Die Beziehungen zu den Niederlanden
Der Kreis – Le Cercle – The Circle
ab 1946
1940 wurde im Menschenrecht eine neue Zeitschrift in den Niederlanden erwähnt: Levensrecht. Rolf berichtete uns später, er habe schon damals mit Bob Angelo in Kontakt gestanden. Er nannte ihn immer so. Bob Angelo war das Pseudonym von Nico Engelschman (1913–1988), der im Januar 1940 Levensrecht erstmals herausgebracht hatte. Es erschienen drei Ausgaben bis zum Überfall durch die Deutsche Wehrmacht am 10. Mai, danach war Stille. Menschenrecht 12/1940 erwähnte einen
Verlust von 20 Abonnenten in den Niederlanden als Folge der Nazi-Besetzung.
«Gleich nach dem Krieg begannen die Redakteure […] von Levensrecht wieder mit der Herausgabe einer Schwulenzeitschrift, die später Vriendschap hiess. […] Am 7. Dezember 1946 gründeten sie in Amsterdam den ‹Shakespeare Club› als ‹Cultureel- & Ontspanningscentrum›, der 1949 zum ‹Cultuur- en Ontspannings Centrum› (COC) umbenannt wurde, was man mit Zentrum für Kultur und Erholung übersetzen könnte. […] 1952 eröffnete in Amsterdam die damals grösste schwule Tanzdiele Europas, das berühmte «De Odeon Kelder», kurz DOK genannt. Drei Jahre später wurde nach einigen Streitigkeiten das DOK vom COC abgetrennt […].»
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Dieses «gleich nach dem Krieg» ist wohl etwas genauer zu fassen. Auf der hinteren Deckblatt-Innenseite des Kreis 6/1946 war unter dem Titel «Die Tore des Auslandes öffnen sich … » ein Abschnitt aus einem Brief von Nico Engelschman gedruckt:
«[…] Es freut mich sehr, dass unsere Freunde in der Schweiz eine eigene Zeitschrift herausgeben. Das Blatt unserer holländischen Freunde Levensrecht, das ich unter dem Pseudonym Bob Angelo herausgab, wurde beim Einfall der Deutschen verboten und ist seither nicht mehr erschienen. […] Wir hegen aber die Hoffnung, unser holländisches Blatt auf den 1. September wieder herausgeben zu können.»
Im Oktoberheft des Kreis 1946, wurden «Schweizer Eindrücke» aus «dem im September in Holland wieder erschienenen Levensrecht zitiert:
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«[…] Wir sind vor einigen Monaten Gäste unserer schweizerischen Freunde gewesen und haben u.a. die gemütlichen und netten Klub-Abende […] besucht. Eine komplette Bibliothek, Schach- und andere Spiele, kurze, lebhafte Diskussionen und Vorträge, die unser Leben berühren, wirken mit, dem Zentrum des ‹social life› unserer schweizerischen Gefühlsgenossen eine besondere Atmosphäre zu verleihen. Dazu hatten wir das Vorrecht, einem ‹fête d'été› beiwohnen zu dürfen, an welchem über zweihundert Abonnenten teilgenommen haben. An diesem […] Sommerfest wurden einige Kulturfilme gezeigt, ein kleines Orchester sorgte für vortreffliche Stimmung und wir wurden überrascht mit einem ausgezeichneten Kabarett-Programm. In seiner Ansprache hiess Rolf die holländischen Gäste willkommen, und die Mitteilung, dass das ‹Levensrecht› wieder erscheinen würde, wurde mit herzlichem Applaus begrüsst. Es spricht für das wirklich humanitäre Denken der Schweizer Behörde, dass diese […] Zusammenkünfte – allerdings in streng geschlossener Gesellschaft – gestattet sind.»
Es war eine Gruppe unter Führung von Nico Engelschman, die den KREIS besucht hatte, um Anregungen zu erhalten, wie in Amsterdam etwas Ähnliches verwirklicht werden könnte. Das führte zur Gründung vom 7. Dezember 1946 und dieses Datum gilt als (Neu-)Anfang der niederländischen Organisationen. So erklärte es uns Rolf später. Das COC existiert noch heute.
Unter «Briefe, die uns erreichten …» erschien im Februar darauf ein Schreiben von Bob Angelo:
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«Liebe Kameraden! Im Juni vergangenen Jahres war ich Gast auf Eurem Sommerfest und ich war damals […] ein wenig eifersüchtig auf Euere Bewegung. Heute besteht auch in unserem Lande eine Zeitschrift, die sehr schnell Hunderte von Gefühlsgenossen versammelt hat. Wir zählen schon beinahe vierhundert Abonnenten und haben schon vier grosse Zusammenkünfte gehabt. […] Wir sind Euch viel Dank schuldig für alles, was wir bei unserem Aufenthalt in der Schweiz gelernt haben und bleiben Euch dankbar für die monatliche Zusendung Eurer Zeitschrift, die jedes Mal besser und schöner wird.»
Zusammenfassend schrieb Rolf unter «Eine bedeutsame Entscheidung»:
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«[…] in unserer rein menschlichen Angelegenheit sehen ausländische Kameraden im schweizerischen KREIS eine mögliche Grundlage für eine saubere und zwangslose Berührung in ihren Ländern. Sie suchen Rat und möchten über viele Fragen orientiert werden.»
Als ich am 12. und 13. Oktober 1961 das COC besuchte und die Grüsse des KREIS offiziell überbrachte, erzählte mir Bob Angelo dieselbe Geschichte vom Anstoss im Sommer 1946 und dem Anfang in Amsterdam noch ausführlicher.
Und durch einen jüngeren, stellvertretenden Leiter, Benno Premsela (1920–1997), erfuhr ich mit Erstaunen und Freude, dass man in Amsterdam viel weiter zu gehen bereit war, indem eine Strategie des Heraustretens aus dem Ghetto entwickelt werde und einzelne Mitglieder mit persönlichem Einsatz und unter vollem Namen die Öffnung gegenüber der Gesellschaft angehen wollten. Er sei einer davon. Für mich wurde plötzlich klar: Das COC war daran, den KREIS zu überholen, ja, hatte das bereits eindeutig getan.
Das Tabu Homosexualität, bei uns so unantastbar wie die Neutralität, sollte hier in Holland aufgebrochen werden – und die Chancen dazu schienen nicht einmal hoffnungslos. Aus dem angstgeprägten Klima der Repression in Zürich kommend und davon geprägt, waren mir das alles atemberaubende Perspektiven.
Die Zeit der Repression in der Schweiz, speziell
in Zürich
Benno Premsela wurde ein Jahr später zum Nachfolger des zurückgetretenen Nico Engelschman gewählt. 1964 war er der erste Homosexuelle überhaupt, der sich am Fernsehen outete und offen über dieses Thema sprach. Damit löste er ein gewaltiges Echo aus. Er blieb verantwortlicher Leiter des COC bis 1971.
Die weitere Entwicklung beschreibt Karl-Heinz Steinle in «Der Kreis: Mitglieder, Künstler, Autoren»:
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«Zehn Jahre später allerdings [also Ende der 50er Jahre, aber richtig war es 1962] wandte sich das COC unter der neuen Leitung von Benno Premsela vom Kreis ab, da es im Gegensatz zu ihm die direkte Konfrontation mit der Gesellschaft wählte. Als Dachverband für internationale Zusammenarbeit formierte sich Anfang der 50er Jahre ebenfalls in Amsterdam das International Committee for Sexual Equality, ICSE, an dessen wissenschaftlichen Kongressen in Amsterdam (1951), Frankfurt/Main (1952), Amsterdam (1953), Paris (1955) und Brüssel (1958) Rolf jeweils an der Spitze der Schweizer Delegation teilnahm. Darüber hinaus lieferte der Kreis Informationen aus der Schweiz für den internationalen homosexuellen Pressedienst, den der deutsche Journalist Johannes Werres (1923–1990) beim ICSE aufgebaut hatte.»
Der Kreis berichtete regelmässig von den Kongressen.
Johannes Werres schrieb häufig auch für den Kreis. So in November 1966 «Zum 20jährigen Jubiläum des COC in Holland», mit einem Vorwort von Rolf:
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«[…] Wir erinnern uns noch gerne jener Tage vor 20 Jahren, als der damalige Leiter Bob Angelo mit wenigen Kameraden mit dem KREIS Verbindung aufnahm, um auf einer ähnlichen Grundlage mit der Zeitschrift Vriendschap eine Kameradschaft aufzubauen.»
Der Text von Johannes Werres, unter seinem Pseudonym Norbert Weissenhagen, brachte eine Zusammenfassung der Jubiläumsrede von Jan Rogier, welche dieser unter den Titel «Nur für geladene Gäste» gestellt hatte. Daraus die letzten Sätze:
«Das COC müsse gerade jetzt der Gefahr ausweichen, sich in ein Ghetto zurückzuziehen. […] Nach innen und nach aussen darf das COC keine Vereinigung werden ‹nur für geladene Gäste›.»
Das war deutlich. Nur ein Jahr später war der KREIS zu Ende. Einer der Gründe dazu lag wohl auch in der Strategie «nur für geladene Gäste».
Ernst Ostertag, März 2005

