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Die Pride in Luzern: Dank an das Volk

Der Weg zur Gleichstellung

 

Das Motto dieser Pride hiess «sowieso», was bedeutete, es sei nun selbstverständlich, dass die schwul-lesbische Community mitten in der schweizerischen Gesellschaft angekommen und Teil von ihr geworden sei. Darum sollte die Dankesfeier auch im Zentrum des Landes stattfinden. Und die Romands sagten zu, dass ihr CSD, die jährlich an anderem Ort stattfindende Pride, für einmal tief in deutschsprachiges Gebiet vordringen könne, in die Suisse primitive, wie die Urschweiz so schön auf Welsch heisst.

Nur ganz wenige wussten, dass es auch eine Rückkehr zu den Wurzeln der schweizerischen Homosexuellen-Emanzipation bedeutete. Denn am 1./2. Juli 1922, also fast auf den Tag genau vor 83 Jahren trafen sich erstmals im Lande einige «Artgenossen» in Luzern und gründeten den Öffnet internen Link im aktuellen FensterSchweizerischen Freundschafts-Verein. Sein erster Präsident, Hector Marco Schnyder, hielt dabei eine Rede «von packender Gewalt», wie die Berliner Zeitschrift Die Freundschaft vom 22. Juli 1922 berichtete und dann fortfuhr:

«Er sprach gleich einem apostolischen Kämpfer von unserer grossen Aufgabe, der sich alle Artgenossen voll und ganz widmen sollten. […] Es war seit Jahren der Gedanke unseres Herrn Schnyder, eine Vereinigung in der Schweiz herbeizuführen und ein gemeinsames Vorgehen zu erzwingen, um Mitmenschen wie Behörden von dem schreienden Unrecht, das man uns zufügt, zu überzeugen. Und wenn wir auch nur Vorkämpfer für spätere Generationen sein dürfen, so wollen wir uns auch damit zufrieden geben. In rührender Weise sprach Herr Schnyder von den vielen Einsamen, welche unsere schönsten Jahresfeste allein und verlassen verbringen müssen, von lebensmüden, todwund gehetzten Artgenossen, von in Kerkern Schmachtenden und von Eltern, die sich ihren Sohn als schlecht und entehrt vorstellen. Das Bestreben solle darauf gerichtet sein, Linderung und Hilfe zu schaffen, wo es nur irgend möglich ist. Dies soll der Hauptzweck des Vereins für die in der Schweiz wohnenden Mitglieder sein.»

Mit Gay-Flaggen geschmückte Leuchtenstadt

Pride in Luzern 2005 vom 18. Juni 2005
Pride in Luzern 2005 vom 18. Juni 2005, Dank an das Schweizer Volk für das Ja bei der Abstimmung zum Partnerschaftsgesetz vom 5. Juni 2005

Zur festlichen Pride schrieb Remo Peter in den Network News: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[1]

«[…] Bereits auf der Rolltreppe, die uns aus der Bahnhofsunterführung ans Tageslicht schaufelte, flatterten Regenbogenfahnen, und sie wehten über der ganzen Bahnhofstrasse bis zur Jesuitenkirche. Über die Fussgängerbrücke zur Altstadt spannten sich Regenbogen aus Ballons als Tore zum ‹Village›, der Bühnen- und Standmeile entlang der Reuss. […] Vor dem Bourbaki-Panorama wurden wir […] von einer der Guggenmusiken empfangen, […]. Sie waren […] so ziemlich die schrillsten Figuren auf dem Platz. Was sich sonst eingefunden hatte, waren fast alles gewöhnlich angezogene Leute. Kaum Sujets für jene Typen von Pressefotografen, die sich immer die schrägsten Figuren herauspicken, und auch nicht das, was offenbar die lokale Junge SVP erwartet hatte, nämlich halbnackte Sex-Provokateure.

Pride in Luzern 2005 vom 18. Juni 2005
Pride in Luzern 2005 vom 18. Juni 2005
Pride in Luzern 2005 vom 18. Juni 2005
Pride in Luzern 2005 vom 18. Juni 2005
Pride in Luzern 2005 vom 18. Juni 2005
Dank an das Schweizer Volk für das Ja bei der Abstimmung zum Partnerschaftsgesetz vom 5. Juni 2005

Schrill dagegen im negativen Sinn der Auftritt einer Hundertschaft fundamentalistischer Katholiken in der Nebenstrasse, abgetrennt durch Gitter von der Pride-Kundgebung und begafft wie die Affen im Zoo: Schrifttafeln wie ‹Tsunami-Katastrophe lässt grüssen› (wurden etwa nur schwule Strände verwüstet? sollte mit Sodom und Gomorra gedroht werden?) oder ‹35% aller Kinderschänder sind homosexuell› (wie viele sind Priester?) qualifizierten die Argumente der Gegendemonstranten zur Genüge. Madonna-Statue im Arm und auf den Knien betend, glaubten die Anhänger der Bruderschaft Pius X, Ecône (VS), die Homosexuellen von ihren Lastern zu heilen – oder alle anderen vor Gottes Zorn zu schützen […]. Ganz auf die leichte Schulter nehmen sollten wir auch einen solchen Auftritt nicht. Es waren Anhänger solcher und ähnlicher […] Kreise, welche fast alleine die 88'000 Unterschriften als Petition gegen das Partnerschaftsgesetz zusammentragen konnten und immerhin jetzt zwei Fünftel der Abstimmenden hinter sich scharten. Und diese Gruppen sind gut organisiert und vernetzt – sie werden versuchen, das Rad zurückzudrehen […].

In der Rede, die Luzerns Stadtpräsident Urs W. Studer hielt, war von der liberalen Tradition der Stadt zu hören, die es möglich mache, sowohl der Pride wie deren Gegnern das Demonstrieren zu ermöglichen. Dass diese Tradition, was Schwule angeht, noch nicht so alt ist, blieb unerwähnt. […]

Der Umzug […] umfasste nach übereinstimmenden Angaben 10'000 Teilnehmer. […]

Nach dem Umzug strömten die Leute ins Village, um Durst und Hunger zu stillen, mit meist asiatischem Futter, um zwischen Reuss und Theater unter den Bäumen von Stand zu Stand zu flanieren oder auf der Wiese vor der Jesuitenkirche auf der Riesen-Rainbowflag als Picknickdecke zu liegen […]. Hier mischten sich nun auch neugierige Heti-Luzerner unters schwul-lesbische Volk, sodass sich gegen 20'000 Leute auf dem Gelände tummelten. […]

Nachts waren drei lesbisch-schwule Parties angesagt. […]

Vor dem Club ‹ABC-Mixx› endet morgens um vier der fröhliche Tag unschön. Gebrochen deutsch sprechende Männer finden es lustig, die aus der Disco strömenden Schwulen und Lesben zu verhöhnen. Das Ganze eskaliert in einer wüsten Schlägerei. Alles haben wir noch nicht erreicht!»

Seit dem 1. Januar 2007 können sich Lesben und Schwule auf den Zivilstandsämtern registrieren lassen
Am 3. Januar 2007 war es soweit: Franz Freuler, ehemaliger Zivilschutzkommandant der Stadt Zürich, verpartnerte sich mit seinem langjährigen Lebenspartner Jürg Zaugg als erstes schwules Paar in der Schweiz und dies mit grossem weltweiten Medienecho.

Alles haben wir noch nicht erreicht!

Darüber dachte Thomas Voelkin nach und formulierte seine Überlegungen in den Network News zum CSD 2008 in Zürich: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[2]

«[…] Meine Familie, meine Freunde akzeptieren mich so, wie ich bin. Am Arbeitsplatz weiss es mein Chef, was Mitarbeiter von mir denken ist mir egal, für etwas ist man ja Vorgesetzter. Wunderbar, wer so denken kann – wunderbar, wenn man so leben kann.

Doch es ist ein Selbstbetrug. Akzeptanz im privaten Kreis schützt nicht vor Homophobie. Die Möglichkeit, eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft registrieren zu können, ist noch nicht die Selbstverständlichkeit des Schwulseins. Blinder Hass auf Schwule gibt es nach wie vor, blindes Unverständnis von Behörden, Polizei, Ärzten ebenso. Nur ein stetiges Aufmerksam-Machen auf die Probleme des Schwulseins kann bei Verantwortlichen und in der ganzen Gesellschaft eine Veränderung des Bewusstseins bewirken. […]

Wir brauchen ein Verbot der öffentlichen Diskriminierung von Schwulen und Lesben – es darf kein Popstar zur Schwulenhatz aufrufen, nur weil es ‹in› ist. Keiner darf Schwule verbal ‹brennen› lassen, weil das zum ‹originalen› Reggae aus Jamaika gehören soll.

Wir brauchen eine positive Darstellung der lesbischen und schwulen Lebensform in Schulbüchern und Lehrmitteln, damit besoffene Fussballfans nicht mehr auf die Idee kommen, Schwule zu verdreschen. Und wir brauchen eine anhaltende Diskussion über die allgegenwärtige Homophobie im Fussball. […]

‹Der Reichtum des Lebens sind gelingende Beziehungen!› – das schreibt die sich auf christliche Werte berufende ‹Familienlobby› Schweiz auf ihrer Homepage. Wunderbar? Doch diese Gruppe will eine Petition gegen die EuroPride 2009 lancieren, […]. Zürich soll keine Stadt sein, die wegen dem Geld schwuler Touristen und sogenannter Weltoffenheit die Massen ins Unglück lockt. […]

Die heterosexuelle Mehrheit sieht diese Probleme gar nicht. Wir müssen das machen. Wir müssen sichtbar sein. Wir müssen hinausgehen, am CSD und an der Pride mitmarschieren, je mehr wir sind, umso mehr Gewicht haben unsere Argumente. Doch nur, wenn wir out sind, wir unser Schwulsein akzeptieren, wenn wir in der Öffentlichkeit selbstbewusst unsere Argumente vertreten, wirken wir glaubwürdig und können den Anstoss geben für Veränderungen. […]»

Alles haben wir noch nicht erreicht!

Öffnet internen Link im aktuellen FensterErnst Ostertag, Oktober 2008