Eine Gemeinschaft mit hohem Niveau
Die Zeitschrift Menschenrecht und ihre Abonnenten-Gemeinschaft
1940
«Blick in die Zukunft» so hiess der von
Rolf allein verfasste Leitartikel auf der ersten Seite des Menschenrecht 1/1940. Er zeigte unmissverständlich den Weg in eine eher gebildete, eher elitäre Abonnenten-Gemeinschaft von anonym bleibenden homosexuellen Männern und einigen wenigen Frauen:
«Der neue Weg kann beschritten werden. – Durch den Willen vieler alten und eine kleine Anzahl neuer Abonnenten können wir an die Aufgabe herantreten, die wir uns gestellt haben: in diesen wenigen Blättern künstlerischen Formulierungen unseres Lebensgefühls Raum zu geben, seien es Gedichte, Novellen, Bruchstücke aus Romanen oder, wenn es unsere Mittel erlauben sollten, Zeugnisse der bildenden Kunst. […] Bisher wollten wir versuchen, möglichst jedem Geschmack Rechnung zu tragen, um durch einen möglichst umfassenden Abonnentenkreis grössere Mittel […] zu gewinnen. Die Zeit hat uns gelehrt, dass dieser Weg falsch war. Wir können uns nur an diejenigen wenden, die ein wirkliches Interesse an den Kulturerscheinungen haben, die aus unserem Eros heraus geboren werden. Alle anderen interessieren uns nicht mehr. […] Alle Veranstaltungen, die wir ab und zu treffen, wollen wir nur noch unseren Abonnenten zugänglich machen. […] Diese Kameraden gehören zu uns und wir zu ihnen.
Wir haben ein neues Postcheck-Konto gewählt, […] das einzig und allein für unsere Zeitschrift bestimmt ist. […] Als wichtiges neues Moment ist die Abonnentennummer zu nennen für Freunde, die aus irgend einem Grunde anonym bleiben wollen. […] Vertrauensperson ist und bleibt immer noch
Mammina; sie geniesst das Vertrauen auch unserer männlichen Abonnenten seit Jahren, sie ist auch allein verantwortlich für die Korrespondenz.»
Stil und Inhalt dieses Artikels mit seiner rigorosen Art und elitären Zielsetzung, beides nie typisch für Rolf und schon gar nicht für Mammina, deutet auf die Mitarbeit von
Charles Welti als Co-Autor und Mitdenker hin. Kultur-Zirkel und nicht politische Aktionszelle oder gar Biertisch-Atmosphäre, das entsprach seiner Persönlichkeit. Darin traf er sich mit den Ambitionen von Rolf, welche dieser bisher noch nicht so klar zu denken und formulieren sich zugestanden hatte.
Um den neuen Stil zu demonstrieren folgte ein homoerotisches Gedicht aus der Sammlung «Gedichte des Episthenes», die der Oprecht Verlag eben herausgebracht hatte, und es begann der auf zwei Nummern verteilte Auszug aus dem romanhaften Bericht «Die sieben Säulen der Weisheit» von
T. E. Lawrence (Lawrence of Arabia) mit der Episode «Daud und Farradsch», einer erotisch knisternd beschriebenen Wüstendurchquerung des britischen Offiziers mit seinen beiden jugendlichen Begleitern. In Nummer 2/1940 erschien ein Ausschnitt aus
Stefan Zweigs Roman «Verwirrung der Gefühle» und Rolf selber, als Gaston Dubois, steuerte eine spannende Erzählung bei, eine zeitnahe «Grenzgeschichte» aus dem Militärdienst mit dem Titel «Die Entscheidung».
[1] In denselben beiden Heften kam auch ein theologischer Essay von Dr. Hans Hartmann, «Der Irrtum des Apostel Paulus», zur Veröffentlichung, worin neue Sichtweisen der bekannten paulinischen Verurteilung homosexuellen Verhaltens diskutiert wurden. Und die Rubrik «Das künstlerische Werk» (erstmals in 10/1940) begann mit regelmässigen Besprechungen und Ankündigungen einschlägiger Bücher, fortgesetzt bis zum Ende des
Kreis.
Wille zum Widerstand und zum Überleben als freie Nation
Rolf versuchte im Menschenrecht vom Juni,
[2] geschrieben als die Schlacht um Frankreich erst begonnen hatte, die Gefühle seiner Abonnenten in Worte zu fassen und in den grösseren Zusammenhang zu stellen, den zu erkennen die Aufgabe der Stunde war. Seinen Worten voran setzte er quasi als Leitmotiv den Begriff «Bereitschaft»:
«Über Europa rasen die apokalyptischen Reiter. Millionen stehen gegeneinander auf. […] Ist das alles der Anfang des tausendjährigen Reiches der Bibel, währenddem Gott sich in seine Himmel zurückwendet und dem Fürsten aus dem Abgrund die Herrschaft der Erde überlässt? […] Hunderttausende unseres Landes haben ihre Arbeit verlassen, […] damit wir jeden Tag noch den ungeschändeten Himmel über uns sehen. Sie stehen auf den Bündner Felsentürmen und den uralten Burgen des Gotthard, sie liegen auf den Hängen des Jura, in den Wäldern am Rhein und sie wachen auf dem Bodensee-Rücken. Sie fragen nicht nach dem Enderfolg, sie tun es einfach, weil ihnen ein Leben ausserhalb unserer Volksgemeinschaft nicht denkbar wäre. Der Freisinnige steht neben dem Sozialisten, der Katholik neben dem Protestanten und, folgern wir ruhig weiter, der Weib-Liebende neben dem Mann-Liebenden. Diese Tatsache ist eines der wenigen frohen Erlebnisse dieser unheilvollen Zeit.
Das Märchen von der Minderwertigkeit des Homoeroten widerlegt das Leben der Wirklichkeit wieder einmal besser als alle wissenschaftlichen Untersuchungen. Geht man durch die Strassen, so entdeckt man unter der Militärmütze oft ein Gesicht, von dem man weiss, dass es einem Menschen unseres Kreises gehört. Ja, man ist erstaunt, wie viele von uns es plötzlich sind, die das Wehrkleid tragen. Und nicht nur das des einfachen Soldaten. […] Das Grössere ist heute die Weiterexistenz unserer Heimat; mit ihrer Fortdauer erhalten wir auch eine Fortdauer unseres Menschenrechts, unseres Lebensgefühls.»
Bilderdienst
Ab Nummer 4 fehlten die Illustrationen, vermutlich aus finanziellen Gründen. Offenbar haben sich Leser aber deswegen beschwert. In Nummer 8 startete die Redaktion mit einem neuen Konzept. Sie wurde in der Rubrik «Briefkasten der Redaktion» vorgestellt:
«Bilder für das Menschenrecht? Man hört immer wieder diese Forderung und man verspricht sich von ihrer Erfüllung eine Steigerung der Abonnentenzahl. Rolf unternimmt nun einen einmaligen Versuch. […] Dieser Nummer liegt eine Photo-Kopie ‹Der Tauzieher› bei, die jedem Abonnenten einen Begriff gibt, was man […] leisten könnte und möchte.»
Das Ganze dürfe aber das Budget der Zeitschrift nicht belasten. Abonnenten, die regelmässig ein solches Bild guter Qualität mit dem Heft zusammen beziehen möchten, sollten den für ein Jahr geforderten Betrag von Fr. 1.50 überweisen und auf dem Schein den Vermerk ‹Bilderdienst› zusammen mit der Abonnentennummer anbringen.
«Wir schicken also nur denjenigen Abonnenten Abzüge, die dafür einzahlen. […] Zweifelhafte oder gar pornographische Aufnahmen besitzen wir nicht und können sie auch nicht veröffentlichen; jede Anfrage in dieser Hinsicht ist überflüssig. Wir wollen dem mann-männlichen Eros dienen, der Freude des Mannes am Manne.»
Das war der Anfang des späteren
Bilderdienstes des Kreis
Erzählungen, Gedichte, Mundart-Geschichten und Werk-Besprechungen
Die beiden Hefte 7 und 8 brachten Werke von Ernst Penzoldt: die Novelle «Winckelmann» und eine ebenfalls homoerotische Geschichte aus «Die Portugalesische Schlacht». Das Oktoberheft schliesslich war eine eigentliche Literaturnummer. Rolf begann mit einer Serie von Mundart-Erzählungen und die erste davon hiess «Allerseele, E Skizze vom Karl Pfenninger». So ging es fort, zunächst regelmässig, dann mit Unterbrüchen bis in den Mai und November 1941. Die beiden Geschichten 1941 nannten «Beatus Schlicht» als Autor, doch Sprache und Stil weisen eindeutig auf Rolf. Im Menschenrecht 4/1942 erschien die letzte davon: «D' Bäsi, vom Rolf». Sie alle sind besondere, eindrückliche Geschichten von einfachen Menschen, erzählt in einer urchigen und doch immer auch poetischen Sprache und würden es verdienen, einmal wieder neu und als Ganzes herausgegeben zu werden. Sie sind wohl die einzige rein homoerotische Prosa in Schweizer Mundart, Zürcher Dialekt mit Ostschweizer Einschlag.
Dies zumindest vor
Martin Frank, dessen Bücher in Bärndütsch in den 70er und 80er Jahre Bestseller wurden.
Das Literaturheft vom Oktober 1940 brachte auch ein langes dreiteiliges Gedicht von
Sagitta, entnommen aus seinen «Büchern der namenlosen Liebe». Zugleich begann Rolf «Das künstlerische Werk» mit den beiden Sagitta Titeln «Der Puppenjunge» und «Bücher der namenlosen Liebe». Ein Hinweis informierte, dass diese Werke zwar nicht mehr im Buchhandel, aber antiquarisch noch immer zu finden seien.
In 11/1940 folgte unter derselben Rubrik, «Das künstlerische Werk», die Einführung in Otto Zareks «Begierde, Roman einer Weltstadtjugend», über den Rolf schon in
Der Eigene geschrieben hatte. Er schloss: «Eine der bezauberndsten Stellen des Werkes veröffentlichen wir in dieser Nummer. Mag sie für ein selten gewordenes Buch werben, das vereinzelt noch durch Buchhandlungen und Antiquariate erhältlich ist.» Unter dem Titel «Geschenk des Lebens» erschien der Ausschnitt auf Seite 6 und 7. Ein «Oliver» fügte Rolfs Besprechung die Beschreibung eines «subtilen Versbandes» an, «Die dunkle Wanderung» von René Lermite. Im Eigenverlag sei dieses Buch erschienen und könne durch die Redaktion bezogen werden. Die Rubrik schloss mit der Aufforderung: «Wer seinem Freund auf Weihnachten etwas Wertvolles schenken will, wird in den Bücheranzeigen dieses Jahres sicher etwas finden. […] Wir verweisen nachdrücklich auf die zweite Umschlagseite.» Dort und gelegentlich als beigelegte Bücherzettel fanden sich stets viele interessante Titel.
Die Rubrik im Weihnachtsheft 12/1940 brachte u.a. eine Besprechung der Gedichte des Grafen
August von Platen aus einer besonders als Geschenk geeigneten bibliophilen Ausgabe von 1921 und wies die «Bücherfreunde» nochmals auf den bereits im Januar vorgestellten Band «Gedichte des Episthenes» hin.
Prostitution, «ein dunkles Blatt»
Dieses «dunkle Blatt» versuchte Rolf als Rudolf Rheiner von der menschlichen Seite her aufzuhellen in einem Essay, den er über die beiden Nummern 10 und 11/1940 verteilte. Er bezog sich dabei auf den «Puppenjungen» von Sagitta und den ebenfalls in derselben Rubrik besprochenen französischen Roman «Hotel zum Goldfisch» von Scouffi, beides Bücher über das Leben eines Strichjungen. Dann fuhr er fort:
«Durch diese Kerle werden immer wieder Skandalaffären aufgerührt, sie begehen kriminelle Handlungen – darum gehört der Strichjunge hinter Schloss und Riegel! – Diese ‹Logik› hinkt! […] In den allermeisten Fällen wird es eben doch Not sein, bittere Not, die Menschen zu dieser Handlung treibt. […] Wo wir auf solche Kerle stossen, die aufrichtig versuchen, Boden unter den Füssen zu gewinnen, da sollten wir auch versuchen, wirklich zu helfen. […]
Prostitution – ein dunkles Blatt in der Liebesgeschichte der Menschheit. In unser aller Macht liegt es, es aufzuhellen: wenn wir in jedem Lebensgefährten den Menschen erkennen und anerkennen. Über die Jahrtausende hinweg leuchtet eines der schönsten und erschütterndsten Bilder: Sokrates am Tage seines Todes, den Arm gelegt um Phaidon, den schönen Jüngling, der allen zu Willen sein musste, die ihn kauften. […] Der grosse Weise neigt sich in seinen letzten Stunden zum Menschen Phaidon. Wie einige hundert Jahre später der Zimmermannssohn aus Nazareth sich zur Dirne Magdalena neigt und in ihr ebenso den zertretenen Menschen grüsst, der im Grunde nichts anderes wollte, als einmal wirklich geliebt zu werden. […] Gegen Erpressung, Drohung, Gewalt, gegen Verbrechen müssen wir uns schützen. Das steht ausserhalb jeder Diskussion. Wo wir aber vor auswegloser Not stehen, vor Menschen, an denen Menschen unserer Art schuldig wurden, da bleibt nur die Mahnung: Wer unter Euch ohne Fehl ist, der werfe den ersten Stein.»
Rückblick, Jahresversammlung und das Lokal des Lesezirkels «Veritas»
Was früher noch eine nach aussen kämpferische Liga war, hatte sich langsam aber stetig in ein still verborgenes Réduit oder Ghetto zurückgezogen. Menschenrecht bedeutete nun das Recht auf ein Stücklein Heimat unter sich, wo man für einmal kein Doppelleben führen musste und in Gesellschaft von seriösen Kameraden mit Niveau ganzer Mensch sein durfte. So äusserte sich «Die Redaktion» am Jahresende in 12/1940:
«[…] Wir haben versucht, in schwieriger Zeit durchzuhalten, […] mit der Form einer Novelle, der Diskussionsbasis eines Artikels, dem Klang eines Gedichtes für unsere Menschenrechte die Stimme zu erheben: für das Recht zu leben ohne die Rechte eines anderen zu verletzen. […] Wir glauben, dass man diese Blätter dem einen und anderen in die Hand drücken darf mit der Mahnung: Sieh, auch das ist unsere Welt! Das haben Dichter geschrieben, das haben Gelehrte als richtig erkannt, hervorragende Männer. Glaubst Du nicht, dass dieser Kampf ein gerechter ist, wenn heute auch noch Berge des Unverstands dagegen stehen?»
Dann folgten Hinweise:
Am 22. Dezember um 14 Uhr sei Jahresversammlung und dabei werde auch die Buchhaltung präsentiert.
«Die vorhandene Abonnentenzahl reicht immer noch nicht aus, um alle Druck- und übrigen Unkosten (Porti) bestreiten zu können. […] Es gingen uns – ohne die Holländer – 20 Abonnenten verloren.» Es wurde daher wie im Vorjahr um eine schriftliche Abonnementszusage gebeten. «Die beiliegende Eintrittskarte ist nur persönlich und unter keinen Umständen übertragbar. […] Der auswärtigen Abonnenten wegen bitten wir dringend um pünktliches Erscheinen, damit wir die vorgesehenen Zeiten für die Jahresversammlung, für den festlichen und den gemütlichen Teil wie auch für das gemeinsame Essen einhalten können.
Unsere Weihnachtsfeier, die punkt 17 Uhr beginnt, wollen wir der Zeit entsprechend gestalten: einfach, herzlich, ohne lauten Betrieb. […] Wir wollen nicht vergessen, dass zur gleichen Zeit ungeheuer viel Leid in der Welt ist – und wir in diesen festlichen Stunden eine Gnade geniessen, um die uns Tausende in anderen Ländern beneiden.»
Das Lokal befand sich nun im Hotel «Rothaus» an der Marktgasse 17, 1. Stock. Das geht aus einer Beilage zum MR 4/1941 hervor, worin es unter Angabe der Adresse «unseres Lokals» hiess: «Ostern feiern! Von nachmittags 2–3 Uhr wird Rolf vortragen, nachher können wir ununterbrochen bis nachts 12 Uhr tanzen. Für die Nichttänzer liegen Bildersammlungen und gute, einschlägige Literatur auf. […] Die Zusammenkunft gilt nur für Abonnenten! Bitte am Eingang sich mit dieser Einladung ausweisen! […] Für den Lesezirkel ‹Veritas›: Die Redaktion».
[3]
Ernst Ostertag, August 2004

