Die legendären Festanlässe des KREIS Eine Übersicht
Der Kreis – Le Cercle – The Circle
1948–1960
Ab 1948 wurde die «Eintracht» am Neumarkt in der Zürcher Altstadt mit ihrem Theatersaal zum Lokal für die grossen, festlichen Anlässe. Heute heisst das Haus Theater am Neumarkt. Die Mittwochabend-Treffs fanden weiterhin, wie seit 1945, im noch heute bestehenden Restaurant Schlauch an der Münstergasse 20 statt. Dieses Lokal hat auch einen Eingang von den Oberen Zäunen.
Ab Herbst 1950 stand dieses Lokal nicht mehr zur Verfügung, weil es «durch Billardspieler belegt» sei,
[1] was noch heute so ist. Die Mittwochabende wurden daher ebenfalls in die «Eintracht» verlegt.
Strikte Zugangskontrollen
Für die Grossanlässe,
Maskenball im Februar, Sommer- oder
Herbstfest,
Weihnachtsfeier und Silvesterball, stand ab 1954 das gesamte Haus zur Verfügung. Restaurant und Bar unten im Parterre hingegen blieben meistens auch Aussenstehenden zugänglich. Ausschliesslich für uns reserviert waren die Garderobe und der grosse Saal mit seiner Theaterbühne im zweiten Stock und fast jedes Mal auch die Zimmer im ersten Stock. Dort wurde in den frühen 50er-Jahren das Fest eröffnet, während der Saal erst für die Theateraufführungen und Cabaret-Einlagen geöffnet wurde. Später diente einer der unteren Räume Edmond Moser, der dort sein Fotostudio einrichtete. In einem anderen Zimmer konnte man sich – etwa für die Maskenbälle – umziehen und im grössten spielte für alle, die oben keinen Platz fanden oder andere Musik suchten, ein kleineres Orchester zum Tanz.
Rasch wurden diese Veranstaltungen weit herum bekannt. Es kamen Gäste nicht nur aus der ganzen Schweiz, sondern auch aus halb Europa, aus Nordamerika und Südafrika. Denn die beiden grössten Festlichkeiten, Maskenball und Herbstfest, waren damals weltweit die einzigen schwulen Grossereignisse.
Für Gäste gab einen strikt einzuhaltenden Code, der in ziemlich gleichlautendem Text zusammen mit Angabe von Ort, Zeit und Programm im Kleinen Blatt der Septembernummer regelmässig wiederholt wurde. Ein Beispiel von 1951:
[2]
«In den umliegenden Ländern herrscht immer noch eine grosse Gegenströmung; Verhaftungen sind an der Tagesordnung. – Wahren Sie daher vor dem Betreten und nach dem Verlassen der Säle überall die grösste Reserve nach aussen hin, damit wir wenigstens bei uns das mühsam Erworbene bewahren können.»
1952 wurde zusätzlich präzisiert – und in der Folge meist in den drei Sprachen des Kreis Jahr für Jahr wiederholt:
«Wir freuen uns, wenn an den grossen Veranstaltungen auch bisher noch aussenstehende Kameraden den Weg zu uns finden. Der erhöhte Eintrittspreis hilft uns die grossen Unkosten […] auszugleichen. Jedoch: wir bitten alle Abonnenten, nur solche Kameraden einzuführen, für die sie unbedingt einstehen können und von denen sie wissen, dass es sich um Gleichfühlende handelt. Flüchtige Bekannte oder Menschen, die man zufällig in den letzten Tagen noch trifft, sollte man nicht mit Kameraden zusammenführen, die mit vertrauenswürdigen Menschen zwanglos unter sich sein wollen. Wir bitten um kluge Vorsicht!»
Ins Kleine Blatt vom September 1953 setzte die Redaktion den Aufruf, Abonnenten in Zürich und Umgebung sollten sich melden, wenn sie ausländischen Gästen ein Zimmer anbieten könnten.
Auf für die Mittwochabende gab es ein zweisprachiges «Reglement über die Einführung von Interessenten an Klubabenden».
[3]
Alle grossen Anlässe hielten sich auf beachtlich hohem Niveau. In den Glanzzeiten Ende der 50er Jahre gab es bis zu 800 Teilnehmer. Damit entwickelten sich diese Feste zur wichtigsten Einnahmequelle sowohl für den KREIS wie auch die Pächterfamilie, welche die «Eintracht» führte. Die Liegenschaft gehörte der Stadt Zürich (bis heute). Eine weitere Einnahmequelle war der Erlös aus den Verkäufen am Bücher- und Kunst-Tisch, der auch jeweils am Sonntag nach jedem grossen Fest offen stand und besonders von in- und ausländischen Gästen rege benutzt wurde. Im Kleinen Blatt und gelegentlich auf beigelegten umfangreichen Listen gab es mehrmals jährlich Hinweise auf Neuerscheinungen oder Auktionen von Kunstblättern und bibliophilen oder vergriffenen Büchern. Dies in allen drei Sprachen, gelegentlich auch in Italienisch und Spanisch.
Pächterwechsel in der «Eintracht»
Im April 1952 machte Rolf eine Mitteilung und Mahnung an alle.
[4] Grund dazu war ein neuer Pächter, der seinen Vertrag von der Stadt Zürich als Vermieterin noch nicht erhalten habe und daher eventuell geänderte Bestimmungen noch nicht kenne:
«Unsere Klubabende gehen also vorläufig in der bisherigen Weise und am bisherigen Ort – ‹Eintracht›, Neumarkt 5, I. Etage – weiter. Die neuen Wirtsleute zeigen Verständnis. […] Tun wir alles, was zu unserem Besten dient und unterlassen wir alles, was uns irgendwie zum Schaden ausgelegt werden könnte! Wer die Klubabende besuchen kann, komme zumindest für den Anfang regelmässig, um die Konsumation für den Wirt ertragreicher zu machen. Vor dem Betreten des Hauses und des Lokals wie auch beim Verlassen bitten wir, in keiner Weise auf unsere Art aufmerksam zu machen! Wir erweisen uns damit für den kommenden Vertragsabschluss selbst den allerbesten Dienst!»
Das Verhältnis mit diesem neuen Pächter-Ehepaar entwickelte sich für beide Seiten erfreulich. Bis die Stadt eine rigide Politik gegen die Schwulen durchsetzte. Mit dem plötzlich verhängten stadtzürcherischen Tanzverbot – nur für Männer! – war ab 1960 kein Fest mehr möglich. In der Folge musste auch der Mittwochabend in der Eintracht aufgegeben werden.
Wiederbelebungsversuche in den 60er Jahren
Erst 1962 konnte der KREIS in Spreitenbach, Kanton Aargau, wenigstens wieder Weihnachten feiern.
Am 12./13. Oktober 1963 fand ein Herbstfest am selben Ort in Spreitenbach statt: In der ersten Etage des Ausstellungsgebäudes «Zürich-Tor».
Mehr zu diesem Fest im Kapitel über die
Herbstfeste
Vertrieben – bis zur Eröffnung des Conti-Club
Vertrieben und immer wieder auf der Suche. Einige Male klappte es im «Zürich-Tor» in Spreitenbach, dann war auch das vorbei.
Die Jahresversammlung vom 31. März 1963 konnte im Restaurant «Neue Welt», Zollstrasse 150, Zürich, «separaten Eingang beachten!», durchgeführt werden und zugleich galt – am selben Ort – die Einladung zum «Tanz mit Kameraden» für den Ostermontag, 15. April. Offenbar war es gelungen, für einen geschlossenen Anlass eine einmalige Tanzbewilligung zu erhalten.
Deutlich war Rolf im Oktober unter dem Titel «Was Not täte…» Sein Kommentar auf die Vertreibung aus dem «Zürich-Tor» in Spreitenbach:
[5]
«Die diesjährige Absage des Herbstfestes ist für viele Kameraden sicher eine schwere Enttäuschung, besonders nachdem das Frühlingsfest [Maskenball] in einer so herzhaften Fröhlichkeit ohne jede Beanstandung verlaufen ist. […] Aus dieser Absage erkennen wir wieder einmal, wie sehr wir, trotz aller Bemühungen um einen korrekten Verlauf der Veranstaltungen […] immer noch Parias geblieben sind. Alle Anstrengungen […] vermochten bei einem Teil derjenigen, die zu bestimmen haben, ‹das Vorurteil von der Minderwertigkeit der Homoeroten› nicht aufzuheben. […] Der Ruf des Hauses für die Allgemeinheit stünde eben doch an erster Stelle usw. usw. – Man wagt nicht, dieser Allgemeinheit ins Gesicht zu sagen, wie sie sich manchmal verhält. […] Das Stigma der Drittrangigkeit bleibt bestehen.»
Die unerfreuliche Situation wurde erst besser am 5./6. Februar 1966 mit der Eröffnung des KREIS-Lokals
Conti Club
Ernst Ostertag, Mai 2005



