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Eine recht persönliche Begegnung

KREIS-Herbstfest, 1955: Karl Meier alias Rolf und Rudolf Jung alias Rudolf Burkhardt
KREIS-Herbstfest, 1955: Karl Meier alias Rolf, geb. 1897, gest. 1974 und Rudolf Jung alias Rudolf Burkhardt, geb. 1907, gest. 1973

«Hab ich dich, du Bettenhüpfer!» tönte es plötzlich hinter mir. Es war noch halbdunkler Morgen. Ich hatte kein Licht im Bad machen wollen bei der möglichst leisen Kurzwäsche. Denn Tom hatte mich gewarnt: «Wecke nicht den Untermieter!» Nun war es zu spät. Und den Spott musste ich noch Jahre später hören.

Rudolf hatte mich ertappt. Dabei war es Tom, der mich im vorgerückten Abend angesprochen und zu sich geladen hatte. Beide waren wir damals im Herbst 1955 etwa 25 und machten uns die Nacht zum Fest.

Wenig später eröffnete Tom seinen ersten kleinen Men's Shop und begann die bekannte Karriere mit Lederjacken, Hosen, Badetangas, Slips und sonstiger Freizeitbekleidung für den trendigen, schwulen oder sonstwie sich exklusiv fühlenden Mann.

Wie konnte ich wissen, dass der mir eben erst vorgestellte Kreis-Redaktor ausgerechnet hier sein Zimmer hatte? Ich musste ihn mit recht entsetzter Miene angestarrt haben, denn er lachte, nahm mich in die Arme und flüsterte, «das bleibt unter uns!», dann war er verschwunden.

Er hielt Wort. Nur wenn wir allein waren, stichelte er, besonders nachdem ich Röbi kennen gelernt hatte, «du scheinst nur Berühmtheiten ranzulassen; gibst mir auch mal Chance?» Er war ein durch und durch gutmütiger Kerl mit liebenswürdig kindlich-kauzigem Wesen – und stets zu Spässen bereit. Oft unterhielten wir uns in englisch und suchten mit den neuesten Ausdrücken der Szene uns gegenseitig auszustechen. «Camp» war «in» und vieles kam laufend dazu. Auch «gay» erschien erstmals in der «camp-language» und stand in den Startlöchern für seinen rasanten Siegeszug.

Das englische Wort «camp» als Adjektiv bedeutet selbstbewusst, überheblich, aber auch, im Szenenjargon, tuntig und überdreht. In England hiess damals alles «camp», was typisch schwul war, und besonders reizvoll: die Aussenstehenden verstanden nur «Zeltplatz».

Rudolf war ein harter und sehr schneller Arbeiter und forderte von einem Hilfeleistenden dasselbe, ohne Diskussion.

Lebenslauf eines 175ers

Geburtsort von Rudolf Öffnet externen Link in neuem FensterAlexander Jung war Laasphe in Westfalen, die Schulzeit verbrachte er in Giessen. Dort durchlief er dann von 1922 bis 1924 eine Buchhändlerlehre, um anschliessend für drei Jahre beim Verlag Eugen Diederichs in Jena zu arbeiten. Bis 1942 war er im Buchhandel an verschiedensten Orten tätig und soll wegen Verstosses gegen den §175 ins Gefängnis gekommen, aber vorzeitig entlassen worden sein. Darauf wurde er in den Krieg eingezogen und endete glücklich in amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Die Erlebnisse als Frontsoldat schilderte er später in Erzählungen wie «Du warst der Anfang meines Lebens» oder «Heimkehr in der Christnacht».

Über gewisse Beziehungen kam er angeblich nach Hollywood, um dort mit einer deutschen Emigrantengruppe Filmskripts aus der deutschen Literatur zu entwickeln. In dieser Zeit knüpfte er Verbindungen zu US-Künstlern, die später auch für den Kreis nützlich wurden.

Nach Deutschland zurückgekehrt, stand er zunächst als Übersetzer im Dienst der Alliierten. Später, nun im Osten Deutschlands, der sowjetische Besatzungszone, wurde er in einen Prozess wegen einem Verstoss gegen den §175 verwickelt, konnte aber, vorgewarnt, sich durch Flucht nach England absetzen. Von 1950 bis 1955 wirkte er als Lektor am German Department der University of Bristol.

Der Kreis will dreisprachig werden: Die Anfänge

1951 suchte Rolf einen Redaktor für den geplanten Ausbau zu einer dreisprachigen Zeitschrift, weil er sehr genau sah, dass sich damit ein neuer grosser Markt öffnen liesse und diese Sprache auch auf dem Kontinent an Einfluss gewinnen würde.

Anfänglich war es Gauthier, der Kassier Walter Neuburger (geb. 1913), der über den Bücherverkauf mit Kameraden/Autoren in den USA und Grossbritannien in Verbindung trat. Diese Korrespondenz wuchs unerwartet rasch. Da Gauthier kein Englisch schrieb, trat ihm ein unbekannter Abonnent zur Seite, der sich «Reno» nannte. Er eröffnete den englischen Teil und dank ihm konnte der Kreis bereits in der Weihnachtsnummer 1951 drei erste englische Seiten publizieren. Dazu gehörte das bekannte 75. Sonnet von Shakespeare und Lord Byrons Gedicht «Then say, was I or nature in the wrong». Zuvor stand eine Begrüssung und Anregung mit dem (weihnächtlichen) Titel «Fear not!», unterzeichnet mit «Reno»:

«[…] Our ‹Circle› now brings the good news to those in far-off countries that they are not alone, that friends of similar feelings and inclination also exist elsewhere and that we have won many a battle already. Yes, we have a recognized club in Zurich where we meet weekly. We have our magazine, this ‹Kreis› or circle which is a precious link between all of us. […] We want to correct the law that wrongs us and to create understanding among those who entertain nothing but hatred and despise towards us. And […] our meetings have enabled many a friend to find a dear pal with whom life can be enjoyed in frankness and harmony. Our magazine needs the support of outsiders. We already have a large number of subscribers and friends in various European countries, but we should also like to add those living in English speaking countries. […]»

Dieser «Reno» war ein Bekannter von Walter Neuburger. Walter hatte eine Zeit lang in England gewohnt und gearbeitet.

Ein 175er wird eingebürgert

Es war ein schicksalhafter Zufall, als Rudolf Jung bereits im Januar 1952 von «Renos» Tätigkeit erfuhr und mit dem KREIS in Kontakt trat. Bald schon schrieb er englische Texte unter den Namen R. Young und Philip Young oder nur R.Y. und liess seine Beziehungen spielen, sodass andere Autoren für den Kreis zu schreiben begannen. Schon im Februar 1952 gab es einen Beitrag von ihm in deutscher Sprache unter dem Pseudonym Christian Graf: «Die Homosexualität im Spiegel amerikanischer Romane». Im Mai 1953 erschien im Kreis seine Erzählung «No Choice of Road» Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[1] und im April 1954 seine Kurzgeschichte «Die innigste Umarmung» und in der gleichen Ausgabe auch die englische Version «Beauty Unadorned», beide unter dem Pseudonym R. Young Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[2]

Rudolf war, wie ich ihn scherzweise nannte, ein Chamäleon. Denn so viele ständig wechselnde Namen, wie er sie als Autor sowohl deutscher wie englischer Geschichten und Übersetzungen verwendete, hatte keiner. Ich bin sicher, dass bis heute Texte von ihm unerkannt irgendwelchen Autoren zugeschrieben bleiben und ich höre dazu sein verschmitztes Kichern.

In England galten dieselben Gesetze, vor denen er aus Deutschland fliehen musste. Er konnte nie sicher sein. So erwartete er das Auslaufen seines Vertrages und suchte nach einem anderen Exil, als sich die Arbeit für den Kreis anbot und Rolfs Ruf nach Zürich erfolgte. «Eine Wende wie im Märchen», erzählte er mir später einmal. Aber bei ihm war Realität und «tales of a little fairy», wie er es ausdrückte, nie klar unterscheidbar, besonders nicht, wenn es um seine Vergangenheit(en) ging. Mit der Zeit lernte ich im Ausdruck seines Gesichts korrekter zu lesen als nur dem zu folgen, was meine Ohren hörten.

Im Jahresbericht 1955 erwähnte Rolf, dass ab Jahresmitte der mit Korrespondenz schwer geforderte Kassier Walter «Gauthier» endlich entlastet wurde durch Rudolf, der auch bald viel von Rolfs Korrespondenz übernahm.

Das Protokoll des Öffnet internen Link im aktuellen FensterJahresberichts 1955

Doch das ging nicht ohne Bedenken, wie ein Brief von Rolf an Charles vom 29. April 1955 bezeugt:

«Zu deiner Sorge, weil du mit Rudolfs Amt ‹Apostelgelüste› à la Baudry befürchtest – hab keine Angst! Rudolf ist die Bescheidenheit selbst und sein Wunsch ist ganz einfach Mitarbeit, vor allem im englischen Teil und für Walter. C'est tout. Es wird bestimmt keine anderen Richtlinien und Führungsgelüste geben, ohne dass wir uns alle, die den Karren schmeissen, darüber einig sind. Da kannst du wirklich beruhigt sein.»

Baudry hatte ein Jahr zuvor die «Arcadie» gegründet und sich als Mitarbeiter des «Kreis» zurückgezogen, daher stammten wohl die Bedenken von Charles.

Im Frühjahr 1955 reiste Rudolf für immer in die Schweiz, was er mit seinem deutschen Pass nur tun konnte, weil er als Fachmann für Englisch eine feste Arbeitsstelle vorweisen konnte. Im Nachlass Charles Welti fand sich die Kopie (vermutl. Entwurf) eines Arbeitsgesuches an die zuständige Behörde der Stadt Zürich, undatiert, unsigniert, aber sicher von Kreis-Abonnent Öffnet externen Link in neuem FensterKurt Stäheli im Spätherbst 1954 verfasst. Kurt Stäheli war ab 1934 Gründer und Mitnhaber der Buchhandlung Stäheli für englischsprachige Literatur und Fachbücher an der Ecke Bahnhofstrasse/Rennweg, der heutigen Filiale von Orell Füssli «The Bookshop». Das Schreiben lautet:

«Rudolf Jung, geboren am 8. Januar 1907 (…). Zweck der Arbeitsbewilligung: Übernahme der Vorarbeiten von wissenschaftlichen Werken, deren Stoffgebiet zu einem grossen Teil dem englisch-amerikanischen Sprachgebiet entstammt. Die Arbeiten benötigen einen mit der englischen und deutschen Sprache gleichermassen völlig vertrauten Mitarbeiter, der ausserdem in bibliographischen Arbeiten, Katalogarbeiten, Anfertigen von Auszügen und dem Beurteilen fachlicher Literatur ausgebildet ist. Es ist dem Antragsteller trotz jahrelanger Bemühungen nicht gelungen, einen Mitarbeiter zu finden, der in so hohem Masse den erwähnten Anforderungen genügt, wie es die berufliche und fachliche Ausbildung des Herrn Jung gewährleistet.»

Ein Brief Kurt Stähelis an Rolf, undatiert, aber sicher vom Sommer 1955, enthält folgende Passage:

«Auch Deinen zweiten Brief, den nach Porto Ronco [Stähelis Freizeitsitz im Tessin] hab ich erhalten. Ich arrangiere das. Wie weiss ich noch nicht, aber das ist nur eine Frage der Buchhaltung und auch mir liegt ja viel daran, dass uns der Redaktor Rudolf erhalten bleibt. Dir, dem Kreis und mir.»

Aus einem anderern, ebenfalls im Nachlass Charles Welti gefundenen Brief vom 22. März 1963, von Kurt Stäheli an Rolf:

«Was nun die Stellung Rudolfs betrifft, so möchte ich betonen, dass er nach wie vor und nach den Akten der Angestellte meiner Firma ist. Seine Arbeitsbewilligung ist auf Grund von freier Lektorenarbeit für meine Firma genehmigt. Es wird für ihn bei mir ein Lohnkonto geführt, seine AHV-Beiträge [Schweizer Alters- und Hinterbliebenenversicherung] werden von mir persönlich bezahlt. Es war vor Jahren mündlich besprochen worden, dass eventuelle Lohnbezüge aus unserem Verein in der Vereinsbuchhaltung nicht offen und nicht unter Namensnennung verbucht werden. […] Ich hoffe, dass Du und Charles tatkräftig dafür sorgen werdet, eben mit Hilfe des Anwalts, dass wenn immer möglich keine Nachlass- oder Steuerbehörde das Recht auf Zutritt und Eröffnung von Buchhaltung und Abonnentenlisten beanspruchen kann.»

Rudolf war nebst Rolf der einzige Mitarbeiter, der einen bescheidenen Lohn bezog. Der erwähnte Anwalt war Dr. jur. Erich Krafft, der offizielle Rechtsvertreter des KREIS.

Rudolf wirkte am Anfang seiner Tätigkeit für den Kreis teilweise und nach 1967 bis Ende 1968 voll in der Buchhandlung Kurt Stäheli & Co. sowohl als Lektor wie Übersetzer und teilweise auch in der Korrespondenz, denn so kam er mit der Kundschaft nicht in direkten Kontakt, was zu gefährlich schien. Die Arbeit an der Zeitschrift musste natürlich verborgen bleiben. 1966 gelang die Einbürgerung. Damit war sein Exil beendet, jetzt war er sicher und ein freier Mann.

Die internationale Zeitschrift

Rasch wurde Rudolf zum Vertrauten von Rolf und Charles. Dieser hatte seine anfängliche Zurückhaltung abgelegt, schätzte nun den unermüdlichen Schaffer sehr und unterstützte ihn finanziell, sodass ihm seine bescheidene Lebensführung gewährleistet blieb. Rudolfs Arbeitspensum stieg gewaltig. Er konnte halbe Nächte hindurch im Büro verbringen, um dann den kurzen Weg ins Zimmer bei Thomas Wetzel / Tom zu gehen. Tom übrigens zog dort bald aus und Rudolf blieb, weil er sich nun den Zins für die kleine Wohnung leisten konnte.

Mehr zur Biografie von Öffnet internen Link im aktuellen FensterTom Wetzel

Öffnet externen Link in neuem FensterErich Lifka (1924–2007), österreichischer Abonnent, Lyriker und Autor mit etlichen Beiträgen im Kreis, schilderte in seiner Würdigung Rudolf Jungs Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[3] u.a. das Büro und weitere Details von seinen Begegnungen mit Rudolf:

«Oft werkte er bis spät in die Nacht in der Dachkammer. […] Sein Schreibtisch stand Rolf gegenüber und beide klapperten mit ihren Maschinen um die Wette. Rudolf musste ja nicht nur schreiben und übersetzen, er führte auch die Korrespondenz mit den Abonnenten. […] Um seinen Schreibtisch heftete er sich Bilder von nackten Männern an die Wand, die ihm keineswegs immer fremd waren. Er zeigte mir seinen Berliner Adoptivsohn und einen jungen italienischen Soldaten, über den er sogar im Kreis geschrieben hatte. Rolf mochte diese ‹Galerie› nicht. […]

Er beherrschte Englisch wie seine Muttersprache und schrieb darin so manche Geschichte unter Pseudonym. […] Sein Stil verriet ihn aber trotz aller Pseudonyme. Schrullig, wie er war, bestand er auf Wörtern wie ‹Cravatte› und ‹Cigarette› und wunderte sich dann, wenn man ihm ein neues Pseudonym auf den Kopf zusagte. […] Mit seinem Hinzukommen erlebte der Kreis einen gewaltigen Aufschwung. Rudolf brachte […] aus England prominente Autoren, die mit Geschichten und grossen Novellen den englischen Teil des Magazins buchstäblich weltweit bekannt machten. Wer einzelne dieser Autoren waren, wusste ich lange nicht. Rudolf schwieg eisern und gab keinen Namen preis. […] Einmal fragte ich ihn […] nach ‹Frank Whitfeld›. Ich verdächtigte ihn, selbst unter diesem Namen zu schreiben. Er […] sagte: ‹Wunderschön, dieses frische junge Grün im Frühling. […]› Ich sah ihn verständnislos an. ‹Grün›, wiederholte er, ‹Green!›. Jetzt ging mir ein Licht auf: ‹Whitfeld ist Graham Greene!› […] ‹Das hast aber DU gesagt›, meinte er. Der junge Helfer, der täglich das Postfach auszuräumen hatte, bestätigte mir dann, dass er Briefe von Öffnet externen Link in neuem FensterGraham Greene und Öffnet externen Link in neuem FensterRobin Maugham, einem anderen berühmten Verfasser, zu Rudolf brachte. Weitere Namen hat Rudolf mit ins Grab genommen. Es steht aber fest, dass noch andere bekannte Autoren – stets ohne Entgelt – für ihn schrieben.»

Nebst englischen Autoren hatte er auch Beziehungen zu solchen aus den USA.

Mit Rudolf und dem englischen Teil wurde Der Kreis erst richtig international und gewann neue Abonnenten weltweit. Es war das meistbeachtete Magazin für Homosexuelle und das einzige bis heute, das über mehr als zehn Jahre dreisprachig erschien. Ab August 1954 galt der offizielle Titel «Der Kreis – Le Cercle – The Circle», der ab Januar 1957 auch so auf dem Umschlag erschien. Die Seitenanzahl pro Nummer stieg auf regelmässige 36 bis 48 Seiten, bei Sonderausgaben auf 56 und für einzelne Nummern sogar auf 60.

Im Frühling 1958 unternahm Rudolf eine sechswöchige Reise durch die USA, wobei er in Los Angeles die sechs Jahre zuvor nach dem «Modell KREIS» gegründete Gruppe ONE und die Redaktion der gleichnamigen Zeitschrift besuchte. Daraus ergaben sich neue Kontakte und ein Austausch von Texten. Er berichtete er ausführlich über die ganze Reise, betitelt «Zwischen Palmen und Öltürmen». Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[4]

4 from the Circle
Titelblatt der Monatsschrift «Der Kreis«, Englische Ausgabe.

ONE veröffentlichte 1959 erstmals in den USA ein kleines Buch mit homoerotischen Geschichten unter dem Titel: «4 from the Circle, Short Stories and Poems reprinted from Der Kreis (The Circle), Zurich, Original Drawings by J. Colton, San Francisco – London, Pan-Graphic Press San Francisco». Die Geschichten nennen als Autoren «Philip Young» und «C.G. and L.A.», beides Pseudonyme von Rudolf Jung. Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[5] Seite 38 brachte eine Geschichte von Stornoway, einem der beliebtesten und besten Erzähler homoerotischer Short Stories, die meist im Milieu von Seeleuten spielen. Stornoway erwähnte in «Something about Sailors», dass er Seemann sei, den richtigen Namen hingegen hat er für immer verbergen können.

Der Kreis wurde zur führenden Zeitschrift für Öffnet internen Link im aktuellen Fensterhomoerotische Literatur

Während seiner USA-Reise traf Rudolf sich in anderen Teilen des Landes mit Autoren, die bereits für den Kreis tätig waren und mit solchen, die er dafür gewinnen konnte. Dazu gehörten u.a. James Barr und Öffnet externen Link in neuem FensterSamuel Steward (1909–1993), der bis 1967 sehr produktiv werden sollte: Mit 55, oft etwas wenig differenzierten Kurzgeschichten und etlichen Zeichnungen wurde er zu einem beliebten Mitwirkenden. Seine Pseudonyme waren u.a. Ward Stames und John McAndrews, unter letzterem Namen veröffentlichte der Kreis Ende des Jahres 1965 auch zwanzig Gedichte. Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[6] Später legte Samuel Steward sich den Namen Phil Andros zu und blieb bis zu seinem Tod produktiv. Eine seiner bekanntesten Geschichten hiess «The Sergeant with the Rose Tattoe». Sie wurde im Kreis unter Ward Stames publiziert Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[7], und später auch im deutschen Teil, übersetzt von Ralph Forbes, einem weiteren Decknamen für Rudolf Jung. Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[8]

James Fugaté alias James Barr
James Fugaté alias James Barr, geb. 1922, gest. 1995. Autor u.a. der im KREIS zur Aufführung gelangten beiden Theaterstücke «Die Entscheidung» und «Die Halbstarken» sowie des Romans «Quatrefoil»

Öffnet externen Link in neuem FensterJames Barr (1922–1995) hatte unter dem Pseudonym James Fugaté bereits ab 1953 hervorragende Kurzgeschichten beigesteuert und im Heft 7/1953 erschien ein Portrait von ihm. Sein Theaterstück «Game of Fools» wurde, von Rudolf übersetzt, am Herbstfest vom 1. Oktober 1955 unter dem Titel «Die Entscheidung« aufgeführt. Ein Jahr später, wiederum am Herbstfest, kam der Sketch «Death in a Royal Family» von James Barr auf die Bühne, allerdings von Rudolf umgeschrieben zum Einakter «Die Halbstarken».

Den bedeutenden Homosexuellen-Roman «Quatrefoil» von James Barr, übersetzte Rudolf vollständig ins Deutsche, fand aber zu seinem grössten Bedauern keinen Verleger. Hingegen erschien 1953 eine französische Ausgabe unter dem Titel «Les amours de l'enseigne Froelich». Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[9] In der Jubiläumsnummer 9/1957 liess Rudolf eine deutsche Leseprobe aus dem Roman erscheinen. Aus dem Vorwort der Redaktion: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[10]

«Wir hatten während dieses ganzen Jubiläumsjahres gehofft, dass es uns gelingen würde, für den grossen Roman von James Barr, «Quatrefoil», einen Schweizer Verleger zu finden. Leider ist es uns bis heute noch nicht gelungen, aber wir hoffen und suchen weiter.»

Eine für Rudolf typische Episode: In 5/1953 schrieb er als R. Young zum Titel «James Barr, Profile of an American Author» den einleitenden Satz:

«As to the literary quality of Barr's writing and his masterly command of language, I should like to quote what a friend, engaged in the translation of Quatrefoil recently wrote (…)»

– jedoch, die nun zitierte Würdigung «eines Freundes» hatte er bereits in 2/1952 unter seinem Pseudonym «Christian Graf» im deutschen Teil der Zeitschrift veröffentlicht.

Rudolf konnte ein kleines Schlitzohr sein, was Erich Lifka bezeugt: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[11]

«Sorge bereitete Rolf die manchmal sehr deutliche Sprache […]. ‹Sie sagen mir alle, dass das deftige Geschichten sind›, vertraute er mir an, ‹und ich kann es nicht nachprüfen, denn mein Englisch reicht dafür nicht aus. Ich muss Rudolf ganz einfach vertrauen.› Rudolf wusste, dass ‹auf der Sitte› niemand Englisch konnte, was damals ganz normal war. Und er wusste ebenso genau, was bei Abonnenten gut ankam. Drum liess er einzelne Erzählungen zu, wie u.a. jene von Ward Stames oder John McAndrews, welche, wie Rolf sagte, ‹deftig› waren, also bestimmte Details ihrer Helden und Szenen des Geschehens plastisch und bunter schilderten, als was dem Kreis-Durchschnitt entsprach. Gelegentlich fragte er mich, ‹lies das mal durch und sag, ob wir streichen sollen›, was wir auch taten, allerdings selten beim englischen Original, recht oft aber bei der deutschen Übersetzung.»

Der «Sitte», der Zürcher Sittenpolizei, musste jedes Heft zugeschickt werden; sie hatte das Recht der Zensur bei «unsittlichen» Illustrationen oder Texten. Eine Beanstandung gab es aber nie.

Verbindungen zu Deutschland und seinen Exilierten

Mexiko, Akt, Foto von Wolfgang Cordan
Mexiko, Akt, Foto von Wolfgang Cordan, geb. 1909 – gest. 1966

Durch Rudolf konnten auch verschiedene deutsche Autoren gewonnen werden, die bislang noch nie für den Kreis geschrieben hatten. Einer davon war der mit ihm befreundete Lyriker und Gelehrte Öffnet externen Link in neuem FensterWolfgang Cordan (1909–1966), von dem etliche Gedichte und drei Fotos von Indio-Jungen erschienen, nebst der bezaubernden Novelle «Tage mit Antonio», Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[12] _ von welcher in November 1954 ein Auszug erschien. Ein Exemplar des Büchleins sandte er an Charles mit kurzem Begleitbrief vom 9. Juni 1955:

«Lieber Herr Welti! Hoffentlich kennen Sie ‹Tage mit Antonio› noch nicht, denn ich würde mich freuen, Ihnen mit der Lektüre vielleicht eine kleine Freude bereiten und gleichzeitig Ihnen damit noch einmal herzlich danken zu können. Mit sehr herzlichen Grüssen Ihr Rudolf J.»

Es ist das erste schriftliche Zeichen Rudolfs, das im Nachlass Charles Welti gefunden wurde.

Rudolf übertrug später die ganze Novelle Wolfgang Cordans ins Englische (Days with Antonio), veröffentlichte sie in den beiden Nummern 1 und 2/1960 und machte einen hübschen Sonderdruck, den der KREIS in den USA und Grossbritannien vertrieb. Die März-Ausgabe Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[13] brachte einen Nachruf auf Wolfgang Cordan und eines seiner Gedichte. Im selben Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[14] erschien ein Beitrag, «Der bedeutende Maya-Forscher Wolfgang Cordan», von Walter Boesch. Cordan lebte seit 1953 dauernd in Yucatan, Mexiko, und in Guatemala. Er veröffentlichte 1962 bei Eugen Diederichs das «Popol Vuh, Buch des Rates» über «Mythos und Geschichte der Maya». Cordan war mit einer Einheimischen verheiratet. In einem Brief vom 4.Juli 1940 aus Amsterdam an Adriaan Roland Holst schrieb er: «In der tat bekenne ich mich offen zu jener ’liebe, die sich freundschaft nennt’ ». Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[15]

Als Öffnet internen Link im aktuellen FensterCharles Welti 1956 zu seiner Geschäftsreise nach Süd- und Nordamerika aufbrach, übergab ihm Rudolf eine Liste von Abonnenten, Autoren und Fotografen, damit er Verbindungen erneuern oder herstellen könne. Darauf stand auch Öffnet internen Link im aktuellen FensterRichard Plant, zu welchem er schrieb: «Rolf kennt ihn persönlich. Er kennt auch mich gut aus meiner und seiner Frankfurter Zeit. Ev. Grüsse von mir und an seinen Freund Dieter Kurz.» Unter die Liste schrieb auch Rolf ein Grusswort an Laubacher: «und der arme Rolf – weil ständig unter der Knute von Obigem!!!» In der Tat, Rudolfs Arbeitstempo war oft unerträglich.

Rudolf schrieb auch unter diversen Namen für andere (deutsche) Zeitschriften wie «freond» und «Humanitas». Berühmt wurde seine autobiografische Erzählung «My Very Life Began …». Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[16]

Anekdotisches und die letzten Jahre

Eine der vielen Anekdoten, die über ihn zirkulierten – und die er bewusst oft selber streute – ist in meinen Augen so typisch, dass ich sie durchaus für echt halte. Lifka erzählte:

«Armin K. war eine wertvolle […] Buddhastatue gestohlen worden. […] In Verdacht kam ein […] Stricher. Armin erstattete keine Anzeige. […] Rudolf erfuhr nach Tagen davon und handelte […]: Er wanderte in der Nacht zum Central, erfolglos zunächst (…). Schliesslich brachte er den Buddha zurück! […] Armin erzählte er: ‹Ich habe den Jungs einfach gesagt, ich sei ein Sammler aus Amerika und auf der Suche nach wertvollen Antiquitäten. Einer hat's dem anderen geflüstert. [Endlich] kam der, der den Buddha hatte. [Rasch] gab ich ihm zwei Ohrfeigen, nahm das Ding und war weg.› »

Nach dem Ende des Kreis verlor ich leider den Kontakt zu Rudolf. Er wollte – wie Rolf und Charles auch – keinesfalls mit uns zusammenarbeiten, die wir eine Nachfolgezeitschrift zu gründen versuchten. Aber anders als Rolf und Charles brach er auch die persönlichen Beziehungen ab. Karl-Heinz Steinle beschreibt Rudolfs letzte Jahre in «Der Kreis: Mitglieder, Künstler, Autoren»: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[17]

«Ab 1968 arbeitete Jung in der Bibliothek der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH), Zürich, wohin ihn ein befreundeter Abonnent des Kreis, Otto Viktor Hartmann, vermittelt hatte. Nach Auflösung der Organisation plante Jung ein neues Zeitschriftenprojekt und nahm Kontakt zum Hamburger Schriftsteller Felix Rexhausen (1932–1992) auf, der 1966 mit seiner Satire «Lavendelschwert» für Furore gesorgt hatte.»

Offenbar kam es aber nicht zur Realisierung. Lifka schreibt zum plötzlichen Ende dieses vielseitigen und liebenswürdigen Menschen:

«Der Tod kam gnädig zu Rudolf, er kam als Freund. Bei einem Besuch in West-Berlin öffnete er die Tür zur Wohnung seines Adoptivsohnes. Mit den Worten ‹Da bin ich mal wieder …› brach er tot zusammen. Ein Herzschlag hatte seinem Leben ein Ende gesetzt.»

Er war erst 65 Jahre alt.

1955 oder 1956 unterzeichnete er eines seiner Gedichte mit der Widmung. «Für Charles – von Rudolf». Er hatte es vermutlich eben geschrieben, im neuen Exil, dankbar abhängig von gütiger Hilfe, fremd und allein mit vielen Erinnerungen. Auch dieses Blatt fand sich im Nachlass Charles Welti:

Heimweg am See

Müde am See entlang nach Hause gehen

In später, stiller Nacht und ganz allein,

Am Quai zum andren, fernen Ufer sehen

Im Schein der Sterne, die so kalt und rein –

Die Wellen netzen dumpf die Ufermauern,

Die Schwäne schlafen auf der schwarzen Flut,

Ach, eine Nacht, allein, kann ewig dauern.

Wärst du bei mir, ich fasste neuen Mut.

Der See und seine nächtlich dunkle Breite,

Sie trennen mich von dir und deinem Sein –

Doch meine Sehnsucht schwingt noch in der Weite

Und möchte wieder deinem Lager nahe sein.

 

Öffnet internen Link im aktuellen FensterErnst Ostertag, Januar 2005