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Das 7. Europäische SchwuLesbische Chorspektakel in Zürich

Der Weg zur Gleichstellung

Vom Freitag, 19. bis Sonntag, 23. Mai 1993 trafen sich im Volkshaus 19 Chöre zu drei Konzertabenden, je einer moderiert von der Sängerin/Schauspielerin Kathrin Brenk, dem Tagesschau-Moderator Charles Clerc und Daniel Schneider von Radio DRS. Für den Samstagabend war ein grosses Galakonzert mit Hella von Sinnen (Präsentation) angesagt, dem eine "last night party" folgte. Am Samstagmittag stand ein offenes Strassensingen auf dem Programm und am Sonntag eine Musikalische Morgenfeier im Grossmünster, an welcher einige der Chöre mitwirkten, während die Gestaltung in den Händen der beiden Pfr. Sibylle Schär und Guido Schwitter vom ökumenischen Aidspfarramt Zürich lagen.

Aus der Ankündigung dieser Morgenfeier:

Die Musikalische Morgenfeier im Zürcher Grossmünster vom Sonntag, 23. Mai 1993 wurde als ökumenische Danksagung unter Mitwirkung von Chören des Europäischen SchwuLesbischen Chorspektakels angekündigt:

"(…) Die Morgenfeier (…) versteht sich als eine Stunde des Dankens für gemeinsam erlebte Tage. (…)

In besonderer Weise denken wir dabei an alle, die als direkt Betroffene, als Angehörige oder Freundinnen und Freunde der Auseinandersetzung mit HIV und Aids nicht mehr ausweichen können.

Schliesslich will die Feier Brücken schlagen. Brücken der Verständigung zwischen Menschen, die aufgrund vorgefertigter Meinungen wenig voneinander wissen wollen (…)."

Im 46-seitigen Programmheft zum Chorspektakel stand ein Grusswort des Stadtpräsidenten von Zürich, Josef Estermann: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[1]

" 'Wo man singt, da lass Dich ruhig nieder': Dass Musik verbindet, weiss schon der Volksmund. Aber gilt dies auch für schwul-lesbische Chöre? Sollte man sich da nicht besser distanzieren? Offensichtlich enthält das Projekt dieses Festivals sowohl ein Angebot wie eine Provokation, und das eine ist ohne das andere nicht zu haben.

Mit Ironie weist die schwul-lesbische Chorbewegung darauf hin, dass in unserer Gesellschaft die technische Differenzierung der Stimmlagen von den Sopranen bis zu den Bässen überlagert wird von der sozialen Ausdifferenzierung in Männerchöre, Frauenchöre, gemischte Chöre. Deshalb ist der Anspruch der schwul-lesbischen Chöre ein doppelter: einerseits sich ebenfalls als gesellschaftlich anerkannte Gruppe durchzusetzen, andererseits an der grenzüberschreitenden Botschaft der Musik teilzuhaben. Ihr Prädikat 'schwul-lesbisch' werden die Chöre erst aufgeben, wenn diese Abgrenzung nicht mehr nötig ist und nur noch die Musik bleibt (…)."

Auf Seite 4 des Programmheftes zum 7. Europäischen SchwuLesbischen Chorspektakel äusserte sich der schmaz-Leiter, Karl Scheuber, zur Überschrift "Warum dieses Spektakel?" und setzte zuerst als Motto den Ausspruch von Hans Georg Nägeli, Schweizer Komponist, "Chor- und Liedervater" (1773-1836):

"Nehmt Scharen von Menschen, nehmt sie zu Hunderten, zu Tausenden, versucht es, sie in humane Wechselwirkung zu bringen, wo jeder einzelne seine Persönlichkeit sowohl durch Empfindung als auch durch Wortausdruck freitätig ausübt, wo er sich seiner menschlichen Selbständigkeit und Mitständigkeit auf das intuitivste und vielfachste bewusst wird, wo er Liebe ausströmt und einhaucht - habt ihr etwas anderes als den Chorgesang?"

Dann fuhr Karl Scheuber fort:

"(…) Für das bisher südlichste und damit hoffentlich wärmste Chortreffen der schwul-lesbischen Szene haben sich 19 Chöre angemeldet, vier davon aus der Schweiz, die anderen aus der Bundesrepublik Deutschland, aus England, Frankreich und den Niederlanden.

Als wir vor zwei Jahren nach dem gelungenen 6. Schwul-lesbischen Chorfestival in Hamburg, schüchtern-mutig für das nächste Treffen nach Zürich einluden, waren wir uns des Wagnisses bewusst. Doch was in Hamburg entstanden war, sollte unserer Meinung nach auch in Zürich möglich sein. Unser Auftritt in Luzern am nationalen Chorfest 1991 lag ja eben hinter uns, die Auseinandersetzung darüber, ob wir mit vollem Namen in Zürichs Tonhalle, die den 'grossen' Kulturereignissen vorbehalten ist, auftreten dürften, hatte noch nicht begonnen.

(…) Mit Freude stellen wir fest, dass das erste europäische schwul-lesbische Chortreffen nach der verlorenen EWR-Abstimmung in der Schweiz stattfindet; was auf politischer Ebene nicht gelang, kommt immerhin auf kulturellem Gebiet zustande: ein Treffen von Menschen über trennende Grenzen hinweg.

Zürich bietet sich als traditionsreicher Ort für Chorfeste geradezu an mit Namen wie Friedrich Hegar, Othmar Schoeck und Volkmar Andreae, die Zürichs grosse Chöre geleitet haben. Nicht zu vergessen 'Sängervater' Hans Georg Nägeli, der in pädagogischer, gesellschaftspolitischer und musikalischer Hinsicht für Zürich (und die Schweiz) von grösster Bedeutung war."

Im Programmheft zum 7. Europäischen SchwuLesbischen Chorspektakel stellten sich auch die übrigen drei Schweizer Chöre dar, jeder auf seine eigene Art und Weise.

So Lechz, der Lesbenchor Zürich:

"Dürfen wir vorstellen: Lechz beim ersten grossen Auftritt! Wir sind noch jung. Wir wissen noch nicht so recht, was aus uns einmal werden wird. Aber es ist doch wunderbar, dass es uns gibt!

Wir haben einen grossen Bruder, an dem wir voller Bewunderung hochschauen. Aber denken Sie jetzt nicht, wir seien nur die kleine Schwester! Wir können es schon selber! (…)

Lesben sind auch heute noch weitgehend unsichtbar. Wie es in einem unserer Lieder heisst: 'Man sieht uns nicht, man kennt uns nicht; wir tragen keine Zeichen.' Dieser Zustand schützt zum Teil vor direkter Diskriminierung. Aber gerade das Bewusstsein, von der Gesellschaft nicht wahrgenommen zu werden, schafft uns die grössten Probleme. (…)

Stellen Sie sich vor: Männer sind für uns überflüssig! Dieser erschreckenden Tatsache können selbst wir nicht immer ins Auge blicken. Und so scheint es oft verlockend, sich ins Schneckenhaus zu verkriechen (…). Und wieder werden wir nicht wahrgenommen.

Diesen Teufelskreis wollen wir mit dem Lechz durchbrechen. Singenderweise! (…)"

Die Schwulen Berner Sänger, Schwubs waren ebenfalls eine erst ein Jahr junge Formation:

"Ganz jungfräulich - oder müsste man sagen jungmännlich? - treten (…) die Schwubs zum ersten Mal vor grösserer Öffentlichkeit auf. (…) Chorgeschichte und Konzert-Curriculum beginnt für uns erst hier in Zürich so richtig.

(…) Wir, das sind gut 20 schwule Männer mit mehr oder weniger (Sing-)Vergangenheit, bunt zusammengewürfelt vom Berner Oberland und Emmental über die Bundesstadt bis ins Seeland. Wir singen mit unserem Leiter Walter Conzelmann von fröhlich-frivol bis ernsthaft-besinnlich alles, was uns gerade Spass macht und die Grenzen zwischen Schwulem und Nichtschwulem zu verwischen hilft."

Die Basler Fliedertafel entstand praktisch zeitgleich mit dem schmaz. Und es war wie bei diesem das Konzert eines deutschen Chores, welches als Vorbild und Anstoss gewirkt hatte:

"Der 'legendäre' Auftritt von MäNü (Männerchor Nürnberg) am HABS-Fest (HABS, Homosexuelle Arbeitsgruppen Basel) im Sommer 1989 motivierte einige Männer zur Gründung eines schwulen Männerchors in Basel. Der Name der Basler Liedertafel, eines alteingesessenen Chors, liess uns den Namen 'Fliedertafel' wählen.

Nachdem relativ schnell eine Chorleiterein und ein Probelokal gefunden waren, sangen wir uns zu den ersten 'Höhenflügen'. Der erste öffentliche Auftritt am HABS-Fest im Jahr darauf war ein grosser Erfolg. Weitere Auftritte in Konstanz und Hamburg folgten.

(…) Unser ambitiöses Vorhaben, die Programme szenisch zu gestalten und jährlich ein neues Programm zu erarbeiten, kam ins Stocken, weil uns die (…) Leiterin aus beruflichen Gründen verlassen musste. (…) Heute sind wir noch acht bis zehn Männer (…) und erleben die Qualität der Arbeit in einer kleinen Gruppe. (…) In unserer gemeinsamen Zeit mussten wir uns mit dem Tod von Mitsängern auseinandersetzen - ihr Andenken hat einen festen Platz in unserer Gruppenkultur. Mit einem Faltblatt versuchen wir nun, neue Mitsänger zu gewinnen."

Barbara Lukesch schrieb in der Sonntags Zeitung vom 9. Mai 1993 über die Planungsphase des Chorfestes: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[2]

"(…) Nun, da der 'schmaz' das (…) Chorspektakel organisiert, (…) öffnen sich ihm Tür und Tor. Egal, was man will, egal, wen man um eine Gefälligkeit bittet, nahezu alles gelingt.

'Es läuft wie geschmiert', sagt Roger Staub, Präsident des Organisationskomitees und hauptberuflich Aids-Delegierter des Kantons Zürich. 'Unsere kühnsten Erwartungen wurden übertroffen. Was vor einem Jahr noch Utopie war, ist heute Wirklichkeit.'

Angefangen hatte es mit Hella von Sinnen, dem deutschen Fernsehstar, der Ulknudel und Entertainerin, deren Name ein Vorwitziger bei der Suche nach Moderatoren und Moderatorinnen der Konzerte ins Spiel gebracht hatte. Schallendes Gelächter, doch Staub ganz pragmatisch: 'Auch eine Hella von Sinnen muss erst gefragt werden, damit sie nein sagen kann.' Postwendend folgte die Antwort: 'Ich bin dabei.' Das war der erste Streich. Dann versprach der Zürcher Regierungsrat Alfred Gilgen sein Kommen.

(…) Ein Grossanlass also, bei dem sich auch die Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) kooperativ zeigen. Vor drei Jahren hatten sie sich noch geweigert, ein Plakat der schwulen Öffnet internen Link im aktuellen FensterJugendgruppe 'Spot25' aufzuhängen, jetzt - bei den Plakaten für das Chortreffen - siegte die Toleranz.

(…) Die Motive, um sich mit Geld oder Namen hinter die Veranstaltung einer sogenannten Randgruppe zu stellen, sind vielfältig. Der Sponsor Migros setzt mit seinen 5000 Franken ein Zeichen zugunsten eines 'qualitativ hochstehenden kulturellen Anlasses'. (…) Opernhaus-Intendant Alexander Pereira bezeichnet sich als 'begeisterten Anhänger' von Dirigent Scheuber, seiner musikalischen Leistung, aber auch seines sozialen Wirkens: 'Da konnte ich doch nicht abseits stehen.'

Kirchliche Kreise machen vor allem Anteilnahme am Schicksal der Aids-Kranken geltend, die nach wie vor zu einem grossen Teil in den Reihen der Schwulen zu finden sind.

Urs Guggenbühl. Präsident des 'schmaz', erklärt sich den grossen Zuspruch auf seine Art: 'Eine kulturelle Veranstaltung ist unverdächtig, friedlich, angenehm. Man bekommt etwas geboten, statt dass gefordert, rebelliert oder gar demonstriert würde. Fast könnte man auf die Idee kommen, als hätten die Leute auf einen solchen Anlass gewartet, um beweisen zu können, dass sie keine Vorurteile gegen Schwule und Lesben haben.' "

Barbara Bürer, die bekannte Journalistin und beliebte Verfasserin berührender Portraits von Menschen aus allen Schichten setzte im Zürcher Tages-Anzeiger den Titel: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[3]

"Regierungsrat Gilgen: 'Viel Erfolg beim Singing-out!' Der Erziehungsdirektor empfing auf der Halbinsel Au die Sängerinnen und Sänger des SchwuLesbischen Chorspektakels".

Regierungsrat Alfred Gilgen (LdU) war als kantonal-zürcherischer Erziehungsdirektor auch Kulturminister. Der "Erfolg beim Singing-out" begann mit der gemeinsamen Fahrt aller Teilnehmenden auf dem Zürichsee. Dazu Barbara Bürer:

"So viel Aufmerksamkeit ist (…) Gilgen schon lange nicht mehr zuteil geworden. Da sitzt er auf einem Holzstuhl an einem Zweiertischchen, die eine Hand spielt mit dem orangen Tischtuch, mit der anderen stützt er den Kopf. Der Regen peitscht gegen die angelaufene Fensterscheibe. (…) Ihn selbst scheint das nicht zu beeindrucken. Obwohl es doch Leute gegeben haben soll, die nicht verstanden hätten, dass er sich, wie er jetzt sagt, für 'so etwas' hergebe, die ihn fragten: 'Muess das si?' Denen habe er es ja zu erklären versucht. Was soll's, nun ist er da. (…)

Die 'Helvetia', ein Schiff der Zürichseeflotte, pflügt ihren Weg durch das unruhige Wasser. 500 Menschen sind an Bord, Frauen und Männer des internationalen Chorspektakels, das seit Donnertag in Zürich stattfindet. Es ist Freitagmittag, und die Extrafahrt führt zur Halbinsel Au (…)

'Muess das si?' Einem Journalisten hat er vor ein paar Tagen bereits diktiert, dass dieses (…) Chortreffen 'einen hohen künstlerischen Wert' habe. Deshalb würde er die Frauen und Männer empfangen - was sie im Bett treiben, sei ihm doch egal. Er zündet die Brissago an . In seinem Rücken spielen ein paar Männer Musik, neben ihm umarmt und küsst sich ein männliches Paar. Er registriert es, da hat er, sagt er, keine Probleme damit.

Toleranz ist ihm wichtig. Diesen Satz, natürlich ausgefeilt, wiederholt er (…) mehrfach. Für alle, die es hören wollen (…). Er tendiere in der Erziehung zu Toleranz. Das sei das wichtigste Ziel. 'Toleranz gegenüber Rassen, Religionen, Sprachen und Randgruppen.'

(…) Die 'Helvetia' hat in der Au angelegt. Im Wanderschritt, zwei neben zwei, geht es den Hügel hinauf, und der Wettergott hat kein Einsehen, wie in Bindfäden kommt der Regen vom Himmel. Die nassen Schuhe verschmieren später den auf Hochglanz polierten Boden des Schlossgutes.

(…) Er geht zum Mikrophon. Im Haus ist es nun ganz still. (…)

Und er hat die Lacher - wenigstens der Männer - gleich bei der Anrede auf seiner Seite: 'Sehr geehrte Damen und Herren. Ich könnte aber auch sagen: Sehr geehrte Damen oder Herren.' Er erklärt, weshalb er hier steht, er, von dem vermutet werde, er sei (…) nicht mehr 'helle bei Sinnen'. Nein, seine Sinne seien noch voll da. Er gebe diesen Empfang, 'um die Toleranz, die ich fordere, auch zu praktizieren' und damit 'einen kleinen Beitrag für die bessere Integration von Homosexuellen in die Gesellschaft zu leisten.'

Der Applaus brandet ihm entgegen. Immer wieder muss er die witzige Rede unterbrechen. Und er geniesst es. So auch, als er mit dem Satz endet: 'Viel Erfolg beim Singing-out!' Die Frauen und Männer jubeln. 'Klasse war es', sagt einer aus Deutschland, 'bei uns würde kein Minister hochoffiziell Schwule und Lesben begrüssen'.

Alfred Gilgen hat sich inzwischen ein paar Schritte vom Mikrophon zurückgezogen. (…) So steht er nun da mit verschränkten Armen und kann nicht glauben, was er hört. Deshalb kommt er noch einmal zum Mikrophon: 'Soviel Applaus habe ich in meiner 22-jährigen politischen Karriere noch nie gehabt.'

Er sagt es, und das Klatschen geht später in Chorgesang über. Ihm zu Ehren."

Öffnet internen Link im aktuellen FensterErnst Ostertag, Juni 2008