Ganymed am Zürcher Bürkliplatz
Statue von Hermann Hubacher, Zürich (1885-1976)
1952
Zur Enthüllung dieses Kunstwerks am 20. Juni 1952 schrieb Rolf1:
"Nicht der Adler, nicht Zeus ist es, der von der Erde das Schöne raubt - Ganymed selbst fordert den Unsterblichen auf, ihn in das Reich des Göttlichen zu entführen. Wie herrlich, wie unsagbar schön ist diese Gebärde gelungen, die in die Höhe weist! (…) Wer in den späteren Nachmittagstunden das Glück hat, die milde Herbstsonne auf der hellen Patina der Bronze sich spiegeln zu sehen, wird nicht müde, diesen Linien nachzugehen, den Standort immer wieder zu wechseln und immer wieder aufs Neue beglückt zu sein, dass aus unserer Gedanken- und Gefühlswelt, wenn auch nur als Ausgangspunkt, ein so überragendes Kunstwerk geschaffen wurde. Wir reihen dieses Bildwerk ein in die unvergänglichen Besitztümer, die etwas von unserer Sehnsucht auszusagen vermögen."
Die Festschrift "Ganymed" des Kunsthistorikers Gotthard Jedlicka (1899-1965), Professor für Kunstgeschichte an der Universität Zürich ab 1939, erwähnt, dass die Statue ein Geschenk des Kunsthistorikers Heinrich Wölfflin (1864-1945) an die Stadt Zürich sei. Wölfflin war von 1924-1934 ebenfalls Professor für Kunstgeschichte an der Universität Zürich und erteilte den Auftrag für eine Plastik des Ganymed an Heinrich Hubacher. Er machte ihm keinerlei Vorgabe. Das wird in einem ersten Brief Wölfflins an Hermann Hubacher noch deutlicher. Er schrieb am 30. Januar 1942:
"Ich komme auf einen alten Gedanken zurück: der Stadt Zürich eine Figur zu stiften, (…). Es müsste eine männliche Figur sein (an weiblichen hat Zürich schon eine Menge) und zwar von strenger Form so, dass das Gesetzmässige des Baus durchschlägt, zuchtvolle Schönheit! Auch die architektonische Fassung müsste sehr bestimmt sein (…)."2
Später kam wohl, sozusagen als Motto, Goethes Gedicht "Ganymed" dazu. Die ersten und die letzten Zeilen des Gedichtes stehen zusammen mit dem Namen "Heinrich Wölfflin" auf der linken Stirnseite des Granitsockels eingemeisselt:
Wie im Morgenglanze
Du rings mich anglühst,
Frühling, Geliebter!In euerm Schosse
Aufwärts!
Umfangend umfangen!
Aufwärts an deinen Busen
Allliebender Vater!
Ernst Ostertag, Mai 2005
Quellenverweise
- 1
Der Kreis, Nr. 9/1952, Seite 14
- 2
Heinrich Wölfflin, Autobiographie, Tagebücher und Briefe, Schwab Verlag 1984, Seite 477


