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Wie es dazu kam

Der Leiter des schmaz, Karl Scheuber, berichtete in einem Gespräch am 8. Mai 2008: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[1]

"Am Zürcher CSD vom 26. Juni 1989 gab der Schwulen-Chor aus Köln - er nannte sich Triviatas - ein Konzert im Kanzlei-Zentrum. Ich hörte die köstlich gelungene Darbietung zusammen mit einigen Lehrer-Freunden aus der VHELS (Vereinigung homosexueller Erzieher/innen und Lehrer/innen der Schweiz) und wir waren davon so sehr angetan, dass in einer Gesprächsrunde unmittelbar nach dem Auftritt der Kölner die Idee entstand, etwas Ähnliches müsste eigentlich auch bei uns möglich sein. - Und wir könnten es wohl gleich selbst ausprobieren. Also starteten wir eine Umfrage und erhielten auf Anhieb 12 Anmeldungen.

Mir war es wichtig, nicht irgendein mehr oder weniger seichtes Programm anzubieten, sondern hohes Gesangniveau zu erreichen. Am 9. Januar 1990 war es soweit, wir probten zum ersten Mal mit 18 Leuten, die alle sehr motiviert waren.

Bereits gab es eine Anfrage von Daniel Fueter (Direktor der HMT, Hochschule für Musik und Theater, Zürich), welcher für die Musik zur Uraufführung von Thomas Hürlimann's "Der letzte Gast" am Zürcher Schauspielhaus zuständig war. Um auftreten zu können, mussten wir aber einen Namen haben. So wählten wir am 8. Februar das Nächststehende: "Schwuler Männerchor Zürich". Drei Lieder hatten wir bis zur Aufnahme am 5. Februar 1990 einzuüben und die Theater-Premiere vom 22. Februar, mit unseren Beiträgen ab Tonband, war ein Erfolg.

Danach probten wir wöchentlich sehr konzentriert. Als Lokal hatte uns Gerhard Keller von der Erziehungsdirektion des Kantons ZH Räume in Schulhäusern vermittelt."

Gemäss "Chronik schmaz", geführt vom langjährigen Sekretär Michael Munz, gab es noch drei kleinere Auftritte bis zum 14. Dezember 1990, als der Chor erstmals mit Werken von Franz Schubert und Benjamin Britten vor ein grösseres Publikum trat, indem er an einem Aids-Gottesdienst in der Zürcher Kirche St. Peter mitwirkte. Daraus entstand eine über viele Jahre und bis heute andauernde Tradition des Begleitens von Aids-Gottesdiensten.

1991: Gründung und erste grosse Auftritte

Karl Scheuber, bekannt und geachtet als begnadeter Chorleiter, setzte dem "Schwulen Männerchor" ein Ziel: Mit besten künstlerischen Leistungen soll für die schwule Sache geworben werden.

Das neue Jahr bot dazu gleich zwei exzellente Gelegenheiten. Am 18. Mai 1991 fand das 6. Europäische schwul-lesbische Chorfestival in Hamburg statt und auf den 26. Mai war in Luzern das traditionelle "Schweizerische Gesangfest" angesagt. Bedeutende Herausforderungen für einen so jungen Chor. Sie bedingten nebst intensivem Proben auch eine rechtlich gesicherte Struktur.

Das geplante Singwochenende vom 16./17. März 1991 in Küsnacht (ZH) galt daher nicht nur dem Üben, sondern auch der Gründung des Vereins "schmaz - Schwuler Männerchor Zürich". Karl Scheuber in seinem Gespräch vom 8. Mai 2008:

"Wir sassen zusammen und suchten nach einem knappen, klaren Namen, der wie ein Logo wirken sollte. Plötzlich stand SCHMAZ im Raum. Ich weiss nicht mehr, wer zuerst darauf kam, aber alle waren derselben Meinung: 'Schmatz' ist älteres Zürichdeutsch und bedeutet 'Kuss'. Ohne 't' geschrieben kann es für 'schwuler Männerchor Zürich' stehen und wirkt wie ein Motto, weil wir gute Leistung mit Lust und Humor verbinden wollen."

Auch zum Festival in Hamburg äusserte er sich:

"Wir fühlten uns ebenso wohl unter diesen musikbegeisterten Freundinnen und Freunden auf dem Podium und im Zuhörerraum wie vor allem auch angeregt von der internationalen Vielfalt der Darbietungen, dass wir, etwas übermütig geworden, sie alle fürs nächste Festival vom 19. bis 23. Mai 1993 nach Zürich einluden. Damit hatten wir uns zwar etwas aufgebürdet, aber auch ein neues Ziel gesetzt."

Nach eigenen Angaben studierte Karl Scheuber (geb. 1943) Musik in Winterthur, Zürich und Herford (Klavier, Schulmusik, Kirchenmusik, Chorleitung), war Kantor in Frauenfeld (TG) und am Grossmünster Zürich, Schulmusiker (Kantonsschule Küsnacht, ZH) und Chorleiter (u.a. Singkreis der Engadiner Kantorei, Kammerchor des Kantonal Zürcherischen Lehrerseminars Küsnacht, Basler Kammerchor). Zudem war er u.a. Vorstandsmitglied der Tonhalle-Gesellschaft (ZH) und von 1993-2007 Fachbereichsleiter Dirigieren/Kirchenmusik an der HMT, Hochschule für Musik und Theater (ZH). Heute Leiter des Vokalensembles Cantapella, des schmaz und des Psychors. Neben der Auseinandersetzung mit (Vokal-)Musik verschiedenster Epochen hat Karl Scheuber auch grosses Interesse an zeitgenössischer Musik. Das belegt eine stattliche Anzahl an Uraufführungen, oft von Werken, welche ihm und seinen Ensembles gewidmet sind.

Am "Schweizerischen Gesangfest" in Luzern

Vor dem Gesangfest vom 26. Mai 1991 erhielt der schmaz ein Schreiben, dass er nur auftreten könne, wenn das Wort "Schwuler" in seinem Namen gestrichen werde. Also entschied der Verein, ein Teilnehmen sei letztlich wichtiger und verkürzte provisorisch die offizielle Bezeichnung auf "Schmaz, Männerchor Zürich". Allerdings, nach dem Auftritt in Luzern verband der Chor seine nächste reguläre Probe vom 10. Juni mit einer ausserordentlichen Generalversammlung. Dort wurde der Beschluss gefasst, Name und Schreibweise sei ab jetzt unveränderlich: "schmaz - Schwuler Männerchor Zürich". Und dabei blieb es, auch als später noch einmal ähnliche Widerstände auftauchten.

Der schwule Männerchor (schmaz) am Schweizerischen Gesangfest in Luzern
Der schwule Männerchor Zürich (schmaz) am Schweizerischen Gesangfest in Luzern, 26. Mai 1991

Die Sonntags Zeitung vom 3. Mai 1993 blickte auf das Gesangfest zurück: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[2]

"1991, im Jubeljahr zu Ehren der Eidgenossenschaft, hatte der Schwule Männerchor Zürich 'schmaz' noch wenig Grund zur Freude. Seine Teilnahme am Schweizerischen Gesangfest wurde an eine Bedingung geknüpft, welche die Männer um Dirigent Karl Scheuber nur zähneknirschend akzeptierten: Das 'Schwule' in ihrem Namen musste weg, nur als 'Männerchor Zürich' war man willkommen.

Doch die Sangesfreudigen, die ihre Auftritte in der Öffentlichkeit stets auch als politischen Akt verstehen und damit schwulen Mitbrüdern, die noch im Abseits stehen, Mut zum Coming-out machen wollen, spielten den Veranstaltern einen Streich: Sie trugen zur Feier des Tages ein T-Shirt mit dem Aufdruck 'schmaz - Schwuler Männerchor Zürich'. Das war nicht zu übersehen, und für Wirbel war gesorgt."

Urs Guggenbühl, Präsident des schmaz, hatte im Verlauf eines längeren Briefwechsels mit den Organisatoren u.a. herausgefunden, dass für diese nationalen Gesangfeste wohl vieles reglementiert, die Tenue-Frage jedoch nirgendwo bestimmt war. Vermutlich hatte man früher hauptsächlich oder sogar ausschliesslich in Trachten gesungen. Diese "Gesetzeslücke" nahm er zum eleganten Umweg, wie die Botschaft trotz verordnetem "neutralem" Namen einzubringen sei.

Schweizerisches Gesangfest in Luzern vom 26. Mai 1991
Schweizerisches Gesangfest in Luzern vom 26.5.1991. Ehrenurkunde für den "Schmaz Männerchor Zürich": "Für die Gesamtleistung im Chorvortrag wurde das Prädikat ausgezeichnet erteilt."

Robert G. Berger, Sänger im Chor, in einem selbst verfassten Bericht: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[3]

"Es war ein sonniger Tag. Kurz vor Auftritt standen wir alle plötzlich in den weissen T-Shirts mit Aufdruck da. Schüler in der Nähe fragten: 'Wow, seid ihr alle schwul?'

Dann ging's aufs Podium, wir waren dran. Aber es entstand eine peinliche Pause. Offenbar fühlten sich gewisse Leute geschockt.

Da trat der Ansager ans Mikrofon und sprach in Anspielung auf Katholische Turnvereine den sofort zum geflügelten Wort gewordenen Satz: 'Wenn man katholisch turnen kann, kann man auch schwul singen!' Also legten wir los."

Am "Schweizerischen Gesangfest" in Luzern erntete der schmaz nicht nur viel Lob, sondern erhielt von der Jury eine Ehrenurkunde in den vier Landessprachen. Darin hiess es:

"Zertifikat. Schmaz Männerchor Zürich, Leitung Karl Scheuber. Der Chor hat am schweizerischen Gesangfest 1991 Luzern teilgenommen. Für die Gesamtleistung im Chorvortrag wurde das Prädikat ausgezeichnet erteilt."

1992: Erstes abendfüllendes Konzertprogramm

Aus vielen kleineren Auftritten ragte ein Ereignis im Jahr 1992 heraus. Am 17./18. Mai feierte das erste abendfüllende Konzertprogramm Premiere: "schmaz am wasser".

Das Zürcher Theater Westend war an beiden Abenden ausverkauft und ein begeistertes Publikum machte Mut für eine Wiederholung, die am 28. und 29. September erfolgreich realisiert wurde. Am Klavier begleitete Daniel Fueter. Die drei (aus dem Chor stammenden) Solisten waren Luiz Alvez da Silva, Christoph Homberger und Ueli Amacher. Die szenische Beratung (Regie) führte Christoph Leimbacher.

Aus einem Prospekt von 1992, "schmaz - ein Blick nach vorn": [4]

 "Der schwule Männerchor

oder

eine Sensation des Gewöhnlichen.

Für gewöhnlich tun Schwule in unserer Gesellschaft gut daran, nicht bunt aufzutreten und nicht vorlaut zu sein. Man mag sie zurückhaltend, leise und den helvetischen Normen der Schicklichkeit angepasst. Sind sie mehr als nur begabt, auffallend kreativ, oder in schmückenden und verschönernden Tätigkeiten besonders geschickt, so sind sie für ihre Fähigkeiten geschätzt, für ihren Geschmack bewundert, aber trotz allem nur in seltenen Fällen geliebt. Sie können dies beklagen, sich weiter ducken und dienen oder - rebellieren.

Die über 40 Männer des schmaz (…) haben sich für die Rebellion entschieden: Rebellion dagegen, ins Abseits gestellt zu sein. Sie erheben öffentlich die Stimme nicht nur zum eigenen Genuss und für ihr Publikum, sondern auch, um ihren Mitbrüdern das Rückgrat zu stärken (…), dass schwul sein nichts mehr ist als eine Sensation des Gewöhnlichen.

Die Männer des schmaz arbeiten an einer Utopie: Daran, dass sie eines Tages das 'sch' aus schmaz streichen können, weil es nicht mehr wichtig ist. Weil es keinen Unterschied mehr macht, ob ein Männerchor ein 'sch' Männerchor ist oder einfach ein Männerchor!"

Auf der ersten Seite des Prospekts stand zu lesen:

"Wenn ein schwuler Männerchor nicht schlechter, lauter, höher, unreiner, leiser, schwuler singt als ein ganz gewöhnlicher Männerchor - wozu dann die ganze Aufregung?"

Karl Scheuber in einem Gespräch mit dem Anzeiger St. Gallen vom 18. November 2003: [5]

"(…) 'Das Singen mit Gleichgesinnten verleiht ein Gefühl von Gemeinschaft, Stärke und Akzeptanz.' Vielen Sängern ermöglichte der Chor ihr Coming-out, wie Scheuber weiss. 'Auch in einer aufgeschlossenen Gesellschaft ist es immer noch einfacher zu sagen 'Ich singe im schmaz' als 'Ich bin schwul'.'

Gibt es für ihn einen Unterschied in der Leitung von schmaz und einem 'normalen' Chor? 'Zwar haben wir im Männerchor weniger Gesamtstimmumfang, dafür stelle ich bei Schwulen häufig eine ausgesprochene Experimentierfreude bezüglich der Stimme fest. Mit der Kopfstimme singen, in Rollen schlüpfen, Songs travestieren, Edith Piaf nachahmen - das macht alles sehr viel Spass.' "

Am 30. November 1991 erschien im Magazin des Tages-Anzeigers ein erstes Porträt über den schmaz und seinen Leiter: "Männerklänge. Karl Scheuber, Chordirigent". Gedacht war dieser Aufsatz als Beitrag zum Internationalen Aids-Tag vom 1. Dezember. Am Abend jenes Tages gab der schmaz ein erstes fast einstündiges Konzert in Bern. Es schenkte dem Berner "Fest wider AIDS" etwas Besinnlich-Trostvolles.

Erfolgreicher Auftritt in der Tonhalle

Am 24. Juni 1992 trat der schmaz erstmals in der Zürcher Tonhalle auf, zusammen mit dem Singkreis der Engadiner Kantorei unter Gesamtleitung von Claus Peter Flor. Auf dem Programm stand die "Erste Walpurgisnacht" von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Dazu Karl Scheuber in seinem Gespräch vom 8. Mai 2008:

"In Zürich hatten wir nie unüberwindbare Schwierigkeiten dank der aufgeschlossenen Haltung des Stadtpräsidenten und einer anfänglich allerdings nur knappen Mehrheit von zuständigen Verantwortlichen."

Der 5. Dezember war Aufnahmetag für das Schweizer Fernsehen. Die Sendung lief dann als musikalisches Portrait des schmaz am 15. Januar 1993 über die Bildschirme. Sie war Teil des Abendprogramms "Schweiz aktuell".

Am 21. Dezember 1992 brachte die Schweizer Illustrierte eine dreiseitige Reportage "Singen gegen Vorurteile".

Öffnet internen Link im aktuellen FensterErnst Ostertag, Juni 2008