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Die Schweizerische Organisation der Homophilen (SOH) entsteht

Der gesellschaftliche Aufbruch

Aus dem Club 68 entsteht die SOH

Umschlagblatt «hey» Nr. 8, 1972 von Erwin Scheiwiller alias Eric Capu
Umschlagblatt von Erwin Scheiwiller alias Eric Capu. Veröffentlicht im «hey», Nr. 8/1972

An seiner ordentlichen Mitgliederversammlung vom 3. April 1971 in Olten änderte der Verein Club 68 seinen Namen in SOH, Schweizerische Organisation der Homophilen / OSH, Organisation Suisse des Homophiles. Die Statuten des Club 68 vom 10.12.1967 und 1.1.1970 wurden beibehalten. Das Gründungsdatum des Club 68 blieb demnach auch jenes der SOH, welche somit in legitimer Nachfolge des KREIS stand. Zugleich wurden die Delegationen aller Clubs Aktivmitglieder der SOH. Sie vertraten die Vereinigungen Isola Club Basel und Ursus Club Bern und die Öffnet internen Link im aktuellen FensterClubs L'Olivier und La Calèche in und bei Genf. Damit war wieder eine die ganze Schweiz repräsentierende Vereinigung geschaffen, wenn auch – vorläufig – in wesentlich kleinerer Form als der KREIS, aber als nationaler Verband statt internationaler Abonnenten-Vereinigung.

Die Begriffe Homophilie, Heterosexualität und Homophobie

Im Kreis hatte Rolf den Begriff Homophilie in den 50er-Jahren zu verwenden begonnen. In den 60er-Jahren wurde er von Heterosexuellen übernommen, die damit eine verständnisvolle Haltung zum Ausdruck bringen wollten. «Homophilie» (Freundschaft zum Gleichen) wurde als rein griechischer Begriff dem griechisch-lateinischen Zwitter «Homosexualität» (Gleichgeschlechtlichkeit) vorgezogen. Hauptgrund dabei war, dass «homophil» den Menschen als Ganzes umschreibt, während «homosexuell» ihn auf die blosse andersgeartete Sexualität reduziert. Das lehnte man zu Recht als Diskriminierung ab.

Der Begriff setzte sich aber nicht durch und wird heute kaum mehr verwendet. Dafür haben die Homosexuellen ihrerseits zurückgeschlagen und mit konsequentem Gebrauch von «heterosexuell» begonnen, wenn sie die anderen meinten. Heute gilt dieser Begriff als eingeführt, auch bei der «heterosexuellen Mehrheit». (Karl Maria Kertbeny hat 1869 beide Ausdrücke erfunden.)

Ebenfalls als Revanche kann der Begriff Homophobie verstanden werden. Er ist das Gegenteil von Homophilie und gleichfalls eine rein griechische Zusammensetzung: Phobos = Angst*. Dass Angst und Schrecken im Menschen Hass- und Feindschaftsgefühle erzeugen oder steigern, ist eine leicht überprüfbare Reaktion. Beide, vor allem die Angst, gründen auf Unwissen, Nichtkennen der Umstände oder nicht wissen Wollen und auf daraus entstandene oder entstehende Vorurteile. Homophobie gilt heute als Feindschaft gegenüber Homosexuellen und ist von diesen ursprünglich dazu benützt worden, diskriminierende Gedanken, Worte, Taten als «homophobe Verhaltensweisen» zu benennen. Dies wiederum machte die gesetzliche Ächtung solch klar bezeichneter Verhaltensweisen einforderbar. Beispiele: Minderheitenschutz, Antirassismus-Gesetze mit Geltung auch für Homosexuelle.

* Der eine Sohn von Aphrodite (lt. Venus) und Ares (lt. Mars) hiess Phobos, der andere Deimos (= Schrecken) und beide begleiteten ihren Vater, wenn er als Kriegsgott in die Schlacht zog.

In den 60er-Jahren gab es Leserbriefe, die den Disput um «Homosexualität und Homophilie» mit weiteren Argumenten bereicherten. Beispielsweise in der TAT 1966, wo ein Oreste Zanolari schrieb: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[1]

«Es ist leider Tatsache, dass Dr. Bovet zusammen mit homosexuellen Interesse-Kreisen in sachlicher Verkennung und Verfälschung des Problems Homophilie und Homosexualität gleichsetzt und einer fatalen Tendenz Raum gibt. […] In Tat und Wahrheit sind die Begriffe Homophilie und Homosexualität nicht gleichbedeutend. Homosexualität bedeutet eine sexuelle Perversion. […] Das griechische Wort Philia […] heisst aber: Freundschaft, Liebe, Zuneigung, und hat mit perversen Praktiken nichts zu tun.»

Angesprochen wurde die in Zusammenarbeit mit dem KREIS 1965 veröffentliche Aufklärungsschrift von Dr. Öffnet internen Link im aktuellen FensterTheodoer Bovet «Probleme der Homophilie in medizinischer, theologischer und juristischer Sicht»

Darauf entgegnete Johannes Werres: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[2]

«Der Begriff Homosexualität ist inzwischen international eingebürgert und als solcher wissenschaftlich allgemein verständlich. Es tat weiss Gott nicht Not, einen neuen Begriff Homophilie zu prägen. Leider wurde damit von Personen, die es gut meinten, heillose Verwirrung angestiftet. […] Die Möglichkeiten des Menschen, nur homosexuell zu fühlen und sich nicht auch homosexuell zu betätigen muss nach den Erkenntnissen der Konstitutionsbiologie und Verhaltensforschung als Ausnahme- und zum Teil sogar als Mangelerscheinung eingestuft werden. Sie kann und darf nicht als Vorbild hingestellt werden.»

Damit hatte Werres schon früh die Tendenz jener religiösen Kreise als wissenschaftlich unhaltbar entlarvt, die homosexuelle Menschen achten wollen, wenn sie die Sünde der Betätigung ihrer Sexualität nicht begehen. (Der Vatikan und kath. Bischöfe sehen das heute noch so.. Er sah im Begriff Homophilie einen möglichen Ansatz für widernatürliche, den gesunden Homosexuellen verkrüppelnde Lehren und befürchtete ein mögliches Ausspielen von «guten» Homophilen gegenüber «sündigen» Homosexuellen, so wie Zanolari argumentiert hatte.

Die Präsidenten der SOH von 1967 bis 1994

Robert D. Abraham (1930–1989)
Präsident des Club 68 ab 10. Dezember 1967 und der SOH vom 3. April 1971 bis 8. April 1972

Werner Tanner (geb. 1944)
vom 8. April 1972 bis 19. Januar 1974

Guido Heuberger (geb. 1941)
vom 19. Januar 1974 bis 13. Februar 1975

Karl-Robert Schmitz (geb. 1930)
vom 13. Februar 1975 bis 11. März 1978

Marcel Ulmann (geb. 1936)
vom 11. März 1978 bis 23. April 1983

Jürg Wehrli (geb. 1955)
vom 23. April 1983 bis 23. März 1985

Marcel Ulmann (geb. 1936)
erneut Präsident vom 23. März 1985 bis 22. April 1989

Markus Gantner (geb. 1958)
vom 22. April 1989 bis zur Auflösung der SOH am 5. November 1994

Die genauen Daten beziehen sich immer auf die Generalversammlungen, an denen der Wechsel, durch den Vorstand vorgeschlagen, offiziell stattgefunden hat und als Mehrheitsbeschluss in den entsprechenden Protokollen festgehalten wurde.

Die drei Präsidenten mit der längsten Amtszeit (Abraham, Ulmann und Gantner) haben die SOH auch am nachhaltigsten geprägt – zusammen mit ihren engsten Mitarbeitern im jeweiligen Vorstand, von welchen meist einer zum nachfolgenden Präsidenten gewählt wurde.

Als Initiator und langjähriges Vorstandsmitglied nach seiner Präsidialzeit kommt Robert Abraham eine besondere Bedeutung zu. Leider erlitt er erst 59jährig einen tödlichen Sturz vom Reitpferd. Zum eigentlichen Motor der SOH ist Marcel Ulmann geworden, denn seine Erfahrung und sein vielfältiges Wirken bestimmte die entscheidenden 16 Jahre von 1976 bis 1992. Bis 1976 hatte Marcel in Dänemark in der dortigen Schwulenbewegung aktiv mitgearbeitet und brachte nun als SOH Vorstandsmitglied klare Konzepte ein und das Wissen um ihre bestmögliche Verwirklichung. Zwischen seinen Präsidialjahren und danach gehörte er weiter dem Vorstand an.

Tätigkeiten der SOH 1972

Ziele der Schweizerischen Organisation der Homophilen SOH
Ziele der Schweizerischen Organisation der Homophilen (SOH) mit Anmeldetalon

Auf den 8. April wurden die ersten SOH-Statuten geschaffen und in Kraft gesetzt. An Zweck und Ziel der Organisation wurde wenig geändert. Sie führte nun vorläufig den Doppelnamen «Schweizerische Organisation der Homophilen / Club 68 (SOH)» und bezweckte die Wahrung von Interessen und die Förderung der Zusammengehörigkeit ihrer Mitglieder. Das sollte u.a.

«erstrebt werden:

durch Herausgabe einer Zeitschrift

durch Beratung der Mitglieder

durch Führung eines Archivs

durch Aufklärung der Öffentlichkeit, insbesondere durch Kontaktnahme mit wissenschaftlichen Institutionen

durch Eintreten gegen Diskriminierung der Mitglieder

durch Zusammenarbeit mit Organisationen mit ähnlicher Zielsetzung»

Die Unterteilung der Mitglieder in passive und aktive wurde beibehalten, ebenso die besonderen Rechte und Pflichten der letzteren. Zusätzlich war nun die Ernennung von Ehrenmitgliedern möglich.

An derselben Jahresversammlung vom 8. April wurde Werner Tanner, der mit Werner Ammann zeichnete, zum neuen Präsidenten gewählt. Er führte die SOH im selben Kurs weiter wie sein Vorgänger des Club 68, achtete aber wenig auf Finanzen und andere Wertbestände, worauf es zwei Jahre später zu einem vorzeitigen Abgang in nicht sehr erfreulicher Situation kam. Werner Tanner wurde Jahre später eine bekannte Persönlichkeit der Szene, als er zusammen mit seiner Schwester das rustikale «Alt Züri» (Restaurant und Bar) an der Schoffelgasse im Niederdorf führte. Er machte es mit regelmässigen Vorlesungen von Autoren und Schauspielern, wie auch mit Musikabenden, darunter das Gay Singing, zum beliebten Treff für viele. Nach rund 15 Jahren musste er den Betrieb wegen Umbau des Hauses auf Ende Juni 2006 einstellen.

Im Juli 1972 sandte das «Ressort Öffentlichkeitsarbeit» der SOH ein Bulletin an alle Mitglieder. Darin distanzierte man sich von den Tätigkeiten der studentischen homosexuellen Arbeitsgruppen ohne sie mit Namen zu nennen (gemeint war die HAZ):

«Wir sind der Auffassung, dass mit lautstarkem Geschrei, mit Protestveranstaltungen und allenfalls dem Ruf nach gesellschaftlicher Revolution nichts Konstruktives zu erreichen ist. Ganz besonders distanzieren wir uns […] von jeglichem Trend nach einseitigem oder gar tendenziösem politischen Engagement. Wir betrachten es als falsch, sich an eine bestimmte Partei oder Parteiengruppe anzulehnen in der opportunistischen Hoffnung, mit deren Hilfe schneller ans Ziel zu kommen. Vielmehr halten wir dafür, dass es in unserem demokratischen Staat möglich ist, überall und in allen Kreisen positive Kräfte zu mobilisieren und zu aktivieren. Wir glauben nicht an Radikalrezepte. […]»

André Roesch richtete zugleich einen offenen Brief im Namen der SOH an die HAZ, damit trotz der Gegensätze eine Annäherung und Zusammenarbeit entstehe. Doch erst 1985 war es soweit, die Anfangsjahre der Öffnet internen Link im aktuellen FensterHAZ und SOH

Dann wurden angegangene Projekte vorgestellt. Eines davon war die bevorstehende Revision des StGB von 1942, um welches sich eine Expertenkommission kümmere, die einen Entwurf zu Handen des Parlaments ausarbeite.

«Es geht unter anderem um eine neue Regelung der Schutzalterfrage, um die Gleichstellung von Hetero- und Homophilie, um die Ausmerzung von Rechtsbegriffen wie ‹widernatürliche Unzucht›. Die SOH hat eine Kommission gebildet, die eine Eingabe an diese Experten vorbereitet.»

(Die Revision sollte erst 20 Jahre später abgeschlossen und in Kraft gesetzt werden – mit Erfüllung der bereits hier erstmals skizzierten und vorgelegten Forderungen.)

Ein anderes Projekt betraf die Einbürgerung Homophiler und die Fühlungnahme der SOH mit dem Departement von Kurt Furgler (Justizminister), um den Ablehnungshinweis «abnormale sexuelle Ausrichtung» auszumerzen.

«Sobald diese Frage auf Bundesebene geklärt ist, werden wir uns mit den kantonalen Behörden auseinandersetzen. Dort machen wir uns allerdings auf einen zähen Kampf gefasst.»

Inserate der drei Schwulenclubs
Hintere Umschlagseite hey Nr. 8/1972, Inserate der drei Schwulenclubs: Conti-Club, Zürich; Isola-Club, Basel und Ursus-Club, Bern

Über das Wochenende vom 29./30. Juli besuchte der SOH Vorstand den jungen Club «IN», Lugano-Pregassona und wurde dort äusserst gastfreundlich empfangen. Bei diesem Treffen kam es zum Beschluss, die Tessinergruppe als Aktivmitglied in die SOH aufzunehmen.

Öffnet internen Link im aktuellen FensterDer Club IN in Lugano

Am 17. und 18. September weilte wieder einmal eine Delegation von ONE aus Kalifornien in Zürich und war Gast der SOH. Dazu gehörte Pfarrer Troy Perry, Gründer der Metropolitan Community Church für Homophile, die in den USA bereits an 30 Orten vertreten sei. Für den ersten Tag war eine Schifffahrt bis Hurden am Oberen Zürichsee geplant. Dort und auf der Reise ging Pfr. Perry auf Fragen und Probleme von Frauen und Männern ein, die «in religiösen Konfliktsituationen stehen oder ein besonderes Interesse an Fragen der Religion im Zusammenhang mit der Homosexualität bekunden». Am nächsten Tag organisierte die SOH einen Filmabend mit einem anderen Mitglied der Delegation, dem Filmemacher Pat Rocco, der für seine Kurzfilme wie auch abendfüllenden Kinoproduktionen mit ausschliesslich homophilem Charakter berühmt geworden sei. «Beide Anlässe sind ausschliesslich für Mitglieder der SOH reserviert», hiess es auf dem Rundschreiben von Mitte August.

Zu den Tätigkeiten der SOH / Club 68 im Öffnet internen Link im aktuellen FensterJahr 1971

Öffnet internen Link im aktuellen FensterErnst Ostertag, Juni 2006