HAZ, Homosexuelle Arbeitsgruppen Zürich, Praunheims Film und die Gründung von HABS und HAB

Gesellschaftlicher Aufbruch

Nachdem am 22. März 1972 die Statuten des Vereins Öffnet internen Link im aktuellen Fenster«Homosexuelle Arbeitsgruppen Zürich – Zabriskie Point, HAZ – ZABI» angenommen und der Verein gegründet war, nahmen die Verantwortlichen Verbindungen zu Studenten in Bern und Basel auf und organisierten eine Kopie des Filmes von Rosa von Praunheim. Ziel war es, den Film ein zweites Mal in Zürich und vor allem auch in Basel und Bern zu zeigen, damit sein Titelthema, «Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt», vertieft diskutiert würde und dass sich aus diesen Impulsen womöglich in beiden Städten homosexuelle Arbeitsgruppen bilden möchten.

Der fulminante Juni 1972 und die Gründung von HABS und HAB

Titelblatt: HAZinfo, Nr. 1, 6/1972
Titelblatt: HAZinfo «Mitteilungen der Homosexuellen Arbeitsgruppen Zürich / zabriskie point», Nr. 1, 6/1972

Im Juni gelang es der HAZ Arbeitsgruppe S+G, Sexualität und Gesellschaft, ein erstes hektographiertes Exemplar einer HAZ-eigenen Zeitschrift herauszugeben. Das HAZinfo war geboren und sollte bis Mai 1976 sechzehn Mal erscheinen. Auf dem Titelblatt dieser ersten Nummer stand der programmatische Aufruf: «Lila ist die Farbe des Regenbogens, Schwestern, die Farbe der Befreiung ist rot». Im Editorial wurde dazu präzisiert, das neue Blatt wolle ein Diskussionsforum mit provozierenden und informierenden Artikeln sein, es wolle kritisieren und Kritik anregen wie vor allem auch entgegennehmen, mit Vorliebe in Form von Beiträgen aus der Leserschaft.

Zuvor, am 21. Juni, zeigten die HAZ in Zusammenarbeit mit Basler Studenten den Praunheim-Film im Hörsaal 2 der Uni Basel. Im HAZinfo berichtete ein «Thomas»: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[1] «Die Propaganda hatte gewirkt, der Saal war voll.» Die anschliessende Diskussion führte zur Bildung einer kleinen Gruppe, die sich in kurzer Zeit zur HABS entwickelte: ihre Gründung geschah bereits am 30. Juni. Thomas schloss seinen Bericht:

«Sollte es gelingen, hier eine Alternative aufzubauen, so wäre viel erreicht. Hinzu kommt, dass sich mit der Gründung in Basel und einer eventuellen in Bern so etwas wie eine gesamtschweizerische Schwulen-Organisation abzuzeichnen beginnt, die, anders als die SOH, von Emanzipation und Toleranz nicht bloss im eigenen Kreise redet, sondern von sich reden machen will und bereit ist, für unser Recht zu kämpfen.»

Am 22. Juni konnte der Film in Zusammenarbeit der HAZ mit Berner Studenten auch in der Bundesstadt zur Vorführung mit anschliessender Diskussion gelangen. Zabriskie Release stellte dabei seine Tätigkeiten vor. [2] Bis zur Schaffung einer eigenen Organisation wurde es allerdings Winter. Am 6. Dezember 1972 erfolgte die Gründung der HAB, Homosexuelle Arbeitsgruppen Bern.

Kontroverse um Praunheims Film

Heini Jung um 1971
Heini Jung um 1971

Im Theater am Neumarkt, dort, wo der KREIS von 1948 bis 1960 sein Lokal hatte, war die Vorführung des Films für den 23. Juni um 20.00 Uhr angesetzt. Es kamen so viele Leute, dass um 23.00 Uhr eine Wiederholung stattfinden musste. Der Tages-Anzeiger hatte am 21. Juni unter dem Titel «Diskussion mit Homosexuellen» darauf hingewiesen:

«Auf die Vorführung […] folgt eine Diskussion, zu der die Homosexuellen Arbeitsgruppen nicht nur ihre Mitglieder und direkt Interessierte, sondern jedermann einladen. ‹Raus aus den Toiletten, rein in die Strassen›: diesen von amerikanischen Homosexuellen verfassten Leitspruch haben sich die HAZ zu Eigen gemacht. Vorführung und Diskussion von Rosa von Praunheims Film sind dazu der erste Versuch.»

Die anschliessende Diskussion zeigte vor allem Betroffenheit in vielen Schattierungen von Ablehnung (auch als technisch schlechtes Machwerk mit extrem einseitig geführten Figuren) über Infragestellung (was soll’s? so sind wir gar nicht, das schadet uns!) bis zu echter Einsicht (die gezeigten Extreme wirken bewusst so aufrüttelnd, damit wir aktiv werden, für uns!). Im HAZinfo vom August sind alle Voten vollumfänglich veröffentlicht worden samt einem Kommentar, «damit nun das Aufgegriffene nicht in Vergessenheit und Passivität gerate, sondern weiterhin in seinem ganzen Umfang zu konstruktiven Auseinandersetzungen anrege.» Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[3]

Der Tages-Anzeiger brachte eine Kritik des Films unter dem Titel «Sollen Homophile Toleranz erkämpfen?» [4] Verfasser war Jürg H. Meyer. Er schloss mit den Worten:

«Veranstalter des Abends waren die HAZ. Diese – sie sind nicht repräsentativ für Zürichs Homophile allgemein! – haben sich dem Kampf gegen die herrschende Moral verschrieben und suchen ‹auf der Grundlage eines neuen Selbstverständnisses eine Theorie der Befreiung der Homosexualität zu entwickeln›. Noch scheint es freilich an konkreten Vorstellungen zur Schaffung einer solchen Theorie zu fehlen, doch sind sich die HAZ in einem einig: Der Kampf gegen die herrschende Moral, meinen sie, sei letztlich ein Kampf gegen die Herrschenden und damit ein politischer Kampf.

Politischer Kampf bedingt politische Kampfmethoden. Gerade diese aber scheinen uns im vorliegenden Fall dem eigentlich angestrebten Ziel der Homophilen mehr zu schaden als zu nützen. Denn allenfalls erkämpfte Toleranz kann nicht das ersetzen, woran dieser Minderheit ungleich mehr gelegen sein muss: Verständnisvolle Anerkennung durch eine Mehrheit, die diesbezüglich von Natur aus grosse Einfühlungsschwierigkeiten mitbringt. Verständnis und Anerkennung lassen sich nur durch analytische Durchleuchtung unserer sozialen Struktur sowie durch klare und geduldige Information über die psychischen und physischen Ursachen der Homosexualität erringen. Dass solche Information Not tut und ein entsprechendes Bedürfnis auch vorhanden ist, schien uns aus der dem Film folgenden Diskussion klar hervorzugehen.»

Dieser Bericht erschien den HAZ-Kämpfern einseitig und in überholten Denkmustern verhaftet. Also schrieb Martin Jäggi von der Gruppe S+G (Sexualität und Gesellschaft) eine Entgegnung und Richtigstellung, die jedoch vom TA nicht angenommen und auch nicht veröffentlicht wurde. Daher liess ihn Martin im HAZinfo als zusätzlichen Diskussionsbeitrag erscheinen: [5]

«[…] Der nette, saubere und adrette junge Mann von nebenan, der aber leider homophil ist und treu mit seinem ebenso netten, sauberen und adretten jungen Freund ein eheähnliches Verhältnis führt, bleibt für viele Schwule ein schöner Traum, dem sie umso eifriger nachjagen, je mehr sie laufend gezwungen sind, ihren sexuellen Bedürfnissen asozial und chaotisch im sexuellen Untergrund nachzugehen. Der heterosexuellen Öffentlichkeit, die uns mit ihrer Zwangsmoral erst in den Untergrund zwingt, wäre nichts lieber, als dass alle Schwulen diesem Traum entsprechen würden. […]

Nur wenn man Homosexuellen hilft, die Fragwürdigkeit und Irrationalität der geltenden Normen und Gesetze zu begreifen, hilft man ihnen, sich nicht selber als fragwürdig und irrational zu begreifen. […] Die HAZ hätten sich dem politischen Kampf verschrieben […] meint Meyer. Lauert dahinter das Schreckgespenst einer linksextremen und zu allem noch schwulen Terrororganisation? […] Um sich bildenden Gerüchten und Verdächtigungen über die HAZ und unsere Arbeit vorzubeugen, laden wir alle Interessierten ein, zu uns zu kommen und mit uns zu diskutieren. Unser Club ist jeden Mittwoch ab 21 Uhr […] geöffnet. Eintritt steht jedermann offen.»

Öffnet internen Link im aktuellen FensterErnst Ostertag, Juli 2006