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Zitate: pro und kontra; Verletzendes aus dem Vatikan und Reaktionen

Der Weg zur Gleichstellung

 

2002-2003

Zu diesem Zeitpunkt hatte der Kanton Zürich bereits per Volksabstimmung sein eigenes Partnerschaftsgesetz angenommen. Es gab gleichgeschlechtlichen Paaren die nach kantonalen Rechtsmöglichkeiten weitest gehende Gleichstellung zur hergebrachten Ehe. Und Genf hatte Anfang 2001 die Möglichkeit einer offiziellen Registrierung als Paar eingeführt, allerdings nur in Form eines "Pacs genevois", ohne eheähnliche Rechte.

Die Gegner des Gesetzes erreichten im Kanton Zürich rund 37% und bei der gesamtschweizerischen Abstimmung (Juni 2005) um 42%. Das sind hohe Zahlen, die eine starke Minderheit ausweisen. Damit stellt sich die Aufgabe, ein sinnvolles Nebeneinander-Leben in gegenseitigem Respekt zu finden und zu praktizieren, also eine typisch schweizerische Aufgabe.

Im folgenden Abschnitt werden Zitate die oft scharfen Töne und Gegnerschaften in der Auseinandersetzung um "Anerkennung moralischer Verworfenheit" und "Einsatz für allgemeingültiges Menschenrecht" beleuchten. Sie werfen Licht auf Gegensätze, die sich kaum ausgleichen lassen, aber, nochmals: unserer Tradition gemäss Respekt erfordern und nicht kategorisches Nein noch missionarischen Eifer.

Allerdings: Die Gegner waren zwar sehr aktiv, wiederholten aber stets dieselben "Familien-Argumente" oder bekannten Bibelstellen, sodass nur Verlautbarungen katholischer Kirchenführer zu Reaktionen führten, deren Wiedergabe als Auseinandersetzung sinnvoll ist.

Bundespräsident Moritz Leuenberger CSD
Bundespräsident Moritz Leuenberger (SP, ZH) am CSD vom 23.6.2001 in Zürich. Es handelte sich dabei um die erste aktive Teilnahme eines Staatsoberhauptes an einer Nationalen Homosexuellen-Demonstration weltweit

Anfang unseres bewussten Kampfes ums Gewinnen der anstehenden Volksabstimmungen war wohl das Auftreten von Bundespräsident Moritz Leuenberger (ZH, SP) am CSD vom 23. Juni 2001 (Helvetiaplatz, Zürich). Zum ersten Mal weltweit besuchte ein amtierendes Staatsoberhaupt eine Grossversammlung von Schwulen und Lesben, begrüsste die Anwesenden nicht nur kurz, sondern sprach zu ihnen mit einer längeren Rede. Am Schluss sagte er in Anspielung auf Friedrich den Grossen (1712-1786):

"Dass jeder nach seiner Façon selig werden soll, ist ja eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Wir wundern uns, dass es nach Jesus Christus mehr als 1700 Jahre dauerte, bis ein Politiker diese Selbstverständlichkeit aussprach. Heute, noch einmal ein Viertel Jahrtausend später, sind wir zwar um einiges weiter. Doch die Selbstverständlichkeit ist immer noch nicht da. Aber sie muss kommen. Sie haben ein Recht darauf."

Stimmen im Vorfeld der kantonal zürcherischen Volksabstimmung über das Partnerschaftsgesetz vom 22. September 2002:

"Heterosexuelle sind nicht normal - nur häufiger."

Thomas Iff, Mr. Gay 2001/02

"Schwul sein ist keine Leistung und kein Verdienst, aber eine Chance."

Peider Filli, AL

"Gott nennt Homosexualität einen Gräuel."

Stefan Dollenmeier, EDU

"Homosexuelle verlangen keine Toleranz, sondern die ihnen zustehenden Rechte"

Demo-Transparent

Bundesrätin Ruth Dreifuss (GE, SP, Departement des Inneren) an der Lesbian and Gay Pride, Fribourg, 3. Juli 1999:

"Integration heisst, darum zu kämpfen, dass die Rechte aller Minderheiten garantiert sind. Damit das Recht, anders zu sein auch zum Recht auf Respekt und Solidarität wird. Damit Lesben und Schwule als solche ihren Platz in der Gesellschaft finden."

Rosemarie Knüsel, Pfarrerin, evang. ref. Landeskirche Zürich:

"In der Seelsorge wird gerade dann viel Unheil angerichtet, wenn ein Mensch so 'funktionieren' soll, wie ich ihn gerne haben möchte. Vor allem fällt mir immer wieder auf, dass Seelsorger und Seelsorgerinnen, die ansonsten vom 'Annehmen einer Krankheit' sprechen können, bei der vermeintlichen 'Krankheit Homosexualität' seltsamerweise unbedingt und in jedem Fall 'heilen' wollen. Da liegt die Vermutung eben sehr nahe, dass jene Seelsorger und Seelsorgerinnen, die diese 'Krankheit' heilen wollen, mehr mit ihr zu tun haben, als ihnen bewusst ist."

In seiner Ausgabe vom 5. April 2002 liess der Tages-Anzeiger Leserbriefe veröffentlichen, Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[1] deren Verfasserinnen und Verfasser sich mit der Propaganda gegen das Partnerschaftsgesetz auseinandersetzten. Das Schreiben von Leserbriefen war Teil der lesbisch-schwulen Kampagne. Aus den Leserbriefen unter dem Titel "Staatlicher Schutz für Beziehungen":

"Der Schriftzug auf dem Transparent des Komitees gegen die Registrierung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften löste bei mir einiges Unverständnis aus: 'Keine staatliche Förderung der Homosexualität!' (…) Als ob der Staat Homosexualität fördern würde/könnte. Als ob man sich seine Sexualität aussuchen könnte. EVP (Evangelische Volkspartei)-Gemeinderat Ernst Danner sagt im Artikel, er sei 'gegen jede Diskriminierung von Homosexuellen'. Weshalb er trotzdem gegen Rechte für gleichgeschlechtliche Paare ist, bleibt mir ein Rätsel."

Andreas Bolli, Thal (SG)

"An Ostern feierten wir mit unseren Müttern (85- und 87-jährig), unseren Söhnen mit Schwiegertöchtern und der Enkelin ein wunderschönes Familienfest und alle waren glücklich und zufrieden. Also, wo ist da die zerstörte Familie infolge Homosexualität? Wir leben seit 18 Jahren zusammen und betreuen gemeinsam Lisis Mutter. (…)"

Lisi Opitz und Manon Gerber, Obfelden (ZH)

"Die Behauptung verschiedener freikirchlicher Vereinigungen und Politiker aus religiösen Kleinparteien, Homosexualität sei nicht normal und heilbar, trifft mich immer wieder sehr persönlich. Ich bin eine 37-jährige lesbische Frau und lebe ein ganz normales, ruhiges Leben in einer festen und liebevollen Beziehung. Ich fühle mich in keiner Weise krank, sondern würde mich selber als einen glücklichen, lebensfrohen Menschen bezeichnen. Der Wunsch, meiner Beziehung auch einen gewissen staatlichen Schutz zukommen zu lassen und meine Lebenspartnerin als meine erste Ansprechperson zu deklarieren, ist ein Grundbedürfnis und keine staatliche Förderung der Homosexualität. Wenn ich im Spital nichts mehr zu Therapien oder Behandlungen aussagen kann, soll sie diese Aufgabe übernehmen können, und die Ärzte müssen ihr vollumfänglich Auskunft geben. Ich sehe nicht, was daran falsch sein soll. Dass meine Partnerschaft mit einer Frau nicht anerkannt wird und ich weiterhin für die Behörden als alleinstehend und ledig gelte, ist verletzend und diskriminierend. Mit dem neuen kantonalen Partnerschaftsgesetz wird weder jemandem etwas weggenommen, noch kommt irgendjemand zu Schaden, (…)."

Gioia Hofmann, Zürich

Die reformierte presse vom 8. August 2003 brachte einen Bericht zum Thema "Rettung alla romana der bürgerlichen Ehe". Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[2] Darin wurde kurz auf die Öffnet internen Link im aktuellen Fensterneueste Verlautbarung der Vatikanischen Glaubenskongregation gegen gleichgeschlechtliche Partnerschaften eingegangen:

"Der Vatikan hat Ende Juli römisch-katholische Politiker und Gläubige weltweit zum Widerstand gegen die Anerkennung homosexueller Lebensgemeinschaften aufgerufen. Denn Ehen gleichgeschlechtlicher Partner seien eine Gefahr für die Gesellschaft.

'Die Ehe ist heilig, während die homosexuellen Beziehungen gegen das natürliche Sittengesetz verstossen', heisst es in dem Dokument. Katholische Parlamentarier hätten die 'sittliche Pflicht, klar und öffentlich Widerspruch zu äussern'. Wer einer rechtlichen Anerkennung der Homoehe zustimme, begehe 'eine schwerwiegende unsittliche Handlung'. Das 14-Seiten-Dokument ist vom Präfekten der Glaubenskongregation, Kardinal Joseph Ratzinger unterzeichnet und vom Papst abgesegnet worden. (…)

Der Schweizerische Evangelische Kirchenbund (SEK) erklärte (…) das römische Papier beinhalte nichts Neues (…).

Die Schweizerische Evangelische Allianz ihrerseits hält dafür, dass homosexuelle Paare ihre Beziehung auf eine rechtliche Grundlage stellen können, wobei der Unterschied zur Ehe klar ersichtlich sein müsse. Sie betont aber, dass die homosexuelle Praxis eine 'Verfehlung der Schöpfungsabsicht Gottes' sei.

(…) Pink Cross bezeichnete das Dokument als 'unmenschlich und skandalös'. Für (…) LOS ist die darin ausgedrückte Haltung 'eine Schande für die katholische Kirche' (…). Die Elternorganisation (...) fels stellt ihrerseits 'mit Erschrecken' fest, dass der Vatikan die Politiker aufrufe, 'unsere lesbischen Töchter und schwulen Söhne weiterhin zu diskriminieren'. Nicht die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften schade dem Allgemeinwohl, sondern der 'menschenfeindliche Dogmatismus des Vatikans'. (…)"

Auf diese Botschaft aus dem Vatikan gab Nationalrat Claude Janiak öffentlich seinen Austritt aus der katholischen Kirche bekannt. Dies mit der Begründung, er könne nicht länger einer Organisation angehören, die ihm vorschreibe, wie er zu politisieren habe.

Ebenfalls in Reaktion auf die "Verlautbarung der Glaubenskongregation" veröffentlichte die NZZ vom 18. August 2003 Leserbriefe unter dem Titel "Verletzendes aus dem Vatikan":

"(…) Meine erste Reaktion war noch relativ gelassen: Von Rom ist in dieser Frage nichts anderes zu erwarten! Aber bereits dies ist eigentlich schon traurig genug: eine Kirche, von der man nichts mehr erwartet! (…)

Dem Dokument muss aber widersprochen werden, weil es über weite Stecken sehr verletzend ist und das nicht nur für Schwule und Lesben. Die Ehe wird in einer realitätsfernen Art idealisiert und sozusagen als einziges Fundament unserer Gesellschaft dargestellt, dass sich alle Menschen, die diese Lebensform aus irgendeinem Grund nicht leben (Alleinstehende, Zölibatäre, Behinderte…) nur als Menschen zweiter Klasse vorkommen können. Umgekehrt werden (…) auch die vielfältigen Aspekte einer ehelichen Lebensgemeinschaft reduziert auf den Auftrag, Nachwuchs zu zeugen und grosszuziehen. (…)

Für gleichgeschlechtlich empfindende Menschen kommt es nun aber noch happiger: Wenn sie sich um verantwortete Partnerschaft bemühen, wird dies als schwere Sünde taxiert. Weiter: solche Paare gefährden unsere Jugend, sie unterwandern die öffentliche Moral, stellen die Institution Ehe in Frage und sind allgemein für die Entwicklung der Gesellschaft schädlich. (…) Weil solche Paare für die Entwicklung der Person und der Gesellschaft keinen bedeutsamen positiven Beitrag leisten, bedürfen sie keiner spezifischen Aufmerksamkeit von Seiten der Rechtsordnung. Daraus folgert die Kongregation: Im Fall von gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften wären Achtung und Nichtdiskriminierung der Person eine Ungerechtigkeit! Anders formuliert: Die Diskriminierung von homosexuellen Menschen bezüglich Lebenspartnerschaften ist Ausdruck von Gerechtigkeit! Es schmerzt, solche Zeilen lesen zu müssen, herausgegeben von einer Kirche, der ich selber zugehöre und in deren Namen ich noch immer meine Arbeit tue."

Christian Leutenegger, St. Gallen, Präsident des Vereins Adamim - schwule Seelsorger Schweiz

"Als Psychotherapeut möchte ich zur jüngsten Aggression des Vatikans gegenüber Lesben und Schwulen folgenden psychologischen Zusammenhang bewusst machen:

Die katholische Kirche instrumentalisiert und missbraucht von jeher die Sexualität, indem sie in wohlbekannter und kaum zu überbietender Arroganz über Gut und Böse dieser Urkraft des Menschseins richtet. Homosexualität wird in dieser moralisierenden Logik aus dem Leben abgespaltet und verteufelt, gleichgeschlechtlich empfindende Menschen werden allenfalls als reumütige Sünder geduldet. Das Menschen- und Gottesbild, das hinter einer solchen Verteufelung steckt, ist dasjenige eines allbeherrschenden patriarchalen Machtimperiums und hat mit Lebendigkeit und wahrer Menschenliebe wenig zu tun. (…) Die Zeche dafür bezahlen unzählige katholisch-gläubige Lesben und Schwule, von denen sich ein Grossteil auch heute noch hinter einer heterosexuellen Fassade versteckt. Alle uns bekannten Formen von seelischen Störungen (Depressionen, Ängste, Phobien, Zwänge, Süchte, psychosomatische Beschwerden bis hin zum Suizid) sind die möglichen Folgen ihrer individuellen Verdrängungsprozesse."

Kurt Wiesendanger, Zürich

In seiner Ausgabe vom 21. August 2003 veröffentlichte der Tages-Anzeiger ein Interview mit dem neuen katholischen Weihbischof für Zürich, Paul Vollmar, und stellte unter dem Titel "Die Kirche soll Menschen glücklich machen" fest: er "denkt liberaler als Rom - ausser beim Thema Homosexualität":

"(…) TA: Die Kirche glaubt, schwulen Partnerschaften den Vollzug absprechen zu können, indem sie behauptet, zwischen einer heterosexuellen und einer gleichgeschlechtlichen Beziehung gebe es keinerlei Analogie. Die Analogie ist doch die Liebe.

Vollmar: Ich habe während Jahrzehnten Homosexuelle seelsorgerisch begleitet. In dieser ganzen Zeit ist mir nie ein glückliches homosexuelles Paar begegnet. Und gemäss kirchlicher Lehre baut die Gesellschaft auf der Familie auf, die den Nachwuchs zum Ziel hat. Zwar ist dem Lehramt zufolge die Sexualität nicht mehr ausschliesslich auf Nachwuchs, sondern auch auf Liebe ausgerichtet. Dennoch bleibt für uns die sexuelle Liebe unter gleichgeschlechtlichen Partnern amoralisch.

(…) TA: Das Vatikan-Papier fordert Bischöfe und Politiker zum öffentlichen Widerstand gegen registrierte Partnerschaften auf. Werden Sie dem in Zürich nachkommen?

Vollmer: Wir Bischöfe können weder im Kanton Zürich noch auf Bundesebene offiziell gegen die Politik antreten. Wir machen nur auf das Papier aus Rom aufmerksam. Volk und Politiker haben ihr eigenes Gewissen und müssen danach handeln. CVP-Exponenten haben ja erklärt, dass sie nicht die Diener der Kirche sind. Das wäre in der Schweiz auch kaum möglich. Wir dürfen nicht verkennen, dass wir eine Gesellschaft ohne Kirche haben. Jedenfalls hört man nicht mehr auf die Kirche. Und die Kirche hat kaum noch Gläubige. Die verbleibenden Gläubigen wiederum haben nur wenig Glauben. Das sind drei Brüche, die unsere gegenwärtige Situation prägen. (…)"

Natürlich gab es auf diese Äusserungen vielfache Reaktionen, sowohl in Leserbriefen wie mit ganzen Artikeln. Zunächst einige Leserbriefe aus dem Tages-Anzeiger: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[3]

"Die katholische Kirche akzeptiert die homosexuelle Veranlagung, verurteilt aber deren sexuelles Ausleben. Es ist, wie wenn ich ein Leben lang glücklich wäre, aber dabei niemals lachen dürfte. Darf eine Kirche, die Menschen glücklich machen will, diesen Anspruch stellen?"

Stefan Zehnder, Zürich, im Vorstand der HAZ

"Wenn Herr Vollmar sagt, ihm sein noch nie ein glückliches homosexuelles Paar begegnet, dann ist das fast dasselbe, wie wenn ein Psychiater sagt, dass er noch nie einen gesunden Schwulen behandelt hat. Wie soll ein Schwuler in einer Kirche glücklich werden, die ein so bigottes Verhältnis zur Sexualität - und besonders zur Homosexualität - hat? Vielleicht sieht sich Herr Vollmar einmal in den Niederungen unserer Welt um und erkennt dann, dass es doch den einen oder andern Glücklichen unter uns Schwulen gibt. Allerdings wahrscheinlich ohne Kirche. Denn diese hat die Natur des Menschen ja noch nie akzeptiert."

Hans-Ruedi Schürch, Winterthur

Derselbe Michael Meier, der das Gespräch mit Paul Vollmar für den Tages-Anzeiger geführt hatte, interviewte auch den Psychotherapeuten Kurt Wiesendanger und der TA vom 23. August 2003 veröffentlichte dieses Gespräch unter dem Titel "Kirche treibt viele in Depressionen": Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[4]

"(…) TA: Wie wirkt sich (…) das Homo-Papier des Vatikans, das die Schweizer Bischöfe Paul Vollmar und Kurt Koch verteidigt haben, gerade auf junge Schwule und Lesben aus?

KW: Das hat absolut verheerende Wirkungen. Da müsste sich die Kirche im Klaren sein: Damit treibt sie viele Menschen in tiefe Depressionen. (…) Die Suizidrate unter homosexuellen Jugendlichen ist viermal grösser als bei heterosexuellen. Die katholische Kirche und die Bischöfe hätten da eine enorm grosse Verantwortung.

TA: Ist es nicht umso verwerflicher, eine Gruppe zu dämonisieren, die zu den Opfern des Holocaust gehört?

KW: Absolut. Die Gewalt gegen Homosexuelle geht allerdings in unserem Kulturkreis noch viel weiter zurück als bis zum Nationalsozialismus. Homosexuelle haben insbesondere den katholischen Inquisitionsbehörden einen hohen Blutzoll bezahlt.

(…) TA: Was ist denn der Grund für die ausgeprägte Homophobie in der katholischen Kirche?

KW: Die katholische Kirche hat ein grundsätzliches Problem mit der Sexualität. Sie definiert seit je, was in der Sexualität gut und böse ist. Dies ganz gegen das Selbstverständnis Jesu, der sich mitnichten zu irgendeiner Art von Sexualität geäussert hat, auch nicht zur Homosexualität. Die katholische Kirche muss in Sachen Homosexualität einen besonders grossen Spagat machen, weil hier, wie das Studien belegen, der Prozentsatz des homosexuellen Personals jenen der Gesamtbevölkerung deutlich übersteigt. (…) Er liegt bei katholischen Geistlichen um 20 bis 25%. Das aber darf nicht sein. Und darum wird umso vehementer dagegen angekämpft.

TA: Im Prinzip geht es also um verinnerlichte Selbstablehnung (…): Homophobe Geistliche kämpfen gegen sich selber und projizieren ihr Problem nach aussen.

KW: Genau. (…) Es geht um die unbewusste Angst vor der Infragestellung der eigenen Identität. Homophobie hat ganz zentral mit Angst zu tun: Angst, die eigene Macht, die eigene Identität zu verlieren. (…)"

Öffnet internen Link im aktuellen FensterErnst Ostertag, Oktober 2008