HAB, Homosexuelle Arbeitsgruppen Bern
Der gesellschaftliche Aufbruch
ab 1972
Für Bern als Bundesstadt waren Schwule eine Bevölkerungsgruppe, die stets besonders im Auge behalten werden musste. Die Tatsache, dass schwule Zirkel entstehen und auch Bundesbeamte aller Stufen sich homosexuell betätigen könnten, war stets gegeben und wurde als Gefahr wahrgenommen, gefühlsmässig als etwas, wofür man sich schämt, juristisch als Anfälligkeit für Erpressung und Spionage, im konkreten Skandalfall als die Allgemeinheit schädigendes Geschehen. Homosexualität durfte es möglichst nicht geben. Eine Tatsache, die für zumindest so lange galt, als eine Mehrheit des Volkes solche Menschen nicht akzeptierte und ihnen gesetzliche Gleichberechtigung verweigerte. Denn so lange blieben solche Menschen, gemessen an den übrigen, in höherem Masse Risikofälle.
Lange Zeit bewegten sich Berns gewöhnliche Schwule im Untergrund, wo sie polizeilich diskret aber effizient überwacht wurden. Und ebenso diskret aber hart schlugen die Ordnungshüter zu, wenn eine Szene sich über ein knapp bemessenes Mass zu entwickeln begann. Lange Zeit lebten Berns schwule Patrizier in ihren privaten Zirkeln fast so, als gäbe es das Ancien Régime noch mit seiner Freiheit höherer Stände gegenüber jenen, die sie sich als Domestiken nahmen. Dann entstanden Gruppen, die sich ab 1973 öffentlich sichtbar machten und für ihre Rechte einzutreten begannen. Aber noch fast zwanzig Jahre lang observierte sie die Polizei weiter und führte das detaillierteste Homoregister der Schweiz sogar über zehn Jahre länger als dies in anderen grossen Städten des Landes der Fall war.
Versteckt im Untergrund der Bundesstadt
Unter dem Titel «Es drängt sich eine Versetzung an einen sehr abgelegenen Ort auf…» schrieb Anton-Andreas Speck einen Aufsatz zu einer Administrativuntersuchung von 1945, die im EPD stattfand, dem Eidgenössischen Politischen Departement.
[1]
Den Anlass zur EPD-Untersuchung schildert Speck folgendermassen:
[2]
«Im Herbst 1945 führte die Berner Polizei eine Untersuchung gegen den Inhaber des ‹Massage- und Badeinstitutes Schütz› an der Neuengasse in Bern durch, welches ‹ein Absteigequartier von Homosexuellen gewesen zu sein scheint (und wo) gelegentlich auch Strichjungen verkuppelt wurden›. In diese Untersuchung gerieten auch zwei Beamte des EPD, welche das ‹Institut› regelmässig frequentierten. Diese Tatsache wiederum veranlasste Ende Oktober 1945 das EPD, eine interne Untersuchung über Homosexuelle im diplomatischen Dienst durchzuführen, um in Zukunft Skandale zu verhindern, die dem guten Ruf der Bundesverwaltung schaden könnten. Im Rahmen dieser […] Untersuchung wurden über 40 der Homosexualität verdächtigte Beamte vernommen […]. Die Untersuchung zeigte, dass gemäss dem neuen schweizerischen Strafgesetz (StGB), das seit dem 1. Januar 1942 in Kraft war, sich nur zwei der Beamten strafbar gemacht hatten. Unter Berufung auf das 'Beamtengesetz' wurden aber auch die anderen Beamten wegen ihrer Homosexualität zumindest ermahnt, versetzt oder gar im Amt zurückversetzt. […]»
Der damalige Chef des EPD war Bundesrat Max Petitpierre (NE, FDP). Speck fasst seine Berichterstattung wie folgt zusammen:
[3]
«[…] Während die strafrechtlich belangten Beamten aufgrund von Art. 2 und 55 des Bundesgesetzes über das Dienstverhältnis der Bundesbeamten vom 30. Juni 1927 wegen des verlorenen unbescholtenen Leumunds aus dem Beamtenverhältnis fristlos entlassen werden konnten, gestaltete sich die Disziplinierung der nach Strafrecht unbescholtenen homosexuellen Bundesbeamten schwieriger. Erst die bundesrichterliche Auslegung von Art. 24 Abs. 1 des Beamtengesetzes, wonach jede nicht diskret gelebte – sprich irgendwie öffentlich bekannte oder gar spekulierte – homosexuelle Betätigung eine Dienstpflichtverletzung darstelle, bot der Verwaltung die Möglichkeit, das aus ihrer Sicht negative Verhalten von Beamten zu ‹korrigieren›. […]»
So konnten die eingangs erwähnten Sanktionen von Ermahnung, Zurückstufung, Versetzung «an einen sehr abgelegenen Ort» und Androhung der Entlassung diesen Beamten gegenüber vorgenommen werden. Speck schliesst den Abschnitt mit der Feststellung:
«Selbst nicht eindeutig der Homosexualität ‹überführte› Beamte wurden ermahnt. […] Abweichendes Verhalten konnte der Staat mittels Beamtengesetz als ‹Disziplinartechnologie› korrigieren.»
[4]
Der Historiker, Mittelschullehrer und Dozent an Fachhochschulen, Erasmus Walser, liess in der Berner Tagwacht vom 24. Januar 1994 einen Auszug aus seinem Referat vor der lesbisch-schwulen Uni-Gruppe Bern erscheinen:
«Zwischen Heimlichkeit und Öffentlichkeit, 1940 bis 1970: Dreissig Jahre Lebenserfahrungen schwuler Männer in Bern».
Darin wollte er mittels ausführlicher Interviews mit älteren Männern aufzeigen, in welchen Formen von Subkultur und welchen Spannungsfeldern Homosexuelle in diesen frühen Jahrzehnten vor der Schwulenemanzipation gelebt hatten oder leben mussten. Über die Zeit nach der Einführung des neuen StGB stellte er zunächst fest:
«Es bestanden also nach wie vor und in beträchtlichem Umfange obrigkeitlich-behördliche Ordnungseingriffe in Bereiche, die bei Heterosexuellen als Privatsphäre gelten.»
Dann zitierte Walser einen seiner Interviewpartner:
« ‹Auch gebildete Leute meinten, ein homosexueller Mann gehöre hinter Gitter.› Vor diesem Hintergrund wird verständlich, dass junge schwule Männer während des Zweiten Weltkrieges die abendlich verhängte Verdunkelung in den grösseren Städten nutzten, um schwule Kontakte zu knüpfen. Denn üblicherweise erfuhren sie die Öffentlichkeit als unbrauchbar für diesen Zweck.»
Auch wir erinnern uns an viele Aussagen von Abonnenten im KREIS, dass die Jahre der Verdunkelung eine «paradiesische Zeit» des Nachtschwärmens und der problemlosen Kontaktsuche waren, wovon nicht nur Städter, sondern auch Leute vom Land regelmässig profitierten, indem sie – vor allem in schneefreien, also dunklen, langen Winternächten – herbeifuhren, um mit dem ersten Frühzug wieder zurückzukehren:
«Viel Bett und wenig Schlaf gab es da bei Kameraden, die sturmfreie Zimmer in der Stadt bewohnten.»
Walser fuhr fort: «In den siebziger Jahren wurden in Bern zwei Männersaunas für schwule Männer eröffnet», um dann einige Anekdoten aus seinen Befragungen zu zitieren, als Beispiele «für die Tabuisierung der Homosexualität». Hier zwei davon:
«Typisch scheint mir auch die Erzählung eines Familienvaters aus der Innerschweiz. Er war in der schwulen Sauna unverhofft mit seinem CVP-Kollegen aus dem Gemeinderat zusammengetroffen, hatte sich fluchtartig entfernt und gestand meinem Informanten, von Panik erfasst, er könne ja nun nicht mehr heim: Der andere Mann werde doch sicher erzählen, wo man ihn gesehen habe. Dass die gleiche Situation auch für den anderen gegolten hat und sich die beiden auf diskretes Schweigen zu Hause hätten einigen können, fiel ihm nicht ein.»
«Die Ehefrau eines Saunakunden hatte die Werbevisitenkarte der Gay-Sauna im Anzug ihres Mannes gefunden. Aufgeregt fragte sie telefonisch nach, ob es in der Sauna auch Frauen gebe. Auf die verneinende Antwort hin war die Dame hörbar erleichtert, bedankte sich ohne einen Schimmer von Verdacht oder Neugier, welche Art von Sauna ihr Eheliebster da denn zu frequentieren pflegte.»
In der Festschrift zum Zwanzigsten Jubiläum des Ursus Club Bern schrieb ein «Röbi»:
[5]
«Soweit ich mich noch erinnern kann, wurde in der ersten Hälfte der 60er-Jahre für die Schwulen Berns noch gar nichts organisiert. Es gab das ‹Bali›, da konnte man hingehen, ein Bier trinken und zuweilen auch ‹jemanden› kennen lernen. Das Publikum war sehr gemischt, da gab es Stricher, Schwule, Lesben und natürlich auch Heteros, welche wohl aus Neugierde kamen. Dann gab es im Marzillibad an der Aare den sogenannten ‹Zwetschgegrill›, das Männerbad mit seinem Holzrost zum ‹sünnele› . Und nicht zu vergessen die Bundesterrasse, wo man vor allem abends spazieren ging. Das waren eigentlich die einzigen schwulen Treffpunkte. Natürlich musste alles immer im Verborgenen passieren und es war oft auch nicht einfach, Kontakt zu finden. Stundenlang spazierte man herum.»
Bevor es zum Drogenumschlagplatz verelendete, war auch das Schänzli neben der Bundesterrasse ein bekannter Treffpunkt. In seinem Heft «Unentwegt emanzipatorisch, Vereinsgeschichte 20 Jahre HAB, 1992» schrieb Erasmus Walser, der ab 1975 selbst aktives Mitglied der HAB war:
[6]
«Ein weiteres Mitglied der HAB formulierte seine Beobachtungen von ferne: ‹Unwillkürlich erinnert mich die Stricherszene auf dem Schänzli ans Einkaufen im Supermarkt: in Reihen stehen formbetont und plastic-häutig verpackte Waren zur Selbstbedienung feil. Nur im Halbdunkel statt im Neon. Menschen zu Sexzwecken als Marktobjekt, bereit, die Packung aufreissen zu lassen und … Natürlich zum entsprechenden Tarif. […] Für alle, welche […] das Lebensmittel ‹Sex and Love› nicht im Heimwerk zu entwickeln vermocht haben? Für den, der […] als sexwirtschaftlicher Bankrotteur allein geblieben ist? Die Stricher dagegen verschleudern […], ähnlich jungen Drittweltstaaten unter dem Druck der Weltwirtschaft, ihre Naturschätze, bzw. ihr Frischfleisch, solange es noch marktwertig zu spielen vermag. Käufer sind ja vorhanden, deren stille Partner ‹Einsamkeit & Sehnsucht› allemal auf ihre Auszahlung harren…› »
Etwas anders war die Reaktion des Gründers der Schweizerischen Republikanischen Bewegung, Nationalrat James Schwarzenbach (Link Peffermühle). Zu Beginn der 70er-Jahre wurde er von einem HAB-Aktivisten nach seiner Meinung über Schwule gefragt. Erasmus Walser berichtete:
[7]
«In einem Strasseninterview gab ein verdutzter James Schwarzenbach zum besten, auch einem Schwulen müsse man beibringen, er könne, wenn er nur wolle, sexuell auch mit einer Frau glücklich werden.»
Dem gegenüber äusserte sich ein 18-jähriger Lehrling im HAB-Info vom Juni 1975:
«Ist es für uns wirklich nötig, gewisse Gefühle für Liebe, Freundschaft, Verständnis und Toleranz zuerst in uns abzutöten, um überhaupt als lebensfähig zu gelten? Ich glaube nicht, dass jemand ermessen kann, wie satt ich es habe, meiner Umwelt ständig etwas vorzumachen. […] Was haben wir Andersgearteten eigentlich vom Leben zu erwarten? Können Sie mir sagen, wer da verrückt ist, ich oder meine Umwelt? P.S. Sie sind noch meine letzte Hoffnung!»
[8]
Gründung und Anfangszeit der HAB
Die HAB wurden fast fünf Jahre nach dem Ursus Club gegründet, nämlich am 6. Dezember 1972.
[9] Den Anstoss dazu gab wiederum Rosa von Praunheims Film «Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt», der am 22. Juni 1972 im Berner Kellerkino gezeigt werden konnte, einen Tag nach der Vorführung in Basel. Wiederum organisierte die HAZ den Filmverleih und stellte anlässlich der Diskussion nach dem Film ihren Zabriskie Release vor. Auch in Bern wurde heftig diskutiert und eine Schwulenorganisation gefordert. Bis zur Gründung dauerte es allerdings länger. Dafür stieg die HAB in den 80er-Jahren zur zahlenmässig grössten und mit ihrem HAB-Info auch zur bedeutendsten der HA-Gruppen auf.
Für die Gründungsversammlung vom Niklaustag 1972 – sie fand im Berner Kornhauskeller statt – hatte der damalige Jus-Student Urs D. Büttikofer eine Gründungsurkunde und einen Statutenentwurf verfasst.
[10] Beides wurde einstimmig angenommen. Ein «Sepp» war erster Präsident für rund ein Jahr, dann folgte Urs-D. Büttikofer in diesem Amt bis 1975.
[11]
Die «Statuten des Vereins Homosexuelle Arbeitsgruppen Bern (HAB)» umfassten 6 Artikel. Die wichtigsten Punkte waren:
- Art. 2
- Zweck: Förderung der zwischenmenschlichen Beziehungen.
- Art. 3
- Mittel: Angestrebt wird von Arbeitsgruppen:
- 1. Regelmässige Zusammenkünfte
- 2. Öffentlichkeitsarbeit und Beratungsstellen
- 3. Organisation von Veranstaltungen, Zusammenarbeit mit ähnlichen Organisationen
- Art. 4
- Mitgliedschaft: Jedermann kann Mitglied werden. Die Studenten und Altakademiker der HAB sind auch Mitglieder der Arbeitsgruppe Universität Bern
- Art. 5
- Organisation: Es gibt eine Vollversammlung, die drei Mitglieder in den Vorstand wählt.
Erasmus Walser, bestätigt von Urs-D. Büttikofer, berichtete als Augenzeuge in:
[12]
«Von Anbeginn war die Organisationsform verschiedener Aktivitätsgruppen als Vereinskern gedacht. Von Anbeginn gab es auch Richtungs- und Flügelkämpfe […] Die ‹Info-Gruppe›, die sich nach dem Rück- und Austritt des ersten Präsidenten Sepp unter der Führung von Hansruedi Huwiler und bald auch Pius Köppel konstituierte»
war offensichtlich die treibende politische Spitze.
[13]
« ‹Daneben gab es den Bereich Club- und Lokalsuche›. Sie wandelte sich nach der Eröffnung des Lokals Zabi – wie in Basel übernahm man auch in Bern diesen Namen des Zürcher HAZ-Lokals – zur ‹Gruppe Clubbetrieb und Bereich ‹Release›, der im Lauf der Jahre zahllose Selbsterfahrungsgruppen› hervorbrachte. […] Hansruedi Huwiler erwies sich als wortgewandter und wortgewaltiger Vorkämpfer der lebendigen Utopie für eine Gesellschaft ohne Unterdrückung und verfügte über ein bestimmtes schwulenemanzipatorisches Charisma. Erfolgreicher noch war für öffentliche Auftritte und die interne Bindung […] der Gruppen der Psychologe Pius Köppel.
[…] Die Boys der Zabi-Gruppe ‹festeten› rauschend und provokativ im Fummel gemeinsam mit nächtlichen Scherzgelagen, sei es nun in Basel, Adelboden, Interlaken, Thun, meist auch noch mit ‹Mutproben› wie etwa öffentlichem ‹Flitzen› im sommerlichen Schwarzsee.
Zur HAB zählten […] neben den 40% Studenten oder Akademikern […] zwischen 19 und 26 Jahren auch Mittelschüler, Lehrlinge und junge Berufsleute aus Bau, Gewerbe und Dienstleistung oder Verwaltung […].»
Eine Grundsatzerklärung der HAB in 13 Punkten publizierte dasselbe HAZinfo vom Juni 1974.
[14] Die Erklärung war das Ergebnis monatelanger Diskussionen in allen Arbeitsgruppen. Walser berichtete dazu:
[15]
«In der Mitteilung über die Vollversammlung vom 10. Oktober 1973 wurde […] von der Gefahr der inneren Erschlaffung […] gewarnt: Passivität und Resignation sind kennzeichnende Merkmale des Verhaltens Homosexueller beiderlei Geschlechts. Das führt meistens zu einer weitgehend konsumorientierten Haltung. […] Bewusst oder unbewusst empfindet man den anderen nur als Rivalen im Kampf um einen Partner, oder man hat es längst aufgegeben, überhaupt noch an die Möglichkeit einer dauerhaften Partnerschaft zu glauben. […] Als Ziel nannte Hansruedi Huwiler: ‹Wichtigstes Anliegen der HAB ist, ihren Mitgliedern Selbstbewusstsein zu vermitteln.› […]
Seit Jahresmitte 1974 entstanden in den HAB richtige Selbsterfahrungsgruppen, in der Folge viele Monate lang regelmässig tagend […]. Das Hauptziel bestand in der Einübung von Angstbefreiung. Am 8. Mai 1974 hielt die Vollversammlung zu Zweck und Ziel von Gesprächs- und Selbsterfahrungsgruppen fest: […] Förderung der Gruppenmitglieder durch interne Schulung; Hinaustragen der Arbeit nach aussen, […].»
Das HAZinfo vom Juni 1974 erwähnte, dass ein erstes HAB-Info im Mai 1974 erschien, vermutlich nach dieser Vollversammlung.
[16]
Im Entwurf der Grundsatzerklärung von 1973 stand noch, was dann für die Endfassung gestrichen wurde:
«Damit jeder Mensch seine individuelle Persönlichkeit voll entfalten kann, muss er sich vorher seiner selbst bewusst werden. Dazu ist Freiheit von gesellschaftlichem Druck und innerer Angst erforderlich. Nur unter diesen Bedingungen kann der Mensch seine Egoismen abbauen. […] Erst dann ist er fähig, seine schöpferische Kraft selbstbewusst und gesellschaftsbezogen zugleich zu entfalten. […]»
[17]
Die Grundsatzerklärung von 1974, Auszug:
[18]
Homosexualität ist von der Gesellschaft nicht als vollwertige zwischenmenschliche Beziehung anerkannt.
Homosexualität wird erst durch die gesellschaftlichen Bedingungen zu einem Problem.
Die Unterdrückung der Homosexualität kann nicht isoliert, sondern muss im Zusammenhang mit der allgemeinen Unterdrückung der Sexualität betrachtet werden.
Die Sexualunterdrückung ihrerseits hat gesellschaftliche Ursachen und Funktionen.
Es ist Aufgabe der HAB, diese Unterdrückung und deren Folgen im gesellschaftlichen, subkulturellen und individuellen Bereich aufzuzeigen und ihre Zusammenhänge bewusst zu machen.
Durch das Besprechen gemeinsamer Probleme und Erfahrungen und deren Hintergründe soll das Selbstbewusstsein der Homosexuellen gestärkt werden.
Langfristiges Ziel der HAB ist eine echte sexuelle Befreiung aller, die Aufhebung der Isolation des Homosexuellen und der homosexuellen Subkultur und deren Integration in eine Gesellschaft, in der es keine Unterdrückung mehr gibt.
Die Hörsaal-Verweigerung 1974/75
Die Uni-Gruppe der HAB beschloss im Dezember 1974, den Praunheim-Film an der Universität Bern zu zeigen, um damit eine breitere und nicht nur studentische Öffentlichkeit zu erreichen und die Diskussion über Homosexuelle und ihre Lage an zwei Abenden über die Kreise der Betroffenen hinausführen zu können. So stellte Pius Köppel im Namen der Uni-Gruppe am 16. Dezember 1974 ein Gesuch um Benützung eines Hörsaals in der zweiten Hälfte des Wintersemesters für zwei öffentliche Informationsveranstaltungen zum Thema «Homosexualität – Sexualität – Gesellschaft». Das Gesuch ging ordnungsgemäss an den Rektor, Dr. med. Silvio Weidmann, Prof. der Medizin, und die Antwort kam schon am nächsten Tag:
«Ich bewillige Ihnen einen Hörsaal, muss diesen Entscheid aber an gewisse Auflagen knüpfen:
- Der Ausdruck ‹gemischter Anlass› muss sich so verstehen, dass zwar neben den Angehörigen der Arbeitsgruppe Universität auch Angehörige anderer homosexueller Gruppen teilnehmen dürfen, nicht aber eine weitere Öffentlichkeit.
- Es dürfen keine Reklamen in irgendwelcher Art auf diese Anlässe hinweisen.
- Die Presse ist nicht auf die Anlässe aufmerksam zu machen und aus dem Kreis der Zuhörer sind keine Pressemeldungen zu erlassen.»
Die Begründung war, dass er alles daran setze, nicht «aus der Öffentlichkeit missbilligende Äusserungen vernehmen zu müssen».
Für die Uni-Gruppe antwortete nun liz. jur. Urs-D. Büttikofer am 20. Dezember und forderte eine nochmalige Überprüfung des Entscheides mit dem Hinweis auf die unproblematisch verlaufene erfolgreiche Vortragsreihe an der Uni Zürich im Winter 1972/73 und der Feststellung, «dass Sie uns als Sonderfall behandeln», was weder dem Reglement über die Benützung von Hörsälen entspreche noch dem Vergleich mit anderen studentischen Gruppen bei ihren Veranstaltungen standhalte. Der Rektor lehnte in seinem Brief vom 21. Dezember ab. Begründung u.a.:
«Als Mediziner bin ich mir dessen voll bewusst, dass Ihre Gruppen den vollen Anspruch auf Legitimität haben. Ebenfalls als Mediziner halte ich es indessen für nicht angezeigt, dass die Werbung für Ihre Gruppen durch Grossanlässe (Raum 31 ist immerhin das Auditorium Maximum) und unter Verwendung von Publikumsreklame geschieht. Wer immer sich in Ihre Richtung gezogen fühlt, wird den Anschluss früher oder später durch direkte menschliche Kontakte finden.»
Im HAB-Info 1/1975 berichtete die Uni-Gruppe über diesen Fehlschlag. Und Anfang Februar veröffentlichte die HAB ein dreiseitiges Info-Blatt mit dem Titel:
«Schwule erhalten keinen Hörsaal für öffentliche Informationsveranstaltung! Studenten, Ihr sollt nichts über HOMOSEXUALITÄT erfahren!»
Darin orientierte die Infogruppe u.a. über weitere Ereignisse:
«Am 16. Januar 1975 hat der Studentenrat in seiner Sitzung einstimmig (!) eine Resolution zugunsten der HAB angenommen. Sie lautet folgendermassen: […] Der Studentenrat und der Vorstand der Studentenschaft der Universität Bern nehmen mit äusserstem Befremden Kenntnis davon, wie der Rektor […] sein Bewilligungsrecht für die Benützung von Hörsälen gehandhabt hat. Die Uni-Gruppe der HAB ist eine bei der Studentenschaft eingetragene Vereinigung […], die sich zum Ziel gesetzt hat, über Homosexualität zu informieren und der Diskriminierung homosexueller Männer und Frauen entgegen zu treten. […] Der Studentenrat betrachtet diese Handhabung des Bewilligungsrechtes durch das Rektorat als weiteren Versuch der Bevormundung der Studenten, zudem als Diskriminierung der Homosexuellen beim Versuch, ihr Ghetto zu verlassen. Der Studentenrat solidarisiert sich im Sinne aufklärerischer und emanzipatorischer Ziele mit der HAB, begrüsst den Mut dieser Randgruppe unserer Gesellschaft und verurteilt die kleinbürgerlichen Vorurteile gegenüber studentischer Sexualität überhaupt.»
Der Unipressedienst erwähnte die Sitzung des Studentenrates und dessen Resolution mit keinem Wort, was zu neuen Protesten führte. Inzwischen hatte sich auch die Presse eingeschaltet. Heinz Däpp schrieb in der National Zeitung bereits am 17. Januar unter dem Titel «Seltsame Auffassungen des Berner Universitätsrektors. Muss Homosexualität tabu sein?»:
[19]
«Homosexuelle sollen im Ghetto bleiben. Über Homosexualität darf in der Öffentlichkeit nicht diskutiert werden. Die Vorurteile gegenüber den Homosexuellen müssen gewahrt bleiben. […] Die homosexuelle Arbeitsgruppe hätte an der ersten Veranstaltung den Film […] von Rosa von Praunheim zeigen wollen. Aber eben: nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt.»
Und am 23. Januar nahm auch der Zürcher Tages-Anzeiger Stellung:
«Über Homosexualität darf in Bern weiterhin nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen werden. […] Diese Einschränkungen machten es den HAB praktisch unmöglich, das Ziel ihrer Veranstaltungen zu erreichen: ‹Informationsabende über ein Thema, das direkt oder indirekt jedermann betrifft›, ähnlich wie es die ‹Homosexuellen Arbeitsgruppen Zürich› vor zwei Jahren mit einer Vortragsreihe über ‹Sexualität und Gesellschaft› an der Uni Zürich getan hatten. Deshalb baten die HAB den Rektor um eine Wiedererwägung ihres Gesuches. […] Doch Weidmann beharrte auf seiner Meinung. […]»
Ein Bericht im HAZinfo vom Februar 1975 wies am Schluss des Rapports «Bevormundung durch den Rektor» auf ein glückliches Ende der Affäre:
[20]
«Die Veranstaltung findet dennoch statt – wenn auch ausserhalb der Uni und auf einen einzigen Abend beschränkt. Die Homosexuellen Arbeitsgruppen Bern zeigen am Donnerstag, den 13. Februar 1975, um 20.30 im ‹Zähringer› den Film […] von Praunheim – und diskutieren anschliessend mit den Zuschauern.»
Man blieb nicht mehr stumm, wenn es um Diskriminierung ging, man wehrte sich in aller Öffentlichkeit, suchte Verbündete und reagierte kreativ auf Verbote. Zu dieser und weiteren Filmvorführungen und anderen Veranstaltungen der HAB schrieb Erasmus Walser:
[21]
«Anderseits stellten im Februar 1975 Hugo Ramseyer mit dem ‹Zähringer›-Refugium und 1977 die damalige Besitzerin des inzwischen verschwundenen Kino Eiger vollwertigen Ersatz für die Filmvorführungen der HAB.»
Beim Berner Schuldirektor Hans Hubacher (SVP) hatten die HAB eine Abfuhr erlitten, als sie 1977 ein Gesuch zur Schulraumbenützung für einen geplanten Filmzyklus stellten. Dafür fanden sie bei der Besitzerin des Kino Eiger offene Türen.
«Im ‹Zähringer› 1975 gewann man 150 Zuschauer für Praunheims Film und der Filmzyklus 1977 lief während der vorgesehenen Zeit ungestört. Mehrmals abgehaltene, völlig unumstrittene schwule Filmwochen im Kellerkino Bern seit 1980 zeigen, wie offen die Kulturszene seither geworden ist. In dieser Zeit lernten mindestens zwei Generationen HAB Aktivisten den Aufbau kommunikativer Medienarbeit und sie lernten gemäss den Richtlinien des niederländischen Emanzipationsverbandes der Schwulen, COC, wie man wichtige öffentliche Meinungsmacher und Medien für eine bislang öffentlich tabuisierte Thematik gewinnt.»
Von weiteren Aktionen und vom HAB-Info
Das Verhältnis zum Ursus Club blieb über lange Jahre ein zwiespältiges. Die «Kommerzschwestern» lehnte man ab und die anderen wollten von den Linken nichts wissen. Aber: die Erfolge der HAB in der Öffentlichkeit konnten nicht geleugnet werden und der Ursus war und blieb gemütlicher Treffpunkt mit gutem Programm. Treffend formuliert in der WoZ vom 1. Oktober 1993 «Den lieben Politschwestern zum Geburtstag, 25 Jahre Schwulenbewegung Bern»:
«In den Ursus Club gingen die HAB Männer aus ideologischen Gründen nicht, allenfalls heimlich und mit noch mehr Kontrollblicken als die andern, um beim Hineinschleichen nicht von einem Bekannten der eigenen Couleur erwischt zu werden. In HAB Kreisen war der Club gleichbedeutend mit Kommerz (obwohl er nie kommerzielle Ziele hatte und auch heute nicht hat) und Synonym für ‹Aufriss›, und das hatte man als Politschwuler nicht nötig.»
Zum HAB-Info schrieb Walser:
[22]
«Seit 1974 bis Mitte der 1980er Jahre produzierten die HAB in ihren ‹Infos› regelmässige Schwerpunktnummern zu schwulen Themen, teilweise von Mario M. fein illustriert, z.B. ‹Geschichte der Sexualunterdrückung› 1975, […].
Liest man das in den Jahren 1981 bis 1984 gemäss kontinuierlichem Redaktionskonzept viermal pro Jahr erscheinende HAB-Info, drängt sich der Eindruck auf, man habe nicht bloss nach aussen agieren wollen […]. Das HAB-Info wurde zum Podium und Spiegel der Selbsterfahrung und Selbstdarstellung in allen Facetten der schwulen Existenz: das Verhältnis zu den Frauen, die Einsamkeit, Probleme der schwulen Identität, die verschiedenen Aspekte der schwulen Körperlichkeit, das Altern […], der Strich, Wohnen, Militär, Gewalt gegen Schwule, […]. Zugleich schrieben mehr Autoren, auch neu eingetretene, auch junge Mitglieder des ‹Kindergartens›, wie die […] 16 bis 20-jährigen Lehrlinge und Mittelschüler der neugegründeten ‹Jugendgruppe› von den Twens und Dreissigern qualifiziert wurde.»
Zum frühen Einbezug der Jungen äusserte sich Walser:
[23]
«Hier muss die Bedeutung der ganz jungen Schwulen, welche nach 1982 in die HAB eintraten, gewürdigt werden: Nach und nach eine ganze Gruppe etwa 16 bis 18-jähriger Lehrlinge, KV-Stifte und Mittelschüler demonstrierte […], dass die öffentliche Angst vor dem homosexuellen Verderben männlicher Jugendlicher durch schwule Erwachsene weitgehend eine ‹pädagogischen Zwecken dienliche› Erfindung betraf. Selbstbewusste sehr junge Schwule plädierten für völlige Selbstbestimmung der sexuellen Ausrichtung von Jungs auch während und nach der Pubertät. Diese Jugendlichen waren nicht bereit, ihr Schwulsein irgendwie zu verstecken.»
«Nach 1980 war eine eigene HAB Jugendgruppe für Jugendliche unter und um 20 Jahre und 1982 die ‹HAB Schüler- und Lehrlingsgruppe› gegründet worden, 1983 umgetauft in ‹Pink Babies› und 1986 noch einmal umbenannt in ‹Spöiz›.»
[24]
Dieses Zusammengehen von Jugendlichen mit den älteren HAB-Mitgliedern konnte auch zu gefährlichen Situationen führen. Der Bericht eines Vorstandsmitglieds aus dem Jahr 1983:
[25]
«Ein Vater konnte es nicht verkraften, dass sein Sohn sich seiner Gewaltherrschaft entzog, um sein eigenes Leben zu leben. Er drohte, den Freundeskreis seines Sohnes ‹fertig› zu machen und hat Anzeige erstattet. Nun ermittelt der Staatsanwalt gegen mich wegen ‹Verdacht der widernatürlichen Unzucht› (Art. 194 StGB). Da ich mit dem Jungen keine sexuellen Beziehungen pflege, ist mir ein Freispruch sicher; doch belasten mich die Umtriebe sehr. Schon die Tatsache, der Liebe angeklagt zu sein, kann ich nicht wirklich begreifen.»
Und Walser fügte an:
[26] Die
«Strafklage wegen angeblicher Verführung seines 18-jährigen Sohnes […] entschieden die bernischen Anklagebehörden zum Vorteil des Jungen mit der Niederschlagung des Verfahrens, da keinerlei illegaler Sex unter bereits selbstbewussten jungen Schwulen nachweisbar und somit nichts strafbar» sei.
Dass auch linke Kreise repressiv gegen Schwule sein konnten, erfuhr die HAB in den späteren 70er-Jahren:
[27]
«Im September 1976 hatte die SP Muri-Gümligen die Idee, die HAB zu einem ‹Septämberplousch› einzuladen. Leider krebste der Wahlausschuss aus Angst vor Wählerverlusten in den bevorstehenden Wahlen zurück und liess die Schwulenvertreter wieder ausladen. Eine Reihe von HAB Aktivisten ging dennoch nach Muri und demonstrierte im Festsaal […]. Die HAB protestierten mit einem Flugblatt ‹Der Rausschmiss, reaktionäre Politik?› im Hinblick auf einen empfindlichen Punkt der staatstreuen Bernischen Sozialdemokratie: ‹Wenn nichts über Schwierigkeiten und Entlassungen homosexueller lohnabhängiger Frauen und Männer bekannt wird, liegt das am homosexuellenfeindlichen Terror, schon in der Erziehung, und im Unterbinden jeglicher Information. Wen wundert also das erzwungene und demütigende Versteckspiel fast aller Homosexuellen am Arbeitsplatz, am Ausbildungsort, in der Öffentlichkeit, in der Armee, innerhalb der Partei? Müssen homosexuelle Frauen und Männer befürchten, von SP-Parteimitgliedern und Gewerkschaftlern im Stich gelassen zu werden?› Die Berner Tagwacht vom 30.9.1976 verschwieg den Protestauftritt der HAB geflissentlich.
Ähnlich schlecht weg kam im Februar 1977 die gewerkschaftsnahe ‹Volkshaus AG›, als deren Verantwortliche den HAB, welche die Miete eines Saales für einen Filmzyklus (Der dann im Kino Eiger stattfand, siehe oben) begehrten, grobschlächtig eine Abfuhr erteilten. Der Vizedirektor dieser AG […]: ‹Im Übrigen werde man lieber von einigen Schwulen angegriffen als von der Mehrheit. Der Rest der Gesellschaft sei stärker, die Schwulen schwächer und darauf nehme man Rücksicht.› Es entspann sich darauf zwischen einer spontanen Sammlungsbewegung linker Gruppen und dem Gewerkschaftskartell eine Kontroverse […]. Alt Gewerkschaftskartell-Präsident Ernst Strahm, lang bewährt im erfolgreichen Denunzieren von Linksabweichlern, wetterte wo er nur konnte über die Homos.»
Gegen alteingesessene Vorurteile in Köpfen von alteingesessenen Linksetablierten gab es nur eines: Als progressive Kandidaten bei Wahlen einzusteigen:
[28]
«Offene Kandidaturen von HAB-Mitgliedern für die bernischen Stadt-, Gross- und für den Nationalrat wurden auf der Liste der Progressiven Organisationen (POCH) möglich, wobei auch die POCH vor Zensurversuchen der HAB-Werbung nicht zurückschreckten.»
1980 schaffte es der Kandidat Nik auf der POCH-Liste trotzdem «auf den 9. Rang der 34 POCH-Kandidaten und erzielte den fünfthöchsten Anteil von Frauenstimmen» unter allen anderen und erhielt «viele, mutmasslich ‹schwule› und bürgerliche Panaschierstimmen. Der Rückstand auf den Letztgewählten betrug bloss 360 Stimmen.
«Im April 1982 sagte er als erster offen schwuler Grossratskandidat der POCH zu seiner in den HAB ein wenig beargwöhnten momentanen Präferenz der Lederszene […]: ‹Ich kandidiere ja nicht unter dem Motto Wir sind ja gar nicht anders als Ihr, sondern ich behaupte: Wir sind schwul und wir sind anders und wir können Sachen, die Ihr nicht könnt und die wollen wir auch nicht aufgeben!› »
Beim Kandidaten Nik handelte es sich um den bekannten Niklaus Debrunner (1953–1986), Freund des Künstlers Marc Philippe Meystre, der den langen Abschied von Nik im Buch AIDS – Andere Inseln Deiner Sehnsucht, Rotpunkt Verlag, Zürich 1990, beschrieb und sich 1989 selber den Tod gab, «weil er es nicht mehr aushielt», denselben Zerfall noch einmal – nun an seinem eigenen Körper – durchzuleiden. Wir haben die beiden Freunde anlässlich ihrer «Konzertreihen Junkerngasse 43» kennen gelernt, denn die Besitzer dieses Hauses, in dessen Keller die Konzerte stattfanden, sind unsere allernächsten Hetero-Freunde. Marc und Nik gründeten auch die KIKO, Kinderkonzerte, die rasch beliebt wurden. Nik spielte Violine und Marc sass am Cembalo. Laut Einladung der HACH zu den Diskussions- und Skitagen vom 29. Dezember 1977 bis 2. Januar 1978 zeichneten beide, Nik und Marc, als Mitglieder des HAB-Vorstandes.
«Die Inseratenstelle der Berner Zeitung hatte im Nationalratswahlkampf 1983 anfänglich ein Inserat des bei der POCH aufgestellten HAB Kandidaten Hansruedi Huwiler mit der Begründung zurückgewiesen, sie publiziere schliesslich auch keine Anzeigen für Massagesalons. Erst eine saftige Demarche der HAB förderte eine in der Berner Zeitung publizierte Entschuldigung zutage.»
[29]
Das waren mutige Anfänge. Und sie ebneten neue Wege.
Im Juni 1984 besuchte Johannes-Paul II die Schweiz. Seine Rückwendung in Wort und Tat zu überwunden geglaubten Traditionen und Lehrmeinungen – auch was Homosexualität betrifft –, veranlasste viele – und nicht nur Schwule – gegen diesen Staatsbesuch zu demonstrieren. Die Stimmung in dieser Zeit: [_]
«Gegen den Papstbesuch seiner Heiligkeit Woytila stellte man erneut eine ideologische Argumentationsweise für die Schwulenemanzipation und gegen Zwangsheirat und Schwulenverdammung bereit. Das katholische HAB-Mitglied M. erzielte im Fernsehen DRS einen totalen Publikumserfolg, als er bei dieser Gelegenheit den Delegierten der Schweizerischen Bischofskonferenz am Bildschirm in stotternde Wut versetzte. Er hatte einfach sanft festgestellt, just der historische Jesus sei doch gerade für Christen wie für Schwule mit seiner Fähigkeit, junge Männer in einer liebesbetonten Bindung um sich zu scharen, ein wunderbares Vorbild und auch eine schwule Identifikationsperson.»
Ernst Ostertag, Oktober 2006



