Beginn der Nachkriegsjahre
Der Kreis – Le Cercle – The Circle
1946
Der Kreis ist zu teuer geworden...
Im ersten Heft des Jahres musste
Rolf eine Preiserhöhung bekannt geben:
[1]
«Unserem Drucker wurde von Bern aus auf den 1. Januar 1946 eine 15 bis 20%ige Erhöhung auf die verschiedenen Papiere aufgebrummt. […] Wir bitten um Verständnis und hoffen, durch künstlerisch gute Illustrationen die kleine Zeitschrift auch immer wertvoller zu machen.»
Offenbar war dieses Verständnis beschränkt. Denn Rolf musste in Februarnummer
[2] die nicht selbst verschuldete sondern typisch zeitbedingte Preiserhöhung den Lesern als Opfer für die gute Sache begründen: «Mit dem Jahresbeitrag von Fr. 20.– muss bei der kleinen Auflage» viel mehr als nur die Zeitschrift allein abgedeckt werden.
«Welche Zeitung der Schweiz nimmt vorurteilslos Stellung zu unserer Liebesneigung? Welche druckt Romanpartien, Gedichte, Essays, die die Kameradenliebe zum Gegenstand haben […]? Welche Zeitschrift sucht im Bildkünstlerischen nach der Anmut und Schönheit des männlichen Körpers in der heutigen allgemeinen Überbetonung des Weiblichen? Und welche vereinigt ihre Abonnenten zu zwangslosen Zusammenkünften, Aussprachen und Festen?» […] Es ist ein «Mehrbetrag […] für eine Sache, die in den letzten Jahren durchzuhalten sicher nicht ganz unwichtig war und die wichtig bleibt, um bald die Verbindungen mit dem Ausland aufnehmen zu können und dort Anregung und Beispiel zu geben.»
Dieser Satz war Programm! Anregung, Hilfe und Austausch über die Grenzen war Rolf ein
Anliegen
Homosexuelle im KZ
Ein erster Versuch, Licht in eine verdrängte Tatsache zu bringen, machte Rolf aufgrund einer Zeitungsnachricht im Januar.
[3] Er suchte Vorstellungen im Denken jener Homosexuellen aufzuzeigen, die Mitläufer der Diktatur waren und wies auf falsche Illusionen hin. Die Zeitungsmeldung, «Aus einem Kriegsverbrecherprozess in Lüneburg», erwähnte, dass der Zeuge, Hauptmann Derrick Sington, mit den Spitzen britischer Fallschirmtruppen im
Lager Belsen eingetroffen sei und dort den Angeklagten Kramer (SS-Offizier) gesprochen habe.
«Ich fragte Kramer, was für eine Art Gefangene sich im Lager befänden und er antwortete: ‹Gewohnheitsverbrecher, Schurken und Homosexuelle.› Er erwähnte die politischen Gefangenen nicht, bis ich ihn direkt fragte.»
Rolf kommentierte: «Diese kurze Nachricht aus der Basler Nationalzeitung vom 20.9.1945 spricht Bände. Dem Irrwahn der Nazis erlagen viele Millionen aller Berufe und Volksschichten der ‹Normalsexuellen›, aber auch viele zum gleichen Geschlecht Neigende. Trotz der öffentlichen Ächtung seit der
Röhm-Affäre sahen eben doch viele in den Waffenbünden und Ordensburgen eine noch nie gebotene Möglichkeit, ständig im Kreis von Kameraden zu leben. Ihre Neigung wurde toleriert, solange sie zur nationalsozialistischen Weltanschauung standen. Im Augenblick einer ernsthaften Kritik, einer Ablehnung barbarischer Methoden dem Andersdenkenden gegenüber, wartete die Auspeitschung, die Kastration und die Gaskammer. Vergessen wir nie, dass einer politischen Gesinnung nicht deshalb zum Durchbruch verholfen werden darf, weil sie unseren Neigungen (scheinbar) entgegenkommt.»
Nachruf auf Adolf Brand (1874–1945)
Im November
[4] berichtete Rolf vom Tod
Adolf Brands:
«Vor wenigen Wochen habe ich die Nachricht erhalten, dass der langjährige Leiter der Gemeinschaft der
‹Eigenen› und Redaktor der Zeitschrift gleichen Namens in dem apokalyptischen Untergang Berlins ums Leben gekommen ist. Sein Bruder Fritz schrieb mir auf einen Brief, mit dem ich hoffte, langsam die Verbindung mit Adolf Brand wieder aufnehmen zu können:
‹[…] Am 26. Februar 1945 wurde der nahe Bahnhof von Wilhelmshagen […] bombardiert. Eine Sprengbombe fiel dicht am Hause in die Erde und riss die Hinterfront des Hauses in den Luftschutzkeller, die dort Schutzsuchenden unter sich begrabend. Die Rettungsmannschaft konnte sechs Tote bergen, darunter meinen lieben Bruder und seine Frau. Am 7. März haben wir sie zur letzten Ruhe gebettet. […]›
Adolf Brand verdient, dass wir seiner ehrend gedenken. Er war sicher einer der tapfersten Kämpfer im vorhitlerischen Deutschland gegen die Bevormundung des Staates, für die freie Liebesäusserung unserer Neigung. […] Er hat in zahllosen Eingaben und öffentlichen Briefen […] für die Freiheit der Liebe zum Freunde gekämpft. […] Das war das Erfrischende und Gewinnende an Adolf Brand, dass man ihn lieben musste, auch wenn man in manchen Dingen anders sah als er. Seine Zeitschrift Der Eigene […] bleibt wohl noch lange Vorbild für jedes Blatt, das unserem Denken und Fühlen dienen will. […] Die Essays über den Geschichtsschreiber
Johannes von Müller, über
Heinrich Hössli, den ‹Putzmacher von Glarus›, über den zürcherischen Volksdichter
Jakob Stutz, den katholischen Maler
Paul von Deschwanden (1811–1881) und den Gründer des Roten Kreuzes,
Henri Dunant (1828–1910), sind nicht mehr wegzudenkende Belege gegen die jahrhundertealte Verdummungstheorie von der ‹Minderwertigkeit› der gleichgeschlechtlichen Neigung. […] Dieser Erkenntnis sein Leben geopfert und sie im deutschen Sprachbereich auf eine geistig und sprachlich erfreuliche Basis gehoben zu haben, bleibt das unauslöschliche Verdienst Adolf Brands.»
Zum 70. Geburtstag von Prof. Dr. Ernst Hafter (1876–1949)
Signiert mit DER KREIS wurde im Weihnachtsheft dem verdienstvollen Jubilar gratuliert:
[5]
«Es ist für uns alle eine schöne Pflicht, dem grossen Strafrechtsgelehrten […] unsere herzlichsten Glückwünsche auszusprechen. Dass der Homoerot in der Schweiz […] unangefochten in seiner Liebe leben darf, das verdanken wir zu einem wesentlichen Teil ihm. […] Über seine grossen juristischen Arbeiten urteilt Werner Petrzilka in der Morgenausgabe der
NZZ vom 9. Dezember 1946: ‹Erst bei der Handhabung des neuen Strafgesetzbuches kann voll ermessen werden, welche Bedeutung das dreibändige dogmatische Werk Ernst Hafters über das ‹Schweizerische Strafrecht› für die Strafrechtspraxis erhalten hat. […] Während es sonst nicht selten das Los solcher Arbeiten ist, dass sie nur von der Wissenschaft ihrem Werte entsprechend gewürdigt, von den Praktikern aber vernachlässigt werden, hat sich das Haftersche Werk dank seiner Klarheit und Einfachheit der Darstellung einen geradezu selbstverständlichen – und wohl noch lange währenden – Einfluss auf die schweizerische Strafjustiz verschafft.› Wissenschaftliche Sauberkeit und menschliche Grösse – männliche Haltung, auch wo es um Verfemte und Entrechtete geht, das sind die überragenden Eigenschaften dieses grossen Schweizers, dem wir […] den vollen Erfolg eines Lebenswerkes und noch eine Fülle schöner Jahre […] wünschen.»
Das Heft 5/1949 berichtete über den Tod Ernst Hafters am 17. März desselben Jahres und fügte einen Nachruf aus dem
Tages-Anzeiger hinzu. Rolf fand zum Schluss noch einige persönliche Worte:
«Das Andenken dieses grossen Schweizers bleibt für uns unauslöschlich. Seine vornehme Gesinnung, seine unbeirrbare Haltung in allen Fragen des Rechts durften wir auch nach dem Inkrafttreten des neuen schweizerischen Gesetzes immer erfahren, wenn wir eines Rates bedurften. […] Sein Werk bleibt der Grundstein für eine von Vorurteilen, Entstellungen und Verfolgungen befreiten Kameradenliebe.»
Der entscheidende Vorschlag Hafters für das
eidg. Strafgesetzbuch
Der Kreis von 1947 bis 1967
Die weiteren Jahrgänge in derselben Form darzustellen, wie das nun bei den ersten vier und zuvor mit dem
Menschenrecht getan wurde, scheint nicht angezeigt.
Die Nachkriegszeit brachte zunächst weniger unmittelbare Bedrohung. Im Schatten des liberalen Gesetzes und der damit verbundenen Unsichtbarkeit, dem gesellschaftlichen Tabu, entwickelte sich der KREIS als lebendige Subkultur, die aus ihrer Gettostellung heraus keine emanzipatorischen Signale setzte, wohl aber ihre Verbindungen zu Wissenschaftern in diesem Sinne zu nutzen verstand.
Im Folgenden soll der KREIS und seine Zeitschrift als Ganzes und im europäischen Raum für längere Zeit Einmaliges dargestellt werden, dessen Ausstrahlung weit über die Schweiz hinaus reichte und bis heute noch andauert, wenn dies auch jüngeren Generationen meist nicht mehr bewusst ist.
In seinem 1999 erschienenen Buch «Der Kreis – Le Cercle – The Circle» mit dem Untertitel «Eine Zeitschrift und ihr Programm» hat
Hubert Kennedy ab Jahrgang 1946 einen hervorragenden Führer durch alle wesentlichen Themen dieser Monatsschrift bis zu ihrem Ende 1967 veröffentlicht. Nebst grundsätzlichen Kapiteln ging er auch Jahrgangsweise vor.
Die literarischen Beiträge, oft einmalig oder erstmals publiziert, füllten inhaltlich den Hauptteil der Zeitschrift und sind bis heute noch nicht systematisch verzeichnet oder übersichtlich geordnet, zusammengefasst und kommentiert worden. Dasselbe gilt für ein gezieltes Aufarbeiten und Registrieren des künstlerischen Werkes, welches Der Kreis mit seinen Illustrationen den Abonnenten nahe bringen wollte.
Da beides, homoerotische Literatur und Kunst, zum Phänomen Der Kreis gehört, soll – gegenüber Kennedy verkürzt, teilweise auch ergänzt oder anders gewichtet – in den folgenden Abschnitten zumindest etwas aus dieser Fülle hervorgehoben werden.
Dazu gehören auch wissenschaftliche Auseinandersetzungen, Forschungsergebnisse und Diskussionen, bei denen es sich oft um Erstveröffentlichungen handelte, Jahre vor allgemein zugänglichen Publikationen.
Ernst Ostertag, November 2004



