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Mitarbeit ab 1938

Eugen Laubacher alias Charles Welti
Eugen Laubacher alias Charles Welti, geb. 1902, gest. 1999, um 1956

Es war eine glückliche und entscheidende Begegnung, als sich ein «Charles Welti» Anfang 1938 an Öffnet internen Link im aktuellen FensterKarl Meier wandte und seine Mitarbeit im Öffnet internen Link im aktuellen FensterMenschenrecht anbot. Mit Poststempel vom 16. April 1938 sandte Öffnet internen Link im aktuellen FensterAnna Vock bereits einen Kartengruss an Herrn Welti:

«Nochmals herzlichen Dank für Ihre reichen Ostergaben & wünsche Ihnen hiermit von Herzen ‹frohe Ostern›! Ihre Mammina»

Ein gutes Jahr später, am 10. August 1939 dankte sie ihm für den finanziellen Zustupf, der eine schöne Carfahrt zusammen mit ihrer Freundin ermöglicht hatte. Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[1] In der Folge war die Mitarbeit und Hilfe, auch finanzieller Art, dieses Charles nicht nur eine gelegentliche, sondern regelmässige und unverzichtbare. Erst ab November 1945 taucht in Billets zwischen Rolf und Charles in Briefen und Texten für die Zeitschrift beigelegt, das gegenseitige Du auf. Der Ton war aber bereits im Sommer 1938 freundschaftlich und oft neckisch-humorvoll.

Im Menschenrecht 9/1939 meldete sich das bisherige Redaktionsteam A. Vock und K. Meier als Trio und die Stimme des dritten, der bald unter C.W. zeichnen sollte, war deutlich und markierte einen neuen, klaren und dezidierten Ton. Die Auflösung der «Liga für Menschenrechte» Anfang 1939 wurde von ihm schon eindeutig mitbestimmt. Auch die Umstellung der kleinen, zwei mal pro Monat erscheinenden Zeitschrift in ein umfangreicheres Monatsblatt ab November 1939 entsprach dem neuen Mitarbeiter und wurde von ihm wenn nicht initiiert, so doch tatkräftig gefördert. Ebenso die Vereinigung von Abonnenten, Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[2] vorwiegend Männern, denn ab 1940 zogen sich die Frauen und mehr und mehr zurück. Ab Februar 1942 traf Mann sich zu ersten Tischrunden, genannt «DER KREIS».

In den Ausgaben Menschenrecht 4/1941 und 9/1941 erschienen erstmals französische Texte und in 7/1942 wurde Abonnent Ric als Mitarbeiter vorgestellt.

Wer war dieser Charles Welti?

Ausser Rolf, der von 1938 bis 1945 gelegentlich in Briefen die Anrede «Lieber Herr Laubacher» verwendete, wusste kaum jemand genau und zweifelsfrei, wer er war und was er nebst der Arbeit am Heft und im KREIS tat. Er führte das perfekteste Doppelleben, von dem wir je erfuhren. Noch bei der ersten Ausstellung über den Kreis im Schwulen Museum Berlin, Frühjahr 1999, gab es weder ein persönliches Dokument noch ein Bild von ihm zu zeigen. Heute wissen wir fast ebenso viel über ihn wie von Karl Meier und im sas liegen genügend Dokumente für ein ganzes Buch.

Jugend, Liebe, Maskierung und Karriere

Eugen Laubacher wurde 97. Ein langes, vielschichtiges, erfülltes Leben, das in einem Mehrfamilienhaus des damaligen Zürcher Aussenquartiers Wipkingen in kleinbürgerlichen Verhältnissen begann. Sie waren zwei Brüder, er der ältere. Zu den beiden Männern, Vater und Bruder, hatte er Distanz, zeitlebens. Zur Mutter entwickelte sich eine Hassliebe, gegenseitig und lebenslänglich. Der Vater starb relativ früh.

Eugen war ein brillanter Kopf. Nach der Volksschule startete er seine Karriere durch die Hierarchie der Bankbranche zunächst 1918 bei der Filiale Unterstrass der Schweizerischen Kreditanstalt, der heutigen CS, dann von 1921 bis 1925 an deren Hauptsitz. 1926 bis 1928 war er in Paris bei der Barclays Bank. Da wurde Französisch zur zweiten Sprache, aber auch Italienisch, Spanisch und Englisch konnte er geläufig. Im August 1928, zurück in der Schweiz, begann er seine Karriere bei Dr. Walter Boveri von Brown Boveri & Cie. (BBC, heute ABB) als Sekretär für Buchhaltung und Korrespondenz, wobei die neuen Elektrizitäts-Gesellschaften in Südamerika sein Hauptressort bildeten.

Während der Lehr- und Studienjahre war er – ausser zu Hause – überall geschätzt als witziger Unterhalter, der Parodien und Schnitzellieder erfand und sofort sang und die Begleitung auf jedem verfügbaren Instrument dazu lieferte. Diese Beliebtheit war ihm Schild vor Annäherungen. Er spielte, und er spielte ausgiebig. Er allein wusste von seinem Geheimnis – und in keiner anderen Person sollte je der Dunst einer Ahnung aufkeimen. Das hätte seine beruflichen Ziele sofort zerstört. Und die grosse Laufbahn brauchte er, um seiner Familie zu entkommen, zum Erreichen der eigenen, absoluten Unabhängigkeit.

Robi Spinner und Eugen Laubacher alias Charles Welti
Robi Spinner und sein Cousin Eugen Laubacher alias Charles Welti, geb. 1902, gest. 1999
Eugen Laubacher alias Charles Welti in Paris
Eugen Laubacher alias Charles Welti, geb. 1902, gest. 1999, in Paris

Zugleich verliebte er sich in seinen Cousin Robi Spinner. Eine erste Liebe und ein erstes Erfahren von Gefühlen, die stärker als Intellekt und Wille waren – zumindest zeitweise. Hoch über der Südseite des Walensees bewirtschafteten Verwandte als Bergbauern eine Alp. Dort oben in den Heuhütten, aber auch etwa unten im heimeligen Holzhaus verbrachten die Jünglinge Ferien- und Festtage, selten allein, meist als Bande mit andern zusammen, auch Brüdern von Robi.

Sie nannten sich «Die Spinnbrüder», ein typischer Vorschlag von Eugen, offen auf der Hand liegend, aber zugleich versteckt sarkastische Anspielung auf sein besonderes Verhältnis zu Robi. Denn nie kam es zu mehr als flüchtigen Berührungen, selbst wenn sie nebeneinander im Heu oder im selben Bett schliefen. Robi war nicht «so». Für Eugen war diese Liebe und das Zusammensein Himmel und Abgrund zugleich. Und über die Wochen und Monate bis zum nächsten Ausflug in die Berge nichts als Geheimnis und Sehnsucht. Zu Robi, dem späteren Familienvater, behielt er als einzigem Verwandten lebenslang ein herzlich freundschaftliches Verhältnis. Auch ihn überlebte er. Wie alle anderen.

Eugen – Eugène – in Paris: Das war die glückliche Zeit. In der Weltstadt konnten verborgene Seiten aufleben, erprobt werden, unerkannt. Fotos zeigen ihn als Dandy. Und in den Boites und andern Lokalen knüpften sich Beziehungen, die wie Feuerwerk und Rausch waren. Ein Erfülltsein, das über viele Jahrzehnte bewahrte Erinnerung blieb.

Zurückgekehrt mit Diplom und Abschluss bahnte sich jene Karriere an, die ihn schliesslich zum Direktor der Schweizerisch-Amerikanischen sowie der Südamerikanischen Elektrizitäts-Gesellschaft und später Mitglied diverser Verwaltungsräte machte. Geschäftsreisen führten ihn durch europäische Zentren und nach Übersee, etwa vom 14. Januar bis 27. März 1956 nach Nord- und Südamerika. Er hatte seine eigene Wohnung und bald einmal das eigene vierstöckige Haus in Zürich Oberstrass.

Bewusst gewählter Einsatz mit hohem Risiko

1938 wurde die Abstimmung über das schweizerische Strafgesetzbuch fällig. Laut Gesetz sollte es danach kein Gefängnis mehr für Volljährige von «uns» geben. Doch die gesellschaftliche Ächtung würde bleiben. Der Zwang zum Doppelleben war nicht aufgehoben.

Eugen hatte schon zuvor die Zeitschrift Menschenrecht gelesen und ihre beiden mutigen Herausgeber geachtet. Nun wollte er seinen Einsatz leisten. Er plante das minuziös. Er schuf seiner anderen, geheimen Persönlichkeit einen Namen und eine eigene Existenz: Charles Welti, Mitarbeiter der literarischen Zeitschrift und Organisation eines Kreises von einwandfreien, geistig beweglichen homosexuellen Männern.

Originalzeichnung von Jean Boullet
Originalzeichnung von Jean Boullet, geb. 1921, gest. 1970

Ab 1943 wuchs die Zeitschrift Öffnet internen Link im aktuellen FensterDer Kreis unaufhörlich. Charles Welti erweiterte den französischen Teil sukzessive und gestaltete ihn bis 1954 zum viel beachteten einzigen Organ für einschlägige Literatur im französischen Sprachraum. Anfänglich musste er noch viele Texte selber verfassen, meist unter einem Pseudonym wie «Lucien Borgo», «William» und anderen, weil er den Gedanken nicht ertrug, Abonnenten könnten bemerken, dass Mitarbeiter fehlten. Dann gelang es, im Genfer Ric eine Hilfskraft und in Verbindung mit einem Kameraden aus Vevey, Philippe Marnier, auch Autoren in Frankreich zu finden.

Über viele seiner Mitarbeiter berichtete er in der letzten Ausgabe des Kreis, 12/1967, unter dem Titel «En guise d'adieu».

1954 gründete André Baudry, ein bisheriger Mitarbeiter, der unter dem Namen André Romane zeichnete, die literarische Zeitschrift Arcadie in Paris, was anfänglich zum Zwist mit Charles und Rolf führte. Wenig später gelang die Versöhnung und es ergab sich rasch ein fruchtbares und freundschaftliches Austauschen von Ideen und Texten, das bis zum Ende des Kreis andauerte.

Weil man der Post nicht immer traute und eine mögliche Beschlagnahmung vermeiden musste, wurden Manuskripte ausgewählten Abonnenten mitgegeben, wenn sie nach Paris reisten oder von dort zurückkehrten. Auch wir beide, Röbi Rapp und ich, waren daran beteiligt. So lernten wir André Baudry persönlich kennen und verkehrten im Club Arcadie, nachdem dieser schliesslich gegründet war. Diese Gründung ging auf die Initiative des Pariser Kreis-Abonnenten André Dalidet (1890–1972) zurück, der ebenfalls ein regelmässiger Hin-und-Herträger von Texten war und zu dem wir bis zu seinem Tod in freundschaftlicher Verbindung standen. Vor 1955 war er Direktor der französischen Staatsbahnen. Charles und Rolf beauftragten uns, seine ständigen Begleiter zu sein, wenn er die grossen Festanlässe besuchte. In Paris durften wir dafür in seiner herrschaftlichen Etage in einem zentral gelegenen mehrstöckigen Haus logieren.

Der Kreis und seine Bezeihungen zu Öffnet internen Link im aktuellen FensterArcadie

Für Eugen Laubacher brachte dieses andere Leben zwar eine gewaltige Mehrbelastung, öffnete ihm jedoch ganz neue Verbindungen nach Frankreich, Kontakte zu Intellektuellen aller Art, zu Dichtern, Schriftstellern, Künstlern, Sängern, Tänzern, oder Fotografen, («Studio Arax», Paris), von denen etliche über Jahre und Jahrzehnte hinweg seine Freunde wurden.

Einzelne waren mehr, Liebhaber und eng Vertraute, wie etwa der vielbegabte, bildschöne Claude Réhaut, Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[3] der u.a. am 24. Juni 1950 im KREIS einen Chanson-Abend gab Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[4] und zudem am Herbstfest desselben Jahres auftrat. Sein umfangreicher Briefwechsel blieb im Nachlass erhalten.

Zu besonderen Freunden zählten die ab 1948 im Kreis tätigen Lyriker Robert Lausanne, Paris Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[5] und Léon Marie Estèbe, welcher das Pseudonym «Hellem» verwendete.

Atkstudie, Originalzeichnung, von Gérard Raoul Doscot
Aktstudie, Originalzeichnung, von Gérard Raoul Doscot alias G. Scot, geb. 1923, gest. 1968, Paris

Mit dem Schriftsteller, Historiker und Zeichner Raoul Gérard Doscot / Roger Gérard-Doscot (1923–1968), Paris, verband ihn eine intensive Freundschaft, wie aus dem Briefwechsel ab 1957 hervorgeht. Sie besuchten sich gegenseitig mehrmals und Doscot sandte auch von ihm veröffentlichte Werke (z.B. über das Leben der Madame Dubarry). Charles, «Mon cher Garçon», liess ihm Schreibpapier für seine Manuskripte und Geld zukommen, wofür Doscot Kurzgeschichten und Buchbesprechungen für den Kreis verfasste und zudem Zeichnungen lieferte.

Der Kreis und die Öffnet internen Link im aktuellen Fensterhomoerotische Literatur

Der Kreis und die Öffnet internen Link im aktuellen Fensterhomoerotische Kunst

Zu einem Freund wurde auch der in Südfrankreich lebende Schriftsteller Georges Portal, u.a. Autor des 1936 geschriebenen Romans «Un Protestant», von dessen zweitem Band er 1957 einige Kapitel Charles Welti zum Abdruck überliess. Er vermachte Charles zudem etliche Schriften, Briefe und Tagebücher, die Portals Lebenspartner Jacques Paillet, nachdem Tod des Schriftstellers 1958 dem Kreis übergab. Jacques zog nach Paris und wurde gelegentlicher Mitarbeiter des Kreis. Daraus entstand ein jahrelanger Briefwechsel. Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[6]

In den Jahren 1951 und 1952 stiessen zwei Autoren aus der welschen Schweiz zum französischen Redaktionsteam: Der fundierte Analytiker, glänzende Stilist und Verfasser von Kurzgeschichten «Bichon» (R. von Kaenel) und der mit weltoffenem Geist rapportierende «Daniel», welcher beispielsweise einen Artikel über «Panaït Istrati, poète de l'amitié» verfasste. Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[7]

Eugen Laubacher alias Charles Welti vor Abflug
Eugen Laubacher alias Charles Welti vor dem Abflug nach Südamerika, 1956

Seine Geschäftsreisen nutzte Eugen Laubacher (meist als Charles Welti oder Eugène getarnt), um Verbindungen zu möglichen Illustratoren und Autoren für die Zeitschrift herzustellen oder bestehende zu vertiefen. So traf er am 7. März 1956 in Rio de Janeiro das Fotomodell João Baptista, wie ein Erinnerungsbild mit Widmung «Ao Eugen com Simpatia» beweist. Mit dabei war der französische Künstler Jean Boullet (1921–1970), der den schönen João als Modell benutzte und Fotos wie Zeichnungen von ihm machte, von denen später einige im Kreis erschienen. Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[8]

Jean Boullet war, wie auch der Pariser Künstler Raymond Carrance (Pseudonym «Czanara»), ein Freund von Charles und durch ihn Illustrator vieler Kreis-Hefte. Im Nachlass fanden sich Briefe von beiden Künstlern, die teilweise mit Zeichnungen geschmückt sind.

Zürcher Jüngling von Bernardino del Boca
Zürcher Jüngling von Bernardino del Boca, geb. 1919, gest. 2001

Den umfangreichsten Briefwechsel führte Charles ab 1951 mit dem italienischen Diplomaten, Künstler, Autor und Esoteriker Bernardino del Boca, Conte di Tegerone e Villaregia (1919–2001). Ihre freundschaftliche Beziehung dauerte bis in die 90er Jahre. Sie ist nebst den Briefen mit unzähligen Zeichnungen, Aquarellen, Pastellbildern del Bocas dokumentiert. Alle zeigen bestechend schöne Jünglinge aus dem Mittelmeerraum, dem nördlichen Europa oder Fernen Osten, immer umgeben von lokalem Hintergrund. Der Graf war jahrelang in diplomatischen Diensten Italiens tätig, vor allem in Singapore, Indonesien, Malaysia, Thailand und Burma. Nach seiner Pensionierung gründete er im Park seines Schlosses bei Villaregia (Novara) ein «buddhistisches» Meditations- und Schulungszentrum und veröffentlichte Bücher dazu. Zum Nachlass Charles Welti gehören Luxusausgaben dieser Werke.

Zeitzeuge: Die «Graue Eminenz» erhält Farbe

1955 war ich gut 25 und konnte Rolf beweisen, dass ich jetzt gewählter Lehrer in der Stadt Zürich sei und somit seine Bedingung erfülle. Denn 18 Monate zuvor hatte er die Aufnahme als Abonnent verweigert, als noch nicht Gewählter sei das zu gefährlich.

Ich wollte nun irgendwo mithelfen. Der Sprachkenntnisse wegen schickte mich Rolf zu den Redaktoren des französischen und englischen Teils. So kam es, dass ich diese beiden Herren näher kennen lernte und gelegentlich Hilfsdienste leisten durfte. Später nahm mich Rolf auch als Hilfsregisseur in die Theatergruppe.

An den Mittwochabenden hörte ich wenig Gutes über Charles Welti. Er sei arrogant, unnahbar und bestimme mit seinem Geld vieles aus dem Hintergrund. Ich fand rasch, dass ausser einem gewissen Wohlstand nichts davon stimmte. Charles war ein freundlicher, ja gütiger Mann mit perfekten Umgangsformen und zugleich einer selbstverständlichen Autorität. Ich habe ihn von Anfang an geschätzt und bewundert und verdanke ihm einiges – aber das wurde mir erst Jahre später bewusst.

Jeder Abonnent kannte ihn als Charles Welti, auch Röbi Rapp, den ich 1956 im KREIS kennenlernte. Charles war bei jedem Auftritt der Theatergruppe und bei jeder Cabaret-Nummer anwesend, meist hinten im Theatersaal. Nach der Vorführung verschwand er wieder. Er bewunderte Röbis Kunst der Frauendarstellung, was er ihm auch wiederholt mitteilte.

Ein oder zwei Mal wurde ich zur Arbeit in sein Heim gebeten. Ich stand vor der Haustür, sah zwei untere Stockwerke mit Dir. Eugen Laubacher angeschrieben und klingelte in einem der beiden oberen, wo Charles Welti stand. Heute weiss ich: unten empfing der Direktor seine Kunden und Bekannten oder Freunde aus der Geschäftswelt und oben lebte der schwule Redaktor.

Unten waren Repräsentationsräume mit schönen Ölbildern, Perserteppichen, einer umfangreichen Bibliothek im eleganten Büro und eine Salon mit Hausbar und breiten Fauteuils.

Eugen Laubacher mit Lebenspartner Gabriele Gerosa
Eugen Laubacher alias Charles Welti mit seinem Lebenspartner Gabriele Gerosa, gest. 1978. Foto um 1970

Oben herrschte verwinkeltes Durcheinander von Schreibtischen, Sekretären voller Hängeregistraturen, Schränken und Büchergestellen. Einschlägige Literatur, Briefe Manuskripte, erotische Zeichnungen und Fotos lagen auf Tischen. Vieles davon Sammelobjekte, denn er sammelte leidenschaftlich. Auch Zimmer gab es für Gäste und eines für ihn. Hier hauste Charles allein oder gelegentlich zusammen mit Besuchern. Sein wesentlich jüngerer Freund und Geliebter, Gabriele Gerosa, starb 1978 an Krebs und hatte zuvor etwa 15 Jahre lang hier gelebt.

Weil Charles unabhängig wohnte und seiner Verbindungen wegen nie repressive Übergriffe von der Polizei zu befürchten hatte, besassen nur er und Rolf die Adressen aller Abonnenten. Es lagen auch grösstenteils bei ihm allein die verschiedenen Bilder, Zeichnungen, Fotos, welche mögliche Illustrationen des Kreis oder Aktaufnahmen des Kreis-Bilderdienstes wurden. Auch besass er eine Sammlung von zumeist pornografischen Bildern, alles weggeschlossen in diversen Schränken.

Natürlich regelte Charles vieles, was die Finanzen des KREIS betraf. Er regte die Gründung des Baufonds an, führte ihn aber nicht selbst. Jeder Abonnent konnte bereits ab einem Franken Stein um Stein erwerben und so am Ganzen mitbauen. Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[9] Charles bedachte in besonderen Einlagen auf Sperrkonten seine Redaktionskollegen Öffnet internen Link im aktuellen FensterRolf (Karl Meier) und Öffnet internen Link im aktuellen FensterRudolf Jung (englischer Teil) mit teilweise hohen Summen, damit beide im Notfall eine Überbrückung hatten.

Als in den 60er Jahren infolge der akuten Repression durch Medien und Polizei der KREIS sein Lokal verlor und schliesslich massive Einbrüche an Abonnenten erlitt, war es Charles, der die Notbremse zog und 1967 das rasche Ende herbeiführte. Dies mit grösstem Bedauern, aber im vollen Bewusstsein, dass in den guten Jahren erwirtschaftetes Geld nicht zerrinnen darf, sondern für die Altersvorsorge der praktisch rentenlosen Männer Rolf und Rudolf bereitstehen muss. Dieser damals von vielen nicht verstandene «diktatorische» Eingriff war für mich ein Zeichen von Mut und menschlicher Fürsorge, und typisch für Charles Welti.

Das Ende Öffnet internen Link im aktuellen Fensterdes KREIS

Ein Herz für andere

Eugen Laubacher war ein sensibler Mensch, der tiefe Verletzungen unter seinem abweisenden und berechnenden Äusseren verbarg. Er hatte dem Asylanten Rudolf Jung / Rudolf Burkhardt, der an gelegentlichen Anfällen von Epilepsie litt, den Aufenthalt ermöglicht, ihm über einen Abonnenten die nötige Arbeitsstelle und -bewilligung verschafft, ihn testamentarisch bedacht und so abgesichert, dass er – anfänglich halbtags – als Redaktor des englischen Teils wirken konnte. Und er sorgte auch dafür, dass die in bescheidenen Verhältnissen lebende Mammina zusammen mit ihrer Lebensgefährtin u.a. regelmässig zu Ferientagen und einigen Ausflügen kam.

Er hatte eine schwierige, herrschsüchtige und auch verbitterte Mutter, die den Bruder immer begünstigte und den älteren Sohn als Beispiel einer normalen und damit würdigen Existenz vorhielt. Der Bruder heiratete und hatte Kinder von einer «braven Frau». Doch es kam zum Bruch mit der Schwiegermutter und die «brave Frau» setzte ein totales Hausverbot für die Grossmutter durch.

Da war sie nun allein und besann sich auf den anderen Sohn. Dieser hatte ein Herz und betreute sie vorbildlich. In wenigen Jahren suchte er ihr mindestens sieben Mal eine neue Wohnung und bezahlte alle Auslagen für die Umzüge. Denn jeweils nach kurzer Zeit entstand Unfrieden und die Mutter lebte in offenem Streit mit fast allen anderen Hausbewohnern, sodass ein erneuter Wechsel die einzige Lösung war.

Plötzlich war sie tot. Sie hatte sich das Leben genommen und hinterliess einen Brief an Eugen, worin sie feststellte, dass sie die Schande, einen sexuell abnormen Sohn zu haben und von ihm abhängig zu sein, nicht mehr länger ertragen könne und deshalb den Freitod wähle.

Das hat mir Rolf einmal erzählt, weil er mir seine besondere Verbindung zu Charles erklären wollte. Charles sei nach dem Tod der Mutter zusammengebrochen und habe nur mit Hilfe einiger Freunde und einer längeren psychologischen Betreuung wieder Tritt fassen können. Im Geschäftsleben hingegen hätte er nie von der Mutter gesprochen und völlig normal weiter funktioniert. Diese Aussagen bestätigte mir eine Freundin von Eugen Laubacher, als ich im November 1999 den Nachlass ordnete. Sie war die einzige «aussenstehende» Person, welche er davon unterrichtet hatte.

Zwei Existenzen bis zuletzt

Eugen Laubacher an einem Geschäftsbankett
Eugen Laubacher alias Charles Welti an einem Geschäftsbankett um 1962

Im weiten beruflichen Umfeld kannte und schätzte man den ebenso zuverlässigen wie bescheidenen Schaffer. Zum 70. Geburtstag erschien eine Würdigung in der NZZ. Und in der Schweizerischen Handelszeitung vom 14. Dezember 1972 schrieb Nationalrat Dr. Paul Eisenring unter dem Titel «Eugen Laubacher als Jubilar» u.a.: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[10]

«Als engstem Mitarbeiter von Dr. Walter Boveri vollzog sich seine Tätigkeit wohl eher im Schatten dieser Persönlichkeit, doch bleibt es das Verdienst Eugen Laubachers, bestimmend auf die Tätigkeit der Südelectra (Südamerikanische Elektrizitäts-Gesellschaft) und der SAEG (Schweizerisch-Amerikanische Elektrizitäts-Gesellschaft) namentlich in Argentinien und Peru eingewirkt zu haben. […] Es war eine Selbstverständlichkeit, dass bei seinem Rücktritt aus den Direktionen dieser Gesellschaften er in deren Verwaltungsräte und Ausschüsse berufen wurde, ebenso in die nämlichen Gremien der Privatbank und Verwaltungsgesellschaft, Zürich […].»

Ein typischer Aspekt war sein Einsatz für Studenten aus Norwegen. Paul Eisenring zitierte im selben Artikel einen Generaldirektor der Brown Boveri Oslo:

«In einem persönlichen Schreiben hat der ehemalige Generaldirektor der Brown Boveri & Co. in Oslo, A. Solberg […] hervorgehoben: ‹Als nach dem Zweiten Weltkrieg eine grosse Zahl norwegischer Studenten nach Zürich kam, ergriff er zusammen mit dem damaligen Rektor der ETH […] eine Initiative […], um Kontakte mit vielen Schweizer Familien aufzunehmen, die ihre Heime für diese Studenten öffneten. Eugen Laubacher war auch Initiant der ‹Norweger Baracke› an der Unteren Zäune. Studentenzimmer waren […] spärlich […]. Getränke und belegte Brote gab es zum Niedrigstpreis. Wenn andere Hilfskräfte versagten, war Eugen Laubacher selbst da und produzierte […] solche Brötchen in Mengen. Um neue Möbel zu beschaffen, half er beim Transport mit – hinten auf dem Lastauto. Diese Hilfsbereitschaft, […] das ‹hinten auf dem Lastauto› spricht für die Bescheidenheit, […] das Präsentsein, wo es Not tut.»

Im Nachlass fanden sich regelmässige Einladungen zu Treffen Norwegischer Studentenverbindungen in Oslo – bis weit in die 60er Jahre.

Zehn Jahre später zum 80. Geburtstag schrieb Paul Eisenring unter dem Titel «Ein grosses Lebenswerk»: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[11]

« […] Zum 50jährigen Bestehen der SAEG wie der Südelectra (1978) verfasste der Jubilar je eine Gedenkschrift, in denen die Kühnheit der schweizerischen Initiativen zur Elektrifizierung dieser Länder, aber auch deren Rückschläge und Enttäuschungen […] nachzulesen sind. […] Seine Verlässlichkeit und Freundschaft und seine von sozialem Verantwortungsbewusstsein getragene Gesinnung haben Eugen Laubacher […] immer wieder zu jener Persönlichkeit gemacht, bei der Menschen aller Schichten Zuflucht, Verständnis und vor allem auch tätige Hilfe haben finden dürfen.»

Umarmung von Gérard Raoul Doscot alias G. Scot
Umarmung, Originalzeichnung, koloriert, von Gérard Raoul Doscot alias G. Scot 1923-1968, Paris
Eugen Laubacher mit seinem Hund
Eugen Laubacher alias Charles Welti

Von Charles Welti allerdings wusste niemand. Es war der Name eines Mieters im Hause Laubacher, Vogelsangstrasse 11. Uns so blieb es bis ins hohe und höchste Alter.

Nach dem 80. Geburtstag bestellte er Röbi und mich in sein Haus. Er zog viele Stücke aus seiner Sammlung hervor, Gemälde, Zeichnungen, Fotos, Bücher und übergab sie uns, «damit sie einmal nicht in falsche Hände kommen.» Dabei gingen wir auch in die unteren Stockwerke. Wir zögerten und fragten: «Ist dieser Herr in den Ferien?» Schmunzelnd meinte er:

«Das ist nur meine andere Existenz. Laubacher bin ich. Zeit, dass ihr das einmal wisst.»

Ich erinnere mich an jene Würdigung in der NZZ, Dezember 1972, die leider nur aus Text ohne Bild bestand. Sie lag auf dem Pult meines Vaters, denn er hatte Verbindungen zur Elektroindustrie. Er erzählte mir von diesem Direktor Laubacher, den er von einer Tagung kenne, und ich ergänzte, dass ich vermutlich wisse, wo er wohne. Von der Übereinstimmung mit Charles Welti hatte ich keine Ahnung.

Bei der Abdankung am 28. Mai 1999 trafen Röbi und ich auf viele unbekannte Menschen aus der Banken- und Industriewelt, mit denen wir nachher noch zusammensassen. Es war die Abdankung Eugen Laubachers. Der dabei vorgetragene Lebenslauf schilderte Stationen und Beziehungen eines Mannes, der uns fast gänzlich fremd war. Charles Welti blieb unerwähnt. Zu den Angehörigen aus jener anderen Existenz gehörten ausser uns beiden nur der Kreis-Fotograf Jim, also Karlheinz Weinberger [04.04.09], und Giuseppe Caffagnini, den wir als Fahrer und Altersfreund von Charles kannten. Was hätten wir den anderen Leuten auch erklären sollen – wem und wozu?

Ein Schatz wird gehoben: ein Teil des KREIS-Archivs

Von Giuseppe erhielten wir Monate später einen Anruf. Einer von uns solle doch sofort an die Vogelsangstrasse kommen. Ich ging hin und fand im bereits teilweise geleerten Haus zwei Container vollgestopft mit Briefen, Zetteln, Dokumenten, Manuskripten, alles wirr durcheinander. Materialien aus dem Kreis, das war sofort zu erkennen. Giuseppe gehörte zu den Erben und mit den anderen Erben mussten wir in Verbindung treten. Er wollte das nicht allein tun, sondern einen alten Abonnenten bei sich haben, weil er selber die Bedeutung dieser Papiere nicht beurteilen könne.

Nach längeren Verhandlungen gelang es, Vertrauen zu schaffen und einen Vertrag abzuschliessen, der mich berechtigte, nur die Zeitschrift betreffendes Material auszusortieren und zu Handen des Schweizerischen Sozialarchivs (und damit des Schwulenarchivs) aus dem Haus zu nehmen. Zuerst hätte alles, was zu «diesem ominösen Charles Welti» gehörte, vernichtet werden müssen. Man wollte – verständlicherweise – die unbekannte Seite Eugen Laubachers für immer im Dunkel belassen und jedes Zeugnis tilgen.

Es ging aber um den KREIS und seine Zeitschrift und damit um einen wichtigen Abschnitt schweizerischer Sozial- und Schwulengeschichte, der noch wenig erforscht und viel zu spärlich dokumentiert war.

Eben war eine erste Ausstellung über den «KREIS» zu Ende gegangen, im Schwulen Museum Berlin, also nicht einmal in der Schweiz. Laut interner Absprache und bindender Verordnung wurde bei der Auflösung des «Kreis» 1967 fast alles sich im Büro befindende Material, insbesondere alle Briefe, alle Manuskripte und Hinweise auf Abonnenten vernichtet. In Berlin konnte nur ausgestellt werden, was sich aus Sammlungen von noch lebenden oder Hinterlassenschaften von verstorbenen «Kreis»-Abonnenten auffinden und zumeist nur auf die beschränkte Zeit dieser Ausstellung ausleihen liess. Und da lag jetzt ein grosser Teil des «Kreis»-Archivs durcheinandergeworfen, aber unbeschädigt vor mir.

Fotografische Wiedergabe einer Zeichnung von Jean Cocteau
Fotografische Wiedergabe einer Zeichnung von Jean Cocteau

In den drei Monaten, die bis zur endgültigen Räumung des Hauses blieben, musste alles sortiert und in ein Zwischenlager in unseren Keller überführt werden. Nach Vertrag galt dies nur für Dinge von Charles Welti und nicht von Eugen Laubacher. Ich hatte aber trotz allem einen vielseitigen Menschen gekannt und fand nun zu diesem ganzen Menschen wichtige, mir unbekannte Hinweise und Ergänzungen, die ich einfach nicht absondern und irgendwelchem Zufall überlassen wollte. Zum Glück half Giuseppe. Nur wir beide durften das Haus betreten. Denn laut Testament waren einzelnen Personen je ein oder zwei Zimmer samt Inhalt vermacht. Und in Giuseppes Zimmer fanden sich fast alle persönlichen Dokumente, Briefe, Tagebücher, Fotos und einschlägigen Bücher zum Leben von Eugen Laubacher. Darin, so schien mir klar und deutlich, steckte doch der typisch ordnende und bewahrende Wille des Verstorbenen und keinerlei blinder Zufall. Giuseppe dachte ebenso und überliess es mir, damit auch dieses Material im Archiv abgelegt werden konnte.

So befand sich schliesslich der ganze Nachlass in unserem Keller. Den Vertrag mit den Erben musste ich an deren Vertreterin, jene oben erwähnte Freundin Eugen Laubachers zurückgeben. Sie wollte offenbar kein Zeugnis in anderen Händen wissen. Wir waren inzwischen zu recht gutem Einvernehmen gekommen und so erzählte sie mir Details aus dem Leben Eugen Laubachers, die ich nicht wusste oder die andere Aussagen ergänzten und bestätigten. Sie sind Teil der obigen Schilderungen.

Jünglinge von Bernardino del Boca
Jünglinge von Bernardino del Boca, geb. 1919, gest. 2001

Eugen Laubacher war ein Sammler. Diese Leidenschaft hat ihn nach 1967 alle Dinge aufbewahrt liegen lassen, die den Kreis betrafen, sogar einzelne Abonnentenlisten!, statt sie verordnungs- und abmachungsgemäss zu vernichten. Welch ein Glück. Erst etliche Monate vor seinem Tod und kurz vor der krankheitsbedingten Einweisung in eine Pflegestation, begann er damit, Materialien in Container zu werfen, um sie zu entsorgen. Zu weiterem Tun reichte seine Zeit nicht mehr, und so fanden wir, Giuseppe und ich, fast alles noch unberührt in endlos vielen Schubladen, Fächern, Registraturen, Pulten, Schränken und Truhen der oberen beiden Wohnungen und im Estrich.

Darauf folgte das Feinsortieren und die möglichst detaillierte Auflistung, wobei uns, Röbi und mir, niemand helfen konnte, weil keiner mehr lebte von jenen, die Charles noch besser gekannt hatten. Nach 18 Monaten lag alles im Schwulenarchiv, zusammen mit dem 160-seitigen Verzeichnis: Dokumentation eines Lebens, das in krasser Weise typisch wie total einmalig war für einen Mann in hohen Stellungen auf beiden Seiten seiner Persönlichkeit – und in seiner Zeit.

Öffnet internen Link im aktuellen FensterErnst Ostertag, Januar 2005