Lesezirkel DER KREIS, aus Jahresberichten und Protokollen
Der Kreis – Le Cercle – The Cercle
1954–1956
DER KREIS war eine vereinsähnliche Gemeinschaft von Abonnenten der gleichnamigen Zeitschrift. Die Abonnenten wurden nicht als passive Konsumenten gesehen, sondern in vielen Bereichen zur aktiven Mitarbeit angehalten und herangezogen, was aber nur wenige regelmässig und über Jahre hinweg tun konnten. Wichtig waren hingegen momentane Einsätze:
- schriftstellerische Beiträge
- Übersetzungen
- Versand, Bücherverkauf
- Technik bei Veranstaltungen, Türkontrolle
- Tänzerische, kabarettistische, gesangliche Einlagen
- Mitspielen in der Theatergruppe
- Betreuung von ausländischen Gästen
- Vorträge, Vorlesungen an Mittwochabenden
Jedermann wurde dazu regelmässig aufgefordert.
Geführt wurde der «Kreis» durch
Rolf / Karl Meier. Er war die einzige Person, die bei der Sittenpolizei mit Namen und Adresse bekannt war und die Verantwortung dafür trug, dass nichts Ungesetzliches geschah. Zudem war er verantwortlich für die Verträge mit den Vermietern des Klublokals und gegenüber der Druckerei.
Ihm zur Seite standen die Redaktoren des französischen und englischen Teils der Zeitschrift, sowie der Kassier, der Buchhalter und weitere Männer in wechselnden Chargen.
Die Adresskartei bestand nur in zwei Exemplaren und nur Rolf und der Redaktor des französischen Teils hatten Einsicht und die Aufgabe, bei Gefahr wie Krieg, Unruhen, drohende Eingriffe durch die Polizei, alles sofort zu verbrennen. Das wurde jedem Neuabonnent mündlich mitgeteilt.
Die Zusammenkünfte waren vor Razzien sicher und frei von unerwünschten Elementen, die sich später etwa erpresserisch hätten betätigen können.
Für Abonnenten lag in jedem Heft Das Kleine Blatt, eine Tradition, die bereits auf
Der Eigene zurückreichte. Meist umfasste es zwei vorn und hinten bedruckte Seiten eines dünnen Blattes, gelegentlich das Doppelte als Faltblatt. Darin standen interne Mitteilungen, z. B. über Details und die Örtlichkeiten von besonderen Anlässen, Hinweise auf Aktionen wie den Verkauf von Fotos oder Kunstblättern, aufgelistete Titel von Büchern für den Kauf am Mittwochtreff, Inserate, die auf den Umschlagseiten keinen Platz gefunden hatten, vor allem aber die Kontaktanzeigen unter Kameraden. Auch meist von Rolf verfasste Nachrufe auf verstorbene Abonnenten standen im Kleinen Blatt [05.02.06].
Jeder Abonnent war angewiesen, das Kleine Blatt zu entfernen, bevor er die Zeitschrift an andere Freunde weitergab. In 5/1960 berichtete Rolf unter dem Titel
«Eine bodenlose Dummheit:
hat ein nicht feststellbarer Abonnent in Zürich begangen, als er der Altpapiersammlung von Abbé Pierre [katholisches Hilfswerk] eine grosse Anzahl älterer und neuer Kreishefte übergab. Zum grossen Glück entdeckte bei der Ablieferung in einer Papierfabrik ein Arbeiter, der auch Abonnent ist, die Hefte, die alle auch noch das ‹Kleine Blatt› enthielten! Nicht auszudenken, was daraus hätte entstehen können […]»
Auf dem Höhepunkt des KREIS in den späteren 50er Jahren wurden nahezu 2000 Abonnenten gezählt, 1/3 davon im Ausland. Jede Nummer wurde durchschnittlich von vier bis fünf Menschen gelesen, wie Umfragen ergaben. Man dürfte also mit einer Zahl von gegen 10'000 Lesern rechnen, erklärte uns Rolf mehrmals an Festanlässen, indem er stets mahnte, diesen Leuten sei mitzuteilen, sie müssten sich solidarisieren und selber abonnieren.
Den Abonnenten stand die grosse Fach- und Belletristik-Bibliothek des KREIS zur Verfügung. An den Mittwochabenden wurden Bücher ausgeliehen. Zudem gab es den Büchertisch, wo man günstig Bücher, Zeitschriften, Kunstblätter und Fotos kaufen konnte.
Abonnenten in Not konnten über das Büro Hilfe anfordern: Es wurden Adressen von «verständnisvollen» Ärzten, Juristen/Rechtsanwälten, Psychologen, Seelsorgern/Geistlichen vermittelt oder gelegentlich auch Notunterkünfte oder Arbeitsplätze über andere Abonnenten organisiert.
Die berühmten Feste standen allen Abonnenten und mit Ausnahme der Weihnachtsfeier auch ihren Gästen offen. Ehemalige Abonnenten kommen ins Schwärmen, wenn sie davon erzählen. Zur Recherchierung haben wir über Jahre hinweg einige von ihnen zu Hause, meist aber in Alters- oder Pflegeheimen besucht und ihnen zugehört.
Das Kleine Blatt 4/1953 erwähnte im Bericht über die «Jahresversammlung 1952 vom Palmsonntag 1953»:
«
Mammina übergab an der Tagung der alten Garde dem ‹Kreis› ein Klub-Banner, das die Versammlung ehrend und dankend entgegennahm und über dessen Entstehung unser langjähriger Kamerad Jost interessante Einzelheiten vermittelte. Er wurde auch beauftragt, alles Wissenswerte über frühere Klubs schriftlich zu fixieren, um so durch Mamminas Berichte und seine Erinnerungen ein Bild der Entwicklung der schweizerischen Bewegung zu bekommen.»
Sofern dieser Bericht zustande kam, muss er leider als verschollen gelten: es ist bis heute weder das Klubbanner noch ein Abriss zur frühen Geschichte irgendwo aufgetaucht. Ältere Kameraden erinnerten sich in Gesprächen, das violette Banner mit goldgesticktem Kreissignet und Inschrift an festlichen Anlässen gesehen zu haben. Wir beide sahen es nie, dafür aber seine kleine Kopie als dreieckige Tischstandarte. Sie stand jeweils an Rolfs Platz.
Die Jubiläums-/Weihnachtsfeier 1952 und die
Tagung der alten Garde
Versammlungsprotokolle und Jahresberichte sind 1999 im
Nachlass Charles Welti / Eugen Laubacher gefunden worden; leider nur für die Jahre 1954 bis 1956 und nicht mehr. Sie sind umfassender, als die im Heft erschienenen «Jahresberichte» und geben einen Einblick in den Lesezirkel, seine Zeitschrift und die Lebenssituation der Schwulen damals.
[1]
Protokoll der Abonnenten-Versammlung
Aus dem Protokoll der Abonnenten-Versammlung des Lesezirkels DER KREIS vom 6. Februar 1954
Im Restaurant Eintracht, Zürich 1, verfasst von Roly. Werner Schüpbach, «Roly», ist der Lebenspartner des damaligen Kassiers Walter Neuburger, «Gauthier». Sie lernten sich am KREIS-Sommerfest 1945 kennen und leben noch heute zusammen in Zürich. Walter blieb bis 1958 Kassier und wurde dann von Eduard Meyer, «André» abgelöst, welcher seit 1944 dabei mithalf.
Zu Punkt 3. Jahresbericht 1953, verfasst und vorgelesen von «Rolf»:
«[…] Erfreulicherweise dürfen wir in Bezug auf die Zeitschrift und die Abonnentenzahl eine anhaltende Entwicklung feststellen. […] Ihre Dreisprachigkeit hat ebenfalls grossen Wiederhall gefunden und bringt uns Abonnenten aus verschiedensten Ländern […]. Die Mitarbeit auf übernationaler Basis ist sehr wichtig […]. Sie bringt natürlich eine grössere Arbeitslast […] mit sich. […] Der Bezug von neuen Büroräumen [an der Mühlebachstrasse im Seefeld] wird hoffentlich angenehmere Arbeitsbedingungen schaffen. Im weiteren spricht Rolf über die Gestaltung unserer Klubabende, die sich nicht nur im Tanzen erschöpfen sollten. Im verflossenen Jahr fanden wenige Vorträge statt und die beiden literarischen Abende hatten nachhaltigen Erfolg, was […] zu weiteren solchen Darbietungen ermuntern sollte. Zum Schluss möchte ich Rolfs Bitte wörtlich wiedergeben: Helfen Sie weiter und wer irgendwie kann, nicht nur mit dem Abonnement, sondern auch mit Rat und Tat, wo es irgend möglich ist, damit aus einer Abonnentenvereinigung immer mehr eine starke Kameradschaft werde!»
Zu Punkt 5. Kassabericht:
«Jost stellt die Anfrage, ob es überhaupt notwendig sei, Bücher zu führen und zu verkaufen. Rolf dankt und erklärt, dass es Gauthier/Walter und Roly Freude bereite, Bücher zu vermitteln. Es gehen immerhin viele Bestellungen ein. Der Verkauf erstreckt sich nur auf die Schweiz, mit Ausnahme von Prof. Kinsey, der einer der grössten Abnehmer ist. Charles bemerkt, dass diese Büchervermittlung immerhin eine sehr grosse Einnahmequelle darstellt, die wir allein Walter und Roly zu verdanken haben. Ein Wegfall des Bücherverkaufs würde sich zu ungunsten der Zeitschrift auswirken.»
Zu Punkt 6. Baufonds:
«Charles erklärt, dass keine Stiftung errichtet werden könne, weil die Summe viel zu klein sei. Er empfiehlt die Äufnung eines Fonds. Jost (der erste Spender) ist einverstanden. Rolf lässt abstimmen. Keine Gegenstimme. Somit steht fest, dass […] ein Fonds auf einer Bank angelegt wird. […] Charles stellt fest, dass mit einem Bau erst begonnen werden kann, wenn einmal eine Stiftung besteht, […].»
Ein «Baufonds» wurde von Charles Welti angeregt, damit ein eigenes Klublokal für den KREIS und sein Büro erworben oder erstellt werden könnte. Eine gute Idee, welche den späteren Zusammenbruch in der Repression vermieden hätte. Verwaltet wurde der Baufonds von Abonnent Walter Baumann, der ein Gärtnergeschäft führte und ein Sonderkonto «Baufonds» errichtete. Der Baufonds kam jedoch nie auf eine genügend grosse Summe. Dem Heft 3/1954 waren auf dem Kleinen Blatt die Satzungen des Baufonds beigelegt.
Aus den Satzungen des Baufonds
Am Tag nach dieser Versammlung, am 7. Februar 1954, wurden diese Satzungen aufgestellt und dem März-Heft beigelegt. Zweck war die «Sammlung und Bereitstellung finanzieller Mittel für den Kauf, Bau, Unterhalt eines Klubhauses». Die «Leitung wird einem speziellen Ausschuss übertragen.» Die Geschäftsführung hatten die ordentlichen Revisoren des KREIS zu prüfen. Ein Bericht darüber musste zuhanden der Jahresversammlung erstellt werden.
«Der Fonds wird gespiesen durch
a) Legate und Schenkungen von Abonnenten und Gönnern;
b) Zuweisungen seitens des KREIS aus Sammlungen und speziellen Veranstaltungen.»
Die Schlussbestimmung lautete:
«Der gegenwärtige ‹Baufonds› stellt lediglich eine Zwischenlösung dar, indem an seine Stelle, wenn die Sammlung den Betrag von Fr. 10'000 erreicht hat, eine Stiftung treten soll.»
Die Mittel des Baufonds wurden 1966 eingesetzt für die Mietzinssicherung des ersten Jahres des neuen Lokals
Conti-Club
Aus dem Jahresbericht 1954
für die Jahresversammlung am 6. Februar 1955, verfasst von Rolf
«Auch in diesem Jahr hat zwar ein langsam steigendes Interesse an unserer Zeitschrift angehalten. Unsere Speditionslisten zeigen, dass wir 1200 Abonnenten überschritten haben. […] Dieser Zuwachs ist zum kleineren Teil aus unserem Lande gekommen, zum überwiegenden aus den Vereinigten Staaten. […] Das bedingte, dass wir […] dem englischen Textteil vermehrten Raum gewähren mussten. […] Erfreulicherweise sind die […] Klagen gegen die fremdsprachigen Teile so ziemlich verstummt. Unsere jungen Freunde z.B. sehen sich durch die Zeitumstände gezwungen, Fremdsprachen zu lernen, weit mehr als früher, und so ist ihnen der Text des ganzen Heftes zugänglich. Leider tauchten auch im vergangenen Jahr von schweizerischen Kameraden wenige eigene Beiträge auf. Die einigermassen vernünftige Fassung unseres Strafgesetzes und die vor allem in den Städten von den Behörden zugestandene Freiheit in Bezug auf Treffpunkte hat unseren Kameraden einen grossen Teil der inneren Spannungen weggenommen. Ich betone: einen grossen Teil. Denn diese äusseren Dinge heben natürlich die wirkliche Problematik unserer Stellung zur Gesellschaft, zu Staat und Religion nicht auf und der Redaktor des deutschsprachigen Teils kann nur hoffen, dass doch da und dort im Lande fähige Köpfe niederschreiben, was sie zur Aussage zwingt. Dass aus Deutschland und Österreich ständig eine grosse Anzahl Manuskripte eingehen, liegt auf der Hand. Strafgesetze und Umwelt zwingen diese Menschen zu einer ständigen Auseinandersetzung und zwar in einem Masse, wie es sich der Fernstehende kaum denken kann. […] Mit noch grösserer Intensität wird unser Lebensgefühl jedoch im amerikanischen Buch angepackt.
[…] Ein schwerer Schlag für unsere Arbeit bedeutete die Beschlagnahmung von
Quaintance Bildern durch die Bundespolizei […]. Wir dürfen aber auch sagen, dass wir von der zürcherischen Behörde nie ein solches Verbot zudiktiert bekommen haben; die gleichen Bilder erschienen ja unbeanstandet in unserer Zeitschrift.
Meine Reise nach
Skandinavien, gedacht als Werbeaktion für die Zeitschrift, war leider nicht von Erfolg. Wohl haben sich die nordischen Kameraden aufrichtig und ungemein herzlich über die Fühlungnahme gefreut und uns vorbildliche Gastfreundschaft erwiesen, aber die sprachliche Grenze scheint doch grösser zu sein, als ich anfangs vermutete.
[…] Wir lieferten diesmal 480 Seiten und 101 Clichés [Illustrationen] gegenüber 454 Seiten und 96 Clichés im Vorjahr. Der Abonnementspreis ist also seit 1948, als wir 308 Seiten und 32 Clichés lieferten, der gleiche geblieben, was natürlich nur durch die erhöhte Abonnentenzahl möglich wurde. […] Bei dieser Gelegenheit dürfen wir nicht vergessen, allen zu danken, die durch Mehrbeträge den Druck der Zeitschrift, meine Redaktionsarbeit und den Baufonds haben sichern helfen. Es ist eine grosse Genugtuung zu wissen, dass Hilfe im gegebenen Moment immer da ist.
Erwähnen möchte ich auch die verschiedenen Vortragsabende, denen in diesem Jahr ein besonders erfreulicher Erfolg beschieden war und die mithelfen, das Abonnement unserer Zeitschrift interessanter zu machen. […] Und dass wir in einem solchen Haus unter städtischer Leitung seit vielen Jahren Heimatrecht haben, ist wohl einzigartig nicht nur in Europa, sondern sicher in der Welt. Vergessen wir nie, dass uns das verpflichtet! […] Wir wollen uns auch der neuen Leitung des Wirtschaftsbetriebes, Herrn und Frau Ribi, dankbar erweisen. […]»
Aus dem Protokoll der Abonnenten-Versammlung vom 6. Februar 1955
im Restaurant Eintracht, Neumarkt, Zürich, verfasst von Roly
Zu Punkt 5. Kassabericht:
Es gab ein Projekt zur Herausgabe eines allgemein aufklärenden Buches über Geschichte und Wesen der Homosexualität und über den KREIS mit seiner Entstehung und seinem Zweck. Dazu hatte ein Kamerad eine bestimmte Summe gespendet. Es kam aber nie zur Realisierung, weil sich kein Autor zur Verfügung stellte und weil jene, die es hätten schreiben können, keine Zeit dazu fanden.
«Ein Kamerad wünscht Auskunft über eine Summe, die zur Herausgabe eines Buches reserviert ist. Rolf erklärt, dass diese Summe ausschliesslich mit dem Wunsch, ein Buch herauszugeben, gestiftet wurde. Ein solches Buch müsste im Sinne einer sachlichen Auslegung und Aufklärung geschrieben werden. Edwin legt klar, dass eigentlich nur Rolf dazu fähig wäre […] und dass es schwierig würde, einen Verleger […] und den genügenden Absatz zu finden, eventuell müsste man es mit einem deutschen Verlag versuchen.»
Zu Punkt 6. Anträge und Verschiedenes:
«Baufonds. Kurt gibt anhand des separaten Kassabuches bekannt, dass […] eine Gesamtsumme von 2'245.15 erreicht sei. […]
Kassier Walter […] beantragt, dass man säumigen Zahlern nur noch zwei Hefte gratis schicken solle, […] denn wiederum mussten zwischen 250 und 300 Abonnenten gestrichen werden, die auf keine Mahnung reagierten. […] Ein Aufruf von Walter fordert jeden Kameraden auf, pro Jahr einen neuen Abonnenten zu werben.
Rolf macht noch einige Mitteilungen: […] Jeder Abonnent, der einen Gast einführt, soll für denselben verantwortlich gemacht werden. […]»
Aus dem Jahresbericht 1955
Der Jahresversammlung vom 9. Mai 1956 vorgelegt, verfasst von Rolf
«Der 23. Jahrgang unserer Zeitschrift ist in manchem erfreulicher ausgefallen als der vorige, wenigstens was die Stabilität der Abonnentenzahl anbetrifft. Auch die Zahl der Mitarbeiter […] im deutschen und im englischen Teil hat zugenommen. […] In Frankreich tauchen ständig neue Werke auf, seien es Romane oder Auseinandersetzungen, sodass die ‹Arcadie› beinahe in jeder Nummer in einer beneidenswerten Fülle davon berichten kann und es wäre mehr als zu begrüssen, wenn unsere französische Redaktion aus der welschen Schweiz oder natürlich auch von unseren Abonnenten in Frankreich mehr druckreifes Material bekäme. […] Aus Deutschland und Österreich kommt nach wie vor das Meiste. […] Es geht drum die Bitte an alle Abonnenten, uns durch gut fundierte Mitteilungen, Zeitungsausschnitte und Berichte zu unterstützen, […].Man sagt unserer Zeitschrift nach, dass sie immer noch die lesenswerteste von allen sei – und dieses Urteil verpflichtet jedes Jahr mehr.
Sehr erfreulich hat sich der englische Teil herausgemacht und das ist gewiss […] das Verdienst unseres Halbtag-Mitarbeiters
Rudolf, den wir um die Jahresmitte […] gewinnen konnten. Das Echo, das unsere Zeitschrift und die Fotobände in den USA gefunden haben, machte es dringend notwendig, jemanden zu finden, der unseren unermüdlichen Walter entlasten konnte. Die grosse Kassenarbeit und die Riesen-Korrespondenz mit Übersee […] durfte ihm nicht länger zugemutet werden und so fanden wir durch einen glücklichen Zufall Rudolf, der als früherer Buchhändler und Sprachlehrer an einer englischen Universität alle Voraussetzungen mitbrachte, nicht nur die notwendige kaufmännische Korrespondenz zu erledigen, sondern auch mit Schriftstellern […] über alle uns bewegenden Fragen englisch zu diskutieren in einer Form, die hohen Ansprüchen genügt. […] Vielleicht gelingt es uns, auf diesem wahrhaft übernationalen Weg auch eine übernationale Kameradschaft zu gründen, die eines Tages hilft, grössere Aufgaben zu realisieren als sie uns heute möglich sind.
Noch einer beinahe selbstverständlich gewordenen Mitarbeit an unserer Zeitschrift habe ich […] zu danken: den selbstlosen Spendern des […] Bildmaterials. Ich nenne die Namen Arfe und
Jim, Zürich, und vor allem auch den charmanten Zeichner
Rico in Zürich und den Meisterfotografen Pavel, Bukarest-Zürich. Wir dürfen sagen, dass wir durch diese Mithelfer ein Bildmaterial bekommen haben – neben dem einstweilen noch unerreichten
Roberto Rolf, New York, – um das uns jede ausländische Zeitschrift beneidet. Böse Zungen behaupten sogar, dass unsere Hefte nur der Bilder wegen abonniert und gekauft werden. […]
Erfreulich ist auch, dass wir in diesem Jahr zwei kleine Sonderdrucke herausgeben konnten: ‹Die einander bei Händen und Sternen halten› von Hans Alienus und ‹Unsere Verantwortung vor Gott› von Dr. A. Wenn auch den beiden Erscheinungen kein besonderer Erfolg beschieden war, so sind sie doch ein kleiner Anfang für grössere Pläne.
[…] Eine Grossarbeit hat sich dieses Jahr André als Buchhalter aufgeladen. Ihm ein besonderer Dank.»
«Kurz vor Jahresschluss und kurz nach dem ungewöhnlich schönen Herbstfest wurde uns noch ein Prügel zwischen die Beine geworfen: ein (vorläufiges) Tanzverbot für jede Klubzusammenkunft und nur zweimal Tanzerlaubnis pro Monat! Weshalb nach zwölfjähriger Gepflogenheit hier plötzlich ein Veto gesprochen wurde, konnte nie genau eruiert werden. Aber es scheint, dass auch aus dieser Schikane etwas Gutes herauswächst: an den tanzlosen Abenden kommen manchmal zwischen geistig Interessierten Diskussionen zustande, wie sie früher nur selten möglich waren. […]»
Aus dem Jahresbericht 1956
Der Jahresversammlung vom 17. März 1957 vorgelegt, verfasst von Rolf
«Das 24. Jahr unserer Zeitschrift Der Kreis und des damit verbundenen Lesezirkels muss in vieler Beziehung als eines der erfolgreichsten seit Bestehen unserer Abonnenten-Vereinigung bezeichnet werden. Wir haben rund 200 Abonnenten Zuwachs bekommen. […]
Den stärksten Zuwachs haben wir bei den Ausländischen – und hauptsächlich bei den Überseeischen […]. Ohne Zweifel ein Verdienst unseres englischen Mitarbeiters Rudolf, der das Englische beherrscht wie seine Muttersprache und durch die lebhafte Korrespondenz mit englischen und amerikanischen Schriftstellern eine sehr wesentliche Aufbauarbeit leistet.
Unseren französischen Redaktor wollen wir der grossen Anerkennung versichern für seine schon über 15 Jahre hinwegreichende selbstlose und nicht immer leichte Mitarbeit. Sie ist in den letzten Jahren besonders erschwert durch die ausschliesslich in französischer Sprache erscheinende Zeitschrift ‹Arcadie›, zu der – man muss leider sagen ‹natürlicherweise› – frühere Mitarbeiter von uns abgesprungen sind. Trotzdem tauchen aus der Weltstadt an der Seine und auch aus dem Land selbst neue Abonnenten auf. […]
Wir bedauern, dass unsere Kameraden im Welschland seit Jahren ziemlich schweigsam bleiben und ihre Eindrücke, Erlebnisse und Gedanken in keiner Weise in ihrer Sprache formulieren.
Das Preisausschreiben für gute Kurzgeschichten in deutscher Sprache hat aber doch eine ganze Anzahl erfreuliche Manuskripte aus der Schreibmaschine gelockt und dabei – eine ebenfalls nicht alltägliche Erscheinung – dreie davon aus der Schweiz. […]»
«In Österreich war es der grosse Feldkircher Prozess, der die Zeitungen und Gemüter aller Schattierungen durch Monate in Atem hielt. Erfreulicherweise konnte der KREIS über die Grenzen hinweg helfen. […]
Mehr zu der Situation in
Österreich
Auch in Deutschland werden immer noch auf Grund eines veralteten Paragraphen Menschen ins Gefängnis gesteckt, die nichts anderes taten, als ihrer Natur zu gehorchen. Eine einheitliche Bewegung der verschiedenen Gruppen ist leider immer noch nicht zustande gekommen, der auch der KREIS gerne seinen übernationalen Beitrag leisten würde, soweit es in seinen Kräften steht.
Mehr zu der Situation in
Deutschland
[…] Von einem Gewinn durch die Herausgabe der Zeitschrift konnte in all den vielen Jahren bis heute noch nie gesprochen werden. Selbst das Sekretärhonorar, das die Schweizer Abonnenten zahlen, deckt noch nicht das bescheidene Honorar des verantwortlichen Herausgebers […]. Nur durch die Veranstaltungen halten wir eigentlich die ganze Sache über Wasser. Und da gilt es auch wieder mit ganz besonderem Dank […] all jenen Kameraden zu gedenken, die in uneigennütziger Weise dabei helfen, […].
Noch ein Schmerzenskind liegt dem ‹Kreis-Leiter› am Herzen: die Bibliothek. Wir haben über 600 Bände in deutscher, französischer und englischer Sprache, aber sie wird im Verhältnis zu ihrer Reichhaltigkeit wenig benutzt. […]
Wir sind wiederum ein Jahr weiter gekommen und beginnen das 25. Jahr unserer Zeitschrift, die zwar in ihrer Entwicklung schon verschiedene Namen trug. […] Das Werk mag manchem, vor allem den noch aussen stehenden, unwichtig erscheinen, aber es können Tage kommen, wo es entscheidend ist, dass eine Stimme für unsere Art da ist, […] und die mitbaut an einer freieren und schöneren Welt.»
Ernst Ostertag, Dezember 2004

