Pfad: Inhalt » 4. Der KREIS » Besondere Abonnenten » Nico Kaufmann

Klaus (Nico) Rudolf Kaufmann war der Sohn des bekannten Zürcher Arztes Willi Kaufmann, der sich nebenberuflich als Komponist von Heimat- und Soldatenliedern wie «Eine Kompanie Soldaten», «Mit Trommeln und mit Pfeifen« hervortat und deswegen weit herum bekannt war. Wohnhaus der Familie Kaufmann war von 1936–1953 die grosselterliche Villa am See, das heutige Jacobs-Museum am Seefeldquai. Als Nico und seine zwei Jahre jüngere Schwester Susi geboren wurden, wohnte die Familie an der Zweierstrasse in Zürich 4, wo der Vater auch seine Praxis hatte. Beim Umzug in die Villa der Grosseltern mütterlicherseits litt der Vater an Diabetes und konnte deswegen bereits nicht mehr praktizieren. Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[1]

Das Wunderkind

Nico war ein hochbegabter Schüler und mit seinem absoluten Gehör als musikalisches Wunderkind der Stolz seiner Eltern. Mit fünf Jahren erhielt er ersten Klavierunterricht. Wenig später begann er auch zu komponieren. 1923 wurde er Schüler am Zürcher Konservatorium.

In seinen 162 Seiten umfassenden Memoiren schrieb er im Kapitel «Mein musikalischer Werdegang»: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[2]

«Mein Lehrer wurde Walter Lang. […] Ich war mit meinen dreizehn Jahren der Benjamin seiner Klasse. […] Scheinbar hatte ich eine enorme Leichtigkeit zu lernen, eine Leichtigkeit, die […] später wahrscheinlich das grösste Hindernis bedeutete, eine glanzvolle Weltkarriere zu machen. Erst als Schüler bei Horowitz erkannte ich, dass nur härtestes Arbeiten zum Ziele führen könnte, aber dann war es wahrscheinlich schon zu spät. […] Meine spezielle Begabung war die Improvisation. […] Unvergesslich sind mir die Zusammenkünfte der ganzen Klavierklasse bei Walter Lang zu Hause. […] In den letzten Studienjahren durfte ich mich an seinen zweiten Flügel setzen und mit ihm zusammen improvisieren. Ganze Klavierkonzerte wurden so hervorgezaubert. […] Einen solchen Improvisier-Spass konnte ich nur noch ein Mal erleben. Päuli Burkhard und ich begleiteten an zwei Klavieren seinen ‹Schwarzen Hecht› im Zürcher Schauspielhaus. Dabei mussten wir auch die Bühnenumbau-Pausen musikalisch überbrücken. Schwierig war der Umbau zum Traumbild ‹Manege›, der immer unterschiedlich lange dauerte. Unsere Improvisation zu Päuli's Komposition ‹Wunderschöne Rosen› konnten wir genau der Zeitdauer des Umbaues anpassen.»

Das war in der Öffnet internen Link im aktuellen FensterSpielzeit 1948/49 des Schauspielhauses

Nicos Memoirenfragmente erhielten wir am 8. Juni 2006 von Richard Lenggenhager aus dem Besitz seines verstorbenen Lebensgefährten Ettore Cella, welchem dieses Exemplar geschenkt wurde, sicher vom Auto selber. Nico hatte alles in Stichworten zusammengestellt und im Februar 1995 Carl Melchior Zibung zu diktieren begonnen. Das Ganze ist aber nie vollendet worden. Bei «unserem» Exemplar – heute im sas – handelt es sich um eine Kopie. Davon machten wir eine weitere für die Musikabteilung der Zentralbibliothek Zürich, wo sie sich jetzt befindet. Ich zitiere im Folgenden nur wenige Stellen.

In der Familie Thomas Mann

Nach der Primarschule wechselte Nico ans Gymnasium. Eine Mitschülerin wurde 1933 die eben aus Deutschland zugezogene jüngste Tochter von Katja und Thomas Mann, die spätere Elisabeth Borghese-Mann. Dazu berichtete er im Kapitel «Im Kreise von Thomas Mann»: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[3]

«Elisabeth, im Familienkreis Medi genannt […] kam als 15jährige in meine Klasse ans Freie Gymnasium. Obwohl zwei Jahre jünger als wir, ihre Mitschüler, entpuppte sie sich als ebenbürtig. […] Sie war einfach gescheit und musste praktisch wenig arbeiten. […] Sie spielte sehr anständig und vor allem grundmusikalisch Klavier. […] Während ihr im Latein alles spielend gelang, musste sie am Klavier […] hart arbeiten. Eine Art Gerechtigkeit war so wieder hergestellt. Es freute mich besonders, dass sie als Schülerin bei Walter Lang, meinem Lehrer, aufgenommen wurde und später auch bei ihm ihr Klavierdiplom machte. Sicher war die gemeinsame Liebe zur Musik die Basis unserer Freundschaft, aus der zu meiner grossen Freude eine lebenslange Zuneigung wurde.»

So kam es im Spätsommer 1933 zu einem ersten Besuch im Hause Mann in Küsnacht. Nico hatte zuvor die Sommerferien mit seinen Eltern und der Schwester auf einer Rundreise durch Italien verbracht. Medi bat ihre Eltern, ihn einzuladen: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[4]

«Zu meinem Schrecken waren wir zum Lunch nur zu viert, […] das hiess, dass ich mich nicht hinter der Konversation anderer Gäste verstecken konnte, sondern direkt mit dem sprachgewandten Meister konfrontiert war. Ich brachte kaum ein Wort über die Lippen […] und der Suppenlöffel in meiner Hand zitterte […]. Medi erwähnte meine Ferienreise nach Italien. […] Wie rührend einfühlend war Thomas Mann in dieser für mich so schweren Situation. Er nahm die Reise als Aufhänger zu einem Gespräch über Dinge, die mir vollkommen präsent waren. Er war sichtlich interessiert, vielleicht auch amüsiert, wie ich als Siebzehnjähriger die für mich überwältigenden Eindrücke der Reise verarbeitet hatte. […] Ich fühlte mich nicht mehr als ‹Unwissender›, konnte Red und Antwort stehen, es war sogar beglückend.»

Nico war ein aussergewöhnlich schönes Kind gewesen und dementsprechend überall sofort angenommen und verwöhnt worden. Nun war er mit seinem schmalen Gesicht, den tiefschwarzen Haaren, dunklen Augen und sinnlich grossen Lippen zu einem sehr attraktiven Jüngling herangewachsen.

«Anlässlich eines späteren Essens, an das ich mich nicht mehr erinnere, machte Thomas Mann unter dem 17. Januar 1935 folgende Eintragung ins Tagebuch: ‹Zum Abendessen der Freund der Kinder, Niko, netter, treuherziger Junge, mit dem sie das Fest vorbereiten, das sie in unserer Abwesenheit geben wollen.› »

Nach diesem Fest besuchte er das Haus in Küsnacht weiterhin und schrieb dazu über eine weitere Begegnung mit dem «Zauberer»:

«Noch einmal kam es zu einer näheren Begegnung, als ich eine Komposition seines jüngsten Sohnes Michael, genannt Bibi, ihm im kleinen Musikzimmer vortragen durfte. Es war ein Stück für Bratsche und Klavier, das Bibi und ich interpretierten. Thomas Mann's Urteil darüber findet sich in der folgenden Tagebuchnotiz: ‹11.4.35 […] Nachmittags spielte Bibi uns, von Niko Kaufmann begleitet, seine Komposition für Bratsche und Klavier vor – nun, es ist immerhin komponiert, in der Geste slawisch zerrissen.› »Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[5]

Zum Schluss dieses Kapitels fügte Nico noch einige andere Tagebucheinträge Manns hinzu. Am 6. Dezember 1937, einen Tag vor dem Besuch der Familie Mann in der Villa am Seefeldquai:

«Katja verfehlt. Mit Taxi bis Zollikon, hier von Medi und Niko Kaufmann mit dem Wagen eingeholt. Der junge Niko zu Tisch. Hübsche schmale Augen, sympathisch, tüchtiger Künstler auf dem Klavier. Medi erklärt, er ‹würde sie gleich heiraten›.»

Natürlich kam es nicht dazu. Aber eine tiefe Vertrautheit zwischen den beiden blieb bis ins hohe Alter.

«In den letzten Lebensjahren von Katja kam Medi regelmässig zu Weihnachten nach Kilchberg. Jedes Mal wurde ich mindestens einmal zum Essen eingeladen. […] Medi braucht mich immer noch, wenn sie nach Zürich kommt. Gibt es etwas Schöneres als eine lebenslange Freundschaft? Wie bereichernd war es doch für mich, Kontakt zu haben mit Thomas Mann und seinem Umkreis.»

Engelberg und Basel

Für ein Jahr wechselte Nico an die Klosterschule Engelberg, wo er einmal an der Grossen Orgel spielen und improvisieren durfte, aber sonst nicht sonderlich vorankam, sodass ihn der Vater wieder ans Gymnasium und Konservatorium zurückholte. Aus dem Memoirenkapitel «Mein musikalischer Werdegang»: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[6]

«1935, kurz nach bestandener Matura erhielt ich das sogenannte Lehrdiplom mit dem Prädikat ‹sehr gut›. Der gleichzeitige Abschluss von Matura und Konservatorium hat als einmalige Leistung Aufsehen erregt. Beide Abschlüsse waren für mich in meiner Überheblichkeit und Unerfahrenheit in wirklicher Arbeit eine Selbstverständlichkeit. Leider, wie sich später erweisen sollte.»

Er galt als echtes Talent für eine Pianistenlaufbahn, erhielt eine Korrepetitor-Stelle am Basler Stadttheater und komponierte dort u.a. die Musik zum Märchenspiel «Nussknackers Weihnachtsfahrt», das er auch dirigierte. Es wurde zu einem grossen Erfolg. Wie es dazu kam: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[7]

«Papas Vorstellung meiner Zukunft war die Laufbahn eines Dirigenten. In Basel war sein sehr guter Freund Egon Neudegg Direktor des Stadttheaters. Die Freundschaft datierte aus den Zwanzigerjahren, als Neudegg Operettenbuffo am Zürcher Stadttheater war. Ich vermute, dass Papa (als Studienfreund von Bundesrat Philipp Etter und durch seine Stellung als Verwaltungsrat des Stadttheaters Zürich) bei seiner Wahl nach Basel leichten Einfluss nahm. So war es das Naheliegendste, dass ich in Basel die Stelle eines Solorepetitors bekam.»

Rasch erhielt er auch weitere Aufträge des ihm wohlgesinnten Direktors. Die Spielzeit 1936/37 machte ihn sowohl als Dirigenten wie Komponisten bekannt.

Vladimir Horowitz, Lehrer und Liebhaber

Nico Kaufmann und Vladimir Horowitz
Nico Kaufmann alias Lysis, 1916–1996 und sein Lehrer und Liebhaber Vladimir Horowitz, geb. 1903 oder 1904–1989

 Doch am 12. April 1937 nahm sein Leben eine neue Wende. Er lernte den fünfzehn Jahre älteren und bereits weltberühmten Künstler und Klaviervirtuosen Vladimir Horowitz (1904–1989) kennen, der seit 1929 in Paris wohnte und verheiratet war mit Wanda Toscanini, mit welcher er eine Tochter hatte. Wanda war die eine der beiden Töchter des berühmten Dirigenten Arturo Toscanini. Horowitz nahm den begabten Jüngling als Schüler an. Bald entwickelte sich eine Liebesbeziehung zwischen den beiden.

Zum Beginn dieser Freundschaft – sie dauerte bis in den Oktober 1939 – einige Passagen aus dem grossen Memoiren-Abschnitt «Vladimir Horowitz, Idol – Lehrer und Freund», kurz nach der ersten Begegnung vom 12. April: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[8]

«Meine Bitte, ihm nochmals, besser vorbereitet, vorspielen zu dürfen, akzeptierte er. Beim zweiten Treffen waren wir allein, ich fühlte mich ein wenig freier und spielte vielleicht ein bisschen besser. Er hörte mir aufmerksam zu, kam schliesslich zum Flügel, zeigte Interesse, korrigierte beiläufig und sagte schliesslich: ‹Musikalisch sind Sie, aber Klavierspielen können Sie nicht.› Beim anschliessenden Tee fragte er mich, ob es mir Spass machen würde, mit ihm einmal zu dinieren, er fühle sich allein in Basel, da er ausser Bernoulli niemanden kenne. An meinem nächsten freien Abend trafen wir uns. In dieser Zeit konzertierte er nicht, da er nach einer Blinddarmoperation unter einer leichten Venenentzündung litt. Zur Erholung hatte er einen Aufenthalt in Luzern vorgesehen. Dort sei er nach der Abreise seiner Frau wieder alleine und er würde sich freuen über meine Gesellschaft. Er könnte mir ein paar Lektionen geben, falls ich eine Möglichkeit hätte, irgendwo üben zu können. Ich fiel wie aus den Wolken. War es möglich, dass mir der grösste Pianist unserer Zeit nicht nur Freundschaft, sondern sogar Unterricht gewährte?»

Mit Horowitz in Luzern: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[9]

«Die Möglichkeit zum Klavierstudium bedeutete vorerst eine Aufgabe der geplanten Dirigentenlaufbahn. Auch die Möglichkeit eines nur zeitweisen Unterbruchs, falls meine Fähigkeiten als Pianist nicht ausreichen würden. Ich glaube, dass dieser Umstand auch die sofortige Einwilligung Papas, nach einem Gespräch mit Horowitz, ermöglichte. Auch die Direktion des Theaters war mit einem Urlaub bis zum Ende der Saison einverstanden. Rückblickend war es die wichtigste Weichenstellung in meiner Laufbahn. […] Im Mai 1927 ging ich nach Luzern.»

Nico blieb des Meisters einziger Schüler bis zum 26. September 1938, als Horowitz mit einem Konzert im Stadttheater Zürich und Angeboten in London. Paris, New York seine Tätigkeit wieder aufnahm. Das Lehrer-Schüler-Liebhaber Verhältnis beleuchten 68 Briefe von Horowitz an seinen «Lieben Nico» oder «Lieben Freund». Gegen die Anweisungen des Verfassers hatte Nico fast alle aufbewahrt und schliesslich der Zentralbibliothek Zürich vermacht, wo sie sich nun, von Carl Zibung abgeliefert, in der Musikabteilung befinden. Dort konnte ich sie im Frühsommer 2005 durchlesen. Die Briefe beginnen mit dem 29. April 1937 aus Paris an Nico Kaufmann, Stadttheater Basel und wenden sich ab 12. Mai 1937 an die Adresse des Elternhauses. Der letzte trägt das Datum vom 1. Oktober 1939 und ist auf der Überfahrt ins amerikanische Exil geschrieben worden.

In Luzern gab es «ein bis zwei Mal in der Woche eine Lektion.» Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[10] Dazwischen hatte Nico an den aufgegebenen Stücken zu üben. Meist tat er das in Luzern auf dem Flügel eines befreundeten Organisten, oft auch im Elternhaus, wohin er zwischenhinein zurückkehrte.

«Wenn keine Lektion war, spielte Horowitz Stücke vor, die er besonders liebte. […] Auch Werke von Schubert, die er meines Wissens nie in Konzerten spielte. Ein Höhepunkt, was ich natürlich damals nicht realisierte, war, dass er mich aufforderte, mit ihm die vierhändige Fantasie in f-Moll von Schubert zu spielen. Ich war kein allzu schlechter Prima-Vista-Spieler. Je nach Schwierigkeitsgrad wechselten die Hände. Diese Fantasie ist wohl eines der genialsten Stücke Schuberts. Ich war von der Schönheit tief ergriffen. Dazu, wer hatte wohl einmal das Glück, mit Horowitz vierhändig zu spielen? […] In dieser Zeit kam Nathan Milstein, sein bester Jugendfreund, nach Luzern. […] Wir waren oft zusammen. Nun verbrachte ich […] das Mittagsschläfchen mit Horowitz. Milstein weckte uns einige Male, ins Schlafzimmer tretend, mit einer Paganini-Caprice. Kann es ein schöneres Erwachen geben? […] Ich verstand mich mit Milstein sehr gut. Er war sehr gesellig, liebte die Frauen, akzeptierte aber die Freundschaft zwischen mir und Horowitz aus genauer früherer Kenntnis.» Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[11]

Nach Luzern ging Horowitz in Frankreich zu einer weiteren Kur, kam im Juli/August für einige Wochen nach Engelberg, wo die Nico aufgetragenen Werke abgehört und die Lektionen fortgesetzt wurden. Nach einem zweiten Aufenthalt in Frankreich besuchten Horowitz mit Frau Wanda die Eltern Nicos in Zürich. So wurde der «Schülerstatus» abgesegnet.

«Bei Wanda gab es noch ein Problem […]. Ich musste ihr vorspielen, was scheinbar zufriedenstellend ausfiel. Damit war eine feste Basis für unsere Freundschaft geschaffen. Eine Freundschaft, die sich bei ihm zu einer neuen Liebe entwickelt hatte. Ich erhielt bei seiner Abwesenheit wöchentlich mindestens zwei Briefe, deren sofortige Beantwortung er erwartete.» Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[12]

«Den Winter 1937/38 wollte er in Paris verbringen. Er sagte Papa, dass er es für gut fände, wenn ich bei ihm in der Nähe wäre, da ich vorläufig regelmässige Kontrollen brauche. Wanda wollte nur zeitweise dort sein. […] Für mich gab es Gelegenheit, bei Familienfreunden […] zu wohnen. […] Im Salon […] stand ein guter Erhard-Flügel, auf dem ich arbeiten konnte.» Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[13]

Gewisse Fortschritte machte Nico, aber sie waren in den Augen des Meisters ungenügend. In Briefen ermunterte er ihn immer wieder und mündlich wird er es noch viel deutlicher getan haben.

«Ich führte also ein nicht unbedingt seriöses Leben und vernachlässigte auch oft meine Arbeit am Klavier. Oft ging ich mit schlechtem Gewissen zum wöchentlichen Unterricht bei Horowitz. Die Verführung der Grossstadt Paris war zu gross, meine jugendliche Vitalität zu stark […]. Trotz meiner nicht überaus intensiven Arbeit hatte ich doch die f-Moll Ballade von Chopin einigermassen im Griff. So verlangte Horowitz, dass ich diese Wanda vortrage. Ungern und mit viel Lampenfieber, denn ich war mir bewusst, dass dies ein entscheidender Moment für ein Weiterstudium und unsere Freundschaft war, tat ich dies an einem Nachmittag. Scheinbar war es so zufriedenstellend, dass Wanda mich zum gemeinsamen Nachtessen einlud.» Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[14]

Im März 1938 brach bei Nico eine Scharlach aus, obwohl er diese Krankheit bereits als Kind durchgemacht hatte. Offenbar war er eine der seltenen Personen, bei denen sie ein zweites Mal auftrat und daher als besonders gefährlich galt. Er kam in ein mit Glas abgetrenntes Einzelzimmer der Scharlachabteilung eines Pariser Spitals.

«Papa wurde benachrichtigt und kam sofort nach Paris. Ich war nicht bei klarem Bewusstsein, erinnere mich nur, dass er bei mir sass und hie und da weinte. Mein Zustand war anscheinend sehr kritisch, eine Frage, ob das Herz durchhalten würde.» Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[15]

Nico überstand die Krise, musste aber danach noch lange im Spital bleiben. In dieser Zeit erhielt fast jeden oder zumindest jeden zweiten Tag einen Brief von Horowitz, einmal auch einen sehr liebenswürdigen von Wanda.

Diese Briefe drückten vor allem Besorgnis um den Zustand des Patienten aus, wollten Trost spenden, die Zeit etwas verkürzen und beschworen immer wieder das nun wichtige Ausruhen und die dazu nötige Geduld. Zugleich berichteten sie mit entschuldigenden Worten, dass echte Besuche nicht möglich seien und nicht einmal Früchte oder Blumen durchgelassen würden. Selbst Horowitz' Versuch, Grammophon und Schallplatten zu übergeben, sei abgewiesen worden. Auf jeden Brief verfasste Nico sofort eine Antwort.

In einigen Briefen machte Horowitz auch versteckte Hinweise auf die besondere Seite der gegenseitigen Lehrer-Schüler Beziehung, wohl als Antwort auf recht offene Bemerkungen Nicos. Er schrieb vom «Johnny Spiel» und dass Nico dabei «Schulden bezahle»:

«Mon cher Nico! […] Ich werde Ihnen ganz alles an Papier schreiben und bitten, dass Sie meine Briefe zerreissen […] ich bin heute sehr für zweite Thema III. Satz Phantasie Schumann und auch für Schuldchen zu bekommen!!! Ha – – ha!! Sind Sie ‹wieder reich›?» Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[16]

«Sagen Sie sich selbst […], dass Ihre Klavierarbeit nicht eine Maske für unsere Freundschaft, sondern eine geistige Verbindung ist! Ich stehe immer zu Ihrer Verfügung.» Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[17]

Alle die vielen übrigen Briefe geben Einblick ins private und künstlerische Leben der Familie Horowitz-Toscanini – beispielsweise über Konzerte in London und den Niederlanden, die Arturo Toscanini mit seinem Schwiegersohn durchführte – und in die geheime homosexuelle Beziehung Horowitz-Nico.

«Am 6. Mai 1938 reiste ich praktisch direkt aus dem Spital heim nach Zürich, allerdings noch ziemlich mitgenommen. Ich hatte aber grösstes Glück, da die Krankheit keine der häufigen Schäden hinterliess. Nieren und Augen waren in Ordnung.» Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[18]

Der Virtuose war seinem Schüler immer wieder neu verfallen und wollte ihn zugleich ernsthaft zu einem grossen Künstler machen. Den Sommer hindurch übten sie in Frankreich und in Gstaad. Im August besuchten sie beide die ersten Musik-Festwochen in Luzern, wo Toscanini dirigierte.

Die Wiederaufnahme seiner Konzerttätigkeit im September bedeutete, dass regelmässiger Unterricht bei Horowitz nicht mehr gewährleistet war.

«Er und Papa und auch ich fanden es darum richtig, dass ich grundsätzlich in Zürich in eine Konzertausbildungsklasse gehen sollte. […] Das grösste Problem, ich weiss nicht mehr genau, wann es begann, entstand aber in der Störung der Beziehung zwischen Horowitz und mir. […] Ich verlor zu Hause einen Brief von Horowitz, einen Liebesbrief, der unsere Beziehung eindeutig klar machte. Papa fand ihn […]. Ich bekam Vorwürfe wie den, dass ich eine Freundschaft mit einem verheirateten Mann habe und damit zutiefst die Ethik und auch die Ehre seiner Frau verletze. Es muss ein Briefwechsel (des Vaters) mit Horowitz und eventuell sogar mit seiner Frau gegeben haben, von dem mir Horowitz berichtete […]. Auf jeden Fall wurde mir weiteren Kontakt ausser den vorgesehenen Stunden verboten. Seine Frau verbot ihm, Briefe an mich zu schreiben. In vielen damaligen Briefen steht: ‹Meine Frau ist weg, darum benütze ich es rasch, ein paar Worte zu schreiben.› Es gab auch ein paar geheime Treffen in der Wohnung einer Freundin von mir, wenn er rasch nach Zürich kam, um mit mir zusammen zu sein.» Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[19]

Vater Kaufmann schickte seinen Sohn im Frühjahr 1939 zu einem befreundeten Psychiater zur Behandlung und dieser wollte auch Horowitz einbeziehen, was der Meister natürlich strikte ablehnte. Horowitz brach sogar die Beziehung für kurze Zeit ab, denn er sah Gefahr für seinen Ruf. Zugleich tadelte er Nico in Briefen, er vertreibe zu viel seiner Zeit mit «Nebensächlichem». Nebst sexuellen Abenteuern warf er ihm die Beschäftigung mit «nicht seriösem Spielen» vor, womit er das Unterhaltungsfach meinte. Dort hatte Nico sich zu engagieren begonnen, im Theater, im Cabaret Cornichon und als Chanson-Begleiter.

Trotzdem – und weil er es zu Recht für klüger fand – kam Horowitz im Frühsommer 1939 nach Zürich zu einem Gespräch mit dem Psychiater und anschliessend mit Nicos Papa. Die eben gehörte Ansicht des Psychiaters, er halte Nico für eine Kurtisane, teilte er dabei Vater Kaufmann mit, worauf dieser empört die Behandlung stoppte. Auf Anraten Horowitz' bekam Nico einen Flügel, damit er zu Hause richtig üben könne, denn das in der Villa vorhandene Klavier sei ungenügend.

Gewisse Stellen aus den letzten Briefen sind erstaunlich offen, vermutlich, weil Horowitz sicher war, dass Nico sie nach dem Lesen sofort verbrennen würde, so, wie er es selber regelmässig tat. Andere Abschnitte weisen auf ein natürlich-friedliches gegenseitiges Loslösen und – als Voraussetzung dazu – auf die Versöhnung mit dem Vater hin. Schliesslich setzte der Kriegsausbruch und die Emigration in die USA auch der Beziehung mit Nico ein wohl nicht ganz unerwünschtes Ende:

Paris, 23. April 1939

«[…] Ich wollte Dir sagen, dass meine drei Tage in Zürich haben mir wieder von neuem zu lieben gebracht. Ganz einerlei, geistig oder physisch – ich liebe alles, was von Dir kommt und Dir gehört! […] Da ich nur mit Dir Johnny spiele seit letzte zwei Jahre […] schreibe mir schnell ein paar nette Zeilen.»

Paris, 30. April 1939

«[…] Ich liebe Dein Geist wie Deinen Körper und Dein Mund.»

Paris, 30. Juni 1939

«[…] Du sollst nicht in Wörte sondern in Tat beweisen, dass du 23 Jahre alt bist, d.h. Du sollst ganz ruhig und nett mit Papa sprechen und ihm sagen, wie die Sache steht und dass ist besser für Dich ein Freund haben wie ich, als mehrere à la carte. […] Du kannst dem Psychiater versprechen, dass Du nicht in sexuellen Kontakt kommen wirst. […] Meine Seite: Du schreibst immer, wie wenn Du vergisst, dass ich eine Frau habe, welche mich wahnsinnig liebt und welche von mir ein Kind hat! Ich bin nicht frei!»

Im August und September kam Horowitz noch einmal nach Zürich, wo er auch mit Nicos Vater zusammentraf und anschliessend nach Luzern zu Proben und der Aufführung des zweiten Klavierkonzerts von Brahms im Rahmen eines Festspiel-Abends unter der Leitung von Toscanini. Dazu schenkte er Nico eine Karte und schrieb am 30. August:

«Ich bitte […] sofort […] schreiben, wie Sie gestrige Konzert empfunden hatten, was Sie verstanden haben, da ich meine ganze Seele gegeben habe und Toscanini und ich waren glücklich vereinigt durch Brahmsche Genie. […] Da in dritte Satz, in Fis-Dur Adagio Stelle am Ende, war ich selbst durch Musik erschüttert.»

An Bord der m/n Vulcania von Italien nach den USA, 1. Oktober 1939:

«Mein lieber Freund! Ich danke für Dein Brief. Es war wirklich grosse Glück, dass wir konnten vor meiner Abreise noch zusammen bleiben! […] Es freut mich auch […], dass Papa mich hat verstanden und sieht, dass ein Mensch, welcher Dich so gern hat wie ich, kann nicht ein schlechter Einfluss haben. Alles hätte besser, wenn wir mit Papa schon früher gesprochen haben. Morgen komme ich nach New York. Ein neues Leben commence pour moi. (…) Ich wünsche Dir einen solchen Menschen zu finden wie ich, welcher Dich so gut verstehen könnte und zu Dir alles sein konnte, um von Dir bestimmt einen Mensch zu machen.»

Angegeben war noch die Adresse in New York und dass Horowitz nicht nach Europa zurückreisen werde, bevor der Krieg zu Ende sei. Weitere Briefe finden sich nicht. Es gab keine mehr.

Höhepunkt

Im Herbst 1940 absolvierte Nico Kaufmann bei Prof. Emil Frey das Konzert-Diplom am Zürcher Konservatorium (heute Hochschule für Musik und Theater) und 1943 erhielt er als erster den neu geschaffenen Stipendienpreis für Klavier, der nur zur Weiterbildung verwendet werden durfte. 1945 gewann er den nationalen Klavierwettbewerb in Genf. Nun trat er als Solist in Konzerten der Zürcher Tonhalle und in anderen Städten auf, in Zürich teilweise unter dem Dirigenten Volkmar Andreae. Der Vater erlebte leider diese Erfolge seines Sohnes nicht mehr. Bereits 1942 war er an Diabetes verstorben.

Im KREIS

Wir erlebten Nico im KREIS als Pianist und Begleiter bei Sketches, Chansons und selbständigen musikalischen Darbietungen sowohl an den Sommer- und Herbstfesten wie an der Weihnachtsfeier. U.a. begleitete er Röbi bei seinen Auftritten und übte sie mit ihm ein. So auch das Lied «Tiger-Lilly», welches Nico nach meinem Text komponiert hatte und das in einem gemeinsam entworfenen und von Röbi geschneiderten Kostüm am Herbstfest 1959 Furore machte.

Im KREIS hiess er «Lysis» und vertonte 1946 ein «Wanderlied für Kameraden» zu einem Gedicht von Rolf. Dies kurz bevor er mit dem Öffnet internen Link im aktuellen FensterCabaret Cornichon auf Tournee ging. (Das im Nachlass Charles Welti erhalten gebliebene Manuskript des Liedes und zwei dazugehörende Briefe von Rolf an Nico weisen darauf hin.) Auch Gedichte von Heinrich Federer (1866–1928) hat Nico vertont.

Meister der Improvisation, Komponist, Begleiter

Die ganz grosse Pianistenlaufbahn gelang ihm nicht. Vielleicht hatte er bei Horowitz zu genau erlebt, was solche Höchstleistungen abfordern und scheute aus der Einsicht zurück, jene einsame Spitze nie erreichen zu können. Nico blieb ein Meister der Improvisation. Er komponierte auch Ballettmusiken, die auf Tourneereisen erklangen, welche er zusammen mit der Schweizer Tänzerin Trudy Schoop durch die USA und Europa unternahm. Heute sind sie jedoch ebenso vergessen, wie seine vielen Bühnenmusiken für das Schauspielhaus Zürich aus derselben Zeit, den späten 40er und den 50er Jahren. Auch das berühmte Cabaret-Duo Voli Geiler / Walter Morath (1948 bis 1968) hat Nico – nebst fünf anderen Pianisten – regelmässig begleitet.

Ausser jenen im KREIS komponierten Stücken schrieb er Chansons für viele singende Künstler, auch zu Texten von ihnen und von anderen Künstlern, beispielsweise solchen von Ettore Cella. Seinen Liederzyklus zu Gedichten von Hermann Hesse von Anfang der 60er-Jahre konnte er 1994 im Radio der Deutschsprachigen Schweiz noch zur Aufführung bringen, was ihm grosse Freude bereitete.

Es handelt sich dabei um 17 für Klavier und Sopran- oder hohe Tenorstimme vertonte Gedichte, die in mehreren Manuskriptversionen in der Zentralbibliothek Zürich, Musikabteilung, aufbewahrt werden. Die Radiosendung von 1994 wurde mit der deutschen Pianistin Edith Thauer und der Sängerin Susanna Heyng, aufgenommen, beide mit Nico befreundet. Frau Prof. Thauer, die Nachlassverwalterin, hat im Jahre 2000 einen Druck des Zyklus veranlasst. In der Zentralbibliothek Zürich befinden sich auch viele seiner anderen Lieder und Chansons.

Über Horowitz hatte Nico in Paris den exilierten deutschen Fotografen Herbert List (1903–1975) kennen gelernt, von dem eine Aufnahme in 11/1949 erschien, sowie den mit List befreundeten Gründer und Herausgeber der Kulturzeitschrift «du», Manuel Gasser (1909–1979). Beide, List und Gasser, waren Abonnenten des Kreis.

Die späten Jahre

Nico wurde nach 1967 Mitglied der SOH, Schweizerische Organisation der Homophilen. In seinen späten Jahren schrieb er zusammen mit Carl Zibung an Memoiren, die unvollendet blieben, weil Nico immer wieder monatelang in Marrakesch weilte. Das geht aus dem Briefwechsel hervor, der im Nachlass von Carl Zibung gefunden wurde. Lebhaftes Interesse zeigte er für den Aufbau von Pink Cross, an dem ihn wiederum Carl Zibung teilnehmen liess. Am 22. Juni 1991 feierte er den 75. Geburtstag im Hotel Waldhaus Dolder – auch dazu gibt es im Nachlass Zibung eine Menukarte und zwei Fotos, die Ettore Cella gemacht hatte. Am 22. Juni 1996, zwei Tage vor seinem 80. Geburtstag, berichtete eine Karte aus Alaska an Carl Zibung nebst lieben Grüssen von der «faszinierenden Kreuzfahrt»:

«Es ging mir in letzter Zeit nicht so gut, werde mich aber bald melden. Herzlichst Nico».

Die Todesanzeige erwähnte:

«Nico Kaufmann, geb. 24.6.1916 erwartete nach geduldig ertragener Krankheit fast freudig ‹Kamerad Tod›, dem er am 23. November 1996 mit grösster Dankbarkeit für all das Schöne in ruhigem Entschlafen die Hand drückte. Ein selten reiches Füllhorn von Gaben wurde Nico in die Wiege gelegt. […]»

Die Anzeige entstand aus dem Text seinen Memoiren, Kapitel «Meine Jugend in Zürich»: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[20]

«Heute ist für mich der Tod ohne Angst, ohne Schrecken. Wie Mummenthaler in seinem schönen Gedicht sagt: Ein Kamerad, der dich zeitlebens begleitet. Im Lauf der Jahre wandelt er sich vom fast unsichtbaren zum immer mehr erkennbaren Begleiter, schliesslich im Alter zum Freund. Als solchen erwarte ich ihn ohne Angst und Bangen, ja fast mit Freude, als Vollender eines reich erfüllten Lebens. Dankbar werde ich ihm die Hand reichen.»

Stiftung Nico Kaufmann

Aus seinem geerbten Vermögen liess Nico eine Stiftung machen. Zweck dieser Stiftung ist, jährlich ein Stipendium zu Gunsten von Musikerinnen und Musikern auszurichten, welche das 35. Altersjahr noch nicht erreicht haben und in der Schweiz domiliziert sind. Eine Jury beurteilt die Eingaben und wählt so aus, dass jedes Jahr eine andere Fachsparte berücksichtigt wird. Das Stipendium geht an Leute, deren musikalisches Niveau internationalen Standards genügt; es ist unteilbar. Die Stiftung wird vom Präsidialamt der Stadt Zürich verwaltet.

Öffnet internen Link im aktuellen FensterErnst Ostertag, Juni 2006