Das ferne Ziel
Die Zeitschrift Menschenrecht und ihre Abonnenten-Gemeinschaft
1941
Unter diesem Titel fasste
Rudolf Rheiner im März 1941
[1] seine Vision in Worte:
«Der Kampf ‹gegen Ächtung und Vorurteil› bleibt einer der wesentlichsten Faktoren; […] er wird noch Jahrzehnte dauern, vielleicht noch ein Jahrhundert. […]
(Das) ist aber nicht das einzige Ziel. Wir erstreben eine neue Gemeinschaft mit Menschen gleichen Schicksals, […] denen künstlerische Gestaltungen dieses Schicksals ein seelisches Bedürfnis ist wie für den Leib das Brot. […]
Diese Zeitschrift könnte aber noch mehr sein: der Platz, wo Schriftsteller unserer Art Stücke aus unveröffentlichten Werken zum ersten Male abdrucken, der Platz, wo lebende Mediziner und Juristen unsere Neigung von ihrem Standpunkt aus beleuchten, 'Pro und Contra' nebeneinander stellen. […]
Eine andere Notwendigkeit: ein eigener Raum, der ausschliesslich diesem Kreis zugänglich ist. In diesen Raum gehört eine Bibliothek aller einschlägigen Werke der Wissenschaft und der schönen Literatur, gehören einwandfreie Bildersammlungen. […] Dieser Raum könnte der Mittelpunkt für alle Abonnenten werden, […] (die) von Zeit zu Zeit für ein paar Stunden (in) der Welt leben, die wir nun einmal brauchen, um innerlich nicht zu verarmen, zu vereinsamen. […]
Das ist und bleibt das ferne, schöne Ziel – wenn der Krieg einmal zu Ende ist! […] (Dann) wären wir nicht so prüde, keine Feste zu veranstalten!»
«Die Freundin»
Ab 1/1941 gab
Mammina den (meistens) drei Frauenseiten im Menschenrecht, für die sie verantwortlich blieb, eine neue Überschrift: «Die Freundin». Es war ihre Vision: Ausbau zur eigenständigen Frauenzeitschrift, dem Menschenrecht beigeheftet. Sie hoffte auf mehr Abonnentinnen. Aber das Gegenteil trat ein. Es blieben schliesslich noch drei Frauen dem Menschenrecht treu – gegenüber rund 100 Männern. In 9/1941 wurde die Aufgabe des Frauenteils angekündigt und das Weihnachtsheft schloss diese Seiten endgültig mit dem Kapitel «Finale» aus dem Roman «Freundinnen» von Maximilian Ackers.
Wohin sich die Frauen zurückzogen, in kleinste Zirkel, an einige Treffpunkte in bestimmten Restaurants oder gänzlich ins Private – es blieb und bleibt wohl weiterhin unbekannt. Erst dreissig Jahre später sollten wieder sichtbare Frauengruppen entstehen.
Über den Berg?
Die Julinummer brachte erstmals den vollen Abschluss einer Rechnung, derjenigen des ersten Halbjahres. Sie war – auch das erstmals – einigermassen ausgeglichen. So konnte ganz unten vermerkt werden: «Es ist durchaus anzunehmen, dass die Ausstände noch eingehen werden und das kleine Manko (Fr. 72.10) bis Ende des Jahres gedeckt wird. Geprüft und als richtig befunden: Die beiden Revisoren: Abonnent 105 und Abonnent 109».
Die Angabe der Abonnentennummer an Stelle eines Namens schien im schriftlichen Verkehr bereits Gewohnheit zu sein. Das blieb so bis Ende 1967. Auch die Zahlen des Bilderdienstes waren angefügt, was auf anhaltenden Erfolg dieses Angebots hindeutete. Auch das blieb so bis in die 60er Jahre.
«Das künstlerische Werk», Wissenschaft
In Januar stellte Rolf zusammengefasst das Schauspiel «Opernball 13» des Schweizers
Cäsar von Arx vor und setzte eine Schlüsselszene ins Heft. Das Werk erschien 1932, einleitend schrieb er:
«und jeder von uns sollte es kennen und besitzen! Es enthält die schönste Liebesszene mannmännlicher Neigung, die wir in der modernen Bühnenliteratur besitzen; […] Das Stück spielt während des ersten Weltkrieges 1914/18. Im Mittelpunkt steht die Spionageaffäre des österreichischen
Obersten Redl. […] Oberst Lert ist eine menschlichere Gestalt als der Oberst in Wirklichkeit. […] Nur so konnte der Dichter die gewagte Fragestellung der mannmännlichen Liebe in die dramatische Diskussion werfen. […] Seine geistige Haltung überzeugt und erschüttert, sodass dieses Drama über alle Schweizer Bühnen, auch die kleinen, gehen konnte, ohne unser Lebensschicksal in eine fruchtlose Auseinandersetzung mit Unverständigen zu reissen. […] Die Einfühlungsgabe des nicht homoerotischen Dichters in unsere Welt ist erstaunlich. Das Stück kann durch alle Buchhandlungen bezogen werden.»
Wissenschaftliche Themen brachten die Nummern 5 und 6/1941 mit einer Abhandlung von
Dr. Sigmund Freud unter dem Titel «Die Inversion» und die Hefte 10 und 11 mit
Dr. Kurt Hiller zum Thema «Ethische Aufgaben der Homosexuellen».
Zudem wurde in 3/1941 auf den Unterschied zwischen dem neuen StGB und dem Militärstrafgesetz hingewiesen: Im Militär sind und bleiben alle homosexuellen Handlungen verboten und werden bestraft, was auch zu Konsequenzen im Zivilleben führen kann! Eine wichtige Information an alle «Feldgrauen».
Chers amis romands
Im April erschien erstmals ein Beitrag in französischer Sprache. Es war ein Auszug aus dem Roman «Méditerranée» von
Panaït Istrati, überschieben mit «Mort de Mikhaïl». Er schilderte den Abschied vom Freund, der seine tödliche Krankheit (Tuberkulose) nicht mehr länger ertragen konnte und sich daher das Leben nahm. Die letzten Sätze:
«Avec la disparition de Mikhaïl, disparurent également mes moyens d'aimer un homme comme on aime du dieu. Et je ne sais pas ce qui manque le plus sur la terre: ces dieux de la vie, ou bien l'amour à leur mesure? Pour moi, les dieux vinrent et s'en allèrent par les mêmes voies mystérieuses. Ce fut une visite. Elle dura neuf ans et j'en fis une habitude. Je crus que cela en pouvait être qu'ainsi. Non, ce n'était que mon grand jour de fête. Il s'évanouit, comme une éclipse.»
Darunter folgte die Anregung an alle Welschen, doch mitzuarbeiten und Texte, eigene oder Abschnitte aus Büchern, zu liefern, um diese Literatur auch den Deutschschweizern bekannt zu machen:
«Petite observation: Welsches! Vous le savez, Rolf a énormément de travail avec les textes allemands. On ne peut pas lui demander encore une tâche supplémentaire. Nous n'avons pas de jus de raves dans les veines. Donc montrons nos talents et faisons aussi connaître à nos amis de Suisse alémanique des oeuvres qu'ils apprécieront certainement. Donnez vos idées. Nous en avons besoin.»
Gezeichnet war der Aufruf mit «Hyptus», der später im Kreis vor allem als Lyriker bekannt werden sollte.
Die Septemberausgabe brachte einen zweiten französischen Beitrag mit der Überschrift «Le Réveil des sens».
C.W. stellte ihn vor als Abschnitt aus dem Entwicklungsroman «Les Hors-Série» von Georges Ernault.
Die Dezembernummer schloss mit einem Aufruf von Charles Welti an alle Leser in der Westschweiz. Er bedankte sich für die eingegangenen Schreiben alter und neuer Abonnenten und bat um weitere Mitarbeit und Werbung:
«Chers amis romands,
[…] Nous avions ces derniers mois la grande joie de constater que certains de nos amis en Suisse romande ont eu connaissance de l'existence de notre petit cercle et son activité, hélas, bien modeste encore. Nous avons lu avec plaisir ces lignes de sympathie. […] La décision de publier périodiquement des articles en français n'était point sans risques. […] Permettez-nous donc, chers amis, […] le double appel: Prêtez-nous votre précieuse collaboration […] et tâchez de recommander notre journal à vos amis. […] Nous n'avons certes pas besoin de vous rassurer que vous servirez une bonne cause – nous ne doutons point que vous possédez cette certitude en vous-mêmes, ce qui est de beaucoup plus précieux.»
Ernst Ostertag, August 2004

