Network - der Verein für schwule Führungskräfte
Der Weg zur Gleichstellung
ab 1995
Was Network sein will und die Anfänge von Network hat der erste Leiter des professionellen Schwulensekretariats PINK CROSS, Rolf Trechsel, kurz zusammengefasst. Er tat dies in einem Interview für die Network News vom Oktober 2000
[1] , indem er - damals war er Präsident von Pink Cross - Fragen beantwortete, die Thomas Voelkin ihm stellte:
[2]
TV: "Du warst am Anfang von NETWORK im Vorstand, warst eines der Gründungsmitglieder. Du warst dabei, bevor die Regionalgruppe Bern entstand.
RT: Ja, ich kannte (die beiden Initianten von Network) Jan Willem van Lynden und Matthias Camenzind von der Aids-Arbeit. Darum war ich von Anfang an (in der Zürcher Regionalgruppe) dabei. Die Regionalgruppe Bern ist (wenige Monate später) ohne mein Dazutun entstanden. Dafür hatte ich neben Pink Cross schlicht keine Zeit. Uns war von Anfang an klar, Network ist etwas anderes als Pink Cross. Es gab aber eine Zeit lang in einigen Köpfen so etwas wie eine Konkurrenzsituation. Inzwischen hat sich das gegenseitige Verhältnis geklärt und wir ergänzen uns in idealer Weise. (…) Pink Cross ist eine Dachorganisation, kein Club und steht allen offen. Network ist exklusiver, hat einen ganz anderen Zugang zu politischen Entscheidungsträgern. Zusammen können wir sehr viel bewirken."
Vorgeschichte und Gründung
Aus einer Network Informationsmappe vom Jahr 2000:
"Im Frühjahr 1995 diskutierten der Architekt Jan Willem van Lynden und der Wirtschaftsjournalist Matthias Camenzind über die Situation homosexueller Männer am Arbeitsplatz. In verschiedenen Gesprächen mit Freunden hatten sie festgestellt, dass es trotz zunehmender Toleranz in der Gesellschaft für viele schwule Führungskräfte schwierig ist, ihr persönliches und wirtschaftliches Potential auf selbstverständliche und natürliche Weise umzusetzen. Aufgrund der Erkenntnis, dass der Alltag auf Führungsetagen mit der fortschreitenden Akzeptanz nicht Schritt gehalten hat, und mit dem Wissen, dass sich dieser Zustand nur durch gemeinsames Handeln ändern lässt, trugen sich die beiden mit dem Gedanken, eine Art schwulen Service-Club zu gründen.
In einem erweiterten Kreis wurden mögliche Ziele eines solchen 'Clubs für schwule Manager' definiert und die Erfolgschancen abgewogen. (…)
Im Juni luden die zwei Initianten zusammen mit dem Kino-Unternehmer Matthias (This) Brunner und dem jungen PR-Unternehmer Urs Jenni zu einem Apéro ein, an dem über 70 schwule Kaderleute und Selbständige aus den verschiedensten Branchen teilnahmen. Die Heterogenität dieser Runde zeigte, dass gemeinsames Handeln nur durch eine pluralistische Organisationsstruktur möglich sein würde. Sie nahmen das Bild von einem künftigen Verein nach Hause, der als soziales Netz funktionieren und dessen tragendes Fundament der Wunsch nach gegenseitiger Unterstützung und gemeinsamem Wirken bilden soll. (…)"
Am 16. September 1995 trafen sich die ersten 45 Mitglieder zur Gründungsversammlung eines Vereins NETWORK. Die konstituierende Generalversammlung des Vereins fand am 26. Januar 1996 statt. Dabei wurde Jan Willem van Lynden zum Präsidenten gewählt.
Er selber schilderte Vorgeschichte und Zweck des Vereins mit folgenden Worten, zitiert aus der Informationsmappe von 2000:
[3]
"Am Anfang von Network stand (…) die Begegnung zweier Männer. Ein gemeinsamer Freund arrangierte ein Mittagessen. (…) Beide waren schon seit Jahren für die HIV-Prävention und in der Aids-Hilfe engagiert. (…)"
Jan Willem van Lynden war Präsident der 1993 gegründeten Stiftung Lifeline, welche die Mittelbeschaffung für Aufgaben im Aids-Bereich bezweckte und deren Nutzniesser alle im Kanton Zürich in der Aids-Arbeit tätigen Organisationen waren. Ein Beispiel ihres Wirkens: der "Walk for Life".
"Die beiden empfanden es als bedenklich, dass zwei im Aids-Bereich engagierte schwule Männer sich nicht kennen gelernt hatten. Offenbar brauchte es diesen gemeinsamen Freund für den wertvollen Kontakt. So diskutierte man schliesslich darüber, dem 'Zufall' mit einer Institution auf die Beine zu helfen: Das war die Geburtsstunde von Network, getragen vom Grundsatz, dieses Netzwerk möge Führungskräften offen stehen. (…)
Der Begriff 'Führungskräfte' wird breit ausgelegt. Wir verstehen darunter Männer in leitender Funktion für die Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Bildung, Kultur und Kirche sowie im Sozialen, Staatsdienst, Militär und in freien Berufen. Network, als Service-Club aufgebaut, bietet seinen Mitgliedern wertvolle Unterstützung in geselligem Rahmen mit der Möglichkeit, geschäftliche Verknüpfungen zu realisieren. Zu den Hauptanliegen von Network gehört das Bestreben, Errungenschaften der Homosexuellen aus den letzten hundert Jahren in Gesetzesänderungen umzusetzen. Dann werden wir unser zentrales Ziel erreichen, die mittlerweile spürbare Toleranz gegenüber schwulen Anliegen in vorbehaltlose Akzeptanz zu wandeln, insbesondere am Arbeitsplatz.
(…) Nur wenn der rechtliche Rahmen sanktioniert sein wird, können wir unser Leben so gestalten, wie wir es möchten, können wir ein Optimum zur Entwicklung der Gemeinschaft beitragen. Dann haben wir die beruhigende Gewissheit, dass auch künftige schwule Generationen zielgerichteten Einsatz leisten können und sich nicht weiterhin mit einer kaschierenden Lebensweise im Wege stehen.
Das bedingt allerdings, dass jedes Mitglied von Network seine individuellen Fähigkeiten ein- und den Verein voranbringt. Nichts ist spannender als die Zusammenarbeit von Gleichgesinnten für gemeinsame Ziele zur Verwirklichung überfälliger Ansprüche. Es liegt an uns!"
Statuten, Präsidenten, Regionalgruppen
Aus den Statuten:
Zweck: "Der Verein (…) bietet seinen Mitgliedern die Möglichkeit ein Netzwerk zu bilden und Informationen und Dienstleistungen auszutauschen.
Er fördert die Interessen seiner Mitglieder und der schwulen und bisexuellen Gemeinschaft."
Mittel: "Der Verein organisiert regelmässig Veranstaltungen unterschiedlicher Art mit der Möglichkeit, Projekte zu entwickeln und durchzuführen. Dies in den Bereichen Politik, Wirtschaft, Kultur, Gesellschaft, Gesundheit, Unterhaltung und Wohltätigkeit.
Der Verein kann weitere Tätigkeiten ausführen oder sich an Projekten beteiligen, die dem Vereinszweck förderlich sind."
Projektkommissionen: "Der Vorstand kann zeitlich beschränkt oder auf die Dauer Projektkommissionen für einzelne Projekte initiieren und an diese die notwendigen Kompetenzen delegieren. Die Erfüllung der Aufgaben der Projektkommissionen ist freiwillig und erfolgt normalerweise auf eigene Kosten der Mitglieder."
Präsidenten
- Jan Willem van Lynden
- 1996-1999
- Markus Berger
- 1999-2003
- Peter Michel
- 2003, ca. sechs Monate
- Thomas Peter
- 2003-2008
- Oliver Fritz
- ab 2008
Sekretariat, Geschäftsstelle
- Riet Tramèr
- 1995
- Vincenzo Paolino
- 1996
- Emil Brunold
- 1996-1999
- Dietmar Zegg
- 1999-2000
- Emil Schreyger
- ab 2000
Mitglieder und Regionalgruppen
Heute beläuft sich die Mitgliederzahl auf über 300 Männer aus allen Sparten der Wirtschaft, Verwaltung, Wissenschaft, Kultur sowie des Bildungs- und Gesundheitswesens. Es bestehen sieben Regionalgruppen, in der Reihenfolge ihres Entstehens: Zürich, Bern, Luzern, Basel, St. Gallen, Romandie: Lausanne und Genf. Zu den städtischen Zentren zählen stets die umliegenden Regionen, so etwa Luzern und Zentralschweiz oder St. Gallen und Ostschweiz mit Liechtenstein.
Mitglieder, Interessenten und Gäste treffen sich wöchentlich oder zweiwöchentlich in meist kleinen Gruppen zum Apero in ihrer Stadt, wobei gegenseitige Besuche aus anderen Regionen erwünscht sind. Dasselbe gilt für alle regional organisierten Anlässe. Der Verein als Ganzes führt ebenfalls diverse Veranstaltungen für alle durch, dies sowohl in der Schweiz wie im Ausland. Die jeweiligen Ankündigungen und Anmeldungen erfolgen via Vereinszeitschrift Network News und über elektronischen Informationsaustausch. Ein Grossteil dieser Anlässe sind kultureller Natur und werden mit sachkundiger Leitung angeboten. Häufig gehören, besonders bei Wochenend-Exkursionen, Begegnungen mit Politikern und/oder Künstlern und deren Schaffen zum Programm. Auch gemeinsame Wanderungen und Treffen zum Wintersport kommen zur Durchführung.
Ähnliche Vereine im Ausland, zu denen Network in Verbindung steht
- Deutschland
- vk, Völklinger Kreis, Verband Gay Manager e.V., gegründet 1991
- Niederlande
- Genius, gegründet 1992
- Frankreich
- L'Autre Cercle, gegründet 1998
- Österreich
- agpro, Austrian Gay Professionals, gegründet 1999
Echo in der Schwulenpresse
Thomas Müller schrieb im aK anderschume/Kontiki vom Oktober/November 1995:
[4]
"Schon vor der eigentlichen Gründerversammlung am 16. September (…) hat Network eine überwältigende Resonanz ausgelöst. Zu einem ersten Cocktail im Juni kamen 70 Schwule und noch einmal so viele bekundeten ihr Interesse. Network will ein Forum sein für schwule Führungskräfte und Entscheidungsträger, wo man 'sich kennen lernt, übers Geschäft, über Politik und über Kultur nicht nur spricht, sondern von den Kontakten profitiert und entsprechende Projekte plant.' (…)
Ein 'Standard-Mitglied' zahlt gemäss provisorischem Statutenentwurf einen jährlichen Mindestbeitrag von 500 Franken (heute 650), ein 'Powermitglied' 2000 und ein 'Sponsor' 5000 Franken. Zielvorgabe sind 500 Mitglieder. Angesichts solcher Zahlen hat Network bereits den Übernamen 'schwuler Rotaryclub' abbekommen. (…)
Selbst aus der Sicht von Pink Cross, wo man sich wegen der gesamtschweizerischen Ausrichtung konkurrenziert fühlen könnte, wird Zustimmung (…) signalisiert. (…)
Dass die Network-Initianten vor allem im Fundraising einiges zu Wege bringen können, hat Jan Willem van Lynden schon bisher als Präsident der 'Life Line-Stiftung' bewiesen. (…) Network will erklärtermassen mit möglichst vielen Schwulen zusammenarbeiten. (…)"
Ernst Ostertag, Juni 2008 und November 2011



