Die Ansprache von Rolf zum neuen Lesezirkel DER KREIS am Herbstfest
Der Kreis – Le Cercle – The Circle
1942
Es war ein erfolgreiches
Herbstfest, an dem Rolf als Herausgeber des Menschenrecht seine Begrüssung verlesen liess, weil er noch am Theater tätig war.
Darin formulierte er klar und deutlich die Grundzüge des KREIS ohne den neuen Namen ganz bekannt zu geben und stellte sie in den äusseren Rahmen des Zeitgeschehens und den inneren der gesellschaftlichen Gegebenheiten.
[1] Daraus einige Abschnitte:
«Liebe Kameraden! Allen zuvor einen herzlichen Willkommensgruss zum heutigen Tage! Wir vom KREIS Zürich begrüssen mit besonderer Freude jene Kameraden, die ein beträchtliches Opfer an Zeit und Geld bringen mussten, um heute unsere Gäste zu sein.»
Gemeint waren die welsche Gruppierung aus Bienne/Biel und alle einzeln Angereisten aus weiter entfernten Kantonen.
«Wir wissen: das gewaltige Geschehen in der Welt ist nicht dazu angetan, Feste zu feiern. Wo stündlich in der Luft, auf der Erde, unter dem Wasser Hunderte ihr Leben lassen, kann das Lachen nicht jenen unbeschwerten Übermut finden, der sonst das Recht froher Menschen ist. Wir wollen auch dessen eingedenk sein, dass dort draussen Tausende von Schicksalsgefährten stehen und wie die anderen von Hunderttausenden einstehen, wozu sie aufgerufen worden sind. Wenn einmal die Welt wieder ruhiger geworden ist, wenn der Gedanke wieder den Weg zum freien Wort finden kann, […] wird man erkennen müssen, dass die Homoerotik viele Schattierungen haben kann und die Tapferkeit, das Einstehen auf Leben und Tod, unter den Freundeliebenden ebenso oft sich als wahr erweist als bei den andern.
Dass der homoerotische Gedanke in Wort, Schrift und Bild durch all diese verwirrten Jahre hindurch irgendwo in der Welt weiterbestehe – dazu haben wir uns ja zusammen getan. Wir wollen und erstreben keine Vereinsmeierei im üblichen Sinne. Eine Vereinsform ist zwar notwendig aus äusseren Gründen. Es muss Männer geben, die vor den Behörden für alles verantwortlich sind, was innerhalb einer Vereinigung geschieht; wir brauchen auch eine Vereinsform, um wenigstens zwei Mal im Jahre ein kleines Fest unter unseresgleichen feiern zu können. Der Weibliebende hat hundert Gelegenheiten im Jahr, eine Nacht durchzutanzen, wir haben nur zwei Abende. […] Es ist auch – wir betonen das ausdrücklich – von den Behörden in vorbildlich korrekter Weise bewilligt worden. […] Wir haben aus den Fehlern, die seinerzeit im Ausland gemacht worden sind, gelernt. Wir dürfen mit unserer Art nicht hausieren gehen, wie das in ausländischen Grossstädten oft gemacht wurde – und oft so gemacht wurde, dass jeder Homoerot, der noch einigermassen Geschmack und Bildung besass, sich abwenden musste. – Bleiben wir uns immer und überall dessen eingedenk: wir sind und bleiben eine Minderheit im Volkskörper, eine Minderheit, aber keine Minderwertigkeit! […] Wenn auch durch die Diskussionen über das neue Gesetz in der öffentlichen Meinung manches toleranter angesehen wird: von einem Verstehen unserer Art bleibt der grosse Teil der Bevölkerung noch weit entfernt. Was aber die Menge nicht versteht, wird sie immer ablehnen, nicht wahr haben wollen oder verachten. […]
Bleiben wir also für die Mehrheit ‹unsichtbar›! […] Je mehr wir uns isolieren, umso mehr können wir unserem Wesen, unserer Freude Ausdruck geben. […] Wir wollen aber auch keine Mucker sein! Der homoerotische Spiesser – auch diesen gibt es! – ist ebenso lächerlich wie der andere! Auch der feminine Typus, auch der Transvestit hat irgendwo ein Recht auf seine Lebensäusserung. Wenn er das mit Takt und Humor macht, […] so ist er uns willkommen als eine frohmütige Farbe unter vielen anderen! Übrigens gibt es in schweizerischen Volkstraditionen auch typisch transvestitische Bräuche und viele andere homoerotischen Charakters, aber das Bewusstsein dafür ist durch kirchliche Anschauungen völlig verschüttet worden. –
Aus vielen Briefen höre ich immer wieder, wie unsere kleine Zeitschrift in entlegene Städtchen und Dörfer, in einsame Stuben und sogar Paläste das Gefühl bringt, nicht allein in der Welt zu stehen, Gefährten zu haben, die denselben Weg gehen. Feiern Sie in diesem Bewusstein. […] Damit bauen wir alle mit an einer schöneren Zukunft, für die uns Menschen einmal danken werden, wenn wir längst mit dem Jünger Johannes und dem Götterliebling Ganymed einen himmlischen Reigen tanzen!
Wenn Sie diese Worte hören, liebe Kameraden, stehe ich noch in meiner Berufsarbeit. Auf Wiedersehen vor Mitternacht!»
Ernst Ostertag, Dezember 2004


