Titelblatt «Menschenrecht»
Titelblatt «Menschenrecht»

Mit diesem Jahr trat das einheitliche eidgenössische Öffnet internen Link im aktuellen FensterStrafrecht (StGB) in Kraft. Und Öffnet internen Link im aktuellen FensterRolf / Karl Meier änderte das Titelblatt der Zeitschrift: Menschenrecht, X. Jahrgang. Der Vermerk auf das Öffnet internen Link im aktuellen FensterFreundschafts-Banner als Vorläufer entfiel, nur der Jahrgang zählte ab 1932. Öffnet internen Link im aktuellen FensterAnna Vock gab den Verlag ab und Karl Meier übernahm ihn mit neuem Namen: Verlag Öffnet internen Link im aktuellen FensterDer Kreis. Zugleich erschienen regelmässig französische Seiten, die bald zum französischen Teil wurden. Dafür fehlten die Frauenseiten. Der Wandel vom ursprünglichen Kampfblatt zur breit informierenden Kulturzeitschrift war vollzogen und wurde in den folgenden Jahren konsequent weiter ausgebaut.

Das war zweifellos auch das Werk von Charles Welti / Eugen Laubacher. Er führte – als Bankier – ein perfektes Doppelleben und war in jeder Situation ein diszipliniert angepasster Mann mit vor allem literarischen und künstlerischen Interessen. Zudem war er finanziell fähig, das Überleben des Menschenrecht und später des Kreis notfalls zu sichern. In jeder Beziehung der ideale Partner für Rolf.

Das perfekte Doppelleben von Öffnet internen Link im aktuellen FensterEugen Laubacher

Das Öffnet internen Link im aktuellen FensterStrafgesetz (StGB) war von den massgebenden Politikern gutgeheissen worden mit dem Argument, dass damit die Homosexuellen keinerlei Anlass zu «Propaganda» und Öffentlichkeitsarbeit mehr hätten, dass sie im Schatten des Gesetzes inskünftig still und unauffällig bleiben sollten. Damit war ein nationaler Tabubereich geschaffen und die «angepassten», und damit «anständigen» Homosexuellen hielten sich daran. Der KREIS war eine Art Garantie und Güte-Label dieses stillschweigenden Agreements, das von den städtischen Behörden Zürichs bis 1960 auch ihrerseits eingehalten wurde.

Die Erwartungen der Politiker und ihre Voten zum eidg. StGB Öffnet internen Link im aktuellen Fensterim Parlament

Tischrunden von Abonnenten

Die Mitglieder der vergangenen Organisationen Öffnet internen Link im aktuellen Fenster«Schweizer Freundschafts-Verband» und Öffnet internen Link im aktuellen Fenster«Liga für Menschenrechte» waren schon im Vorjahr zu Abonnenten geworden und formten sich im Lauf des Jahres zu «Tischrunden DER KREIS». Frauen waren nicht mehr dabei. Ausser Mammina mit – gelegentlich – ihrer Lebensgefährtin bei gewissen festlichen Anlässen. Im MR 2/1942 wurde eine «Zürcher Tischrunde DER KREIS» erstmals erwähnt. Sie fand sich jeden Mittwochabend zusammen. Diese Entwicklung entsprach der Zeit: Rückzug ins Réduit, wie das Öffnet externen Link in neuem FensterGeneral Guisan in seinem Öffnet externen Link in neuem FensterRütli-Rapport vom 25. Juli 1940 seinen Offizieren erklärte, und für die Schwulen ins Ghetto, den Schutzraum.

Menschenrecht 3/1942 erwähnte «Tischrunden» in Bern und Biel, 10/1942 eine in Chur. In seiner Ansprache zum 25. Jubiläum erzählte Rolf, Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[1] «wie aus einem Jasstisch von vier Abonnenten sich der heutige KREIS entwickelte […]». Auch in Zürich handelte es sich anfänglich um einen sehr kleinen Zirkel, nur, dass jene in anderen Städten nicht bestehen blieben.

Sicherung der Adressen der Mitglieder

Im «Briefkasten der Redaktion» antwortete Rolf dem Abonnenten Nr. 254 aus Moutier auf dessen Bedenken, Adressen könnten in die Hände der Polizei gelangen, dass dieses «Gräuelmärchen» leider immer wieder herumgeboten werde und versicherte: «Die Sittlichkeitsbehörden von Zürich, Bern und Basel haben niemals von Rolf Einblick in die Adressenliste verlangt» und würden das auch nie tun, solange keine Rechtsverletzungen seitens der Redaktion vorliegen, was absolut auszuschliessen sei. Er fuhr fort:

«Wenn der Polizei in allen Städten so viele Adressen und Namen bekannt sind – ‹man spricht› von erstaunlichen Zahlen! – so hat das seinen Grund darin, weil viele bei bestimmten Spaziergängen weit weniger Vorsicht walten lassen als beim Abonnieren unserer Zeitschrift! Schliesslich löst jetzt das Bekanntwerden der Veranlagung bei der Polizei keine Folgen irgendwelcher Art (mehr) aus, wenn keine Rechtsverletzungen vorliegen. Es gibt einen obergerichtlich entschiedenen Schutz der privaten Geheimsphäre (Art. 28 des Zivilgesetzbuches), den auch die Polizei nicht verletzen darf.»

Damit spielte er auf den Prozess gegen den Herausgeber der Zeitschrift Guggu an, die 1939 wegen Verletzung dieses Schutzes der Privatsphäre ihr Erscheinen einstellen musste.

Die Diffamierungskampagnen im Öffnet internen Link im aktuellen FensterScheinwerfer und Guggu

Zur Inkraftsetzung des eidg. StGB und seinen Bestimmungen über Homosexualität

Wie in der Januarnummer angekündigt, begann Rudolf Rheiner im Februar mit einer ausführlichen Darlegung aller Aspekte der uns betreffenden Artikel des neuen StGB. Besonderes Gewicht legte er auf die Unterschiede des Schutzalters bei Jugendlichen des weiblichen oder männlichen Geschlechts und auf die verbotene Prostitution von Männern gegenüber jener von Frauen, die das Gesetz erlaubte. Unter dem Titel «Das neue Gesetz» machte er daraus eine Serie über viele Nummern. Einleitend äusserte er allgemeine, grundlegende Gedanken: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[2]

«Wer je Gelegenheit hatte, mit Schicksalsgefährten über juristische Fragen, die uns betreffen, zu diskutieren, der macht immer wieder die Erfahrung, wie wenig eigentlich unsere Kameraden über ihre rechtliche Lage wissen. […] Es ist klar, dass der Liebende […] nicht zuerst im Gesetzbuch nachschlagen wird, wie und ob er lieben darf oder nicht. Ist es Liebe, […] so wird er in tausend Jahren noch so lieben – und hat es vor zweitausend Jahren auch schon getan – ob das Gesetz nun sein Gefühl sanktioniert oder nicht. Gottvater Zeus, der sich in einen Adler verwandelte, um den hübschen Hirtenbengel Ganymed von der väterlichen Wiese wegzustehlen, wäre […] ebenso strafbar wie der junge Romeo, der in Shakespeare's unsterblicher Dichtung die vierzehnjährige Julia entführt. Juristisch sind beide Liebhaber Rechtsbrecher nach unserem Gesetz. Ich hoffe, dass damit der Begriff ‹Gesetz› und die immer irgendwo klaffende Kluft zwischen ‹Leben› und ‹Gesetz›, die jedes Zeitalter und jedes Volk wieder aus einer anderen Anschauung heraus schaffen wird, sichtbar würde.

Wir müssen uns jederzeit klar darüber sein: die rechtliche Freiheit für den Homoeroten schliesst noch nicht die öffentliche Anerkennung unseres Menschseins in sich. […] Jedes Gesetz kann einer Revision unterzogen werden, wenn es sich nicht bewährt, in unserem Falle: wenn wir uns nicht bewähren! […] Vergessen wir nicht, dass wir nicht nur politisch, sondern auch in unserem Sinne heute eine einsame Insel in Europa sind.»

In Nummer 3/1942 zitierte er aus dem bereits zum Standardwerk gewordenen Kommentar «Das schweizerische Strafgesetzbuch II. Teil» Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[3]. In der folgenden Nummer erneut, unter anderem zum Recht, gegen öffentliche Belästigung zu klagen, beispielsweise wenn ein Homoerot öffentlich beschimpft wird, und was das Gesetz über diese Möglichkeit aussagt. Schliesslich empfahl er seinen Lesern: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[4]

«[…] Wer es sich leisten kann, schaffe das kostspielige Werk an; wer in irgendeinem Punkt nicht klar sieht, präzisiere seine Frage genau an mich. Ich werde versuchen, ihm möglichst eindeutigen Aufschluss zu geben, soweit es in der Artikelfolge ‹Das neue Gesetz› nicht bereits geschehen ist. […]»

Versuch einer Erklärung der Homoerotik

Versuch einer Erklärung der Homoerotik

Das durchaus hohe Niveau, welches die Zeitschrift auch in der Erörterung wissenschaftlicher Erkenntnisse gewonnen hatte, mögen einige der Schlusssätze einer sich über drei Nummern hinziehenden Abhandlung illustrieren. Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[5] Sie war verfasst von Dr. med. Erich Meyer mit der Überschrift «Vom Paidikon Eros der Antike zur Homosexualität der Gegenwart, Versuch einer Erklärung der Homoerotik». In dieser Abhandlung werden auch einige der Ansätze und Theorien von Magnus Hirschfeld kritisch untersucht und teilweise als falsch abgelehnt, so etwa seine Lehre von sexuellen Zwischenstufen. Natürlich war dieser Beitrag bei weitem nicht der einzige seiner Art, er sei hier lediglich wegen der «modern» anmutenden Folgerungen herausgehoben:

«Auch die femininen Homosexuellen, die übrigens in der Gesamtheit der gleichgeschlechtlich Empfindenden nur einen Bruchteil bilden, der sehr häufig überschätzt wird, suchen in der Regel ihre Ergänzung durch den Vollmann. Einzig für sie passt die Bezeichnung Hirschfelds: ‹Anders als die Andern›. […] Wenn Hirschfeld, Bloch u.a. wiederholt betonen, man fände unter Homosexuellen sowohl hochbegabte wie auch Menschen mit mehr oder weniger ausgesprochenen Degenerationszeichen, so geht daraus nur hervor, dass der homosexuelle Mensch im Grunde nichts anderes ist als der heterosexuelle. Einzig seine Triebrichtung ist anders. […] Nach unseren Erfahrungen, die sich mit denen Öffnet internen Link im aktuellen FensterMolls decken, besteht zwischen der Sexualität des Homo- und Heterosexuellen psychologisch kein Unterschied. […] Wir sind mit Hirschfeld der Ansicht, dass die Homosexualität dem Homosexuellen eigen ist, d.h. sie in seiner Persönlichkeit begründet ist und völlig aus dieser entspringt. […] So betrachtet ist die Homosexualität in der Regel als eine eingeborene seelische Reaktionsweise aufzufassen. […] Ich bin der festen Überzeugung, dass es von selbst zu einer Aufhebung der gegen die Homosexuellen gerichteten Strafbestimmungen kommen wird, wenn unsere Ansicht, dass es sich einzig und allein um die seelisch bedingte Ergänzungssehnsucht einer Reihe von Menschen handelt, die sonst sich weder körperlich noch seelisch von ihren Mitmenschen unterscheiden, als in dem Ziel dieser Sehnsucht, die weder krank, noch entartet, noch Verbrecher sind, (wenn diese Ansicht) allgemeine Anerkennung gefunden hat.»

Ein Sommerfest

Rolf beschrieb einen festlichen Anlass mitten im Krieg und setzte den Titel: « Ein Fest verklingt …»: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[6]

«Der letzte Schritt verhallt im Gang, Ich bleibe allein zurück. Durch die Vorhänge blinzelt der Morgen. […] Ich bin dem bewussten Abschied von allem Schönen nie aus dem Wege gegangen. Ich liebe das Schmerzlich-Unwiederbringliche, das Bewusstmachen des Einmaligen […] und weiss auch, dass gerade dieses Bewusstmachen ein unverlierbares Besitzergreifen in sich schliesst.

Ich öffne noch einmal leise die Türe, […] als würde noch einmal froher Gruss lebendig und erwartungsvolle Augen und das leise Staunen der ‹Erstlinge› unter uns, denen frohe Gemeinsamkeit etwas ganz Seltenes bedeutet. […] (Ich räume ab und die) Wandverkleidungen fallen auf den Flügel: […] halbverwelkte Blumen, krumme Nägel, Zigarettenstummel […] Ich würde mich nicht wundern, wenn der Flügel aus Protest hochklappen und mir die ganze Bescherung an den Kopf werfen würde. – Aber er ist eben auch schon ein älterer Herr, nicht mehr ganz aus der ersten Konkurrenz, und deshalb vertragen wir uns im Morgengrauen ganz gut. – Immerhin: die Tschaikowsky Fantasie über den Monat Juni, die ein Kamerad aus dem Rüebliland spielte, hat noch ganz annehmbar darauf geklungen, auch die kleinen Stücke von Chopin und Brahms. Und die Gedichte, die ich dazu sprach? Für mich selbst ist es immer wieder erstaunlich, dass die Menschheit aus diesem gigantischen Bogen, in dem unsere Liebe sich über Jahrtausende spannt, nicht mehr gelernt hat.

[…] Wir wollten ja trotz dem Wahnsinn um unsere Grenzen ein kleines Fest feiern. Und es ist ein frohes Ja zu unserem Lebensschicksal daraus geworden. […] Nicht ein Einzelner hat diese festlichen Stunden beschworen – wir alle haben sie geformt, wir Kameraden! Wie hinreissend hat Öffnet externen Link in neuem FensterLysis sein (Eröffnungsstück) hingelegt und mit welch gewinnender Selbstverständlichkeit hat er jede Nummer begleitet. Wie ausgezeichnet hat Theo Conférence gemacht und ist nach einem arbeitsreichen Berufstag von einer Verwandlung in die andere geschlüpft. Mit welch humoriger Grandezza und Intelligenz hat Öffnet internen Link im aktuellen FensterBertie seine ‹Vertauschungen des Geschlechts› gemacht. […] Ich halte inne und für einen Augenblick erscheint vor dem heller werdenden Grau der Wände die bronzene Gestalt des javanischen Tänzers. Beinahe hundert Augenpaare folgen ihm im Banne einer fernen Welt, in der die Schönheit des männlichen Körpers sich dem Dienst einer lächelnden Gottheit weiht. Und welch fremdartiger Zauber steigt aus der ‹Chinesischen Vision›, die Gilles in einem kostbaren Kostüm tanzt, Spiel mit der Maske zur Faszination werden lässt. Wir denken an dieses Volk, das heute Ungeheures erduldet – und folgen dem leisen Tanz schweigend.

[…] Darf ich die vergessen, die unsichtbar so viel mitgeholfen haben bei der Arbeit, von der man nichts sieht und nur merkt, wenn sie nicht gemacht ist, Danilo und Felix, Ric und Mutz? Oder Jan, der ein halbes Vermögen in Blumen verwandelte und den Mitwirkenden in die Arme drückte? […] War das nicht gerade das Bezwingende an dem schönen Abend, dass man die grosse Gemeinschaft spürte von Gebenden und Nehmenden, die jeder auf seine Art mitgeschaffen hatte!»

Der Pianist Öffnet internen Link im aktuellen FensterNico Kaufmann «Lysis» war über Jahrzehnte mit dem späteren Kreis verbunden.

Anschliessend wurde erstmals ein Fest auch französisch kommentiert, weil viele «camerades de Lausanne, de Neuchâtel, du Jura bernois et même de Genève» anwesend waren:

«Une petite fête d'été…

Plus de 90 abonnés ont répondu à l'appel du groupe de Zurich samedi dernier et sont venus […] pour célébrer avec nous ce que nous avions annoncé comme petite fête d'été. Ce fut une grande fête bien réussie. Bien réussie non seulement au point de vue organisation mais aussi et surtout à cause de l'esprit qui y régnait. […]»

Kriegsverlauf und Kriegsgedichte

Das Jahr 1942 war das entscheidende des Krieges, das beides brachte, im Sommer die grösste Ausdehnung der nationalsozialistisch-faschistischen Aggression von El Alamein in der Wüste Ägyptens bis zur Wolga bei Stalingrad, wo die endlosen Steppen Asiens beginnen, im Herbst und Winter dann die entscheidenden Schlachten, welche das Ende dieser Diktaturen mit apokalyptischen Bildern anzeigten und vorausnahmen: El Alamein vom 23. Oktober bis 5. November und Stalingrad vom 19. November bis 31. Januar. Schon zuvor allerdings, mit dem Überfall der japanischen Militärdiktatur auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 und dem Kriegseintritt der USA war für Strategen und politische Beobachter auch bei uns bereits klar, dass das Ende des Krieges und der Untergang jener, die ihn begonnen haben, nur noch eine Frage der Zeit sein konnte.

Was aber bis dahin alles an Strömen von «Blut, Schweiss und Tränen» vergossen und erlitten würde und wen es noch treffen mochte, das wusste niemand. Aus deutschen Radiostationen plärrte das Propagandaliedchen: «Und die Schweiz, das Stachelschwein, holen wir im Heimweg heim!» Das Bewusstsein tödlicher Gefahr blieb konstant bei allem, was man tat und wo immer man war und hörte auch nachts nicht auf. Bis zum 8. Mai 1945, als im befreiten oder verschonten Europa alle Felsbrocken von den Herzen wegrollten.

Im Menschenrecht vom Oktober erschienen zwei Gedichte, «die an der Ostfront 1942 geschrieben wurden«:

Du lebst, mein Kamerad!

Von Franz Berndal

In allen Lebensstunden seit Anbeginn der Tat

Im Schmerze aller Wunden – lebst du, mein Kamerad!

Du lebst in Wort und Schriften, in manchem welken Blatt,

Auf Meeresgrund – in Grüften, lebst du, mein Kamerad.

Du lebst in tiefstem Schweigen, oft nur in einem Laut

Beim letzten Kopf-Hinneigen, aus dem kein Blick mehr schaut.

Du lebst an allen Wegen, im Sand, auf feuchtem Stroh,

Wo hast du nicht gelegen, mein Kamerad, sag, wo?

In Liedern wirst du leben bis zur Unsterblichkeit,

Denn dich wird's immer geben, und gab's zu jeder Zeit.

Du lebst in allen Fernen, im Feld, am Waldessaum,

Wie oft blüht in den Sternen des Nachts von dir ein Traum!

Du lebst im Händeflehen vor einem leisen Wort,

Im Rauschen und im Wehen des Windes allerort.

In endlos gleichen Schritten den langen Marsch entlang,

Du lebst in tausend Bitten und abertausend Dank.

Lebst auch im Freudenschimmer beim Früh- und Abendrot,

Am wahrsten aber lebst du in Stunden bittrer Not!

Du hast den Weg gefunden seit Anbeginn der Tat,

Du lebst in allen Stunden,

Du lebst, mein Kamerad!

Einem gefallenen Freund

Von Helmuth Backhaus

Die Sterne, die früh schon erblassen,

Sind nächtens oft seltsam rot –

Wir ziehn auf den ewigen Strassen

Des Lebens wider den Tod.

Er sah an den Horizonten

Noch einmal das erste Licht,

Das Feuer der beiden Fronten

Lag zuckend auf seinem Gesicht.

Sein Grab liegt zwischen den Wegen,

Die kreuzen sich zwei und zwei –

An einem Abend im Regen

Ritten wir dran vorbei.

Les pages françaises

Im Abonnenten Ric fand Öffnet internen Link im aktuellen FensterCharles Welti einen fähigen Mitarbeiter, der auch selber Beiträge verfasste und literarisch bewandert war. Das Juliheft begann mit der kurzen Einführung ins bedeutende zweibändige Werk des französischen Schriftstellers Georges Portal: «Un Protestant». Es folgte eine Kostprobe daraus, um die Leser zu ermuntern, sich den Roman selber zu kaufen. Georges Portal (1887–1958) lebte in Toulon und stand mit Charles Welti im Briefkontakt. Nach seinem Tode sandte Portals Freund viele Manuskripte an Charles und setzte den Briefwechsel fort. Dieses gesamte Material fand sich im Nachlass Charles Welti / Eugen Laubacher und ist jetzt im Schwulenarchiv sas in Zürich.

Das Dezemberheft brachte u.a. ein Gedicht von Paul Valéry mit dem Titel «Fragments du Narcisse», welches mit der Fotografie eines fast nackten Jünglings illustriert war: Narcisse, der sein Spiegelbild im Wasser bewundert. Das Bild, ein schöner Druck, war eingeklebt.

Leserbriefe zum Herbstfest, Ankündigung der Weihnachtsfeier

Das Menschenrecht vom November veröffentlichte Leserbriefe unter «Nos abonnés écrivent – Unsere Abonnenten schreiben!»:

«[…] Noch vor zwei Jahren hätte ich nie daran gedacht, dass es einmal möglich sein werde, in unserem Kreis so gediegene Abende zu veranstalten. Nun haben Sie es zur Wirklichkeit gemacht und Sie können versichert sein, dass Sie damit vielen von uns das gegeben haben, wonach wir uns sehnen: Daseinsberechtigung in anständigem Rahmen und damit jenen Impuls fürs tägliche Leben, der uns hilft, uns als vollwertige Menschen zu betrachten. Zeus und Ganymed, welch herrliches Stück! […]»

«[…] Wo überall und immerzu Ihr Geist und Ihr Wollen lebendig war, der diese schöne Atmosphäre schuf, und wo Sie als gütiger Zeus nicht nur den Ganymed, sondern alle Teilnehmer beglückten, werden Sie gewiss die Dankbarkeit von uns allen gefühlt haben. […]»

«Mon cher Rolf, des camarades romands, encore sous le charme des heures inoubliables qu'ils ont passées lors de la fête d'Automne, ont à cœur de vous exprimer toute leur reconnaissance et leurs plus sincères remerciements pour l'accueil très fraternel qui leur a réservé, déjà à leur arrivée à la gare et ensuite pour l'immense plaisir que leur a procuré la merveilleuse ambiance de la soirée. […]»

Es wurden also schon damals fremdsprachige Gäste bereits am Bahnhof empfangen und zu den Hotels geleitet bzw. ihnen den Weg zum Clublokal gezeigt. Das haben in späteren Jahren auch wir beide im Auftrag von Rolf oder Charles regelmässig getan.

Auf die Leserbriefe folgte der zweisprachige Hinweis «Unsere Weihnachtsfeier – Notre Fête de Noël»: Sie findet «verbunden mit der vorausgehenden Jahresversammlung am Sonntag, den 20. Dezember 1942, nachmittags 2 Uhr im Zürcher Klublokal statt.»

Der Weg ins Neue

Unter dieser Überschrift gab Rolf im letzten MR, dem Dezemberheft, einen Rückblick in Vergangenes und die nötige Information zur Zukunft:

«Heute vollenden wir zehn Jahre Schweizerisches Freundschaftsbanner und Menschenrecht. Zehn Jahre! […] Heute haben wir alle einer Frau zu danken, die den schwer befrachteten Karren in einer Zeit immer und immer wieder gezogen hat, als sich noch kein Mann dazu bereit fand, […]. Diese Frau ist unsere Mammina. […]

Wenn wir mit dem neuen Jahr in manchen äusseren Dingen auch einen neuen Weg einschlagen, so geschieht es aus verschiedenen Gründen. […] Der Kampf um das Menschenrecht steht heute nicht mehr so im Vordergrund. […] Darum wollen wir unserer Zeitschrift auch einen sinngemässeren Namen geben. Unser Ziel ist heute, den Kreis gleichgesinnter Männer zu erweitern. Vor Jahresfrist haben wir bereits unseren Lesezirkel KREIS getauft. Konzentrieren wir alles auf diesen Namen, um die bisher oft verwirrenden, verschiedenen Adressen und Titel aufzuheben.

Unsere Zeitschrift heisst von nun an: Der Kreis – Le Cercle, Eine Monatsschrift – Une Revue mensuelle.

[…] Leider müssen wir für 1943 den Abonnementsbetrag infolge staatlicher Erhöhung des Papierpreises nochmals um 15–20% heraufsetzen: für die Stadt Zürich auf Fr. 8.–, für die Schweiz auf Fr. 8.60. […]»

Dieser Seite gegenüber zeigte ein grosses Bild (Foto) einen halbnackten jungen Bauern im Ackerfeld und deutete damit an, dass Illustrationen die künftige Zeitschrift zieren würden. Darunter stand der Spruch des Schweizer Schriftstellers Öffnet internen Link im aktuellen FensterHeinrich Federer (1866–1928), der als katholischer Kaplan ein schweres homosexuelles Schicksal mit lähmend ungerechten Diffamierungen und Lebensbrüchen ertragen musste:

«Lasset also den Schweizer! Und glaubt mir; es braucht nicht nur Mut im Sturm, es braucht auch Mut, eine Insel im Sturm zu sein.»

Öffnet internen Link im aktuellen FensterErnst Ostertag, August 2004