Die Ausstellung "Männergeschichten" in Basel
Der Weg zur Gleichstellung
1988
Vorarbeiten
Die erste je in der Schweiz veranstaltete Ausstellung zum Thema Homosexualität wurde vom 30. Januar bis 6. März 1988 in der alten Basler Kaserne am Rheinufer realisiert. Sie beschränkte sich hauptsächlich auf 50 Jahre Lokalgeschichte und trug darum den Untertitel "Schwule in Basel 1930-1980".
1988 war ein guter Zeitpunkt, weil mit der Gründung der Aids-Hilfe Schweiz und der Pressekonferenz vom 2. Juli 1985 die diversen Schwulenorganisationen in die grosse Öffentlichkeit getreten waren und so die Gesellschaft sensibilisiert hatten. Man verband Homosexualität nicht mehr automatisch mit Kriminalität, wohl aber mit Aids.
Nun, mit dieser Ausstellung sollten alle die vielen anderen Seiten und Facetten des schwulen Daseins ins Licht der Medien und ins Bewusstsein der Allgemeinheit gehoben werden. Homosexualität sollte Gesichter bekommen, Gesichter von Menschen mit ihren eigenen, jedoch ebenso vielfältigen und oft ähnlichen Formen des Menschseins, wie es auch jeder übrige Bürger aus eigener Erfahrung kannte. Man sollte vergleichen können und die "anderen" weniger fremd sehen; man sollte ihre Schwierigkeiten erkennen und sie verstehen lernen.
Die Verantwortlichen gründeten zunächst einen "Verein Ausstellungsprojekt" und schrieben auf einem Flyer u.a.:
"Ohne die breite Unterstützung von privater Seite ist dieses Vorhaben nicht realisierbar. Werden Sie Passivmitglied unseres Vereins und machen Sie unser Projekt in Ihrem Freundeskreis bekannt."
In dreijähriger Recherchierarbeit gelang es einer Gruppe von jungen Basler Historikern unter Führung von Kuno Trüeb und Stephan Miescher, umfangreiche Dokumente, Berichte, Aufzeichnungen von Homosexuellen und Reaktionen in den Medien zusammen zu tragen. Auch intensive Gespräche mit Einzelpersonen gehörten dazu, mit Betroffenen im umfassenden Sinn des Wortes, denn es handelte sich um eine Zeitspanne mannigfaltiger Ausgrenzungen, massiver Diskriminierung und Unterdrückung und der steten, unwidersprochenen Preisgabe ans Lächerliche seitens einer selbstgefälligen Allgemeinheit.
Die zusammengestellte Vielfalt an Materialien zu einer bisher nie systematisch aufgearbeiteten Geschichte der homosexuellen Minderheit gliederte und verdichtete Michael Meister in einen chronologischen Rundgang von fünf "Räumen".
Vernissage
Zum Eröffnungstag widmete die Basler Zeitung die fünf ersten Seiten ihrer Wochenend-Beilage Basler Magazin den "Männergeschichten: 50 Jahre schwules Basel".
Aus dem Leitartikel von Paul Imhof:
[1]
"Was erst seit relativ kurzer Zeit auch Geschichte werden soll (und es gewiss schon lange bedeutet), ist die Sozialgeschichte. (…) Welche sozialen Gruppen haben welche bestimmt, regiert oder genutzt? Ganz zu kurz gekommen ist die Geschichte der Minderheiten. Mit ihrer Arbeit über die Geschichte der Homosexuellen in Basel (…) haben zwei junge Historiker, zusammen mit rund 30 Mitarbeitern, ein Thema angepackt, das den meisten Bürgern suspekt, wenn nicht ein Gräuel ist. (…)
Was ist bloss geschehen? Da kommt eine kleine Gruppe fast ausschliesslich homosexueller Männer daher und will die Geschichte der Schwulen in Basel recherchieren. Will eine Ausstellung zusammenstellen und ein Buch herausgeben. Die Gruppe braucht Geld. Schreibt also die Regierungen der beiden Basel an, Gemeindebehörden, Institutionen, Unternehmen und Privatleute. Stellt ein Konzept zusammen und macht sich auf die Suche nach einem Patronatskomitee, denn gut Geld will Namen haben. Und findet ein dergestaltes Komitee, das sich, nach einiger Zeit unermüdlichen Telefonierens und rüstigen Weibelns, als 61 Namen umfassendes 'Who is who of Basel and Surroundings' präsentiert - darunter nicht weniger als vier Regierungsräte und vier Nationalräte/innen: die Basler Gysin, Feldges und Schnyder, die Landschäftler Stöckli, Fankhauser, Auer, Nebiker und Ott. Sogar das ausgleichende Parteienspektrum von SP und FDP, von CVP und SVP bleibt staats- und gesellschaftserhaltend gewahrt. (…)"
Eröffnet wurde "Männergeschichten" durch den Basler Regierungsrat Remo Gysin, was natürlich ein entsprechendes Medienecho auslöste, welches weiterhin bestehen blieb, zusätzlich angeregt durch diverse Begleitveranstaltungen. So schrieb der Berner Bund vom 6. Februar 1988:
"Es scheint, dass wir - Aids zum Trotz - nun an einen Punkt der Geschichte gekommen sind, wo mit einem Tabu aufgeräumt werden kann, werden muss. Die Basler Ausstellung, zu deren Vernissage Sanitätsdirektor Remo Gysin eine engagierte Ansprache hielt, zeugt von einem neuen Bewusstsein für Gegenwart und Geschichte."
Und die Basler Zeitung BZ begann ihren Ausstellungsbericht vom 1. Februar 1988 mit:
[2]
"Das mit sozialgeschichtlichen Ausstellungen nicht gerade verwöhnte Basel erhält mit der von Kuno Trüeb und Stefan Miescher aufgearbeiteten Geschichte der Schwulen in Basel eine einmalige Ausstellung: Ausser in Berlin wurde in Europa noch nie eine Ausstellung zu diesem Thema gezeigt, erklärte Kuno Trüeb in seiner Ansprache an der Vernissage."
Die fünf Abschnitte der Ausstellung
Auf uns persönlich wirkte damals jeder dieser Räume wie ein sich fünf Mal wiederholendes Aha-Erlebnis. Es stiegen Gesichter, Begegnungen, Zusammenhänge hoch, die Ausstellung wurde uns zur Wanderung durch bekannte Gefilde, die je ihren Zeitgeist spiegelten und die Atmosphäre mit Bildern und Texten hautnah heranbrachten.
Auch einem heterosexuellen oder sehr jungen schwulen Besucher mochte es ähnlich ergehen, denn das gestalterische Prinzip des Ganzen galt in jedem Abschnitt sowohl der Selbstsicht der Homosexuellen wie ihrer Wahrnehmung durch Nicht-Betroffene.
Beispiele:
Unvergesslich das Schattenspiel an einer Wand, zwar im Hintergrund, aber mehr als Lebensgross: ein Treffpunkt von "Artgenossen" der 30er Jahre im legendären Restaurant "Besenstiel", während davor die realen Versatzstücke einer Polizeistube der Zeit aufgebaut waren. Beklemmender Nachvollzug der konkreten damaligen Situation "Big brother is watching you!"
Dazu aus dem Bericht in der Basler AZ (Abendzeitung) vom 6. Februar 1988:
[3]
"Dominierend im ersten Raum der Ausstellung sind (…) der nachgestellte Polizeiposten und, im Glaskasten, die Original-Polizeiprotokolle, in welchen sich die Schreiber zum Teil in massiv beleidigender Weise über die von ihnen bespitzelten Homosexuellen äussern. Originalton: 'W. ist ein alter S...niggel und der Polizei schon seit mehr als 20 Jahren als solcher bekannt' oder 'Fast alle Homosexuellen sind Weichlinge'."
Zum zweiten Raum fuhr die Basler AZ in ihrem Bericht fort:
"Während den Kriegsjahren wurden die Schwulen wieder vermehrt ins Dunkel abgedrängt. Einschneidendstes Ereignis jener Zeit war der Strafprozess gegen die 'Schwarze Legion', eine Bande jugendlicher Strichjungen, welche sich auch als Diebe beteiligten. Die Aktivitäten dieser Bande kamen deshalb ans Licht, weil einer von ihnen über alles genau Buch führte. In der Folge wurden 17 Männer mit der Bande in Verbindung gebracht und wegen widernatürlicher Unzucht mit Unmündigen angeklagt. Zweifellos bestärkte diese Affäre das Vorurteil der Öffentlichkeit (…). Die Ausstellung zeigt das Echo in der Presse, welche sich in dieser Frage von rechts bis links so ziemlich einig war."
Zum dritten Raum bemerkte die Basler Zeitung BZ in ihrem Ausstellungsbericht vom 1. Februar 1988:
[4]
"Einer der beliebtesten Treffpunkte für Schwule zeigt die Ausstellung im dritten Raum: Der Park. 1954 fanden zwei Razzien der Polizei in der Elisabethenschanze statt, die dann 1955 für viele Fasnachtscliquen als Sujet verwendet wurden. Im Grundtenor lobten die Fasnachtszeedel das Vorgehen der Polizei und gaben ihrer Schwulenfeindlichkeit hemmungslos Ausdruck."
Für uns besonders erinnerungsstark präsentierte sich im vierten Raum der wieder aufgebaute ursprüngliche ISOLA-Club mit Teilen des Originalmobiliars von 1957 ganz so, wie wir es am
Eröffnungsfest kennen lernten. "Tuntenbarock" pur. Die Vitrinen zeigten damit verbundene Hinweise auf die Zeitschrift Der Kreis in Schrift und Illustration. Man nannte sich gegenseitig "Kameraden" und pflegte seine ungestörte Ghetto-Kultur, damals unsere einzige Heimat.
Die Kopfhörer-Stationen, Gespräche mit Männern aller Altersgruppen vermittelnd, liessen den Horchenden u.a. am je eigenen Entdecken des Homosexuell-Seins teilnehmen, an Geschichten, die gemäss Zeitabschnitt und Umfeld völlig unterschiedlich waren. Jüngere gebrauchten "schwul", provozierend oft.
Dazu schrieb die Zeitung Nordschweiz am 1. Februar 1988:
[5]
"In authentischen Tondokumenten erzählen Männer verschiedener Generationen ihre Geschichte. Erzählen, wie sie selber, ihre nächste Umgebung, ihre Arbeitskollegen auf die Entdeckung des eigenen Schwulseins reagiert haben. Eindrückliche und nachdenklich stimmende Zeitdokumente."
Der letzte Raum galt u.a. der Basler
"Gay 80", dem Eidgenössischen Schwulen- und Lesbentag, also dem kollektiven Coming-out. Die Basler Zeitung BZ im Ausstellungsbericht vom 1. Februar 1988:
[6]
"Der fünfte Raum befasst sich mit den achtziger Jahren. Die Aussteller setzen das Coming-Out der Schwulen, den Ausbruch aus dem Ghetto in einer transparenteren Gestaltung um. Nicht mehr klar voneinander abgegrenzte Räume, sondern offene Kojen und Durchblicke verweisen darauf, dass die Homosexuellen auch in der Schweiz vermehrt an die Öffentlichkeit gehen. Das Büro der Homosexuellen Arbeitsgruppen Basel (HABS), der erste Schwulenbuchladen ARCADOS, eine Tonbildschau über die ehemalige KATAKOMBE, die Telearena über Homosexualität aus dem Jahre 1978 und der zweite Schwulen- und Lesbentag von 1980 in Basel sind Themen dieses letzten Bereichs der Ausstellung."
Im Ausgang hing unübersehbar ein riesiges Plakat der Stop Aids-Kampagne, womit man dem grossen ungelösten Problem des Heute und der Zukunft gegenüberstand.
Kommentare aus Bern und Zürich
Der Bund, Bern, setzte über seinen Bericht vom 6. Februar 1988 den Titel: "Aufarbeitung eines Tabus":
[7]
"(…) Erstmals wird (…) ein jahrhundertealtes Phänomen (nämlich dass es schon immer schwule Männer gab, und zwar in allen gesellschaftlichen Kreisen) ortstypisch aufgearbeitet: mit zahlreichem Material über Abwehr, rechtliche, medizinische und kirchliche Fragen und Irrwege.
(…) In einer Zeit, da Aids täglich Schlagzeilen macht und viele, die verunsichert sind, alles ins Pfefferland wünschen, was mit 'Männergeschichten' zu tun hat, kommt aus Basel eine Gegeninitiative, die von weiten Kreisen getragen wird und ein beispielhaftes Stück Aufklärungsarbeit leistet."
Der Zürcher Tages-Anzeiger titelte am 4. Februar 1988 "Welcher Zürcher Regierungsrat würde diese Ausstellung eröffnen?" und im Bericht von Hansruedi Fritschi hiess es u.a.:
[8]
"Remo Gysin bezeichnete die Ausstellung als grossen Sprung und Markstein in der städtischen Kulturgeschichte. Ihn interessiere, wie Mehrheiten mit ihren Minderheiten umgingen. Er hoffe (…), dass Familien und ganze Schulklassen die Ausstellung besuchen würden.
Wäre so etwas auch in Zürich möglich? Ich hege beträchtliche Zweifel. Ich kann mir nicht vorstellen, dass beispielsweise Erziehungsdirektor Alfred Gilgen ein solches Projekt begrüssen und finanziell unterstützen würde. Ich kann mir - in der gegenwärtigen Zusammensetzung - überhaupt keinen Regierungsrat und keine Regierungsrätin an der Vernissage einer derartigen Ausstellung vorstellen. Schwulsein ist nach wie vor eindeutig Tabuthema; in Basel wird ein Tabu gebrochen."
1993, fünf Jahre später, sprach allerdings Alfred Gilgen auf der Halbinsel Au offiziell zu den Teilnehmern und Teilnehmerinnen des "SchwuLesbischen Chorspektakels".
Begleitprogramm
Es gab vier Veranstaltungen:
- Einen Zyklus mit neun einschlägigen Filmen zwischen 1947 bis 1983, die an vier Abenden gezeigt wurden
- Zwei Abende mit demselben Programm: Chansons von Antoine Schaub "Ich werde nie ein Star…"
- Eine Podiumsveranstaltung zum Thema "Schwulenbewegung in den 80er Jahren"
- Eine Podiumsveranstaltung
"Homosexualität und Kirche"
Dazu kam eine Begleitausstellung von Fotoarbeiten zum Thema "Berührung - Mann/Mann Frau/Frau".
Der Filmzyklus
Zum Zyklus der neun Filme schrieb die Basellandschaftliche Zeitung vom 27. Januar 1988:
[9]
"Für den Filmzyklus wurde eine Auswahl getroffen, der einige historisch bedeutsame Streifen berücksichtigt und solche Filme, die den Weg nie in die offiziellen Kinos gefunden haben."
Dazu gehörten u.a.
"Un chant d'amour" von Jean Genet (1950), "Anders als Du und ich" von Veit Harlan (1957), zwei Filme von Rosa von Praunheim
"Nicht der Homosexuelle ist pervers…" (1970) und "Armee der Liebenden" (1979), "Satansbraten" von Rainer Werner Fassbinder (1976) und "Before Stonewall" (USA 1983).
Podiumsgespräch Schwulenbewegung in den 80er Jahren
Mit einem Flyer im "Schweizer Magazin für den schwulen Mann" Anderschume/Kontiki, wiesen die HACH (Dachorganisation der Homosexuellen Arbeitsgruppen Schweiz) auf das Podiumsgespräch hin, welches am 16. Februar 1988 in der Basler Kaserne stattfinden werde:
" 'Schwulenbewegung in den 80er Jahren'
Eine (…) Veranstaltung der HACH, Anderschume/Kontiki und Kulturwerkstatt Kaserne mit Prof. Dr. Rüdiger Lautmann, Bremen, Paul Marquard, Zürich, Stephan Miescher, Basel, Fabio Eiselin, Zürich, Peter Thommen, Basel. (…) Die Podiumsdiskussion versucht Wesentliches aus den bald hinter uns liegenden 80er Jahren rückblickend zu fassen, um daraus Ideen und Ansprüche für die 90er Jahre abzuleiten; eine Standortbestimmung sozusagen.
(…) An der Diskussion nehmen verschiedene Leute aus der Bewegung teil: Solche, die heute aus einer gewissen Distanz auf ihre reiche Erfahrung als Aktive in den jungen HA-Gruppen (Homosexuelle Arbeitsgruppen) zurückblicken, andere, die in den letzten Jahren neu zur Bewegung gestossen sind. Mit von der Runde ist auch ein Mitarbeiter des Ausstellungsprojekts. (…)
Nach der Runde auf dem Podium wird das Mikrofon für Euch alle offen stehen. Wir hoffen auf eine rege Teilnahme aus der ganzen Schweiz."
Podiumsgespräch "Homosexualität und Kirche"
Die Nordschweiz vom 2. März 1988 brachte einen Bericht unter dem Titel "Homosexualität als 'Schöpfungsvariante' ":
[10]
" '…Männer trieben mit Männern Unzucht und erhielten den ihnen gebührenden Lohn für ihre Verirrung…' - So steht es im Brief des Paulus an die Römer und auf solche Bibelzitate gestützt haben die Kirchen jahrhundertelang die Homosexualität verdammt. (…)
Der reformierte Basler Aids-Pfarrer Ruedi Weber: 'Die Kirche hat weder ein besonderes Pfarramt für Multiple-Sklerose Patienten, noch ein Krebs-Pfarramt, wohl aber eines für HIV-Positive und Aids-Betroffene - ein Zeichen dafür, dass sie sich da in einer Schuld und Verpflichtung fühlt.' Und die Erfahrungen eines halben Jahres zeigen für Ruedi Weber auch, dass es eine seiner Hauptaufgaben ist, sich gegen erneutes Aufflammen der Diskriminierung von Homosexuellen zu wehren - Diskriminierung (…) durch Glieder der kirchlichen 'Basis', unter denen laut Else Kähler die 'Kopfjägerei' noch stärker verbreitet ist als bei den Amtsträgern, den Theologen (…).
(…) Seelsorger Hans Martin Huwyler (katholisch): 'Für mich ist es wichtig, dass von unserer Seite den Homosexuellen endlich Respekt entgegengebracht und Freundschaft angeboten wird.' Ähnliches forderte auch Moël Volken, Vertreter der Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) aus Bern: 'Wenn sich nun offensichtlich die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass die Erde rund ist - bestünde da nicht die Verpflichtung, das auch von allen Kanzeln herab zu verkünden?'
(…) 'Die Nagelprobe der Toleranz wird sein, ob und wann homosexuelle Pfarrer mit ihren Lebenspartnern in Pfarrhäusern einziehen können und von den Gemeindegliedern als ihre Seelsorger akzeptiert werden', zog auf dem Podium Theologieprofessor Ekkehard Stegemann Bilanz, und die Vorstellung dieser 'Revolution' zeigt, wie weit man in den Kirchen noch von der Lösung des Problems entfernt ist.
(…) Ein Mann aus dem Publikum meinte: 'Redet mir nicht von Toleranz, solange ihr mir nicht sagt, was denn an einer homosexuellen Beziehung zu 'tolerieren' ist.' Das traf."
Erfolgreiche Ausstellung
Unter dem Titel "Lebhafte 'Männergeschichten' " liess die Basler Zeitung BZ am 20. Februar 1988 einen Zwischenbericht von Dominik Hunger erscheinen:
[11]
"Der Erfolg ist unerwartet und grandios, die Leute strömen, an Wochenenden werden Hunderte von Besuchern gezählt: Die Ausstellung (…) scheint ein Bedürfnis zu befriedigen (…). Über dreitausend Besucher, mehr als je budgetiert für die gesamte Dauer der Schau (…) zahlten ihren Eintritts-Obolus von fünf Franken, wagten sich in eine Szenerie hinein, die wohl die meisten von ihnen nur gerüchteweise (…) kennen.
(…) Dass 'Männergeschichten' mehr als bloss Lehrgeschichten sein sollen und wollen, (…) dafür sorgt auch der Treffpunktcharakter, den Bar und Cafeteria schon seit den ersten Tagen der Reithalle gegeben haben. Weil da ist - anders als in den hehren Kunsttempeln - Raum und Platz, um zu reden (…). Da entstand für zwei Monate ein neuer Treffpunkt für Homosexuelle, aber einer, der Kontakte auch mit 'Normalen' fördert und ermöglicht, ein Ort, wo Hemmschwellen, Berührungsängste abgebaut werden können.
(…) Die Reaktionen sind fast durchwegs positiv - auch von Seiten der 'Betroffenen', was gerade den Ausstellungsmachern wichtig war. Anscheinend haben die 'Männergeschichten' den Basler Homosexuellen das Gefühl gegeben, sich für einmal nicht als Objekt, sondern als selbstbewusstes Subjekt zu empfinden."
In der WoZ Wochenzeitung vom 26. Februar 1988 setzte Beat Stauffer die Überschrift "Euphorie in der Basler Schwulenszene nach der erfolgreichen Ausstellung 'Männergeschichten' " und fügte den Slogan des Plakats der Schwulen-Liste für die Basler Wahlen 1988 hinzu: "Selbstbewusst - Selbstbestimmt - Selbstverständlich". Hier einige Passagen aus seinem Bericht:
[12]
"Der erste offen schwule Grossrat der Schweiz - ein Parlament, das sich mit grosser Mehrheit für ein schwules Anliegen einsetzt - eine 'Schwule-Liste' bei den diesjährigen Grossratswahlen, und nun noch die Ausstellung 'Männergeschichten', welche landesweite Beachtung gefunden hat: Basel zeigt sich für helvetische Verhältnisse erstaunlich offen und tolerant.
(…) Neben anderen Vorstössen und Anfragen von Ott, etwa zur Frage der staatlichen Anerkennung von Lebensgemeinschaften, ist die erstmalige Beteiligung einer 'Schwulen-Liste' (…) zu erwähnen. (…) Mit nur 0,8% der Wählerstimmen (im Wahlkreis Kleinbasel) war die 'Schwule-Liste' kein Erfolg, trug aber unbestreitbar dazu bei, schwule Präsenz in der Öffentlichkeit zu markieren. Genau das war auch das Anliegen des Plakats der Schwulen-Liste (…): Zwei Männer küssen sich zum Abschied, der eine bereits im Orientexpress, der andere auf dem Bahnsteig. Ausser dem lächelnden Gepäckträger nimmt niemand Notiz von den beiden - weshalb auch? Schwul ist ja selbstverständlich (…).
(…) Die Ausstellung ist sowohl hinsichtlich der Besucherzahlen als auch in den Medien zu einem Erfolg geworden. Das (…) Publikum ist durchmischt: jung und alt, Frauen und Männer, Homos und Heteros und nicht zuletzt auch viele Familien mit Kleinkindern. Weniger vertreten sind Jugendliche zwischen 15 und 20. Immerhin wagten es bis anhin fünf Lehrer mit ihren Diplom- und Berufsmittelschulklassen, das Thema anzugehen.
(…) Nicht wenige tauchen fast täglich auf, viele helfen auch (unentgeltlich) im Ausstellungscafé oder bei anderen Arbeiten mit. Zum ersten Mal seit der Schliessung der von der HABS (Homosexuelle Arbeitsgruppen Basel) geführten legendären 'Katakombe' (1980) finden sich wieder Schwule aller Schattierungen zusammen: Die Milieugänger, die politisch oder ökologisch Engagierten, die Adretten und die Wilden. Die Stimmung ist gut, und manch einer glaubt schon den Anfang eines neuen Abschnitts zu spüren: Den Aufbruch nach der Aids-Depression."
Finanzielle Basis und Begleitpublikation
Eine beeindruckende Zahl von namhaften Persönlichkeiten aus Politik und Kultur hatte das Patronat übernommen und die Ausstellung genoss auch finanzielle Unterstützung vorab durch den Basler Lotteriefonds wie seitens der Pro Helvetia und von mehreren Kulturstiftungen, Firmen und einzelnen bekannten Mäzenen. Das war für die Schweiz einmalig und erstmalig und setzte Zeichen.
Die ausführliche Begleitpublikation (zuerst war ein Katalog geplant) erschien als völlig eigenständiges Werk von 230 Seiten mit vielen Zusatzmaterialien und trug den Namen "Männergeschichten". Laut Bericht von Rolf Thalmann:
[13]
"In einem fortgeschrittenen Stadium der Vorbereitungsarbeiten hat sich die Equipe weitgehend getrennt in Leute, die die Ausstellung machten, und Leute, die das Buch machten (da war ich dabei). Die gesammelten Materialien dazu sind im sas, Schwulenarchiv Schweiz."
Aus der Ankündigung des Buches auf Inseraten des Verlegers, Buchverlag Basler Zeitung, 1988:
[14]
"In der Flut (lokal)historischer Literatur kommen Homosexuelle nicht vor - sie werden verdrängt, vergessen, nicht zur Kenntnis genommen. Das Buch 'Männergeschichten' unternimmt es, diese Lücke zu füllen. Fünf Jahrzehnte schwulen Lebens in Basel werden von achtzehn Autoren kompetent und umfassend beschrieben; reichhaltiges Bildmaterial ergänzt die Texte. Viele Aufsätze weisen über den lokalen Rahmen hinaus - 'Männergeschichten' bedeutet so den Beginn schwuler Geschichtsschreibung in der Schweiz."
Ernst Ostertag, Mai 2008




