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Am Samstag, 5. Juni 1993, 14.30 Uhr war es so weit: Der Gründerverein lud zu seiner

  1. zweiten Generalversammlung ein, an welcher
  2. der neue Dachverband Pink Cross mit Schwulensekretariat gegründet werden sollte.

Das Interesse war gross. Es trafen sich über 100 Mitglieder im Berner "anderLand", dem damaligen Lokal der HAB (Homosexuelle Arbeitsgruppen Bern) am Mühleplatz unten beim Aare-Ufer.

Beat Wagner, Erster Präsident von Pink Cross
Beat Wagner, Erster Präsident von Pink Cross

Laut Protokoll dieser zweiten GV des Gründervereins berichtete der Vorstand:

"Die zur Gründung von Pink Cross notwendigen Massnahmen wurden getroffen. Die schriftlich eingereichten Vorschläge zur Änderung des Statutenentwurfs wurden zum grössten Teil berücksichtigt. Der Entwurf eines Leitbildes, das verschiedene grundsätzliche Schwerpunkte setzt, liegt vor; Konkretes wird im Arbeitsprogramm des neuen Vorstandes bestimmt.

Die Bemühungen bei der Öffentlichkeitsarbeit haben Früchte getragen: belief sich die Anzahl der Mitglieder in Basel noch auf insgesamt 24 Organisationen und 74 Einzelmitglieder, so waren es am 31. Mai 1993 bereits 28 Organisationen und 269 Einzelmitglieder."

Dann folgte der Beschluss zur Auflösung des Gründervereins mit dem Übertragen des Vermögens an Pink Cross und dem Dank an alle für ihre Unterstützung in finanzieller und anderer Form sowie an die Vorstandsmitglieder für ihren Einsatz.

Im zweiten Teil wandelte sich die GV zur Gründerversammlung.

Der Beschluss zur Gründung von Pink Cross kam einstimmig zustande. Ebenso einstimmig erfolgten die Annahme der Statuten und ihre Inkraftsetzung. Dies mit der Feststellung, "dass die französische und die deutsche Version der Statuten gleichermassen verbindlich" seien.

Auch das Leitbild wurde einstimmig genehmigt und ebenso der zusätzliche Antrag, "dass sich Pink Cross an der Trägerschaft der Petition 'Gleiche Rechte für gleichgeschlechtliche Paare' beteiligt".

Der erste Pink-Cross Vorstand

Die Versammlung wählte mit grossem Mehr neun Personen in den Vorstand:

Beat Wagner, Zürich
als Präsident

Christoph Wüthrich, Bern
als Vertreter deutschsprachiger Organisationen

Thomas Gyger, Zürich
als Vertreter deutschsprachiger Organisationen

Rolf Trechsel, Bern
als Vertreter deutschsprachiger Organisationen

Yves de Matteis, Genève
als Vertreter französischsprachiger Organisationen

Hanspeter Steger, Zürich
als Vertreter deutschsprachiger Betriebe

Alexander Herkommer, Lausanne
als Vertreter französischsprachiger Betriebe

Andreas Widmer, Döttingen (AG)
als deutschsprachiges Einzelmitglied

François Brutsch, Genève
als französischsprachiges Einzelmitglied

Die gewählten Rechnungsrevisoren waren: Beat Meyenberg und Carl Zibung.

Aus den Pink Cross-Statuten

Name
Unter dem Namen "Pink Cross - Schwulenbüro Schweiz / Antenne gaie suisse / Segretariato Gay Svizzero" besteht ein Verein im Sinne von Art. 60 ff, ZGB.
Sitz
Sitz des Vereins ist Bern.
Zweck
1. Pink Cross vertritt die Interessen der Schwulen in der Schweiz.
2. Pink Cross ist parteipolitisch und konfessionell neutral.
1. Pink Cross représente les intérêts des gais en Suisse.
2. Pink Cross est neutre vis-à-vis des partis et des églises.
Mittel
Zur Verwirklichung seiner Ziele betreibt Pink Cross ein professionelles Sekretariat, welches insbesondere:
- schwulen Organisationen und Betrieben als Informations-Drehscheibe dient;
- schwule Anliegen und Stellungnahmen in die Medien bringt;
- Aufklärungskampagnen in der Öffentlichkeit durchführt;
- schwule Interessen gegenüber PolitikerInnen und Behörden vertritt;
- die Organisation von Veranstaltungen entsprechenden Inhalts durchführt oder unterstützt;
- die Kontakte zu nationalen und internationalen Organisationen mit ähnlichen Zielsetzungen pflegt;
- Geld äufnet, um nationale Projekte zu unterstützen.
Mitgliedschaft:
1. Mitglied von Pink Cross können Organisationen, Betriebe oder Einzelpersonen sein, welche die Ziele von Pink Cross unterstützen. 2. Interessierte Organisationen können sich dem Verein als Beobachter anschliessen.

Aus dem Pink Cross-Leitbild

 "(…) Ziel (…): offen schwules Leben im Alltag zur gesellschaftlich anerkannten Realität (…) machen. (…) Wir wollen gemeinsame nationale Interessen wirksam vertreten und uns einmischen, wo wir betroffen sind - gegenüber Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit.

(…) Wir wollen regionale und lokale Initiativen nicht konkurrenzieren, sondern suchen die Zusammenarbeit, die Vernetzung und den Informationsaustausch zwischen Gruppen, Betrieben und Einzelpersonen in Bereichen wie Politik, Freizeitgestaltung und Kultur zu fördern.

Pink Cross (…) hält sich (…) offen für die Zusammenarbeit mit Lesben sowie mit anderen politischen und gesellschaftlichen Organisationen im In- und Ausland, die sich die Beseitigung jeder Form von Diskriminierung zum Ziel gesetzt haben.

Pink Cross will mittels eines (…) Schwulenbüros als Geschäftsstelle (…) vor allem durch politische Überzeugungsarbeit und (…) aktive Medienpolitik selbstbestimmtes schwules Leben als gleichberechtigte Lebensform der Gesellschaft durchsetzen. Lobbying und öffentliche Kommunikation zu diesem Thema müssen ein dauernder Schwerpunkt dieser Arbeit sein.

Die rechtliche und faktische Gleichstellung der Schwulen wird nur erfolgen können, wenn die offensichtlichen Diskriminierungs-Tatbestände nach schweizerischem Recht und im gesellschaftlichen Alltag zum Thema der öffentlichen Auseinandersetzung werden. Homosexuelle, die zusammen leben, erfahren in urbanen Umgebungen zwar zunehmend soziale Anerkennung, eine rechtliche Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften gibt es jedoch nicht.

Daher sollen die folgenden Themen durch Pink Cross und sein Büro prioritär an die Hand genommen werden:

Aufklärung nach aussen (…) zum Abbau von Vorurteilen und faktischer Diskriminierung auch in Form verdeckter Homophobie und offener Gewalt.

Ausdehnung der Antidiskriminierungs-Gesetzgebung auf die sexuelle Orientierung; in diesen Zusammenhang gehören u.a. (…) die Diskriminierung in (…) Form willkürlicher Repression durch (Polizei-)Behörden, (…) am Arbeitsplatz und die (…) Nicht-Berücksichtigung der Verfolgung auf Grund sexueller Orientierung im Asylrecht.

Reformen der schweizerischen Gesetzgebung hinsichtlich der Anerkennung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften mit (…) Anpassungen in den Bereichen Sozialversicherung, Besteuerung, Erbrecht, Mietrecht, Aussageverweigerungs- und Besuchsrecht, Aufenthalt von Ausländern etc.

Die Gestaltung einer Gesundheitspolitik, die den verantwortlichen Umgang mit Aids und seiner sozialen Folgen durch Behörden, Institutionen und Einzelpersonen ermöglicht, in Zusammenarbeit mit der Aids-Hilfe Schweiz und den regionalen Aids-Hilfen.

Meinungsbildung und Aufklärung im inneren (…): Förderung der Selbstverwirklichung des einzelnen (…), Abbau von Ausgrenzungen innerhalb der (…) homosexuellen Männer und Frauen."

Interessant ist ein Vergleich mit dem nach der gewonnenen Abstimmung über das Partnerschaftsgesetz veränderten Leitbild und den dort aufgeführten Zielen. Sie wurden am 14. Januar 2006 vom Vorstand verabschiedet und an der Pink Cross Mitgliederversammlung vom 22. April 2006 in Yverdon (VD) angenommen. Aus diesem Leitbild:

"Für die kommenden Jahre hat sich PINK CROSS folgende Ziele gesteckt:

  • Ausweitung des heutigen Antirassismus-Artikels im Strafgesetzbuch zu einem Antidiskriminierungsartikel, welcher auch Lesben und Schwule schützt.
  • Stufengerechte Informationen an den Schulen zur sexuellen Orientierung, Aufnahme des Themas in Lehrpläne und Lehrmittel.
  • Entspannung der Situation am Arbeitsplatz. Sensibilisierung der Arbeitgeber für die Gefahr von Mobbing und für andere Nachteile, die Arbeitnehmern im Zusammenhang mit der sexuellen Orientierung erwachsen können.
  • Vorbildliches Engagement der offiziellen Schweiz für die Menschenrechte von Schwulen und Lesben weltweit. PINK CROSS will bewirken, dass die Schweiz international zu jenen Ländern gehört, die sich am meisten für Lesben und Schwule einsetzen.
  • Verbesserung der Gesundheit schwuler Männer. PINK CROSS initiiert oder unterstützt Massnahmen zum psychischen und physischen Wohlbefinden homosexueller Männer.
  • PINK CROSS stimmt seine Tätigkeit ab mit den nationalen Organisationen der Lesben und der Angehörigen von Lesben und Schwulen. PINK CROSS arbeitet ebenfalls eng mit regionalen Organisationen und Gruppen zusammen, welche besondere Interessen oder Berufe vertreten. Ausserdem ist PINK CROSS aktives Mitglied des internationalen lesbischen, schwulen, bi- und transsexuellen Netzwerkes."

Aus dem ersten Jahr

Am 19. März 1994 hielt Pink Cross seine erste Mitgliederversammlung ab und wiederum traf man sich im "anderLand" der HAB (Homosexuelle Arbeitsgruppen Bern). Laut Protokoll von Rolf Trechsel rief der Präsident, Beat Wagner, Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[1]

"in Erinnerung, dass fünf Menschen, die bei Pink Cross mitgearbeitet haben, im letzten halben Jahr verstorben sind:

Otto Marti

Peter Rohrer

Hans-Jörg Nüesch

Andreas Widmer

Hanspeter Liechti

Er würdigt ihre Verdienste um den Verband."

"Der Präsident informiert, dass der Vorstand beabsichtigt, bei der International Lesbian and Gay Association (ILGA) einen Beitrittsantrag zu stellen, ebenso bei der Aids-Hilfe Schweiz (AHS). In beiden Fällen würde Pink Cross die HACH als bisherigen Dachverband der Schwulen ablösen."

Zum Traktandum Wahlen erwähnte das Protokoll den Rücktritt von fünf Vorstandmitgliedern (ein sechster, Andres Widmer, war verstorben), während drei der bisherigen wieder kandidierten: Beat Wagner, Yves de Matteis und Hanspeter Steger. Mit grosser Mehrheit wurden zehn neue Kandidaten gewählt, sodass der Vorstand nun 13 Mitglieder zählte. Die neuen waren:

Lukas Bühlmann, Bern
 
Dominique Chouet, Zürich
als Vertreter der Romandie
Bruno Ferrini, Lugano
als Vertreter des Tessins
Carlo Roggli, Zürich
 
Daniel Schifferle, Zürich
 
Goei Shun-li, Lugano
als Vertreter des Tessins
Beat Stutzer, Luzern
 
Ralph Thomas, Biel
als Vertreter der Romandie
Moël Volken, Bern
als Mitglied der HuK (Homosexuelle und Kirche)
Nicolas Wenger, Bern
 

Auch die beiden Rechnungsrevisoren wurden wiedergewählt.

Aus dem Jahresbericht des Präsidenten:

"Nach der Stellenausschreibung und der Evaluation der Kandidaten wählte der Vorstand Rolf Trechsel zum Schwulensekretär. (…) Zudem ist es gelungen, einen geeigneten Büroraum zu mieten. Die Eröffnung des Büros und die Vorstellung des Sekretärs Anfang 1994 brachten eine erfreuliche Publizität. (…)

Einzelne Aktivitäten:

(…) Nachdem die Gründungsversammlung der Beteiligung an der Petition 'Gleiche Rechte für gleichgeschlechtliche Paare' zugestimmt hatte, beschloss der Vorstand eine finanzielle Unterstützung des Komitees in der Höhe von 4000 Franken. Zudem dient das Büro der Logistik bei der Lancierung der Petition und der Sammlung von Unterschriften. (…)

Die Arbeit des Schwulenbüros ist sehr gut angelaufen. Der Vorstand traf sich in der Regel monatlich zu Sitzungen, (…)."

Im Spätsommer 1994 brachte das Sekretariat einen ersten Pink Cross Flyer in Leporello-Form heraus. Darin waren 33 Organisationen als Mitglieder von Pink Cross aufgelistet. Zudem gab es zur Anmeldung für neue Gönner und Einzelmitglieder einen Abschnitt:

"Es lohnt sich, bei Pink Cross dabeizusein".

Öffnet internen Link im aktuellen FensterErnst Ostertag, Mai 2008