Internationale Kongresse für sexuelle Gleichberechtigung (ICSE)
Der Kreis – Le Cercle – The Circle
1951-1958
Vom 12. bis 14. Mai 1951 fand in Amsterdam der erste dieser Kongresse statt. Rolf schilderte im Kreis das eigentliche Motiv solcher Treffen:
[1]
«Es ist und bleibt für alle Zeit notwendig, dass über die Liebe zum Kameraden und Gefährten gleichen Geschlechtes in der Öffentlichkeit wesentliche Stimmen laut werden. […] Solange in Deutschland eine derartige Prozesswelle wie in Frankfurt a.M. möglich ist, solange in Amerika der Nachweis homoerotischer Veranlagung genügt, um jeden tüchtigen Mann von der Armee und jeder staatlichen Karriere auszuschliessen, solange noch in den meisten Ländern der Welt der Eros der Kameradenliebe […] den Betroffenen zu einem Menschen zweiten und dritten Ranges stempelt, so lange ist eine Internationale Vereinigung für sexuelle Gleichberechtigung notwendig.»
Die Verfolgung von Homosexuellen in den Nachkriegsjahren in
Deutschland
Dieser erste Kongress wurde vom COC initiiert und organisiert, die Eröffnungsrede hielt Nico Engelschman (Bob Angelo), eingeladen waren u.a. Professor A. Kinsey und Jean Cocteau. Letzterer schrieb eine Grussbotschaft, welche im Kreis in Originalsprache nachzulesen war.
[2] Der KREIS selbst war durch Rolf vertreten, wie bei etlichen der späteren Kongresse auch. Das Referat des deutschen Mediziners Wolfgang E. Bredtschneider «Zur Sinnfrage der Homoerotik» füllte mehrere Seiten in drei Kreis-Heften ab Juli 1951.
[3]
Die Homosexuellenorganisationen der Nachkriegsjahre in den
Niederlanden
Der Kongress sandte auch ein offenes Telegramm an die UNO, worin die Teilnehmer an die Grundsätze der UNO und der Menschenrechte appellierten, an die «Resultate der modernen psychologischen, biologischen und medizinischen Untersuchungen» erinnerten und das Anliegen des Kongresses mit Vertretern aus sieben Nationen vorbrachten:
[4] die UNO solle
«Schritte unternehmen mit dem Ziel, die menschliche, soziale und gesetzliche Gleichberechtigung der homosexuellen Minderheit in der ganzen Welt zu erreichen.»
Vom 29. August bis 2. September 1952 fand der zweite Kongress in Frankfurt a.M. statt. Dazu gab es eine Einladung an alle Abonnenten des Kreis und im Septemberheft wurde darüber berichtet.
[5]
Der dritte Kongress wurde im September 1953 wiederum in Amsterdam organisiert und stand unter dem Thema «Homosexualität und Volksgesundheit». Er vereinte nicht nur Wissenschafter, sondern zog auch viele junge Kameraden an, welche sich in die anschliessenden Diskussionen einbrachten.
[6]
Rolf berichtete davon. In derselben Nummer sein Kommentar zu den Diskussionen:
[7]
«Das dringlichste Anliegen bleibt: die Gesetzgeber, die Juristen, die Psychiater, die Theologen erreichen, die für uns ansprechbar sind. Ihren Einfluss unterstützen […].»
Denn «die gesetzliche Tolerierung bedeutete noch nicht die gesellschaftliche, die moralische. Rennen wir nicht der utopischen Hoffnung nach, dass uns die Allgemeinheit eines Tages verstehen und tolerieren werde; sie werden es in den nächsten hundert Jahren sehr wahrscheinlich nicht tun.»
Worauf er den schon damals kritisierten Schluss zog:
«Isolieren wir uns freiwillig und leben wir […] ruhig neben der Gesellschaft […] füreinander, miteinander – so wenig wie möglich nach aussen wahrnehmbar! […]»
In Paris wurde vom 11. bis 14. November 1955 der vierte Kongress abgehalten – ohne Vertretung aus der Schweiz. Das war u.a. der «engstirnigen und diktatorischen Auffassung» von André Baudry zu verdanken, der die Vorbereitungsarbeiten zunächst fast zum Scheitern brachte, um dann, als seine Sichtweise nicht durchdrang, völlig auszusteigen.
[8]
1958 fand am Pfingstwochenende vom 24. bis 26. Mai der fünfte und letzte Kongress in der damaligen Metropole der Weltausstellung, in Brüssel, statt.
[9]
Ernst Ostertag, März 2005

