Die Beziehungen zu Deutschland und zur «Kameradschaft die runde»
Der Kreis – Le Cercle – The Circle
ab 1950
DER KREIS und die Repression in der jungen BRD
Das erste Heft 1950 war eine «Deutschland Werbenummer», zumindest was den deutschsprachigen Teil anbetraf.
[1] Im Leitartikel auf der vorderen Umschlagseite gab Rolf klar seine Gründe bekannt. Mit der Wahl des ersten Bundestages der BRD im August 1949 und der Proklamation der DDR im Oktober desselben Jahres war Deutschland in die Gemeinschaft der Nationen zurückgekehrt, allerdings in Form von zwei verschiedenen Staaten. Damit bestand de facto die Möglichkeit, das Exil der Bewegung zur Befreiung der deutschen Homoeroten aufzuheben und diese wieder nach Deutschland hinein zu tragen. Rolf wollte mithelfen, dass die Flamme in Deutschland neu und von Deutschen selbst entzündet werde, die Flamme der Hoffnung und der Aktion, dass in absehbarer Zeit der §175 fällt:
«An unsere deutschen Freunde und Leser!
Ein neuer Anfang ist geschaffen! Kameraden des Landes, dessen Denkern und Dichtern der vorhitlerischen Ära der schweizerische Homoerot so viel verdankt, können die Brücke wieder aufrichten helfen, die der Ungeist aus Braunau so jäh zerstörte. Das erste Heft dieses Jahres ist Euch und Euren wieder aufgetauchten Wissenschaftern und Schriftstellern gewidmet, die heute wiederum die Stimme erheben, um ein Recht Gesetz werden zu lassen, das zumindest dem Selbstverantwortlichen schon längst zugestanden werden müsste. Die Blätter des Kreis sollen Euch dafür immer wieder offen stehen und gewichtigen Stimmen Raum geben, vor allem den Lebenden und heute Kämpfenden, denn sie – und Ihr alle […] müsst die schönere Zukunft selber bauen. […] Die ersehnte Zeitschrift wird eines Tages unzweifelhaft in Deutschland selbst erscheinen. Und es wird uns eine schöne Genugtuung sein, wenn wir dazu die ersten Richtlinien und Verbindungen geschaffen haben! […]»
Der Hintergrund zu dieser Deutschland-Nummer war düster genug. Sie sollte darum auch ein deutliches Zeichen der Solidarität und der Aufmunterung sein. Ein mit «Juris» gezeichneter Brief vom 21. März 1949 aus München weisst auf die Situation hin:
[2]
«Mein Lieber Rolf! Trotzdem ich schon seit langem wieder zu Hause bin, bleibe ich nach wie vor dem Land verbunden, das mir einst Asyl gewährt hat. Und bleibe noch heute dankbar dem Anschluss an unsere Kameraden und Freunde. […] Der Kreis ist heute Mittler für meine eigenen deutschen Kameraden. […] Der Kreis-Artikel ‹Deutsche Kameraden antworten uns› soll zweierlei sagen. Einmal, dass viele von uns sich immer gerne an die lebenserhaltende Schweiz erinnern, und zweitens welch wichtige, fast internationale Aufgabe der Kreis hat.
Es ist Tatsache, dass wir in der amerikanischen Zone kaum an eine Änderung der gesetzlichen Auffassung glauben können. Einmal wegen der amerikanischen […] Auffassung, und dann wegen dieser neuen deutschen Demokratie, die merkwürdigerweise ein Gesetz Hitler'scher Prägung konserviert. Leider spricht dies Bände. […] Wenn man in juristischen Kreisen, speziell vor amtierenden Richtern, von dem verpönten Thema überhaupt spricht, könnte man sich in die Jahre 1933–1945 zurückversetzt zu fühlen. […] Mit eigenen Ohren musste ich von einem Richter hören, dass alle Gesetze des berühmten Nürnberger Parteitages nach wie vor in Kraft sind ‹und nur leider (!) die Anwendung nicht mehr so streng durchgeführt würde›. […] Tragischer wird es nur noch, wenn ein Kamerad Pech hat und heute vor einen solchen Richter kommt. Es ist leider weiter Tatsache, dass die sonst überall als verlogen gefälscht geltenden Prozessakten der Gestapo für derartige Prozesse plötzlich reinste Wahrheit sind: dass wir als Vorbestrafte im Sinne eines Leumundes gelten und der politisch Verfolgte […] als wahrhaft Verfolgter gilt. […] So erfreue ich mich Ihrer Hefte, wenn sie hier einlaufen. […] Ihr Kreis sollte viel mehr nach Deutschland kommen. Ich gebe die Hefte von Hand zu Hand. […]»
Die «Nürnberger Gesetze», waren die Nazi-«Rassengesetze», aufgrund denen das «Deutsche Volk» von Juden, Homosexuellen, Sinti und Roma u.a. mit einem legalistischen Mäntelchen «gesäubert» wurde. Vergleiche dazu der
deutsche §175
Die Spurensuche der wenigen überlebenden
homosexuellen KZ-Häftlinge
Genau solche Gestapo-artigen Vorgänge geschahen offiziell und in grosser Zahl bereits ein Jahr später in Frankfurt und anderen Orten in der neuen BRD. Abschnitte aus einem Brief von H.C. in Frankfurt:
[3]
«Bisher sechs Selbstmorde …
… Die Verfolgungswelle der Homoeroten in Deutschland, speziell in F. hat beinahe groteske Formen angenommen. […] Der einfache Mann auf der Strasse ist empört über dieses Vorgehen der Behörden. […] Während einer Verhandlung hat die Presse laut ihren Unwillen ausgedrückt über die unglaubliche Beweisführung und Beurteilung seitens des Gerichtes. […] Der Richter, der diese ganzen Sachen unter seiner Direktive hat, soll während der Nazizeit Kriegsgerichtsrat gewesen sein … […] Die Prozesse laufen jetzt an. […] Erwartet werden 200.
Verhaftungen am frühen Morgen und Hausdurchsuchungen sind an der Tagesordnung. […] Es kommt immer mehr vor, dass Menschen, die es ermöglichen können, ins Ausland fliehen.
Ich möchte hoffen, dass Sie alle interessierten und verständnisvollen Menschen auf diese Zustände in Deutschland aufmerksam machen. Die Welt soll wissen, wozu man hier in diesem Land fähig ist.»
In Ergänzung dazu setzte Rolf einen Abschnitt darunter:
«Von anderer, glaubwürdiger Seite erfahren wir, dass in den letzten Wochen in diesem Zusammenhang in F. mehrere – angeblich mindestens sechs – Selbstmorde zu verzeichnen waren. – Ein Erwachsener wird wegen Beziehungen zu einem Volljährigen und weil dieser ab und zu kleine Geschenke angenommen hat (!?!) zu einem Jahr und drei Monaten Gefängnis verurteilt. […]»
Das Thema wurde in der folgenden Dezembernummer nochmals unter dem Titel «Der Ungeist marschiert!» behandelt. Unter einem ersten Absatz zur Nachricht «Paragraph 175 wird nicht abgeändert», Mitteilung des Bundesjustizministeriums in Bonn, stand ein Aufruf desselben H.C. aus Frankfurt a.M.:
[4]
«Schweizer-Kameraden, Helft uns!
In der neuesten Nummer der Zeitschrift Der Spiegel wird zu den Prozessen in Frankfurt Stellung genommen. Ich bin sehr froh, dass mein Bemühen, die neu-deutschen Willkürakte und Missstände […] an die Öffentlichkeit zu bringen, von Erfolg gekrönt waren.
Nun wäre es ein Zeichen der Solidarität, wenn Kameraden aus der Schweiz dem Spiegel möglichst viele Schreiben zusenden würden, die sich im positiven Sinne mit dem Artikel befassen und die Haltung der deutschen Justiz schärfstens kritisieren. […] Wir brauchen moralische Unterstützung! […]»
Auch sonst gab es mutige Menschen, die trotz äusserst repressiven Aktionen seitens Justiz und bestimmenden politischen Parteien sich mutig für Veränderung einsetzten. Im Kreis waren auf den hinteren Umschlagseiten regelmässig Nachrichten aus der BRD aufgeführt. Ein Beispiel vom Oktober 1949, erschienen in deutsch und französisch:
[5]
«Institut für Sexualforschung Frankfurt am Main, Hansaallee 7 […] ersucht um Zusendung medizinischer, juristischer, biologischer Arbeiten, die sich mit der Ausdrucksform der Liebe zum gleichen Geschlecht befassen. Auch gelesene Kreis-Hefte sind erwünscht.»
Die «Kameradschaft die runde» (1950–1969)
«Wie überall in Deutschland beginnen sich nach Kriegsende auch in Stuttgart und Umgebung wieder homosexuelle Freundeskreise zu treffen. Einer dieser privaten Zusammenkünfte findet in Reutlingen statt und geht auf die Initiative des Freundespaares Harry Hermann und Willy Stiefel zurück. Daraus wird die Homosexuellenorganisation ‹die runde›. Alle anderen Neugründungen fallen der Repression der Adenauer-Ära zum Opfer. Nur ‹die runde› überlebt, nicht zuletzt wegen des familiären Charakters ihrer Treffen, wo auch private Sorgen Platz finden. In den 60er Jahren kommt der ‹runde› bundesweite Bedeutung zu.»
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Das Signet dieser Kameradschaft war die Flamme des Kreis, nur umgekehrt gedreht, und statt im Kreis zu münden stand sie im Dreieck, dem Winkel der KZ-Häftlinge, aber mit Spitze nach oben. Dazu kam der lateinische Spruch SUUM CUIQUE, «Jedem das Seine», Erinnerung an Buchenwald nördlich der Dichterstadt Weimar, wo dieser Spruch das KZ-Tor des Todeslagers überspannte; ein Zeichen des Nazi-typischen Sarkasmus. Dieses Signet zeigte, woher man kam und was nie mehr sein darf und wies auf die Nähe zum KREIS. Daher auch der Name: «die runde».
Das Freundespaar Harry Hermann (1919–1995) und Willy Stiefel, genannt Bobby (1924–1984) wohnte und arbeitete in Reutlingen, einer Stadt rund 40 km südlich von Stuttgart am Fuss der Schwäbischen Alb. Zu ihnen stiess bald der Reutlinger Walter Hettich (1922–1994). Aus dieser Kerngruppe entstand eine Runde von Freunden aus dem süddeutschen Raum, die sich regelmässig privat in der Wohnung von Hermann und Stiefel trafen. Ab 1950 nannten sie sich neutral und unverfänglich «Kameradschaft die runde». In kurzer Zeit wurde diese Wohnung auch Anlaufstelle für ratsuchende Homoeroten. Zu den Anfängen:
«Der Anstoss, aus dem Freundeskreis eine Organisation zu gründen und sich für andere zu öffnen, kam 1950 aus der Schweiz. […] Schon in den ersten Nachkriegsjahren tauchten in Deutschland wieder erste Kreis-Hefte auf. Es waren einzelne deutsche Homosexuelle, die sich im Zürcher Büro und bei den Herbst- und Sommerfesten […] meldeten. […] So verfügte Rolf über zahlreiche Namen und Adressen von Homosexuellen, die sich isoliert fühlten und oft nicht ahnten, dass es in ihrer Nähe bereits Zusammenschlüsse gab. […]»
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Alarmiert durch die Verhaftungswellen in Frankfurt am Main und Briefe aus Deutschland
«intensivierte Rolf seine Bemühungen, […] Gruppen nach Schweizer Vorbild zu initiieren. […] Darüber hinaus konnten Homosexuelle, die in Schwierigkeiten geraten waren, mit solidarischer Hilfe des KREIS rechnen.»
Nur drei Jahre nachdem sich die BRD 1953 ein «Gesetz über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften» gegeben hatte, was schliesslich zum Aus aller nach 1945 wieder entstandenen einschlägigen Zeitschriften führte, wagte die Reutlinger Kameradschaft eine Zeitschrift herauszugeben, welche den Namen die runde trug. Auch dabei war Der Kreis Vorbild und unterstützte das Blatt u.a. mit Texten und Illustrationen (Clichés), die gelegentlich ausgetauscht wurden. Walter Hettich bestritt zusammen mit Harry Hermann den Hauptteil des Blattes, betreute die Abonnenten und schuf ein Archiv der Kameradschaft, während Bobby Stiefel stets für das leibliche Wohl auch der Gäste besorgt war. Nach der vollendeten Zerschlagung oder Verunmöglichung der Herausgabe aller übrigen Publikationen in der Bundesrepublik wählten die Kameraden der «runde» 1964 einen neuen Namen für ihre Zeitschrift: Der Rundblick. Damit sollte die Überregionalität betont werden, welche nun der Kameradschaft und ihrem Blatt zukam, denn es gab jetzt Abonnenten auf dem gesamten Gebiet der BRD.
Möglich war diese kontinuierliche Tätigkeit, weil gewisse Freundschaftsbande diskreten Schutz vor mehrmals versuchter Indizierung gewährten, vor allem aber, weil alle überaus vorsichtig waren und sich tarnten. Zwei Aussagen von Mitgliedern zum Versand der Zeitschrift in der Wohnung von Hermann und Stiefel:
«Unbedingt sollte der Eindruck vermieden werden, es handle sich um eine umfangreiche Sendung. Die Adressen wurden nicht aufgeklebt wie beim Kreis, sondern einzeln von Hand geschrieben.»
Es beteiligten sich viele daran,
«um unterschiedliche Handschriften zu haben. Jeder von uns nahm einen Stapel Hefte in neutralem Umschlag und warf sie stückweise an verschiedenen Orten in die Postkästen ein.
Die Wohnung war so bieder wie möglich eingerichtet, einschlägige Gemälde oder Fotos fehlten. Die Besucher wurden dazu angehalten, nie gleichzeitig zu erscheinen und ihre Autos oder Fahrräder in anderen Strassen abzustellen. Auf Weisung von Harry durften nicht einmal die Vorhänge zugezogen werden: man hatte ja nichts zu verbergen.»
[8]
Im Kampf um die Liberalisierung des §175 spielte «die runde» eine wichtige Rolle. Die Streichung unmenschlicher Gesetze war von Anfang an ihr politisches Hauptziel. Als im September 1969 unter Justizminister Gustav Heinemann trotz grosser Einwände, vor allem seitens der katholischen Kirche, die liberalisierte Form des §175 verabschiedet wurde und in Kraft trat, gab Harry Hermann an Weihnachten 1969 die Auflösung der «runde» bekannt.
Im Kreis wurde oft über «die runde» berichtet und Mitglieder/Abonnenten besuchten sich gegenseitig. So schrieb Rolf im März 1959 über seine «Kleine Reise ins grosse Land» u.a. zu «Reutlingen», dass die Freunde der «runde» mit anderen deutschen Organisationen zusammenarbeiten:
[9]
«Gemeinsames Vorgehen bei den Eingaben an Presse und Behörden, an Persönlichkeiten und Institutionen. […] Mit ihrer hektographierten Zeitschrift die runde, die wesentliche Essays und gute literarische Beiträge enthält, halten sie den geistigen Kontakt unter sich aufrecht. Auf ihre wohlfundierte Eingabe an die SPD ist ihnen die Zusicherung des Rechtsberaters der SPD gegeben worden, bei den Beratungen im Bundestag sich für die Abschaffung des berüchtigten §175 einzusetzen.»
Von Reutlingen aus wurde Rolf nach Stuttgart zu einem Treffen von Kameraden und Abonnenten des Kreis, gebracht:
«und als man sich um die zehnte Abendstunde trennte, war der Versuch einer regelmässigen monatlichen Tischrunde der Kreis-Leser beschlossene Sache. […] Vielleicht entwickelt sich daraus eine tragfähige Brücke zu den Kameraden von der ‹runde›, was ganz im Sinne des KREIS wäre.»
Dieser Wunsch ging in Erfüllung, was folgende Hinweise im Kreis belegen:
«Tischrunde: ‹Kreis› Stuttgart – ‹die runde› So langsam hat sich nun ein gewisser Stamm herausgebildet […]»
[10]
und, als der KREIS kein Lokal mehr hatte:
«Die Tischrunde des ‹Kreis› und der ‹runde›: […] Die Kameraden in Süddeutschland […] finden in diesem Heft wiederum eine gesonderte Einladung für die Juli-Zusammenkunft beigelegt. […]»
[11]
Mindestens einmal im Jahr trafen sich die Leiter von KREIS und «runde» sei es in Zürich, Reutlingen, Stuttgart oder in Rolfs Elternhaus in Kradolf im Thurgau. Auch wir waren einmal dabei. Am Samstag, 21. September 1963 flogen wir mit Rolf, Fredi Brauchli, Eduard Meyer (der Kassier «André»), Danilo Bönisch und einigen anderen nach Stuttgart, wo wir uns u.a. mit Harry und Bobby, Walter Hettich, Eduard Krumm und Richard Moosdorf trafen.
Eduard Krumm mit Richard sahen wir erst 2001 wieder in Zürich zu Aufnahmen für den Film «Ich kenn' keinen – allein unter Heteros».
Die Novembernummer 1965 des Kreis gab bekannt, dass die Weihnachtsfeier des KREIS in Zürich «wegen Fehlen eines geeigneten Saales» ausfallen müsse. Zugleich wurde die Weihnachtsfeier der «runde» angezeigt:
«Die süddeutschen Kameraden des ‹Kreis› und der ‹runde› treffen sich am Samstag, den 18.12.1965 zu ihrer Weihnachtsfeier in Stuttgart. […] Bringen Sie unbedingt Ihre gültige Ausweiskarte mit!»
[12]
Das Weihnachtslicht war nach Deutschland zurückgekehrt.
§175-Flüchtlinge und der KREIS
Über die Fluchthilfe für deutsche Kameraden bis in die Nachkriegsjahre schrieb u.a. Karl-Heinz Steinle:
[13]
«Laut Rolfs Schauspielerkollegen
Ettore Cella half Rolf auch persönlich zahlreichen Emigranten. Beispielsweise stellte er dem Bühnenbildner Furrer seinen Pass zur Verfügung, den dieser Flüchtlingen gab, die er mit dem Motorrad aus Konstanz und Waldshut über die Schweizer Grenze brachte.»
Bühnenbildner Robert Furrer (1904–1949) war Assistent von Teo Otto am Schauspielhaus Zürich. In einem Gespräch mit seiner Tochter, der Schauspielerin Vera Furrer, bestätigte sie uns diese Tätigkeit ihres Vaters, der 1938 einem Fluchthilfe-Ring angehört habe und deswegen von den Schweizer Behörden verhaftet und für kürzere Zeit ins Gefängnis gesteckt worden sei. Furrer war Kommunist und brachte auch gefährdete «Politische» über die Grenze, was Rolf nicht wusste oder nicht wissen wollte.
Der in Wien lebende Dichter Erich Lifka schrieb:
[14]
«Ich selbst bin vor meinen Verfolgern in den fünfziger Jahren zu Rolf geflüchtet und habe in Rolfs Wohnung gelebt, liebevoll betreut von ihm und seinem Freund Brauchli und auch von meinem toten Freund Rudolf Jung-Burkhardt. […] Ich durfte für Rolf an Ort und Stelle übersetzen und schreiben und fühlte mich förmlich erlöst nach dem Schrecken, den ich in meiner Heimat zurückgelassen hatte. Denn die zweite Republik Österreich verfolgte Homosexuelle erbarmungslos.»
Eduard Krumm, Mitglied der «runde», berichtete:
[15]
Es gab «eine strikte Trennung von ‹Experten› und ‹Mitgliedern›: ‹Viele von uns kannten sich nicht persönlich. Harry hat immer versucht, die Leute auseinander zu halten. Nur wenn er es für ‹die runde› als zweckmässig erachtete, hat er sie zusammengebracht. Er hat ganz scharf getrennt, damit keiner durch den anderen in Gefahr gerät.› Unter den ‹Experten› war der CDU-Politiker Gustav Adolf Gedat, der über den mit ihm befreundeten, in Basel lebenden Nervenarzt Theodor Bovet Mitglieder der runde über die Schweizer Grenze brachte, um sie vor einer Verhaftung zu bewahren.»
Der KREIS und seine Beziehungen zu
Theodor Bovet
Mehr zu den Veränderungen durch den
Kontakt zu Wissenschaftern
Zu all diesen (und anderen) Geschehnissen hat Rolf nie ein Wort gesprochen. Allerdings zirkulierten Gerüchte, niemand wusste Konkretes. Er konnte weder sich noch den KREIS bei irgendwelchen Behörden kompromittieren und schon gar nicht die vorübergehend hier im Exil Lebenden in Gefahr bringen. Die offizielle Haltung des KREIS veröffentlichte er mehrmals auch im Hinblick darauf, dass behördliche Stellen die Zeitschrift observierten, beispielsweise:
[16]
«Flucht in die Schweiz
um hier unter einem vernünftigen Gesetz arbeiten zu können, endet meistens mit einer grossen Enttäuschung. […] Unser kleines Land ist mit Fremdarbeitern überflutet. […] Zudem ist […] die Fremdenpolizei Homoeroten nicht besonders freundlich gesinnt. Auch andere Behörden nicht, sogar Schweizern gegenüber. Wer als Nichtzürcher z.B. […] sich um das Zürcher Stadtbürgerrecht bemüht, dem wird es heute noch verweigert, wenn […] die gleichgeschlechtliche Neigung nachgewiesen werden kann. […] Wir warnen […] ausländische Kameraden, sich bezüglich einer Aufenthalts- und Arbeitsbewilligung allzu grossen Hoffnungen hinzugeben. […] Der KREIS sieht sich ausserstande, Arbeitsplätze ausfindig zu machen. […] Wir bitten alle Leser, diese Tatsachen weiter zu sagen. […]»
Durch die Zürcher Sequenzen im Film «Ich kenn' keinen – allein unter Heteros» von Jochen Hick trafen wir wieder Richard Moosdorf (geb. 1924) und Eduard Krumm (1927–2008). Der letztere lebte als Flüchtling in der Schweiz. Seine Geschichte hat Karl-Heinz Steinle aufgezeichnet.
[17] Uns gegenüber ergänzte Eduard diese Geschichte in mehreren Gesprächen:
«Ich war schon 1949 Abonnent des Kreis. 1952 hatte ich einen US Soldaten kennengelernt, der später in der Army geschnappt und mit Prügel dazu gebracht wurde, u.a. auch meine Adresse zu sagen. Wir waren beide volljährig. Ich wurde nun nach Reutlingen zur Kriminalpolizei vorgeladen. Dort amtete einer, der wegen Nazi-Zugehörigkeit nach Reutlingen strafversetzt worden war. Von dem wurde ich mit Fragen total ausgequetscht und hätte nach einer Hausdurchsuchung in Untersuchungshaft genommen werden sollen. Ein Polizeifotograf sollte mich erkennungsdienstlich aufnehmen. Auf dem Weg zum Fotoraum sagte er: ‹Ich hab' was vergessen und muss das holen› und zwinkerte mir dabei zu. Ich verstand und ging weg, nahm mein Fahrrad und fuhr nach Konstanz zu Fritz Scheffelt. Der brachte mich über die Grenze und telefonierte darauf mit Rolf. Im Büro des KREIS aber wies mich Rolf an, wieder zurück zu radeln, um meinen Pass zu holen, denn so hätte ich keine Chance. Ich rief meine Schwester an und verabredete mit ihr einen Treffpunkt im Wald bei ihrem Dorf. Sie holte den Pass und wir trafen uns zur abgemachten Zeit. Dann fuhr ich wieder – diesmal legal – in die Schweiz. Inzwischen hatte Rolf eine Stelle als Journalführer im Hotel Kulm, St. Moritz, gefunden, wo ich für etliche Monate arbeiten konnte. Dort gewann ich das Vertrauen des Patrons, weil das Journal beim Jahresabschluss erstmals stimmte. Ich lernte in St. Moritz auch jenes Freundespaar kennen, welches das Hotel Calonder führte. Dort konnte ich nach Abschluss meines Auftrages im Kulm eintreten und für eine weitere Zeit arbeiten. Dann fuhr ich nach Deutschland zurück und zog nach Stuttgart, weil ich wusste, dass es dort keine ehemaligen Nazis als Richter gab. Mein Fall wurde nachbehandelt und schliesslich wegen Mangels an Beweisen ad acta gelegt. Seither – und bis heute – wohne ich in Stuttgart.»
Eduard Krumm starb in Stuttgart am 14. Juni 2008.
Fritz Scheffelt (1890–1963) führte in Konstanz die bekannte «Bücherstube am See», an der Kreuzlingerstrasse 11, nahe der Schweizer Grenze. Seit 1933 half er Verfolgten über die Grenze in die Schweiz.
«Scheffelts Adresse war als Fluchtpunkt bekannt und kursierte in chiffrierter Form in Berlin unter Juden, Kommunisten und Homosexuellen. Nach Aussage von Bekannten konnte Scheffelt bis zur Schliessung der Grenzanlagen 1941 als Wanderer verkleidet immer wieder Personen illegal über die Grenze bringen. Nach Kriegsende wurde Scheffelt Abonnent des Kreis. […] Über den KREIS kam er in Kontakt zur ‹runde›, die er mit Literatur aus seiner Buchhandlung versorgte. Bereits 1952 hatte er einen späteren Mitarbeiter dieser Gruppe, der vor einer Verhaftung stand, über die Schweizer Grenze geschleust. Bis zu seinem Tod blieb er einer der ‹Spezialisten› der ‹runde›, die im Hintergrund arbeiteten, indem er Informationen, die nicht der Post anvertraut werden konnten, in und aus der Schweiz überbrachte.»
[18]
Fritz Scheffelt war mit dem KREIS eng verbunden. Das Freundespaar Walter Neuburger, «Gauthier» und Werner Schüpbach, «Roly» erzählten uns mehrmals, wie sie mit ihrem gut bepackten Auto nach Konstanz fuhren, um Bücher und vor allem nach 1953 abonnierte Kreis-Hefte über die Grenze zu bringen. Sie benützten wenig kontrollierte Übergänge zu einer Zeit, als die meisten Zöllner beim Essen waren. Die Hefte wurden von Scheffelt und seinen Freunden später in gleicher Weise in verschiedenste Briefkästen geworfen, wie das bei der «runde» gemacht wurde. Auf dem Rückweg nahm das Freundespaar Bücher aus Deutschland mit, die im KREIS zum Verkauf angeboten oder der Bibliothek einverleibt wurden. Da Gauthier und Roly nebst der Kassierarbeit auch den Büchertisch betreuten, wussten sie genau, was von den Abonnenten gefragt war. Fritz Scheffelt, so berichteten die beiden, habe vorn ein normales Büchersortiment angeboten, während in einem versteckten hinteren Lagerraum linke Literatur und Erotika und darunter auch Bücher und Zeitschriften zum Thema Homosexualität zu finden waren.
Zum Bücherdienst
des Kreis
In Zusammenarbeit mit Scheffelt ist der dem Kleinen Blatt beigefügte Bücherzettel regelmässig auf den neuesten Stand gebracht worden. Er enthielt Neuerscheinungen und antiquarisch erhältliche Werke. So etwa führte das dem Heft 12/1966 beigelegte Kleine Blatt auf zwei Seiten insgesamt 61 Buchtitel auf. Sie konnten über die Bücherstube bezogen werden, aus der Schweiz via Postfach in Kreuzlingen und eines in Konstanz diente deutschen Abonnenten.
Die «Bücherstube am See» existiert noch heute an derselben Adresse, geführt von Peter Neser, dem Sohn des ehemaligen Buchhalters, welcher seit den 30er Jahren Fritz Scheffelt diesen Teil der Geschäftsführung abgenommen hatte. Scheffelt sei eben «im Kaufmännischen nicht so gut gewesen». Das wird in einem Brief bestätigt, den Rolf als Leiter des «Kreis» am 16. Januar 1961 an «Herrn Neser» schrieb.
[19] Darin handelte es sich um eine Neuordnung der Abrechnungen, Bestellungen von Einzelheften und gebundenen Jahrgängen etc., weil «Fritz dem nicht mehr gewachsen sei».
Ernst Ostertag, März 2005








