er wollte, ‹dass der Kreis sich schliesst im Guten›. Aber er stirbt kurz vor dem Amtsantritt.» Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[10]

Oskar Wälterlin war Abonnent Öffnet internen Link im aktuellen Fensterdes Kreis. Wir haben ihn öfter an den Festanlässen im KREIS gesehen, meist zusammen mit Wilfried Scheitlin. Gelegentlich haben wir dort auch miteinander gesprochen, mal nach der Hauptprobe für ein Herbstfest, mal nach einer Aufführung selber oder bei Liedern und Texten, die Röbi und Bertie Wolf darboten.

In seinem Buch «mein Schauspielhaus» schrieb Erwin Parker: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster [11]

«Es war eine Sternstunde, als die Wahl der Gründer auf Oskar Wälterlin fiel und damit einem Mann die Direktion übertragen wurde, der in seiner Person das verkörperte, was der Geist des Hauses werden sollte. Seine Gaben und Eigenschaften erwiesen sich in den Kriegsjahren als lebensrettend für uns und – mit den Mitteln des Theaters – bewahrend für die Werte, die unsere abendländische Kultur ausmachen. Oskar Wälterlin war ein Basler, was nicht nur ein sprachliches Charakteristikum ist, sondern ihn als Sohn einer Humanistenstadt ausweist. […] Oskar Wälterlin gehörte zu den von der Natur bevorzugten Menschen. Bei all seiner Gescheitheit, bei all seinem Wissen war er vor allem ein Künstler, einer der ‹gesättigt› war mit Künstlertum, so dass Bildung sein Schaffen nicht störte.»

Der «8. Schwyzer» wird gedreht
Der «8. Schwyzer» wird gedreht

Maria Becker, auch sie, zwar keine Emigrantin, aber als Jüdin eine ebenso Gefährdete und bereits ab 1938 eine ganz Grosse am Schauspielhaus, äusserte sich zu Wälterlin: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[12] 

«Er hatte sehr viele Eigenschaften, die ihn für die Leitung eines Theaters absolut prädestinierten. Vor allem hatte er – was in der damaligen Zeit fast das Wichtigste war – grossen persönlichen Mut. Oskar Wälterlin kämpfte mit grossem Geschick und grossem Einsatz mit der Fremdenpolizei für die Erhaltung seines aussergewöhnlichen Ensembles. […] Als der Krieg zu Ende war […] musste er nicht mehr Kapitän auf einem Boot sein, das gegen Sturm und Unwetter kämpfte – aber seine grosse Leistung bestand mit Sicherheit eben darin, dass er dieses Boot sicher durch das Unwetter führte und unter den denkbar ungünstigsten Bedingungen und Umständen zusammen mit seinen künstlerischen und technischen Mitarbeitern ein aussergewöhnliches Theater machte.» 

Der Verleger Emil Oprecht und Bertie Wolf

Emil Oprecht, geb. 1895, gest. 1952
Emil Oprecht, 1895–1952

«Emil Oprecht ist verheiratet und lebt zugleich in Beziehung mit seinem Freund Bertie Wolf. Emmie Oprecht und Bertie Wolf kennen einander und stehen auch lange nach dem Tod von Emil Oprecht miteinander in Verbindung. Bertie Wolf ist Architekt und Travestiekünstler, er ist Abonnent des Kreis und tritt dort auch an den Festen auf.» Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[13]

Bertie (Albert) Wolf 1920–2000 war feminin, aber keine Tunte, stets perfekt gekleidet, meist mit einem aprikosenfarbenen Kleinpudel unterwegs, eine schlanke, elegante Erscheinung, die Blicke auf sich zog und zugleich distanziert wirkte. Im Gespräch war er liebenswürdig, humorvoll und schlagfertig, ein brillanter Erzähler mit umfassender Bildung, ein glänzender Unterhalter. Er war hoch begabt und zugleich, wie er uns selber erzählte, das Enfant terrible einer wohlhabenden und einflussreichen jüdischen Unternehmerfamilie in Eindhoven, Niederlande. Mit 15 habe er sich in einen wesentlich älteren Mann verliebt. Zu Hause ging das nicht mehr, also «floh» er nach Zürich und begann im Oktober 1935 mit dem Architektur-Studium an der ETH, wo er bis März 1941 immatrikuliert blieb, um dann bis 1946 als Student der Kunstwissenschaft an die Zürcher Universität zu wechseln.

Bertie Wolf, vermutlich in Paris 1938/39
Bertie Wolf, 1920-2000

1938/39 besuchte er seine Familie und fuhr darauf nach Paris. Offiziell belegte er ein Semester Architektur, aber, wie er gesprächsweise im Mai 2000 sofort betonte, hauptsächlich habe er sich zum Varieté-Tänzer ausbilden wollen. Danach kehrte er in die Schweiz zurück.

In Zürich traf er Emil Oprecht (1895–1952), welcher mit Emmie Oprecht-Fehlmann (1899–1990) verheiratet war. Das war die wesentlichste Begegnung seines Lebens, wie er mehrfach erzählte. Zugleich begann er im KREIS aufzutreten und wurde dort zum erfolgreichen und beliebten Travestie-Star. Im Dezember 1944 reiste er über Genf nach Frankreich, wo er sich zum Fronteinsatz meldete, denn «ich musste mich einfach aktiv an der Befreiung meiner Heimat beteiligen«. Seinen Dienst in einem Sanitätscorps leistend, geriet er in die letzte grössere Operation der Deutschen, die Öffnet externen Link in neuem FensterArdennenoffensive.

Schwer erkrankt, völlig abgemagert und entkräftet kam er schliesslich durch Vermittlung Oprechts im März 1945 in die Schweiz zurück. Zuvor hatte das Kreis-Heft 1/1945 in deutsch und französisch seine Verabschiedung publiziert:

«Liebe Kameraden! Meine gequälte Heimat ruft mich; ich darf in einer solchen Stunde nicht Nein sagen. So muss ich den mir lieb gewordenen KREIS unerwartet rasch verlassen und ich kann nur noch auf diesem Wege allen herzlich die Hand drücken. Ich habe in vielen Stunden in Eurer Mitte froh sein und manches Schwere vergessen dürfen, dafür danke ich Euch. Denkt manchmal an mich, so wie ich euch nie vergesse. Bertie.»

Bertie Wolf, vermutlich Anfang 1944
Bertie Wolf, 1920-2000

Bertie berichtete uns: Die intime und betont private Beziehung zu Emil Oprecht sei durch diesen Kriegseinsatz wesentlich vertieft worden. Zum beruflichen und gesellschaftlichen Leben der Oprechts habe er anfänglich Distanz gehalten. Er habe sich aber bald mit der Kabarettistin Voli Geiler vom Kabarett Cornichon berfreundet und auch mit den Schauspielerinnen Therese Giehse und Maria Becker. Über die Oprechts habe er später auch Katja und Thomas Mann kennen gelernt.

1938 wurde Emil Oprecht Verwaltungsratspräsident der «Neuen Schauspiel AG» und holte Oskar Wälterlin als Direktor und künstlerischen Leiter an die Pfauenbühne. Die beiden wurden rasch gute Freunde. Oprecht war es auch, «der die Bühne, als deren Kaufmännischer Direktor, der er auch noch war, sicher durch den Krieg gesteuert hat.» Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[14] 

Er war der Bruder des bekannten Nationalrats Hans Oprecht (ZH, SP). Schon früh wurde Emil Mitglied der sozialdemokratischen Jugendorganisation und in den 20er Jahren Mitbegründer der gewerkschaftlich-kommunistischen Unionsbuchhandlung. Seine eigentlich politische Stunde schlug aber 1933: Im Schaufenster der 1925 gemeinsam mit Conrad Helbling gegründeten Buchhandlung Oprecht an der Rämistrasse 5, beim Zürcher Bellevue, errichtete er mit etlichen der am 10. Mai in Berlin öffentlich verbrannten Bücher einen Scheiterhaufen und setzte damit ein klares Protestzeichen.

Jetzt weitete er seine Buchproduktion aus. «Zum 1925 gegründeten Verlag Oprecht und Helbling, dem späteren (literarisch orientierten) Oprecht-Verlag, kommt 1933 der (politisch ausgerichtete) Europa-Verlag hinzu, der sich 1939 mit einem weiteren Haus nach New York verzweigt.» Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[15]

Emmie war die «Innenministerin» des ganzen Unternehmens. Ein Drittel des Verlagsprogramms war Emigranten aus Deutschland gewidmet. Zu diesen über hundert Autoren zählten u.a. Else Lasker-Schüler, Arthur Koestler, Willy Brandt, Ernst Bloch, Walter Mehring, Alfred Polgar, Max Horkheimer, Ignazio Silone, Heinrich Mann.

Die Buchhandlung und die Verlagsräume an der Rämistrasse wie auch die herrschaftliche Wohnung von Emmie und Emil Oprecht-Fehlmann am Hirschengraben 20 wurden zum wohl wichtigsten Exilantentreffpunkt Zürichs. Pikanterweise lag die Wohnung in unmittelbarer Nähe des Deutschen Generalkonsulats mit seiner gehissten Hakenkreuzfahne. Klar, dass Oprecht zum Ziel des Hasses und der Polemik sowohl der Frontisten in der Schweiz wie auch der Leute im Generalkonsulat und über dieses der Regierung in Berlin wurde, die sich durch verschiedene Massnahmen, auch Eingaben in Bern, um seine Isolierung und das Ausschalten seiner Tätigkeiten bemühte.

«Damals hat man ihm mit dem Tod gedroht. Adolf Hitler hatte ein Kopfgeld von 100'000 Mark auf Emil Oprecht ausgesetzt. Er war ein ‹Partisan› der ersten Stund.» Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[16]

Oprecht setzte sich unbeirrt und hartnäckig durch. Und dies trotz Widerstand von Kreisen der Schweizer Politik gegen linke und jüdische Exilliteraten und der Kultur, speziell der Schweizerische Schriftstellerverein, welche mit ähnlichen Argumenten opponierten und kleinliches Konkurrenzdenken pflegten. 1937 gab es eine Verwarnung durch den Bundesrat – auf Beschwerden Deutschlands – wegen «ausländischer Tendenz- und politischer Kampfliteratur» gegen Reich und Hitler. In Deutschland selber erfolgte im gleichen Jahr der Ausschluss aus dem «Börsenverein deutscher Buchhändler» und ab 1938 war Oprechts gesamtes Verlagsprogramm auf dem Nazi-Index. Damit waren die Auslieferungslager im Reichsgebiet verloren und jeder Verkauf gestoppt. Dasselbe geschah wenig später in Österreich und schliesslich in allen nazi-besetzten Gebieten Europas.

Die Aktivitäten des Ehepaares Oprecht galten von nun an vermehrt der Fluchthilfe bei uns und im nichtbesetzten Teil Frankreichs, wo viele auf die lebensrettenden Visa für die USA warteten. Dankesbriefe von Präsident Roosevelt und Premier Winston Churchill zeugen von diesem selbstlosen Einsatz. Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[17]

Eine Freundschaft besonderer Art verband Emil und Emmie Oprecht mit Thomas und Katja Mann. Ab 1937 trafen sie sich regelmässig.

«Oprechts Engagement und seine Verbindungen legen es nahe, die antinazistischen Kräfte auch in einer Zeitschrift zu bündeln. […] Dass die Zeitschrift bei Oprecht erscheinen soll, steht ausser Frage, und Thomas Mann lässt sich als Herausgeber nicht lange bitten.» Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[18]

Die Zeitschrift Mass und Wert hielt sich über drei Jahrgänge, 1937/38, 1938/39 und 1939/40. Seit dem Sommer 1938 lebte das Ehepaar Mann in den USA. So kam es, dass der Sohn Golo Mann den letzten Jahrgang betreute und herausgab.

1952 kehrten die Manns endgültig nach Europa zurück und liessen sich in Kilchberg bei Zürich nieder. Emil Oprecht empfing sie am Flughafen. Schon damals war er krank und hatte eine Operation hinter sich. Seine Krankheit, Leberkrebs, war unheilbar. Er starb am 9. Oktober 1952.

Aus der Rede, die Thomas Mann am 12. Oktober zur Abdankung Oprechts hielt:

«Er war mein Freund, war mir gerecht und treu, und hier will ich sagen, dass ich die Freundschaft dieses schweizerischen Europäers als Zierde meines Lebens empfunden habe.»

Bertie Wolf 2000
Bertie Wolf, geb. 1920, gest. 2000, anlässlich seines Besuches im Theater Keller 62, Zürich, Mai 2000

Nach dem Tod Emil Oprechts wandelte sich die familiäre Verbundenheit mit Emmie – Aussenstehende hielten ihn für den Sohn der Oprechts – in eine fürsorgliche Freundschaft. Die Witwe Oprecht führte das Geschäft weiter und Bertie, der mit einem Couturier zusammenarbeitete, entwarf und schneiderte Kleidungsstücke, welche sie für Repräsentationszwecke benötigte. Dieses besondere, von Sympathie und Respekt getragene Verhältnis hielt an bis zum Tod von Emmie.

Diese Details aus seinem Leben erzählte Bertie auch Beat Frischknecht am 7. Mai 2000. Wenig später war er bei uns und wir sprachen über einen möglichen gemeinsamen Auftritt in einem «Nostalgie-Programm KREIS». Doch zuvor wollte er noch eine Weltreise unternehmen. Leider kam es anders: Nur Wochen später erkrankte er unheilbar an Krebs und kehrte in die Niederlande zurück zu seiner Schwester, wo er am 10. November 2000 starb. Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[19]

Öffnet internen Link im aktuellen FensterErnst Ostertag, Oktober 2004