Rolf / Karl Meier, führender Kopf des KREIS
Der Kreis – Le Cercle – The Circle
1897–1974
Karl Meier wurde als unehelicher Sohn einer Frau Elisabeth Rheiner in St. Gallen geboren. Sie nannte ihn Rudolf Carl, bevor sie ihn zur Adoption freigab. Seine kinderlosen Adoptiveltern waren Thomas Meier (1865–1939) und Wilhelmina Meier-Götsch (1866–1949). Sie liessen den Knaben mit dem Vornamen Karl ins Register eintragen. Er wuchs in Kradolf im Kanton Thurgau in der Obhut dieser Eltern auf. Thomas Meier war Sticker.
Der Schauspieler und Theatermann
Nachdem Karl eine kaufmännische Lehre in einer Seidenweberei abgeschlossen und in derselben Firma etliche Jahre gearbeitet hatte, erlaubten ihm die Eltern nach langem Zögern seinen Traumberuf richtig zu erlernen: Schauspieler wollte er werden. Zuvor hatte er ab 1914 in Kradolf ein kleines Laientheater gegründet, welches später unter seiner Leitung bis 1964 weit herum bekannt wurde. Zudem hatte er in Zürich ab 1917 begonnen, nebenberuflich Schauspielunterricht zu nehmen. Dies alles wohl, um den Eltern zu beweisen, dass er wirklich das nötige Talent und den starken Willen zu einem so «brotlosen» Gewerbe hatte.
Schon 1920 spielte er fest engagiert am Stadttheater Solothurn und ab 1921 im Städtebundtheater Winterthur-Schaffhausen.
[1]
1924 zog es ihn nach Deutschland, wo er in Bielefeld und Münster (Westfalen) spielte, bevor er ab 1928 auf vielen kleineren Bühnen hauptsächlich in Brandenburg, Sachsen und Vorpommern (heute Polen) tätig wurde. «Denn in der Provinz lernst du sämtliche Theaterarbeiten, auch Kulissen malen, Regie führen und nicht nur Nebenrollen spielen. Und als Schweizer, als Thurgauer besonders, musst du den Dialekt ganz zum Verschwinden bringen», so erklärte er uns (
Röbi Rapp und Ernst Ostertag) einmal während einer Theaterprobe um 1959. Von einem Engagement in Berlin hat er nie gesprochen. Ob er das aus bewusst gewählter Zurückhaltung verschwieg – möglich und typisch für ihn wäre es.
Als Homosexueller hatte er aber Kontakte in Berlin und war öfter dort. Warum es ihn zu
Adolf Brand zog, obschon er
Magnus Hirschfeld verehrte und dessen Institut gut kannte, das mag an der Persönlichkeit gelegen haben. Brand war kein Wissenschafter, kein Doktor. Er hatte Sinn für Kunst und unter den
«Eigenen» gab es überdurchschnittlich viele Künstler und natürlich auch Theaterleute.
Auch kannte Karl Meier jene besondere Ausgabe von Der Eigene über die Schweiz
[2] mit dem Titelsatz: «Der freien Schweiz gewidmet, die uns den ersten Vorkämpfer unserer Bewegung,
Heinrich Hössli, und sein geniales Buch über den Eros schenkte, und die uns eine recht stattliche Anzahl hochangesehener Dichter, Künstler und edler Männer gab, die ebenfalls wichtige Blutzeugen und mutige Bekenner der Freundesliebe» waren. – Ob er geahnt hat, dass er selber später als einer dieser Männer, ebenso wichtig wie Hössli, angesehen würde? Kaum, er war viel zu bescheiden.
Das literarische Flair
1929 schrieb er einen polemischen Artikel (u.a. zum
§ 175) mit dem Titel «Rummel oder Kampf», den Brand in Der Eigene Heft 2,1928/29 veröffentlichte.
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Bereits 1928 hatte er sein Gedicht «Die Begegnung» an Brand geschickt. Dieser liess es im Heft 3,1928/29 erscheinen.
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Im selben Jahr 1929 schrieb Karl Meier in Der Eigene auch über die dramatische Dichtung «David» von Otto Zarek, welche, 1921 erschienen, nun für den Kleistpreis nominiert worden war. Am Jubiläums-Weihnachtsfest des KREIS brachte Karl Meier / Rolf 1952 eine Szene daraus zur Aufführung mit
Carl Zibung als David und Röbi Rapp als Jonathan.
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1930 verfasste er eine Rezension des eben herausgekommenen Buches von Otto Zarek «Begierde, Roman einer Weltstadtjugend». Sie erschien in Der Eigene, Heft 6/1931.
Nach seiner Rückkehr in die Schweiz war er u.a. Mitarbeiter beim
Schweizerisches Freundschafts-Banner und später
Menschenrecht und ab 1943 Herausgeber und Redaktor von
Der Kreis.
Seine berufliche Karriere in der Schweiz
Ab 1934 war Karl Meier im
Cabaret Cornichon engagiert. Er war ein unentbehrliches Mitglied, als helfender und allwaltender guter Geist, so elsie Attehofer in ihren Erinnerungen. Er war – wie es im Bühnenjargon heisst – ‹rundum verwendbar›. Bei Karl Meier hiess das: man konnte ihm sowohl komische wie ernste Rollen anvertrauen, heitere wie nachdenkliche.
Karl Meiers Zeit im
Cabaret Cornichon
1947 begann Karl Meier, eine neue und rasch sehr erfolgreiche Karriere bei Radio Zürich, wo er u.a. zusammen mit
Ettore Cella Mitglied der Hörspielgruppe und zugleich mit Lilian Westphal und Hermann Frick einer der drei Hauptträger der Schulfunksendungen wurde, zu denen später auch Jürg Amstein gehörte . Von Januar 1949 bis Juli 1950 sendete das Radio 17 Folgen der überaus beliebten Hörspielreihe von
Schaggi Streuli «Polizischt Wäckerli». Karl Meier gab darin den Herrn Häberli. «In der Regel waren die Strassen wie leergefegt, wenn gesendet wurde», schreibt André Salathé 1997 in seiner Gedenkschrift über Rolf.
[6] In Streulis Hörspielreihe «Oberstadtgasse», die ab Oktober 1955 gesendet wurde, gab Meier einen Garagisten. Eine Berufung nach Bern als Hörspielleiter lehnte er ab, weil er den KREIS unter keinen Umständen vernachlässigen wollte.
Die Künstler
Ettore Cella und
Jürg Amstein
Auch auf den Bühnen des Stadttheaters, des Corso- und Bernhard-Theaters war er regelmässig zu sehen. Am Schauspielhaus, in Film und Fernsehen bekleidete er nur gelegentlich eine Nebenrolle. Dies, so mag ich mich aus Gesprächen mit ihm erinnern, weil er wegen der Arbeit im KREIS nur beschränkt zur Verfügung stand.
Nach dem Ende des Cabaret Cornichon 1951 engagierte er sich an der Zürcher Märchenbühne und war dort regelmässig tätig während fast zwanzig Jahren bis 1970. «Da beeindruckte er als König oder als Narr oder in anderen Rollen so manches Kinderherz, dass in der Limmatstadt bald einmal vom ‹Määrli-Meier› die Sage ging – worüber sich der alternde Mann, der sich zeitlebens eine kindliche Begeisterungsfähigkeit bewahrt hat, ausserordentlich freute.»
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Karl Meiers Krankheit und Tod
Drei Jahre nach dem Ende des KREIS erhielt Rolf 1970 eine Hauptrolle im extra für ihn geschriebenen Stück «Das Zirkus-Abenteuer», welches für die Märchenbühne im Theater am Hechtplatz vorgesehen war. Doch mitten in den Proben erlitt er einen Schlaganfall. Sein Freund
Fredi pflegte ihn fürsorglich zu Hause, doch nach weiteren Anfällen war Rolf halbseitig gelähmt und geistig zunehmend verwirrt. Die letzten Jahre lebte er im Krankenheim Käferberg.
Am 29. März 1974 starb er.
Dieter Michael Specht als Chefredaktor des Hamburger Homosexuellen-Magazins Him verfasste einen Nachruf, worin er u.a. schrieb:
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«In Ehrfurcht und Dankbarkeit verneigen wir uns vor dem mutigen und unbestechlichen Schöpfer und Schriftleiter der Emanzipationszeitschrift Der Kreis. Dreissig Jahre verantwortungsbewusste Arbeit für die Anerkennung homophiler Menschen bleiben unauslöschliches Merkmal eines grossen Lebens. Dass sich Der Kreis – trotz grosser Anfeindungen – während der Dreissiger- und Vierziger Jahre als einzige Homophilen-Zeitschrift in Europa dauerhaft zu behaupten wagte, war weitgehend sein Verdienst.
Die homophile Publizistik verlor mit ‹Rolf› ihren grossen Mann. […]»
Die schweizerische Zeitschrift
hey einen Nachruf von
Charles Welti.
[9] Darin skizzierte er einen prägnanten Rückblick auf die vielen Jahre des Kreis unter dem Aspekt des für Rolf typischen «Suchens nach Wahrhaftigkeit und menschlicher Zuverlässigkeit». Dieses Suchen bestimmte nicht nur die Zeitschrift, sondern ebenso die Organisation DER KREIS und die vielen Kontakte zu Persönlichkeiten der Wissenschaft und Kultur. Charles schloss mit den Worten:
«Rolf liess es sich nicht nehmen, jeweils anlässlich der
Weihnachtsfeiern […] für jeden im Laufe des Jahres verstorbenen Abonnenten ein paar Worte des Gedenkens zu sagen und […] symbolisch eine Kerze zu entzünden. Wenn wir zurückblicken auf die Verdienste, die er sich durch sein Wirken gegen die Diskriminierung der Homophilie erwarb, und zwar zu einer Zeit, als dies noch sehr viel Zivilcourage erforderte, so scheint mir, müssen auch wir, die Nutzniesser solchen Mutes, zu seinem Gedenken die symbolische Kerze entzünden.»
Karl Meier und die Anfänge seiner Mitarbeit bei den Zürcher Homosexuellen-Vereinigungen der
dreissiger Jahre
Karl Meiers Zeit im
Cabaret Cornichon
Karl Meiers privates Leben mit
Fredi Brauchli
Karl Meiers Lebenswerk
Der Kreis
Ernst Ostertag, März 2004



