Pfad: Inhalt » 8. Hin zur Gleichstellung » Pink Cross » Anfangszeit des Sekretariats
Rolf Trechsel vor dem Eingang zum Büro von Pink Cross
Rolf Trechsel zum Büroeingang von Pink Cross

Dazu Rolf Trechsel in seinem Interview mit Hansjörg Wiedmer für das numero des Ursus Club Bern: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[1]

« ‹numero›: Rolf, Du bist der neue Schwulensekretär. Der erste in der Schweiz. Wie sieht […] dein Aufgabenbereich […] aus?

Rolf: […] Im Prinzip ist es einfach: Ich muss möglichst dazu beitragen, dass Schwule in Zukunft juristisch und sozial besser gestellt sind. Wenn dann irgendwann einmal in der Zukunft ein Bundesrat offiziell mit seinem Freund an einen Staatsempfang geht, dann können wir, glaube ich, das Büro wieder schliessen… Letztlich geht es bei meiner Arbeit um Kommunikation: Ich muss politischen Entscheidungsträgern, aber auch der Öffentlichkeit unsere Anliegen näher bringen.

‹numero›: Mit welchen Überlegungen hast Du […] für dieses Amt zugesagt?

Rolf: Es hat mich gereizt, das, was ich in meiner Freizeit manchmal unter Zeitnot machte, einmal professionell zu tun: Schwulenpolitik. Vor allem mache ich einen wichtigen und sinnvollen Job und kann sehr selbständig arbeiten […]. Ich habe auch Bedenken: […] Eine 40%-Stelle kann keine ‹Wunder› vollbringen und auch die vielen Einzelanstrengungen der Schwulenbewegung auf nationaler Ebene nicht ersetzen.

‹numero›: […] Was möchtest Du generell mit Deinem Einsatz erreichen?

Rolf: Im kommenden Jahr […] wird im Vordergrund stehen:

  1. Der Kampf um die gesetzliche Anerkennung von lesbischen und schwulen Lebensgemeinschaften […]. Pink Cross wird die Petition voll unterstützen.
  2. Ein Vorstoss in Sachen SBB (Bundesbahnen) – ebenfalls zusammen mit Lesben […]: Sie sollen das verbilligte 'Generalabo plus' auch für gleichgeschlechtliche (und nicht nur für heterosexuelle) Konkubinate abgeben.
  3. Der Ausbau von Pink Cross […]: Wir müssen wesentlich mehr Einzelmitglieder gewinnen, sonst ist das Sekretariat – auch mit den heutigen Stellenprozenten – gefährdet.

[…] ‹numero›: […] Welche Erlebnisse, Erfahrungen oder Begegnungen waren für Dich wegweisend?

Rolf: […] Mein Weg führte über die […] HAB […], das war vor rund 15 Jahren. Später wurde ich in den Homosexuellen Arbeitsgruppen Schweiz (HACH) aktiv, litt aber unter dem damals doch eher dogmatischen Kurs der Organisation. Einige Leute aus den Homosexuellen Arbeitsgruppen Zürich (HAZ) – ich wohnte damals in Zürich – haben dann 1987 die Arbeitsgruppe Bundespolitik gegründet und im Auftrag der HACH, aber mit einer gewissen Autonomie, die Strafgesetzrevision des Parlaments verfolgt. Dass wir allein mit einer nicht überaus aufwendigen Lobby-Arbeit das Parlament 1990 dazu brachten, im Rahmen der Revision […] das vorgesehene Verbot von gleichgeschlechtlichem Sex im Militär aufzuheben, war für mich ein Schlüsselerlebnis: Seitdem steht für mich fest, dass auch Schwule in Bern gleichsam ‹offiziell› vertreten sein müssen und dass das wirklich etwas bringt.

[…] ‹numero›: Welches ist Deine Meinung zur Diskussion um die ‹schwule Ehe›, bzw. die rechtliche Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften?

Rolf: Ich bin hier Pragmatiker: ob das Ding ‹Ehe› heisst oder nicht, interessiert mich nicht heftig. […] Es darf aber nicht eine ‹kleine› Ehe mit minderen Rechten für Schwule und Lesben geben und eine ‹grosse› Ehe, welche weiterhin Mann und Frau vorbehalten ist. Von dem her halte ich es persönlich am realistischsten, analog zu Dänemark, die Rechte und Pflichten der heutigen Ehe zu übernehmen. Aber das ist lediglich meine persönliche Meinung.

‹numero›: […] Wie sieht deine Beziehung zum Ursus Club aus […]?

Rolf: Ich gehe sehr gerne in den Club. […] Ich finde es sehr wichtig, dass sich hier verschiedenste ‹Szenen› der Schwulen treffen. In diesem Sinne hat der Ursus Club sicher dazu beigetragen, dass Pink Cross überhaupt möglich wurde. Besonders gefreut hat mich natürlich, dass der Ursus Club Pink Cross-Mitglied wurde, obwohl das finanziell einiges für den Club bedeutet. […]»

Das aK Anderschume/Kontiki 1/1994 veröffentlichte ebenfalls ein Interview, das der leitende Redaktor, Hans Ineichen, mit Rolf Trechsel geführt hatte. Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[2] In der Überschrift und den Anfangssätzen hiess es:

«Der erste professionelle Schwulen-Lobbyist.

Pink Cross […] ist an einem ersten Ziel angelangt: Ab Ende Monat (eos: Februar 1994) kümmert sich Rolf Trechsel im Auftrag von Pink Cross um unsere Anliegen. Das ist eine Premiere, denn bisher hat in der Schweiz noch nie ein Schwuler auf nationaler Ebene professionell – das heisst gegen Bezahlung – für Schwule Lobbyarbeit betrieben. […]»

Aus dem Interview:

«aK: Die Schwulenbewegung hat in letzter Zeit Fortschritte erzielt. […]

Rolf Trechsel: Es hat sich tatsächlich viel in eine gute Richtung entwickelt, […]. Umgekehrt, wenn ich an Gespräche denke, wie zum Beispiel jenes von heute morgen… Da hat mir ein Schwuler seine Probleme geschildert, die er mit der Aufenthaltsbewilligung für seinen ausländischen Partner hat. Er fragte mich: ‹Wann kann man in der Schweiz heiraten?› Wenn ich von solchen Sachen höre, erinnert mich das daran, dass wir noch viel zu tun haben. Wir werden zwar toleriert, aber noch nicht akzeptiert. Wir sind manchmal zu schnell zufrieden, wenn man uns nur persönlich in Ruhe lässt.

aK: Wo sind die hauptsächlichsten Negativpunkte der Situation von Schwulen in der Schweiz?

Rolf: Im rechtlichen Bereich sind es die gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften, die inexistent sind. Das hat damit zu tun, dass schwule Beziehungen – und lesbische auch – praktisch unsichtbar bleiben.

Wir treten kulturell kaum in Erscheinung. Es gibt nur ganz wenige Bücher, in denen schwule Beziehungen ganz selbstverständlich vorkommen. Deshalb ist es schwierig für junge Schwule, aber auch für ältere, sich mit diesem Lebensstil zu identifizieren – weil es keine Vorbilder gibt.

Was mich gegenwärtig besonders bedrückt, sind all die vielen Schwulen, die an Aids erkranken und sterben.

[…] aK: Was kann ein Schwuler konkret von Dir erwarten? Sagen wir, einer, der seine Wohnung verliert, weil er schwul ist?

Rolf: Ich kann ihm einen Anwalt vermitteln. Ich kann ihn unterstützen bei der Medienarbeit, wenn er in die Öffentlichkeit gehen will. Und ich könnte ihm Finanzen organisieren, wenn er einen Prozess führen will. Pink Cross ist aber nicht in erster Linie eine Beratungsstelle. […]

aK: Wieso machen die Lesben nicht mit bei Pink Cross?

Rolf: Ich bedaure das sehr. Wir haben versucht, auch die Lesben mit einzubeziehen, aber es ist nicht gelungen. Ich hoffe, dass das später möglich ist. Ich finde es wichtig, dass wir in einzelnen Projekten zusammenarbeiten und so die Voraussetzungen schaffen, dass wir später Pink Cross erweitern können. […]»

«Pink Cross: 26 m2 für 40’000 km2»

War der Titel des Bericht in eigener Sache von Rolf Trechsel, ein Beitrag zur Jubiläumsschrift «25 Jahre HAZ, 25 Jahre lesbischwule Emanzipation» 1997: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[3]

«Pink Cross ist… Pink Cross will… Die Leitbilder und Programme sind mehr oder weniger bekannt.

Um die Noch-nicht-Mitglieder von Pink Cross zu ihrem Glück zu überreden, versuchen wir es einmal mit Büro-Sightseeing.

Es handelt sich um 26 m2 in einem ruhigen Berner Wohnquartier […], ein heller, rechteckiger Raum mit Teppich – denn Pink Cross arbeitet möglichst ohne Lärm, um hin und wieder umso heftiger auf die Pauke zu hauen. Den Wänden entlang ausrangierte Norm-Bundesverwaltungsmöbel aus Holz […] à 40 Franken das Stück, Symbol eines sparsam-sachlichen Bürokratismus. An der Wand ein Keith Haring Plakat mit den Bremer Stadtmusikanten als Programm: Zusammenstehen, auf die Hinterbeine, und schon erscheint man mächtig stark. Das ist nötig, denn auf den 26 m2 soll die Schweiz verändert werden – mindestens in Sachen Schwulenfreundlichkeit. Rechts am Fenster der Schreibtisch mit Computer und Telefon, links vis-à-vis das Faxgerät.

Ein paar Ideen, Zeit und Papier reichen, um einiges in Bewegung zu setzen. Etwa um Politikerinnen und Chefbeamte zu kontaktieren, damit in Sachen gleiche Rechte für gleichgeschlechtliche Paare die Dinge möglichst rund laufen. Um massenhaft Eingaben für eine lesbisch-schwule Schutzklausel in der Bundesverfassung auszulösen. Oder um Medienleuten Themen ins Ohr zu setzen, die an die Öffentlichkeit gehören, wie etwa das Blutspendeverbot für Schwule oder der Basileia Umpolungs-Humbug.

Das Telefon jodelt – und wieder braucht jemand die Adresse eines Anwalts. Oder eine Journalistin sucht Material zum Thema Werbung für Schwule. Dafür ist der graue Metallkasten mit den Hängemäppchen links an der Wand zuständig: Das Archiv der Zeitungsausschnitte, das bald aus allen Nähten platzt. Gesammelt werden hier auch alle Fälle von Diskriminierungen einzelner Schwuler, welche Pink Cross zu Ohren kommen. Interventionen sind oft erfolgreich; ein Wink mit der Öffentlichkeit wirkt manchmal Wunder.

Hin und wieder hört man nur die Lüftung des Computers. Dann werden Briefe, Pressemitteilungen oder das neue Pink Paper, die Mitgliederzeitung, getippt. Oder die wachsende Mitgliederdatei wird revidiert. Es sind noch Plätze frei. 26 m2 können 40’000 km2 nur verändern, wenn dahinter ein paar tausend Leute stehen. Realistische Weltverbesserer – genauer: Schweizverbesserer – wie Sie.»

Die leitenden Männer

Thierry Frochaux berichtete im aK anderschume/Kontiki 2/1997 (April-Mai), S.13 unter dem Titel «Gründerpräsident tritt ab»: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[4]

«Vor vier Jahren tingelten schwule Aktivisten durch die Szene und suchten Mitglieder für einen neuen Dachverband. Heute zählt Pink Cross bereits über 1000 Einzelmitglieder. Jetzt ist Gründerpräsident Beat Wagner zurückgetreten.

[…] Als der ehemalige Präsident der Aids-Hilfe Bern angefragt wurde, ob er der noch in Gründung befindlichen […] Organisation Pink Cross vorstehen wolle, sagte er spontan zu. […] Die Arbeit wurde rasch mit Erfolgen belohnt. […] ‹Heute ist Pink Cross eine anerkannte Interessenvertretung der Schwulen in den Medien, in den Wandelgängen des Bundeshauses und in der Verwaltung›, ist Beat Wagner zufrieden. Ein Etappenziel ist erreicht. […] ‹Die Strukturen funktionieren, jetzt geht es darum, das momentane Reagieren zum Agieren und die Abwehr von Diskriminierungen zum Vorantreiben der Gleichberechtigung zu wandeln.› »

Nach seinem Rücktritt stellte sich Beat Wagner für eine neue Aufgabe zur Verfügung: Er wurde Delegierter von Pink Cross im Schweizer Fonds zugunsten bedürftiger Opfer des Holocaust.

Öffnet internen Link im aktuellen FensterDer Pink Cross Fonds Respect >>

Zum Nachfolger von Beat Wagner orientierte ein Kasten: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[5]

«Der neue Präsident von Pink Cross heisst Beat Meyenberg. Der 49-jährige Berner Berufsschulinspektor engagiert sich seit 1968 in der Schwulenbewegung. Bis vor kurzem war er im Vorstand der Aids-Hilfe Schweiz, die er unter Protest verliess. Meyenberg war bereits Mitglied des Gründervereins von Pink Cross.»

Die Präsidenten von Pink Cross

Nicolas Wenger
(Vorverein, 1991–199)

Beat Wagner
1993–1997

Beat Meyenberg
1997–1998

Mark Bächer
1998–2000

François Baur
2000–2004

Rolf Trechsel
2004–2006

Adrian Camartin
2006–2007
Yves de Matteis und Pierre-André Rosselet
Co-Präsidium seit 2007 bis heute

Die Leiter des Schwulensekretariats, Geschäftsleiter

Martin Abele und Thomas Gyger
Administration Vorverein und Anfang Pink Cross bis 1994

Rolf Trechsel
Anfang März 1994 bis Ende Mai 2000

Moël Volken
ab 1. August 2000 bis Mai 2009

Rolf Trechsel dazu: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[6]

«Der Sprung über den Röstigraben war recht schwierig, wollte doch Dialogai (Romandie Dialogai) – damals die einzige grössere Schwulenorganisation in der Westschweiz – zuerst nicht Mitglied von Pink Cross werden. Es brauchte mehrere ‹Bittgänge› nach Genf.»

Im Juli 1998 konnte das geplante Secrétariat romand von Pink Cross eröffnet werden. Erster Secrétaire war Yves de Matteis in Genf. Er führte diese Stelle bis 2001. Dann übernahm sie Jean-Paul Guisan in Lausanne, wo das Sekretariat bis 2007 blieb. In diesem Jahr zog Guisan nach Genf und leitete es dort weiter, was er auch heute noch tut.

Die Mitgliederzahlen stiegen rasant an. Sie verdoppelten sich in der ersten Zeit jährlich und erreichten bald über 2000, «dies allerdings nur dank grosser Werbeanstrengungen». Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[7]

Mitglieder-Zeitungen und andere regelmässige Publikationen

PinkMail Logo
PinkMail, Info-Zeitung der Schweizerischen Schwulenorganisation Pink Cross

Pink Paper hiess das erste Infoblatt von Pink Cross. Es erschien zweimonatlich, erstmals im Juni 1995 und kam auf 12 Ausgaben.

Mit Nummer 13 vom Oktober 1997 änderte sich der Name: Im Grossformat hiess die Zeitung ab nun Pink Mail bis heute. Sie informiert zweisprachig mit Berichten und Kommentaren über die Tätigkeiten von Pink Cross sowie politische, gesellschaftliche Vorkommnisse und interne Veranstaltungen. Pink Mail erscheint fünf Mal pro Jahr.

Presseschau – Pressespiegel – Revue de Presse

Logo «LES - BI - SCHWULE PRESSESCHAU, REVUE DE PRESSE LES - BI - GAIE»
«LES - BI - SCHWULE PRESSESCHAU, REVUE DE PRESSE LES - BI - GAIE»

Ab 1993 gab die HAZ ein Bulletin, die Presseschau, heraus. Sie konnte im Abonnement bezogen werden und erschien monatlich. Aus Zeitungen und Zeitschriften der Schweiz wie der internationalen Presse herausgeschnitten, zusammengestellt und kopiert waren darin Berichte, Artikel, Leserbriefe, Kommentare, die das weite Feld «Homosexualität» betrafen: interessante, witzige, bissige, köstliche, böse, gute und schlechte Beiträge, übersichtlich geordnet, immer mit Angabe von Quelle und Datum. Eine brauchbare Fülle an Informationen und Nachrichten.

1997 übernahmen Pink Cross und LOS das Bulletin und nannten es zeitweise Pressespiegel. Ab 1998 erschien es nur noch im Namen von Pink Cross unter dem bisherigen Titel Presseschau. Von nun an lag die Auswahl und Redaktion (bis heute) in den Händen von Martina Camenzind. Sie berichtete: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[8]

«Die Presseschau ist eigentlich ein ‹Abfallprodukt›. Für seine Arbeit braucht Pink Cross einen Medienbeobachtungsdienst, damit wir wissen was läuft. Der kostet natürlich, und das nicht zu knapp. Die Abopreise für die Presseschau dienen eigentlich dazu, diese Kosten ein wenig aufzufangen.»

Ab 2001 beteiligten sich (ebenfalls bis heute) die HAB und HAZ daran. Jetzt nennt sich die Publikation Les-bi-schwule Presseschau – Revue de Presse Les-bi-gaie und ist weiterhin das einzige Info-Organ des Landes mit Originalberichten in den Originalsprachen zu Themen, welche die lesbisch-schwule Gemeinschaft betreffen.

Öffnet internen Link im aktuellen FensterErnst Ostertag, Mai 2008