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Nachfolgeorganisation des KREIS und Vorfom der SOH

Am 25. Oktober 1967 traf sich die nach der Jahresversammlung gebildete Öffnet internen Link im aktuellen FensterKommission zur ersten Arbeitssitzung. Es folgten noch 9 weitere solche Treffen bis zur Gründungsversammlung am 10. Dezember. Wir waren inzwischen zu einer Gruppe von neun Personen angewachsen und hatten die Ressorts für jeden von uns festgelegt (in Klammern sind die in der Zeitschrift club68 verwendeten Decknamen angegeben):

Präsident
Robert Abraham «Othmar Greiner» und «Onkel Theobald» als Briefkastenonkel
Geschäftsleiter
Öffnet internen Link im aktuellen FensterHugo Portmann «Hugo Stetter»
Chef der Redaktionsgruppe
Öffnet internen Link im aktuellen FensterCarl Zibung «Dino Waldner»
Redaktion Kultur
Öffnet internen Link im aktuellen FensterWalter Boesch «Casper Kelt»
Redaktion «Marco berichtet»
Öffnet internen Link im aktuellen FensterErnst Ostertag «Stefan E. Pasquo»
Gelegentlicher Mitarbeiter
Öffnet internen Link im aktuellen FensterJürg Amstein «Jürg Ambach», Autor von «Berühmte Homosexuelle»
Bildredaktion
Öffnet internen Link im aktuellen FensterConstantin Zuppiger «Conny Meierhof»
Gestaltung, Layout
Rätus Waibel «Benjamin Nold»
Ohne Ressort
Caspar Lütolf

Später kamen noch weitere Mitarbeiter dazu

Retoucheur
Öffnet internen Link im aktuellen FensterErwin Scheiwiller «Eric Capu», ab 1970 Bildredaktion
Redaktion
Peter Meier «Rainer Reiner» von Heft 9 bis 12/1968
Korrespondierendes Mitglied
«Michel Ermitage» von Heft 1 bis 12/1969
Redaktion
Jeanpierre Klinkert «Jeanpierre Bonhomme» ab Heft 5 bis 12/1969

Die oben erwähnten insgesamt elf Sitzungen fanden meist in der grossen Wohnung Jürg Amsteins statt. Das Ergebnis war die Gründungsfeier am selben Ort:

Die neue Zeitschrift: club68

Umschlagblatt der Weihnachtsnummer Club68
Umschlagblatt der Weihnachtsnummer «Club68», Nr. 12, 1968

Am Gründungstag, dem 10. Dezember 1967, lag plangemäss ein machbares Konzept für die neue Zeitschrift club68 vor. Sie sollte in Grossformat und sowohl inhaltlich wie grafisch neuer Gestaltung erscheinen, allerdings auf 12 oder 16 Seiten beschränkt und vorläufig nur in deutscher Sprache. Zur Kompensation waren möglichst grossformatige Illustrationen vorgesehen, ab 5/1969 gehörten auch Vollakte von vorn dazu. Die Leitung des Kreis hatte ein Weiterführen ihres Namens und Logos nicht gestattet. So mussten und konnten wir uns völlig neu ausrichten. Wir wollten vom Konzept eines geschlossenen Lesezirkels weg und waren uns rasch einig, dass der Name «Club» unsere Absichten richtig wiedergab. Lange suchten wir nach einer Zusatzbezeichnung und fanden schliesslich, das von Coni Zuppiger vorgeschlagene Signet mit dem Kürzel des kommenden Jahres 1968 sei die beste aller «Notlösungen». (Fast so, als hätten wir etwas von der späteren Bedeutung dieser Jahreszahl geahnt.) Allerdings wussten wir, dass die UNO 1968 zum «Jahr der Menschenrechte» erklärt hatte. Das gab den letzten Anstoss für ein Ja zu club68.

Die neue Organisation: Verein Club 68

Unter club68 verstanden wir die Zeitschrift. Zugleich war uns klar, dass erst eine gesamtschweizerische Organisation das bewirken könnte, was als eigentliches Ziel vor uns stand: Die vollständige Anerkennung, Akzeptanz und Gleichberechtigung. Denn nur auf dem Weg zu diesem Ziel würden Diskriminierungen und Repressionen schliesslich nicht mehr entstehen können. Nebst unserem Schema «Entstehungsabläufe der Zeitschrift» mit verbindlicher Zuteilung an die dafür Verantwortlichen hatten wir das Konzept einer Organisation soweit entwickelt, dass ein Verein mit klarem Zweck und Ziel realisierbar war. Wir fanden auch den passenden Vorschlag für einen Namen: Schweizerische Organisation der Homophilen, SOH. Allerdings einigten wir uns zum vorläufigen Gebrauch des bescheidenen und unserer Situation besser entsprechenden Namens Club 68. Schliesslich und rechtzeitig auf das Zieldatum des 10. Dezembers gelang es der dazu berufenen Arbeitsgruppe (Leitung: Robert Abraham) in zusätzlichen Sitzungen auch die nötigen Statuten für den Verein Club 68 zu schaffen. So wurde es möglich, seine Gründung ebenfalls an diesem Tag vorzunehmen. Es sollte 3. April 1971 werden, bis sich unser Verein zu Recht den Namen SOH geben konnte. Erster Präsident sowohl des Club 68 wie der SOH war Robert D. Abraham (1930–1989).

Die wichtigste Neuerung bestand darin, dass Club 68 keine Abonnentenvereinigung mehr wie der KREIS, sondern ein Verein war mit zweierlei Formen von Mitgliedern, aktiven und passiven. Eine Erklärung und Begründung formulierte Robert Abraham im September 1970: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[1]

«Aktivmitglied kann nach Bewährungsfrist jedes Mitglied werden, das sich für die Dauer eines Jahres als regulärer Mitarbeiter zur Verfügung stellt. Die Aktivmitglieder bilden die Mitgliederversammlung und den Vorstand. Passivmitglied wird man durch die Entrichtung des Mitgliederbeitrages. Das Passivmitglied ist berechtigt, sämtliche guten Dienste des Clubs zu beanspruchen; es kann Anträge an die Aktivmitgliederversammlung stellen, daran teilnehmen jedoch nicht. […] Personen, die sich kaum kennen und mit Ausnahme einer zufälligen Veranlagung oft wenig gemeinsam haben, taugen für die Führung eines engagierten Verbandes nicht. Dazu braucht es ein bewegliches, wetterfestes Kader, das auch einem Sturm die Stirne zu bieten vermag. Unser Instrument der Kaderbildung ist die Aktivmitgliedschaft.»

Kollektive Führung

Das Herz des Vereins wie der Zeitschrift war ein sich immer wieder neu zu einem Konsens findendes Kollektiv von mehrheitlich jungen Homophilen, die sich für eine bestimmte Zeit freiwillig und ehrenamtlich in hohem Masse einzusetzen bereit waren. Wir standen fast alle im Berufsleben an anspruchsvoller Stelle und opferten für diese Aufgabe praktisch die gesamte Freizeit. Oft arbeiteten wir nachts.

Carl Zibung formulierte es am Anfang: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[2]

«Lohnt sich der Einsatz für unsere Minderheit? Wer in den letzten Jahren und Monaten […] die Schwierigkeiten des KREIS […] und die grosse Enttäuschung Rolfs miterlebt hat, muss sich diese Frage stellen. Auch wir haben sie uns gestellt. […] Ist eine Wahrnehmung und Vertretung unserer Interessen überhaupt notwendig? […] Wir sind von der Notwendigkeit […] überzeugt. Fast täglich müssen wir in den Zeitungen irrige Behauptungen lesen, die eine ganze Menschheitsschicht diskriminieren. Und immer wieder werden Homophile in ihrer beruflichen Karriere behindert, verlieren grundlos ihre Stellung. In verschiedenen Zweigen der Wissenschaft wird das Thema Homophilie weiterhin totgeschwiegen. […] Weshalb ein Kollektiv? […] Es gibt keine Persönlichkeit vom Format und von den Fähigkeiten Rolfs, die die vielfältigen Aufgaben lösen will und lösen kann. Wir können nicht alle Aufgaben sofort lösen. Die erste unserer nach aussen sichtbaren Arbeit liegt hier vor Ihnen: Unsere neue Zeitschrift. Sie muss vorläufig in einfachem Rahmen und einsprachig erscheinen. Die zur Verfügung stehenden Mittel gebieten Bescheidung. […] Wir bedürfen die Unterstützung all jener, die schicksalsbedingt zu unserer Minderheit gehören. […] Der Mitgliederbestand unseres Vereins wird uns letztlich zeigen, ob sich ein Einsatz wirklich lohnt!»

Beratungsdienst und Mitglieder-Ausweis

Von Anfang an gehörte ein Beratungsdienst zum Club 68. Das Team bildeten Fachleute: Arzt, Jurist, Psychologe, die je nach Art des vorgebrachten Problems weitere Spezialisten wie Seelsorger und erfahrene Laien beiziehen konnten.

Der Mitglieder-Ausweis ermöglichte nebst dem Zugang in den Conti Club auch Eintritt zur Basler Isola und nach dessen Gründung stand der Berner Ursus-Club ebenfalls den Mitgliedern offen. Besuchen konnte man damit überdies die Arcadie Paris und die COC Lokale in Amsterdam, Rotterdam und anderen niederländischen Städten. Mitglieder konnten, analog zum KREIS, Abonnenten des vorläufig weitergeführten Bilderdienstes werden.

Besuche bei Rolf

Zum Abschluss der Feier wurden Carl Zibung und ich trotz meiner Gegenwehr von der Kommissionsmehrheit dazu verpflichtet, den erkrankten Rolf im Spital zu besuchen. Mit einem Rosenstrauss sollten wir von der Gründung berichten und ihm die Ehrenmitgliedschaft im Club 68 antragen. Was für ein plumper Vorschlag! Ich schämte mich und stand am Bett des geliebten Vater-Freundes, Tränen blieben stecken. Er nahm es gelassen und wies, wie vorauszusehen war, den Antrag zurück.

Im Nachlass Charles Welti fand ich die Kopie eines Briefes, den Rolf noch am selben Tag an den Vorstand des Club 68 geschrieben hatte. Seinerzeit erwähnte niemand diesen Brief, jedenfalls nicht mir gegenüber. Rolf bedankte sich für «die prächtigen Rosen» und erwähnte drei «Dinge», Gründe seines Neins, «diese Dinge habe ich […] den beiden Kameraden Ernst und Carl Melchior unmissverständlich klargelegt. […] Ich hatte von je her den Begriff ‹Mitgliedschaft› strikte abgelehnt. Sie haben jedoch eine Vereinigung mit […] Statuten geschaffen, ein vermehrter Grund, eine Ehrenpräsidentschaft unbedingt abzulehnen, weil sie sich mit meiner ganzen Einstellung zu unserer Sache nicht vereinbaren lässt. […] Es ist selbstverständlich, dass wir nach wie vor eine kameradschaftliche Haltung der neuen Gruppe 68 und ihren Bestrebungen gegenüber einnehmen, was wir ja schon durch die Überlassung von Bilderdienstmaterial und eines Teiles der Bibliothek glauben bewiesen zu haben. […]»

Einen zweiten Spitalbesuch bei Rolf machten Röbi und ich am 26. Dezember. Ich hatte die Aufgabe übernommen, für die erste Nummer club68 eine «Kleine Geschichte des ‹Kreis› » zu schreiben und brachte ihm den Entwurf zur Korrektur. Daraus wurde ein richtiggehendes Interview und überhaupt ein unvergessliches Gespräch. Er begrüsste die Mitarbeit als reisender und berichtender «Marco Polo» und wies darauf hin, dass etliche meiner Beiträge im Kreis erschienen seien, da sie jeden Kurzgeschichtenwettbewerb bestanden hätten, nebst den Gedichten mit dem Anagramm Stren Targetos. Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[3] «Den Lehrblätz für ‹Marco› hast du ja schliesslich bei uns bestanden», meinte er schmunzelnd.

Die Fackel wird weitergegeben…

In der letzten Nummer des Kreis konnten wir unsere neue Zeitschrift vorstellen und Rolf schrieb einen Kommentar dazu: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[4]

«[…] Der Kreis bringt diesen Beitrag mit Freude in seinem letzten Heft. Die Fackel wird weitergegeben… Für meine Mitarbeiter und mich ist es ein tröstlicher und erfreulicher Gedanke, dass das Werk, das wir in 35 Jahren aufgebaut haben, jetzt in veränderter Form einer neuen Zeitschrift weitergeführt wird. Neben dieser neuen Zeitschrift […] übergeben wir der neuen Organisation die Haftung und die Verantwortung für den Conti Club. […] Wir geben Pflichten und Rechte des ‹Baufonds› auf Grund seiner seinerzeitigen Satzungen in die Hände unserer Nachfolger. […] Wir vererben […] der jungen Mannschaft die nicht aufhörende Aufgabe, nicht nur um unsere äusseren, sondern auch um unsere inneren Rechte innerhalb der menschlichen Gesamtgesellschaft zu kämpfen. Unsere Nachfolger sind sich mit uns einig, dass es kein leichter Kampf ist und sein wird. […] Niemand wird sich über den Erfolg der neuen Mannschaft mehr freuen, als die alte Mannschaft. […] Mit einem herzlichen ‹Glückauf› für die ‹Neuen› […] kommen unsere Wünsche zu ihnen.»

Als von den «Neuen» verfasste lose drei Blätter lagen demselben letzten Heft weitere Orientierungen über die «Kommission» und deren Absichten bei. Dazu gehörte nebst der Vorstellung des neuen Heftes auch die Bitte zur Einlösung des neuen Abonnements mit den entsprechenden Informationen, ein Fragebogen über inhaltliche Wünsche an die Zeitschrift und eine Erklärung in französisch und in englisch.

Öffnet internen Link im aktuellen FensterErnst Ostertag, März 2009