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Diese Aufzeichnungen zum Leben von Alfred Brauchli (geb. 1916) und Öffnet internen Link im aktuellen FensterRolf / Karl Meier (1897–1974) basieren auf unseren Erinnerungen und den vielen Gesprächen, die wir privat damals und bei späteren Begegnungen mit ihnen führten.

Zudem sind etliche Details dem Abschnitt «Alfred Brauchli» entnommen, den Karl-Heinz Steinle in seinem Katalog zur Ausstellung «Der Kreis: Mitglieder, Künstler, Autoren, im Öffnet externen Link in neuem FensterSchwulen Museum Berlin 1999 veröffentlicht hatte.

Die meisten Angaben jedoch machte Fredi anlässlich unserer Besuche im Altersheim von 2000 bis 2009. Am 13. August 2004 beauftragte er uns ganz formell, bei seiner Abdankung «dann einmal» auch über sein Leben «mit allem» zu berichten, «dann sollen sie (u.a. die übrigen Heimbewohner) es ganz erfahren». Die Lebensgeschichte ist mit Notizen von Beat Frischknecht ergänzt, welche dieser nach einem Besuch bei Fredi am 21. Oktober 2000 niederschrieb und uns freundlicherweise zur Verfügung stellte.

Fredi Brauchlis Jugendjahre

Er wurde immer Fredi genannt (Rolf schrieb den Namen mit y)

Sein Vater war Transmissionswärter in der Kammgarnspinnerei Bürglen bei Weinfelden (TG); die Familie lebte in sehr ärmlichen Verhältnissen. Der Vater begann seine Arbeit des Überprüfens der zahllosen Maschinen um 05.00 und schloss mit der Endkontrolle um 22.00. Es gab kein Geld, um den einzigen Jungen der Familie, er hatte noch drei Schwestern, in die Sekundarschule zu schicken, wo man Schulbücher zwar billig von älteren Kameraden kaufen konnte, aber Bleistifte, Schreibfedern und Hefte usw. waren ebenfalls selber zu bezahlen. Dazu reichte das Geld eben nicht.

Also verdiente sich der kräftige, aber stets stille Bursche vom siebten Schuljahr an sein eigenes Geld in der Freizeit als Laufbursche zwischen den ratternden Spinnmaschinen, wo er die leeren Spulen einsammeln und durch neue ersetzen musste. Nur die schnellsten Läufer hatten dabei eine Chance. Nach Ende des achten Schuljahres wurde der 14-jährige voll angestellter Laufbursche im selben Betrieb, wo auch sein Vater arbeitete. Seine Arbeitszeiten waren von 6.30 bis 18.00 mit einer Freistunde am Mittag. Am Samstag von 13.00 bis 17.00 war die Fortbildungsschule angesetzt, die für alle obligatorisch war, die keine Sekundarklassen besucht hatten. Mit 18 konnte er einen verantwortungsvolleren Posten in der Kammgarnspinnerei übernehmen.

In der Freizeit hatte er mit Violin-Unterricht begonnen, den er selber bezahlte. Seine raschen Fortschritte ermöglichten die Mitgliedschaft im «Orchesterverein an der Thur», dessen Programm auch klassische Musik umfasste.

Krankenpflege – Fredi Brauchlis Berufung

Immer, so betonte er oft, habe es ihn zur Krankenpflege gedrängt. Die Rekrutenschule absolvierte er 1926 wunschgemäss bei der Sanität. Danach konnte er ins Diakon-Haus St.Gallen eintreten und eine vierjährige Lehre in Krankenpflege machen. Dort erwarb er sein erstes Diplom. 1940 ging er nach Zürich und bildete sich weiter zum Psychiatriepfleger. Er war offensichtlich für Pflegeberufe geschaffen und in allen Fachbelangen begabt. Mit seiner homosexuellen Veranlagung als Seniorenliebender auch in spezieller Weise für Altenpflege (Geriatrie). Zugleich zog es ihn immer wieder zu Frauen. Er hatte Verhältnisse mit gleichaltrigen oder jüngeren «Freundinnen», wie er sie nannte. «Bis jetzt», fügte er schmunzelnd noch mit 85 hinzu.

Eine kleine Episode erzählte uns Fredi am 10. Dezember 2004, sie sei ihm jetzt eben aus der Erinnerung aufgetaucht: «Ich war in der 6. Klasse kurz vor Schulschluss. Wir hatten einen feingliedrigen, scheuen Kameraden, einen Halbitaliener. Der arbeitete in der Freizeit bei einem Sattler und wollte dort auch die Lehre machen. Vom Sattler sagte man, der ‹habe es› mit jungen Männern. Ich wusste nicht, was das bedeuten sollte. Mich interessierte aber der Sattler sehr. Er hätte mein Vater sein können. Ich wollte auch bei ihm arbeiten. Ich war wohl eifersüchtig, wusste aber nichts davon. Da schnitt ich die Riemen von meinem Schul-Tornister und ging zum Sattler, um sie flicken zu lassen. So war ich bei ihm. Das war sehr schön und ich war richtig glücklich. Aber er beachtete mich überhaupt nicht. Ich war danach lange sehr traurig. Erst später merkte ich warum.»

Fredis Begegnung mit Karl Meier

Inserat: Café Restaurant «Marconi»
Inserat: Café Restaurant «Marconi». Veröffentlicht im «Kreis», Nr. 12, 1943, Umschlag, Innen-Rückseite

Mit 25 (1941) lernte er den 19 Jahre älteren Karl Meier kennen. «Auf dem Hauptbahnhof Zürich war das. Ich war auf dem Weg zu meinen Eltern. Da sah ich ihn auf dem Bahnsteig stehen und Zeitung lesen. Ich dachte, das ist doch der Meier Karl vom Laientheater in Kradolf, und ich muss ins Nachbardorf.» Aber er getraute sich nicht, den berühmten Mann anzusprechen, obschon er in denselben Waggon stieg und sich in seine Nähe setzte, sodass er ihn gut beobachten konnte. Etliche Monate später sah er Karl Meier im Restaurant Marconi an der Kanonengasse 29, hinter der Kaserne, damals ein bekannter Treffpunkt von Homosexuellen.

Im Marconi war Meier nicht allein. Er war in Begleitung von Hans Bönisch, den Fredi damals nicht kannte. Dieser bemerkte, wie Rolf immer wieder den jungen Mann fixierte und wie der junge Mann ebenso oft zu Rolf hinschaute, aber offenbar scheu war. Also stand er auf und bat ihn, er solle doch an ihren Tisch kommen. Später verliessen sie zu dritt das Marconi und als Danilo sich verabschiedete, lud Rolf die neue Bekanntschaft ins Café Select am Limmatquai 16 ein (heute Restaurant Molino), wo er im obersten Stock desselben Hauses ein geräumiges Zimmer mit WC (ohne Küche und Dusche) bewohnte. Schon wenig später putzte Fredi – typisch für ihn – dieses Zimmer blitzblank und «brachte Ordnung in die Künstlerbude».

Bönisch war Chef der Bühnengarderobe im Stadttheater (heute Opernhaus), und Abonnent des Kreis, ein jovialer, liebenswürdiger Mann, der im KREIS Danilo genannt wurde. Ihm war später zu danken, dass für gewisse Auftritte an den grossen Festen Kostüme aus dem Fundus des Stadttheaters geliehen werden konnten.

Mit der Schweizer Ärztemission an der Ostfront

Portrait von Karl Meier alias Rolf
Erstes Portrait, das Karl Meier alias Rolf seinem Lebenspartner Fredi Brauchli alias Fredy schenkte
Erstes Portrait, das Rolf seinem Lebenspartner schenkte
Rückseite des Portraits von Karl Meier alias Rolf mit Pelzmütze

Rolf sei aber immer sehr zurückhaltend gewesen, er habe ihn zwar zu den Treffs der Abonnenten des Öffnet internen Link im aktuellen FensterMenschenrecht mitgenommen, aber niemandem sagen wollen, dass sie «etwas miteinander haben. Er war furchtbar streng! Erst an der Weihnachtsfeier 1942, als ich in Russland war, stellte er mein Foto auf, damit alle an mich denken konnten.»

In jenem Jahr hatte sich Fredi zur «Schweizer Ärztemission» gemeldet, welche dem Schweizerischen Roten Kreuz unterstand und als humanitäre Hilfe für die besetzten Teile Russlands organisiert wurde. Dabei war auch Pflegepersonal.

Fredi stand im Einsatz bis Ende 1943, erlebte also – gelegentlich sehr nah an der Front – zunächst bei Rostow und nach der Niederlage von Stalingrad um Charkow die Leiden der Kriegsopfer, allerdings fast ausschliesslich jene der deutschen Wehrmachtsangehörigen. Die Rückzüge von 1943, in deren Wirren er einmal von «einer russischen Patrouille überrascht» wurde, «was die Lebensmittelvorräte kostete», brachten ihn schliesslich nach dem polnischen Krakau, «die erste unversehrte Stadt, die wir sahen, denn offenbar wollten die Deutschen nicht, dass wir Zeuge ihrer dauernden Niederlagen wurden. Im schönen und interessanten Krakau hatten wir nichts zu tun – und nach Hause fahren war unmöglich, solange kein Befehl vom Roten Kreuz dazu vorlag. Es war uns langweilig, also fragten wir, ob man uns nicht irgendwo einsetzen könne. Die sagten aber nur, das einzige, was sie für uns hätten, sei uns nicht zuzumuten. Wir wurden dann doch zugelassen, weil sie vermutlich zu wenig eigene Leute hatten, nämlich zum Entlausen von zurückgeschobenen Verwundeten. Auch Zivilisten (deutsche Flüchtlinge) waren darunter. Fast alle ihre Kleider waren verfilzt von Nestern und ganzen Kolonien von Läusen. Meist konnten wir die Klamotten nur noch verbrennen. Unter den Gipsverbänden, die wir aufschnitten, wimmelte es, da waren Gänge noch und noch. Alles musste behandelt, gewaschen, desinfiziert und neu verbunden werden, endlos.»

Fredi pflegt den Tänzer Nijinsky

1944 war Fredi wieder in der Schweiz und wollte nun definitiv in Zürich wohnen und arbeiten, um das hier mögliche freiere Dasein (mit Rolf zusammen) wirklich leben zu können. Er bewarb sich an der psychiatrischen Klinik Burghölzli und arbeitete dort für etwa ein Jahr. Nun begann er auch im KREIS aktiv zu werden, indem er beim Versand der Hefte und Leihbücher half. In der Ausgabe 12/1945 setzte Rolf ihrer Zweisamkeit ein deutliches und offenes Zeichen: Sein Weihnachtsgedicht auf der ersten Seite widmete er «Fredy».

Kurz danach wechselte Fredi an die Privatklinik Brunner in Küsnacht (ZH). 1946 lernte er dort den geistig umnachteten und von einem Schlag halbseitig gelähmten Tänzer Öffnet externen Link in neuem FensterWaclaw Nijinsky (1890–1950) kennen. Nijinskys Frau bat Fredi, doch mit nach England zu kommen, wo sie Freunde habe, und wo er sich dauernd als Privatpfleger um ihren Gatten kümmern sollte. Das tat Fredi etwas später, reiste allein und ohne ein Wort Englisch zu können und blieb bis zum Tod des Künstlers in der sorgfältig abgeschirmten Villa im Londoner Vorort Virginia Water. Nur selten gewährte ihm Nijinskys geizige Frau einen freien Tag, um einmal in die Stadt hineinzufahren und die Metropole etwas kennen zu lernen. Auch für seinen Pflegerlohn musste er lange kämpfen.

Mit dem jungen Nijinsky war das 1907 gegründete «Ballet Russe» von Sergej Diaghilew weltberühmt geworden.

Der Kreis vom Mai 1950 brachte einen Nachruf auf Nijinsky, verfasst von Max Terpis: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[1]

«[…] Der entscheidende Schritt in die grosse Welt gelang dem Siebzehnjährigen, als das Auge […] von Sergej Diaghilew auf ihn fiel. […] Er nahm ihn in sein Gefolge auf […] und ihm dienten Strawinsky und Picasso. Selbst der alte Rodin war beglückt, ihn zu modellieren. […] Es war die leitende Hand des Mentors Diaghilew, die das Genie dem weltweiten Ruhm zuführte» […] und zu höchster Leistung brachte «in den tragenden Rollen etwa im ‹Nachmittag eines Faun›, dem ‹Geist der Rose›, in ‹Petruschka›, ‹Feuervogel›, ‹Carneval›, ‹Scheherazade› und ‹Sacre du Printemps›. […] Nijinsky war ein Instrument, das jeden schöpferischen Gedanken und Willen vollendet wiedergab. […] Mitten auf der Bahn des Ruhmes aber stand plötzlich ein Wegweiser. […] Nijinsky, dieser Ikarus, musste sich entscheiden, ob er den Höhenflug unter der Führung seines Dädalus weiterführen […] oder ob er den Lockungen der Nymphe folgen solle. […] Er folgte […] der Frau und verlor damit den Freund und seine Welt. […] Da warf Apollon, der strenge, einen Schleier über seinen Schützling, der ihn der Welt entzog. Er löschte die Fackel. Sanft und ohne es ihn selber merken zu lassen, nahm er die ihm verliehenen Gaben zurück. […] Und nachdem schon vor mehr als dreissig Jahren sein Geist entflohen ist, ist nunmehr auch die letzte Saite des wundervollen Instruments […] gesprungen.»

Im Dezember 1961 brachte Rolf die Besprechung eines neuen Buches über Nijinsky

Gemeinsames Leben mit Karl Meier / Rolf

Fredy mit Lebenspartner Rolf
Fredi Brauchli alias Fredy mit Lebenspartner Karl Meier alias Rolf an einem KREIS-Herbstfest, 50er Jahre, in der Eintracht (Theater am Neumarkt)

Seine Arbeit und Aufgabe war getan. Fredi kehrte in die Schweiz zurück. Bald darauf wurde Rolfs Zimmer wegen eines geplanten Umbaus gekündigt. Gemeinsam suchten sich die Freunde eine Bleibe und fanden einen grossen Wohndachstock in einem erst vor wenigen Jahren erbauten Haus an der Mühlebachstrasse 125 im Zürcher Seefeld.

Als dann Ende 1953 eine Dreizimmerwohnung im ersten Stock desselben Hauses frei wurde, zogen sie dort ein. 1954 wurde auch das Büro der Kreis-Redaktion vom Limmatquai 16 an die Mühlebachstrasse in den nun frei gewordenen Dachstock verlegt, wo es bis 1967 blieb. Derselbe Raum diente zugleich zur Unterbringung der Bibliothek und als Versandstelle. Auch wurde er öfter zum kurzen Domizil von Gästen, Abonnenten oder Flüchtlingen, weil sich einzelne Kameraden vor allem aus der Bundesrepublik Deutschland (§ 175 und § 175a bis 1969) immer wieder für kurze oder längere Zeit in die Schweiz absetzen mussten.

Nebst seiner beruflichen Arbeit betreute Fredi die Gäste so oft er konnte und kochte für sie. Auch die Theatergruppe nutzte nun das «Büro» regelmässig als Probenraum.

1951, nach einem kurzen Aufenthalt in Yverdon, wo Fredi – erfolglos – französisch lernen wollte, wurde ihm in einer renommierten Privatklinik in Liestal eine interessante Stelle angeboten. Da griff er zu und blieb sechs Jahre. Bald war er Abteilungsleiter. Die freien Tage verbrachte er in Zürich.

1957 wechselte Fredi erneut nach Zürich, um Rolf und dem Stadtleben wieder näher zu sein. Er fand eine neue Aufgabe im Krankenheim Käferberg, erlebte den Ausbau zum Pflegezentrum und war dort Stationschef bis zur Pensionierung 1981.

Fredi war immer ein furchtloser Mensch, der auch massiv dreinfahren konnte, wenn er offensichtliches Unrecht sah. So einmal im Winter 1957/58 im «Barfüsser» (einschlägige Bar im Zürcher Niederdorf), wo er mit Rolf und einem anderen Freund zusammensass. «Da kam so ein Weiberheld herein und begann uns laut zu beschimpfen: ‹Schwule Sauhunde raus!› Jetzt packte es mich. Ich ging hin, schmierte ihm eine runter und warf ihn über den nächsten Tisch. Da wurde er ruhig und zog ab.»

Oft versuchte er, Rolfs Betätigungen einzuschränken. «Ich musste ihn immer bremsen und sagte, er gehe zu weit und müsse auch einmal für sich sorgen. Seine Freunde haben gesagt, gut, dass er dich hat.» Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[2] Fredi hat sicher viel dazu beigetragen, dass Rolf zumindest während der KREIS-Zeit nie zusammenbrach.

Freizeit und Entspannung

Vor dem Haus Karl Meiers alias Rolf in Kradolf (TG)
Vor dem Haus Karl Meiers alias Rolf in Kradolf (TG), v.l.n.r.: unbekanntes Mitglied «der runde», Karl Meier alias Rolf, geb. 1897 – gest. 1974 und Willy Stiefel, geb. 1924 – gest. 1984. Aufnahme um 1971 von Harry Hermann, geb. 1919 – gest. 1995

Zur Entspannung waren gemeinsame Reisen bestens geeignet. So besuchten sie öfter die BRD und Österreich, einmal auch die DDR, die Niederlande und Dänemark, Schweden, Norwegen. Natürlich trafen sie dabei Persönlichkeiten der lokalen Organisationen und waren ihre Gäste in Clubs, verbanden also Ferienvergnügen und Facharbeit.

Ein absolut ruhiger Ort des Zurückgezogenseins war hingegen Rolfs Elternhaus in Kradolf. Dort empfingen sie nur wenige der engsten Freunde. Von dort aus leitete er als Karl Meier die jährlichen Sommerspiele des Laientheaters Kradolf, das er 1914 begründet hatte und bis 1964 regelmässig zu vielbeachteten Erfolgen führte.

In den 60er Jahren kam der junge seniorenliebende Italiener Giuseppe Caffagnini in die Schweiz und wurde bald zum Fahrer und Altersfreund von Charles Welti / Eugen Laubacher. Mit Giuseppe als Übersetzer unternahmen Fredi, Rolf und Danilo (Hans Bönisch) zwei Italienreisen, wobei Fredi das Auto lenkte und Giuseppe filmte und fotografierte. Über die Reise nach Florenz und Rom berichtete Rolf im Heft 8/1964.

Karl Meiers Krankheit und Tod

Drei Jahre nach dem Ende des KREIS erhielt Rolf 1970 eine Hauptrolle im extra für ihn geschriebenen Stück «Das Zirkus-Abenteuer», welches für die Märchenbühne im Theater am Hechtplatz vorgesehen war. Zugleich probten wir für das Weihnachtsfest im Öffnet internen Link im aktuellen FensterConti Club am Zweipersonen-Stück «Willst du eintreten?», das ich für Rolf und Röbi Rapp geschrieben hatte. Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[3]

Doch mitten in den Proben erlitt Rolf im November einen ersten kleineren Schlaganfall, wusste den Text nicht mehr und musste aussetzen. Wenig später wurde klar, dass wir auch unser Weihnachtsstück aufgeben mussten. Fredi pflegte ihn fürsorglich zu Hause, aber nach weiteren Anfällen war Rolf halbseitig gelähmt und geistig zunehmend verwirrt. Fredi musste ihn schliesslich zu sich in die Pflegeabteilung anmelden. Das ging aber nicht so leicht. Erst auf seine unmissverständliche Kündigungsdrohung war man bereit, Rolf in dieselbe Station aufzunehmen, der Fredi vorstand. Dort sorgte er vorbildlich für ihn.

Es gab kurze Momente völliger Klarheit. So auch einmal, als Röbi und ich ihn besuchten und wir zu dritt sprechen konnten wie eh und je, aber plötzlich kannte er uns nicht mehr. Fredi traf ihn einmal, da kniete er im Bett und betete «Mein Gott, warum hast Du mir den Verstand geraubt!»

Am 29. März 1974 starb er.

Seinem Wunsch gemäss erhielt er ein Grab auf dem Friedhof Sulgen (TG) und auf dem Stein die Worte: Einer der liebte, stirbt nicht aus der Zeit. Heute ist das Grab aufgehoben und der Stein bei André Salathé im Staatsarchiv des Kantons Thurgau, wo auch vieles von Rolfs privatem Nachlass unter dem Namen Karl Meier aufbewahrt wird.

Fredi Brauchli nach dem Tod von Rolf

Fredi Brauchli alias Fredy und Röbi Rapp (links)

Nach Rolfs Tod blieb Fredi in der gemeinsamen Wohnung an der Mühlebachstrasse bis er 1998 ins Männer-Altersheim Frohalp in Zürich-Wollishofen übersiedelte, wo er noch heute lebt.

Bei einem unserer Besuche dort gab er uns zwei Fotos von Rolf, damit wir davon Kopien herstellen konnten. Beide Bilder stammen aus dem Jahr 1942 und auf der Rückseite des einen hat Rolf am 22. November 1942 eine Widmung «für Fredy» geschrieben. Fredi nahm sie mit nach Russland und hatte sie als steten Begleiter bei sich, wie er uns erzählte. Unter die Widmung setzte Rolf die letzten Zeilen aus dem Zweipersonen-Stück «David» von Otto Zarek, das er schon in Der Eigene 1929 besprochen hatte. Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[4] David spricht sie beim Abschied zu Jonathan:

Einer, der liebte, stirbt nicht aus der Zeit.

Den Kuss, den er ins Herz des Bruders grub

Hat das Unsterbliche der Welt berührt

Und zeugt in Ewigkeit: die Liebe fort!

Fredi verfasste die Todesanzeige mit dem von Rolf gewünschten Spruch:

Licht senden in die Tiefe

des menschlichen Herzens –

des Künstlers Beruf.

Heute Abend entschlief im Krankenheim Käferberg kurz nach seinem 77. Geburtstag

Karl Meier («Rolf»)

Schauspieler und Regisseur

Sein reines Leben, seine unermessliche Güte, seine moralische Kraft im selbstlosen Einsatz für andere bleiben vorbildlich und uns allen unvergesslich.

Alfred Brauchli

Seine Verwandten und Freunde

Öffnet internen Link im aktuellen FensterErnst Ostertag, Februar 2006