Der Kreis – Le Cercle - The Circle
Der Kreis, umfangreicher und mehr Abonnenten
1944
Mit diesem Jahrgang wurde jedes Heft 20 Seiten stark, vereinzelte sogar mit 26, und enthielt ein ganzseitiges Bild als Illustration. Teilweise waren es Reproduktionen aus Der Eigene, die man damit demonstrativ der Zerstörung durch die Nazis und dem Vergessen entreissen und als Erbe der Bewegung achten und erhalten wollte. So hat es uns jedenfalls Rolf erzählt, wobei er gutmütig hinzufügte, «es war auch einfacher, aus bestehenden Bildern Clichés zu machen, als nach neuen zu suchen und die Fotografen um Erlaubnis zu bitten».
Wissenschaftliches und Literarisches in Serie
Unter dem Titel «Vor dem Forum der Schweiz» wurde das ganze Jahr hindurch die bereits angekündigte Serie der offiziellen Stenogramme der Rats-Debatten über die uns betreffenden Teile des neuen StGB durchgezogen.
1945 veröffentlichte sie der KREIS zudem
als Separatdruck
Eine Folge davon: In den Heften 5 und 7/1944 kam auch das Thema «Verführung Minderjähriger« anhand der neuen Gesetzesbestimmungen zu eingehender Erläuterung.
Reizende, fast aufreizende Bereicherung desselben Themas bot Charles Welti in literarischer Form in der Augustnummer mit einem Portrait von Fazyl Bey, dem türkischen Dichter, Diplomaten und Ratgeber des Sultan Selim III (1789–1807) und setzte dazu etliche seiner erotischen Gedichte aus dem Band «Le Livre des Beaux» den Lesern vor:
[1]
C.W.: «Fazyl Bey […] était le petit fils de Zâhir-al-Omar, l'un des Emirs d'Egypte et de Palestine qui, s'étant révolté, fut pris et décapité vers 1770, tandis que Fazyl Bey, assez joli garçon, fut amené à Constantinople et agréé par la suite comme page au vieux Sérail. […] Il a composé une œuvre poétique assez importante quoique peu connue par ses compatriotes, car les turcs dédaignaient, fort injustement du reste, ce poète naturaliste et libertin.»
Celui de l'Archipel (de la mer Egée) est une fontaine de délices.
Les anges s'étonnent de sa proportion parfaite. […]
Celui d'entre les Tziganes a la voix mélodieuse et la croupe magnifique.
Il chante, en offrant son bric-à-brac pour quelques piastres,
et on lui achète sa figure brune au poids de l'or.
Hélas! A peine le premier duvet lui vient-il, ce cruel se retire de l'amour,
et fait danser les ours au lieu de se trémousser lui-même. […]
Le Beau de la Tunisie a le caractère courtois,
des bras splendides
et une poitrine telle qu'un morceau de lune.
Celui de la Valachie est un arbrisseau blanc,
rose et svelte dans la prairie de beauté
et enfin…
Celui d'Abyssinie a autant de vigueur que de sensualité.
Il est proportionné comme un îfrit de perdition.
Aucun poil ne tache sa peau solide et suave.
On dirait que sa virginité se reforme après chaque aventure.
Im Oktober und November
[2] liess Charles Welti erstmals in der Schweiz einige Passagen aus dem 1928 anonym erschienenen Werk von Jean Cocteau, «Le Livre Blanc» in der Originalsprache veröffentlichen. 1930 hatte Cocteau mit einem die Anonymität umschreibenden und eher lüftenden als verbergenden Vorwort seine rasch berühmt gewordenen Illustrationen zum «Livre Blanc» beigesteuert.
[3]
Nicht als Serie, wohl aber in seiner Rubrik «Das künstlerische Werk» ging Rolf auf den Roman «Gourrama» des Schweizers Friedrich Glauser ein, in welchem dieser halb autobiografisch seine Erlebnisse in der Fremdenlegion schilderte. Rolf zeigte subtil und zugleich klar angesprochen, um was es in dieser beklemmenden Geschichte geht, sodass wohl viele Abonnenten sie sich zur Lektüre nahmen.
[4]
Klubabende in Zürich, es wird zu oft nur getanzt
Mit «An unsere Zürcher Freunde» schlug Abonnent Ruedi im Juli eine Neuerung vor:
[5]
«Mit Freude erleben wir, das unser KREIS immer grösser wird. Unsere Zusammenkünfte sind sehr gut besucht – aber sie sind zu reinen Tanzabenden geworden. […] Der Tanz ist etwas Schönes und Befreiendes und nur ein stockfinsterer Puritaner könnte das Gegenteil behaupten. Nein, getanzt muss werden, das liegt im Blut. Aber seien wir aufrichtig: wenn wir uns zuletzt nichts anderes mehr zu sagen wissen, als eine Aufforderung zum Tanz […], dann stimmt etwas nicht mit uns. […] Versuche, an Mittwochabenden halbstündige Vorlesungen und Rezitationen durchzuführen, haben gezeigt, dass diese meist nur als ‹Abwechslung› empfunden werden. […] Besser scheint mir, man würde den ersten Mittwoch des Monats bestimmen und die Zeit von 8 bis 10 Uhr für solche Darbietungen reservieren. […] Die Abende werden sicher nicht langweilig. […]»
Der erste KREIS Maskenball, Fête de Carnaval à Bienne/Biel und die traditionellen Feste
Offenbar brauchte es die Romands, um eine neue Tradition zu begründen. Die «Section de Bienne» organisierte in ihrer Stadt den ersten Maskenball und führte ihn am 5. März durch. Ein begeisterter Bericht unter dem Titel «Fête de Carnaval»:
[6]
«Organisée par la Section de Bienne, cette fête a remporté dimanche 5 mars, un succès qui a dépassé les espoirs de nos amis. […] De charmants travestis, ‹Sourire du Léman›, arrivé comme par miracle tout-à-coup, en un flot de toilettes de fort bon goût, se joignirent aux danseurs et, tandis que la musique entraînait les couples dans les tourbillons des valses – il y en eu beaucoup – un jury examinait les costumes pour récompenser les plus originaux. Pendant la danse, une chanteuse à voix nous dit quelques chansons françaises, un danseur présenta quelques figures. Les prix furent distribués, la fête continua et – en se donnant rendez-vous pour la Fête d'été à Zurich, on se sépara, contents des heures si vite et si délicieusement passées.»
Im Mai wurde auf das Sommerfest vom 10. Juni und die Halbjahresversammlung vom 11. Juni in Zürich hingewiesen.
[7] In der Juninummer folgte ein Bericht über das Fest, verfasst von «Argus»:
[8]
Tages Arbeit, abends Gäste,
Saure Wochen, frohe Feste
Sei dein künftig Zauberwort!
«Diese gesunde Lebensweisheit Goethes bleibt ein Zauberwort für alle freien Bürger, die auf diesem Stern leben. Das haben sicher viele empfunden, die unser Sommerfest wieder mitfeiern durften. In aller Schwere der Zeit, zwischen den nervenfressenden Anspannungen dieser Tage, zwischen Bürohetze und Militärdienst wieder einmal ein paar Stunden unter seinesgleichen feiern zu können, bedeutet […] weit mehr als gewöhnliche Tanzanlässe. […] Die welschen Kameraden haben in wochenlangen Vorarbeiten geprobt […]. Was für eine prächtige Erscheinung war ‹La générale de Courneuve› im ausgesucht schönen Kleid aus den 1880er Jahren! […] Charmantes Cabaret waren für mich die beiden gesprochenen Szenen von ‹Claude de Boël› und ‹Coralie de Montretout› […]. Die Kleider bewiesen […] hervorragenden Geschmack und wurden […] mit jener heiteren Überlegenheit getragen, die das Vertauschen der Geschlechter nie zum faden Schabernack herabsinken lassen. […] Unvergesslich bleibt mir die Arie des Pylades aus der ‹Iphigénie› von Gluck, die André Paris mitreissend vortrug. […] Bezahlte ‹hochkünstlerische› Programme kann sich jeder finanzkräftige Verein leisten. Mag der Grundgedanke bei uns nie verloren gehen: dass nur zählt, was der Kamerad für den Kameraden tut. […]»
Die gemeinsame Weihnachtsfeier wurde für einmal an zwei Orten angekündigt:
[9]
«Eine Reise aus der Westschweiz nach Zürich bleibt immer mit empfindlichen Kosten verbunden. In diesem Jahr können die Welschen und auch die Berner Kameraden die Reisespesen reduzieren und die Weihnachtsfeier des Bieler KREIS am 16. Dezember besuchen. Die anderen Abonnenten treffen sich diesmal ebenfalls in der Samstag-Nacht des 16. Dezembers zum Weihnachtsfest in Zürich.»
Spiegel der Zeit – Lichter in der Nacht der Zeit
Unter dem Titel «Faust und Gretchen am Flakgeschütz» einen Bericht aus den Basler Nachrichten vom 16. März 1944:
[10]
«Eine eigenartige ‹Faust›-Aufführung vollbrachten die Kanoniere einer deutschen Flakbatterie am östlichsten Punkt der Krim, auf der Halbinsel Kertsch. […] Gretchen sowie die anderen Frauenrollen wurden wie in der antiken Tragödie von Männern gespielt. Den Faust verkörperte der Batteriechef selber, ein junger, ein wenig als Sonderling geltender Oberleutnant, […] sein Adjutant gab den Mephisto, der in der Pudelszene aus dem Explosionsqualm einer Sprengpatrone schlüpfte. […] Die wohl in jeder Beziehung einmalige Inszenierung ist auch insofern interessant, als sie über die Gretchentragödie hinausgriff in den zweiten Teil des ‹Faust› und als Schluss Fausts Tod hinzufügte mit der beglückenden Vision der ‹Räume vielen Millionen› und dem Sehnsuchtswunsche, ‹auf freiem Grund mit freiem Volke› zu stehen.»
Rolf fügte den Kommentar hinzu:
«Seltsame Zeit – die die gesündesten jungen Männer gegeneinander hetzt und am Rande des Todes ein Theatererlebnis aufblühen lässt, das an antike Vorbilder erinnert. […] Wie die Sehnsucht der Menschen nach einem schöneren Dasein Gesetze und Gefahren über den Haufen wirft! […] Dass ein einigermassen erträglicher Gretchen-Darsteller homoerotisch empfinden muss, wird wohl jeder Einsichtige nicht leugnen können.»
Einen Hinweis zum misslungenen Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 und zu Claus, Graf Schenk von Stauffenberg. Er stammte aus der Weltwoche vom 22.11.1944: [11]
«Wir erlebten in der letzen Zeit erste Zeichen des Erwachens aus der Lethargie. Die Generalsrevolte war eines dieser Zeichen. Es ist sicher mehr als ein Zufall, dass von den prominenten Verschwörern verschiedene aus dem George-Kreis stammen, und dass Graf Stauffenberg einer der Lieblingsschüler von Stefan George war, der dem Meister besonders nahe stand. Es zeigt sich hier, dass sensible Menschen auch im Dritten Reich die Unhaltbarkeit der Lage zu spüren beginnen.»
Der Kreis hatte an den Anfang seiner ersten Ausgabe, 1/1943, auf Seite 1 ein Gedicht von Stefan George gesetzt.
Ein Nachdruck eines Augenzeugenbericht aus der Sie und Er (Nr. 38/1944) schilderte ein Erlebnis, «Licht in der Nacht der gegenwärtigen Zeit». [12]
«Mein letztes Erlebnis hatte ich noch am Abend in Locarno, als ich zur Bahn ging und einem Trupp deutscher Zöllner begegnete, die bei Splügen die Schweizergrenze überschritten hatten. Sie kamen in Viererkolonnen in tadellosen Uniformen und tadellosem Gleichschritt. Die Leute sahen sie an – würdig und schweigend. Die letzte Reihe dieses sonderbaren Zuges bildeten aber fünf junge Partisanen, die ich am Morgen ankommen gesehen hatte und die nun mit ins selbe Lager kamen. Einer der fünf hatte einen schweren Sack auf dem Rücken, er war aber so müde, dass er ihn nicht weiter schleppen konnte. Da dreht einer der Deutschen sich um, sieht die Nöte des Hintermannes, tritt aus der Reihe, marschiert neben dem Partisanen, sagt nur: ‹Gib's, Kamerad›, und nimmt den Sack. […] Das Wörtchen ‹Kamerad› war so unsinnig, so sinnlos zwischen zwei Menschen, die doch noch ein paar Stunden vorher einer dem anderen nach dem Leben getrachtet hatten. Und doch war es im Augenblick dem Deutschen ernst damit. Auch er war Flüchtling wie der andere, auch er geschlagen und besiegt. So sagte er ‹Kamerad› und so gab ihm der andere den Pack und murmelte: ‹Grazie, amico› und meinte es ernst.»
Das Weihnachtsheft [13] enthielt auf Kunstdruckpapier zwei ganzseitige Illustrationen. Eine zeigte zwei bewaffnete Partisanen-Freiheitskämpfer aus Oberitalien, die andere eine Aufnahme von Georg Hoynigen-Huené, Paris, sitzender Männerakt.
In der Januarnummer [14] brachte Rolf in seiner Rubrik «Das künstlerische Werk» noch einen Hinweis auf die 1932 in Berlin erschienene deutsche Ausgabe des Fotobandes dieses Meisters, aus welchem das Beispiel stamme.
Ernst Ostertag, November 2004



