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Frankreich: Die Beziehungen zur Zeitschrift Arcadie

Der Kreis – Le Cercle – The Circle

ab 1952

1952 stiess ein neuer Mitarbeiter zum Team um Charles Welti. Es war der in Paris lebende ehemalige katholische Priester Öffnet externen Link in neuem FensterAndré Emile Baudry, welcher das Pseudonym André Romane verwendete. Ihn erwähnte Charles Welti im letzten Kreis-Heft «En guise d'adieu»: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[1]

«De France, un surprenant personnage vint rejoindre nos rangs: il signait André Romane et je l'ai surnommé dans mon article ‹Sainte-Maxime, bilan d'une expérience›, Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[2] ‹le courageux apôtre de notre cause›! André Romane a donné au Cercle un grand nombre d'articles religieux et philosophiques, puis il a abandonné sa collaboration en janvier 1954 à la suite de la fondation de sa propre revue: Arcadie. Ce journal, courageusement publié sous son propre nom, a fait beaucoup de bien à la cause de l'homophilie en France, et je suis content qu'André Baudry alias André Romane ait déclaré en certains occasions que ses premiers pas furent guidés par le Cercle

Die Bezeichnung «homophilie» wählte Charles bewusst, weil es André Baudry war, der diesen Begriff von Anfang an konsequent verwendete.

Ins selbe letzte Kreis-Heft schrieb André Baudry: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[3]

«[…] que celui qui a fait et continue Arcadie, n'oubliera pas l'aîné Der Kreis auprès de qui il y a 15 ans il trouva ses lois et ses formules pour vivre et pour créer ce mouvement français. […] d'autres, à travers le monde, continueront à défendre les homophiles et l'homophilie, dans le sillage prestigieux creusé avec combien de peines par notre très cher Der Kreis

Bereits im April 1953 wies André Romane auf seine Neugründung hin, welcher er den Namen «Le Cercle de France» gab und die er als eine Art französische Parallele zum KREIS sah. Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[4] Nach diesen Ausführungen geschah die Gründung bereits sechs Monate zuvor, also im November 1952:

«Nos amis de France qui secrètement depuis longtemps désiraient la formation d'un groupe amical semblable à celui de Suisse ne se comptaient plus. La France que trop volontiers l'on présente comme la championne de toutes les libertés et à l'avant-garde de toutes les libérations humaines était à ce point singulièrement en retard. […] Il fallait tenter quelque chose […] et leur dire: ‹Vous n'êtes pas seuls, vous avez et vous êtes une famille spirituelle, venez›. […] Les réponses furent nombreuses. Nous avons voulu en France un Groupe. Il existe maintenant. […] Des réunions mensuelles depuis six mois groupent des Amis, heureux de bavarder ensemble, […] de se créer des relations sûres. […] Que sommes-nous à côté des vingt ans de notre Maison-Mère de Zurich, peu de choses, mais nos efforts, nos espoirs voudraient réaliser plus et mieux. […]»

Im September 1953 wurde der «Cercle de France» im Kreis erstmals angezeigt: «Réception chaque mardi dès 21 heures. Les membres de cercles étrangers y sont admis sur présentation de leurs cartes. […]» Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[5]

Das war ein mutiger Anfang nach 1945. Denn die Nazi-hörige Öffnet externen Link in neuem FensterVichy-Regierung hatte den Code pénal verschärft, alle homosexuellen Akte kriminalisiert und homosexuelle Menschen gnadenlos verfolgt. Die Nachkriegsregierung des Freien Frankreich behielt, ähnlich zur BRD, trotz aller Proteste seitens Homosexueller und namhafter Künstler usw. diese Fassung bei und die Fünfte Republik unter Öffnet externen Link in neuem FensterCharles de Gaulle verschärfte die entsprechende Gesetzgebung 1960 noch einmal zusätzlich. Erst 1982 hob die Regierung von Öffnet externen Link in neuem FensterFrançois Mitterrand die einschlägigen Gesetze auf.

Nachdem André Baudry im Januar 1954 seine eigene Zeitschrift Öffnet externen Link in neuem FensterArcadie gegründet hatte, wurde etwas später auch der «Cercle de France» auf diesen Namen umbenannt. Die Arcadie existierte 30 Jahre lang bis 1984.

In der ersten Nummer von Arcadie stand eine Widmung unter dem Titel «Au Cercle Suisse», gezeichnet mit «La Rédaction»: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[6]

«En ce premier numéro de notre revue française nous tenons essentiellement à présenter aux dirigeants de la revue Le Cercle, éditée à Zurich, l'expression de notre gratitude et de notre admiration. Sans hésiter, la rédaction de cette admirable revue s'est décidée, il y a quelques années, à publier des pages en langue française afin de donner à la France une voix qu'elle ne savait se donner elle-même en ce problème philosophique et sexologique. […] Arcadie présente aux […] fondateurs du Cercle suisse ainsi qu'à tous les Suisses qui l'ont soutenue, l'expression de son attachement au service du même problème.»

Im Parallelheft des Kreis, orientierte Charles Welti: «Avis important à nos lecteurs français»:

«Nous avons été informés par Monsieur A. Baudry, Paris, du fait que lui et ses amis étaient sur le point de lancer une revue en langue française, dont le premier numéro allait paraître an janvier 1954. […] Nous leur souhaitons, de notre côté, un bon départ dans leur tentative qui […] demande encore beaucoup plus de diplomatie et de discipline dans un pays latin que chez nous.»

In der Folge enthob er «Monsieur Baudry», zu dem er per Du stand, seiner Mitarbeit im Kreis, die er so zuvorkommend bisher geleistet habe, weil die neue Zeitschrift ihm nun genug aufbürde. Die französischen Seiten seien ja ohnehin hauptsächlich für die Kameraden in der welschen Schweiz gedacht. Für die Leser in Frankreich gab er immerhin die Zahlungsmöglichkeiten ihrer Abonnements an.

Das war ein Bruch und wurde von Baudry auch so verstanden. Im Nachlass von Charles Welti weisen einige Briefe der Korrespondenz mit André Baudry aus dieser Zeit darauf hin. Beide Männer waren starke Persönlichkeiten, die in ihrem Bereich sachbezogen zusammenarbeiten, aber die Leitung nicht aufteilen konnten.

Sie fanden eine neue, distanziertere Art des Wirkens für die gemeinsame Sache. Bereits in der April-Nummer des Kreis war auf dem Umschlag unter den verschiedenen anderen Organisationen auch neu Frankreich und die Zeitschrift Arcadie angeführt. Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[7] Arcadie seinerseits wies auf seinen Umschlagseiten auf den Kreis hin, nebst den anderen bekannten Publikationen und Gruppierungen Europas und der USA.

In der Folge ergab sich eine fruchtbare Zusammenarbeit, indem gewisse Themen und Artikel gegenseitig ausgetauscht und teilweise übersetzt (und gekürzt) in die französische oder schweizerische Zeitschrift aufgenommen wurden. So berichtete Rudolf, Redaktor des englischen Teils, in seiner «Rückschau auf 1960», u.a. über die Situation in Frankreich nach der parlamentarischen Annahme eines Rahmengesetzes mit dem ausdrücklichen Zusatz «Die Regierung ist ermächtigt, alle Massnahmen zu ergreifen, die geeignet sind, die Homosexualität zu bekämpfen». Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[8] Er schloss:

«So ist der 18. Juli 1960 ein historisches Datum: Zum ersten Mal seit Napoleon I steht das ominöse Wort ‹Homosexualität› in einem französischen juristischen Text. […] Seit sieben Jahren erscheint in Frankreich zum ersten Male regelmässig eine homosexuelle Zeitschrift, die Arcadie […]. Sie hat nun, hellhörig und im Bewusstsein, was hier vielleicht auf dem Spiele steht, im Oktober 1960 eine ausgezeichnete Sondernummer herausgebracht: ‹Was wissen wir über Homophilie?›, in der die Frage in klugen und wissenschaftlich fundierten Aufsätzen von der ethischen, kulturellen, historischen, medizinischen und juristischen Seite beleuchtet wird. Dieses umfangreiche Heft (une véritable encyclopédie homophile) wurde dann mit einem Begleitschreiben allen Ministern, den höchsten Staatsbeamten, den Parteivorsitzenden, einflussreichen politischen Persönlichkeiten, den Bischöfen und Erzbischöfen Frankreichs, den Kardinälen der römischen Kurie, den Kirchenführern der anderen Konfessionen, den Rektoren und Dekanen der Universitäten, bekannten Juristen, Pädagogen und Schriftstellern, schliesslich sogar den fremden Gesandtschaften zugesandt. Hut ab vor dieser grossartigen Aktion, die dank der Initiative der ‹Arcadie› gestartet worden ist!»

Bei zwei unserer Besuche in Paris, am 17. April 1957 und am 11. April 1966, brachten wir im Namen der Redaktion Kreis-Hefte mit zum Club Arcadie, trafen dort André Baudry, und dieser übergab uns Manuskripte für Charles und Rolf. Das war billiger und vor allem sicherer als eine Postsendung, die beim Zoll zurückbehalten oder gar beschlagnahmt werden konnte. Wir wohnten bei einem Abonnenten des Kreis und der Arcadie, André Dalidet (1890–1972), den wir öfter an Festen in Zürich begleiteten und betreuten. Daraus entwickelte sich eine Freundschaft, die bis zu seinem Tod dauerte. André war Mitbegründer des Club Arcadie und früher Direktor der französischen Staatsbahnen, SNCF. Auch er, wie andere Abonnenten, betätigte sich als «Paris-Zürich-retour-Postillon».

Bereits 1955 und 1956 hatte Arcadie mit regulär 54 bis 62 Seiten, Sondernummern bis 100, den Kreis überflügelt. Allerdings ohne Fotos und nur selten mal mit einer Zeichnung; der Inhalt folgte streng dem Untertitel «revue littéraire et scientifique». Und im Pariser Club durfte bis in die 60er Jahre hinein nicht getanzt werden.

André Baudry, dessen Ausführungen ich gerne zuhörte, er erklärte mir erstmals überzeugend den Begriff Homophilie, war eine Persönlichkeit, welche Scharfsinn, Disziplin, aber auch Humorlosigkeit kennzeichnete, und die kaum Widerspruch duldete.

Er war fühlbar von der Schulung im Priesterseminar geprägt, die wohl seinem Wesen entgegen kam – jedoch als Homosexueller war er tief gespalten. Einesteils bewundernswert mutig, sehr konservativ und elitäre Ansprüche stellend, andererseits sich der herrschenden Homophobie fast sklavisch anpassend. «Das So-sein niemals in die Öffentlichkeit tragen» war ihm Devise und verinnerlichte Haltung zugleich.

Er wollte über die geistige Elite Frankreichs eine Öffnung erreichen und zählte zu Autoren in der Arcadie so unterschiedlichste Richtungen repräsentierende Persönlichkeiten und Künstler wie Öffnet externen Link in neuem FensterAndré Gide, Öffnet externen Link in neuem FensterRoger Peyrefitte, Öffnet externen Link in neuem FensterJean Cocteau, den rechtsextremen Jacques de Ricaumont und auch die progressiven Freigeister Öffnet externen Link in neuem FensterDaniel Guérin und Öffnet externen Link in neuem FensterFrançoise d'Eaubonne, welche dann beide in den Revolten von 1968 zu den militanten Homosexuellen des Front Homosexuel d'Action Révolutionnaire (F.H.A.R.) gehörten.

Der Einfluss der französischen Aktivisten auf Öffnet internen Link im aktuellen Fensterdie Romandie

Mit der gesellschaftlichen Veränderung durch diese Revolten sind Arcadie und die Haltung Baudrys überrollt worden: Eine ganz andere homosexuelle Lebensform mit dem klaren Ziel der totalen Emanzipation stand am Anfang ihrer Wege in die Öffentlichkeit und erzielte u.a. das Ergebnis von 1982. Zwei Jahre später verschwand Arcadie. Frankreich war wieder zur «championne des libertés» geworden, wie von André Baudry in seiner ersten Verlautbarung zum «Cercle de France» 1953 ausformuliert – nur über ihn hinweg.

Sein bleibendes Verdienst aber ist dieses Gefäss Arcadie, in dem sich Homophilie in Frankreich erstmals gültig akzentuieren konnte.

Öffnet internen Link im aktuellen FensterErnst Ostertag, März 2005