sas - Verein Schwulenarchiv Schweiz
Der Weg zur Gleichstellung
ab 1993
Gründung und erstes Vereinsjahr
Schwule Studenten der beiden Zürcher Hochschulen schlossen sich 1989 zu einer eigenen Verbindung zusammen und nannten sie "z&h", "zart&heftig, schwule Studis an Uni und ETH". Um Forschungsarbeiten im Bereich Homosexualität zu fördern und zu vernetzen gründeten einige von ihnen wenig später die "Koordinationsstelle Homosexualität und Wissenschaft". Diese Stelle veröffentlichte nun in unregelmässigen Abständen Hefte mit u.a. Autoren, Titeln und Kurzbeschrieb von Lizentiatsarbeiten, Dissertationen und anderen Neuerscheinungen zum Themenkreis Homosexualität - nicht nur aus der Schweiz - sondern international.
Weil Begründer und Mitwirkende der Koordinationsstelle wie auch andere Forschende in diesem Fach oft mit Materialien arbeiteten, die sie im Schweizerischen Sozialarchiv in Zürich vorfanden, lag die Idee eines von den übrigen Beständen gesonderten Schwulenarchivs nahe. Dort wären alle diesbezüglichen Archivalien sicher aufgehoben, per Katalog einfacher greifbar als bisher und das eigene Archiv würde Sammler animieren, ihre privaten Bestände oder Teile davon dort einzubringen, damit sie Forschenden zugänglich wären.
Die beiden damaligen Studenten, Patrik Schedler und Jen Haas, ergriffen die Initiative und begannen mit den Verantwortlichen des Schweizerischen Sozialarchivs zu verhandeln. Am 7. April 1993 kamen diese Verhandlungen mit einer Absichtserklärung zwischen der Koordinationsstelle und dem Sozialarchiv zum Abschluss, womit der Boden für die weitherum einmalige Verbindung eines Schwulenarchivs mit einer (halb)-staatlichen Institution geebnet war. Denn das Schweizerische Sozialarchiv ist dem Bundesamt für Kultur in Bern (BAK) angeschlossen. Am 6. Mai trat Patrik Schedler an einer Pressekonferenz vor die Öffentlichkeit. Er stellte das Projekt vor und begründete es. Das Echo war erstaunlich gross und durchwegs positiv.
So konnte zur Gründungsversammlung aufgerufen werden. Sie fand am 10. Juli 1993 im Berner Begegnungszentrum anderLand statt, dem Lokal der HAB (Homosexuelle Arbeitsgruppen Bern). Es waren 18 Leute gekommen, denen zunächst die Statuten des neuen Vereins "sas - schwulenarchiv schweiz" vorlagen. Sie wurden angenommen und unterzeichnet. Laut Protokoll, verfasst von Hannes Schüle, wählten die Gründungsmitglieder einstimmig
in den geschäftsleitenden Ausschuss:
- Patrik Schedler, Warth (TG)
- Präsident
- Franco Battel, Schaffhausen
- Sekretär
- René Hornung, St.Gallen
- Quästor
- Helmut Puff, Basel und Erasmus Walser, Bern
- Mitglieder
Durch Akklamation in den Vorstand:
- Heinz Borel, Zürich
- Yves de Matteis, Anières (GE)
- Jean-Paul Guisan, Genève
- Dago Onigkeit, Bern
- Walter Pfister. Bülach (ZH)
- Christoph Schlatter, Zürich
- Hannes Schüle, Bremgarten (BE)
- Anita Ulrich, Sozialarchiv, Zürich
- Heinz Zumbühl, Herrenschwanden (BE)
Durch Akklamation als Kontrollstelle:
- Carl Zibung, Zürich
Aus den Statuten:
Art. 2 Zweck: Der Verein 'Schwulenarchiv Schweiz' bezweckt zur Erschliessung der Geschichte von Schwulen Archivalien und andere für diesen Zweck relevante Gegenstände (…) zu sammeln, zu erhalten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Darüber hinaus unterstützt der Verein allgemein wissenschaftliche und wissenschaftspolitische Aktivitäten zum Thema Homosexualität.
Art. 3 Mittel: Der Verein sucht sein Ziel zu erreichen, indem er
- Organisationen und Einzelpersonen zur Überlassung von Archivalien gewinnt
- Diese Archivalien in erster Linie in Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Sozialarchiv ordnet, aufbewahrt und der Öffentlichkeit zugänglich macht
- Geld für die obgenannten Zwecke beschafft
- Eine Stiftung mit einem in denselben Aufgabenbereich fallenden Stiftungszweck errichtet.
Art. 5 Archivalien, die im Besitz des Vereins sind, gelangen bei Errichtung der unter Art. 3 genannten Stiftung in deren Besitz."
Am 27. Dezember 1993 wurde der Depositumsvertrag zwischen dem Schwulenarchiv und dem Sozialarchiv abgeschlossen und von Frau Dr. Anita Ulrich für das Sozialarchiv und im Namen des Schwulenarchivs von Patrik Schedler und Franco Battel unterzeichnet.
Daraus:
1.1. Die vom Verein 'schwulenarchiv schweiz' gesammelten Materialien kommen als Depostia (Dauerleihgaben) ins Schweizerische Sozialarchiv.
3.3. Die archivische und bibliothekarische Bearbeitung erfolgt nach den im Schweizerischen Sozialarchiv geltenden Regeln.
4.1. Grundsätzlich gelten die Benutzungsbestimmungen des Sozialarchivs.
4.4. Für die Aufbewahrung im Magazin gelten dieselben Richtlinien wie für die übrigen Bestände des Sozialarchivs.
Aus dem Jahresbericht über das erste Vereinsjahr, verfasst von Patrik Schedler, geht hervor, dass ein Prospekt vorläufig in deutscher Sprache erschien, die Version in französisch lag "zur Endkorrektur" bereit. Der Prospekt bezweckte, das Schwulenarchiv als feste Institution bekannt zu machen und die Gay Community samt deren Organisationen darüber zu orientieren, dass alles Abgelegte (Akten, Dokumente, Publikationen) wie alles Persönliche (Fotos, Briefe, Tagebücher usw). ab sofort zur sicheren Aufbewahrung dem Archiv übergeben werden kann oder besser: im eigenen Interesse und dem der Nachwelt übergeben werden sollte.
Das Projekt einer Ausstellung, aus dem Jahresbericht 1993:
"Im letzten Herbst sind die Organisatoren des Zürcher Stonewall-Festivals (heute Verein CSD) an uns herangetreten mit der Bitte, ein Konzept für eine Ausstellung zu machen. Sie wollten im Stadthaus oder in Räumlichkeiten des Landesmuseums eine kleine Ausstellung über die Geschichte der Lesben und Schwulen in der Schweiz organisieren. Helmut Puff und Regula Schnurrenberger (vom FrauenLesbenarchiv) haben ein solches Konzept verfasst."
Es kam aber nicht zur Realisierung, weil "keine passenden Räumlichkeiten" zu finden waren. Jedoch habe es "ein reges Interesse seitens des Landesmuseums" gegeben. Letztlich aber scheuten alle Interessierten zurück, "weil ein solches Projekt doch ziemlich viel Arbeit bedeutet". Und da sie zumeist voll im Studium oder Arbeitsprozess standen, schien ein übermässiger Einsatz von Freizeit - vorläufig - nicht möglich.
Das änderte sich erst im Mai 2000, als die professionellen Macher des Schwulen Museums Berlin ihre Ausstellung über den
KREIS im Landesmuseum gastieren liessen und nochmals zweieinhalb Jahre danach mit der Ausstellung
"unverschämt" im Zürcher Stadthaus, an welcher Regula Schnurrenberger mitwirkte. Diese Ausstellung vom Winter 2002/2003 zeigte dann die ganze Geschichte der Schwulen und Lesben in der Schweiz.
Neue Impulse
Nach vorausgegangenen Diskussionen um verstärktes Engagement innerhalb des Vereins beschloss die Generalversammlung vom 25. September 1999 in Vättis (SG) eine Strukturreform. Dazu bestimmte sie ein Gremium, das bis zur ebenfalls gutgeheissenen ausserordentlichen Generalversammlung vom 14. Dezember 1999 Vorschläge für mehr Effizienz ausarbeiten sollte.
Man traf sich am 14. Dezember in der Galerie Schedler, Zürich. Inzwischen gab es mehrere neue Mitglieder, von denen sich einige aktiv beteiligen wollten. Laut dem von Beat Frischknecht verfassten Protokoll erläutete zunächst Hans Ueli Frey die bisherige Lage:
"(…) Seit der Gründung trugen Patrik Schedler und Franco Battel die Hauptlast der anfallenden Arbeiten und sie mussten das Archiv praktisch in Eigenregie führen. (…)"
Man stellte nun klare Ziele zusammen und verteilte die Aktivitäten auf mehrere Leute.
Reformziele:
- Diverse Ressorts sollen geschaffen und besetzt werden.
- Zu älteren Personen, "die unserer Beratung und Hilfe bedürfen" seien rechtzeitig Kontakte herzustellen, damit sie nicht vereinsamen und u.a. "das Einbringen ihrer Dokumente ins sas" regeln können.
- "Das Vorhandensein einer Stiftung" wäre die beste Möglichkeit, um Materialien und Finanzen steuergeschützt zu überführen oder testamentarisch zu vermachen.
- Gezieltes Fördern der Bekanntheit von Schwulenarchiv und Stiftung sowohl in unseren Zeitschriften wie in der übrigen Presse.
Nach Annahme der Reformen entstanden durch Wahlen die neue Vereinsspitze und die Ressorts:
- Patrik Schedler
- als Präsident bestätigt
- Beat Frischknecht
- Sekretär, neu
- René Hornung
- als Kassier bestätigt
- Röbi Rapp
- als Revisor neu (Carl Zibung verstarb 1998)
Ressortbeauftragte (alle neu):
- 1. Darstellende Kunst
- Heinz Zumbühl, Rolf Thalmann, Röbi Rapp
- 2. Handschriften und Dokumente
- Franco Battel, Ernst Ostertag
- 3. Druckschriften
- Hans Ueli Frey
- 4. Publikationen
- noch offen
- 5. Auslandkontakte
- Rolf Thalmann
- 6. Projekte
- ad hoc (variabel je nach Projekt)
Weitere Themen der a.o. GV vom 14. Dezember 1999 waren: Die bevorstehende KREIS-Ausstellung, ein neues sas-Faltblatt, die beabsichtigte Heinrich Hössli Stiftung und das HuK-Archiv. Dazu aus dem Protokoll:
"Ernst Ostertag hat soeben (…) von Karl-Heinz Steinle (Schwules Museum Berlin) erfahren, dass die KREIS-Ausstellung definitiv im Schweizerischen Landesmuseum stattfinden wird. Die Eröffnung ist am 2. Mai 2000, die Finissage am 25. Juni (ein Tag nach dem CSD). Die Räumlichkeiten sind etwas kleiner als in Berlin. Trotzdem sollten noch einige Dokumente, Zeichnungen und Fotos aus dem
Laubacher-Nachlass berücksichtigt werden. Als Folge der Ausstellung werden sich vermutlich, wie schon in Berlin geschehen, verschiedene Interessenten und ehemalige Kreis-Abonnenten melden und Kontakte knüpfen"
oder Materialien abgeben wollen.
"Das sas muss unbedingt in Erscheinung treten. René Hornung wird (…) das Faltblatt neu texten und gestalten", damit es aufgelegt werden kann.
Für die Stiftung fand man den passenden Namen: In Erinnerung an den allerersten grossen Pionier aus dem Glarnerland sollte sie
"Heinrich Hössli Stiftung" heissen.
Der Schweizer Pionier der Schwulenbewegung Heinrich Hössli
"Der Notariats-Termin für die offizielle Gründung musste verschiedene Male verschoben werden (…)"
Ein Datum stand nun fest: der 8. Februar 2000.
"Die HuK (Homosexuelle und Kirche) wird sich als gesamtschweizerische Organisation demnächst auflösen. Die Übernahme des HuK-Archivs wird von den Ressortbeauftragten Handschriften und Dokumente in Zusammenarbeit mit Heinz Borel vorbereitet."
Im Januar 2000 brachte Beat Frischknecht die erste Ausgabe des Mitteilungsblattes Ganymed heraus. Es hiess im Untertitel "Mitglieder-Info des Vereins Schwulenarchiv Schweiz" und hätte vierteljährlich erscheinen sollen. Mangels Interesse und Unterstützung durch Mitglieder (z.B. Berichte verfassen) ging es jedoch bald wieder ein. Die Pilotnummer brachte das Protokoll der ausserordentlichen Generalversammlung, einen Bericht über den Nachlass Laubacher (Kreis-Redaktor) von Ernst Ostertag und Hinweise auf die Ausstellung DER KREIS im Landesmuseum wie auf die Stiftungsgründung. Die letzte Seite füllte ein Talon für "Adressänderungen von Mitgliedern".
Der neue Faltprospekt erschien mit folgenden Sätzen auf der Aussenseite:
"Zeugen und Dokumente schwuler Geschichte …
… fristen meist ein kümmerliches Dasein. Bücher und Bilder, Zeitschriften und Flugblätter, ja ganze Vereinsarchive verschwinden, wandern in den Abfall. Erst recht die persönlichen Dinge: Tagebücher von Schwulen, Briefe, Fotoalben, Biografien oder Kunstgegenstände - alles wichtige Zeugnisse schwuler Geschichte - sind nur ganz selten erhalten. Sei es, weil die Schwulen selbst sich nicht darum kümmern, was mit all dem angesammelten Material nach ihrem Tod einmal geschehen soll, oder weil Angehörige ratlos vor einem Erbe stehen. Das 'schwulenarchiv schweiz' aber ist an all diesen Materialien sehr interessiert. Wir beraten sowohl interessierte Besitzer, wie sie ihren Nachlass rechtzeitig regeln können, als auch Angehörige. Wir kümmern uns dabei um rechtliche Fragen und vor allem um das oft wertvolle Material."
Die Innenseiten informierten unter dem Titel "Schwulenarchiv sichert Spuren":
"Es sind nur Spuren, die uns an die eigene Geschichte erinnern - Spuren, die sich meist rasch verlieren. (…) Es gilt deshalb mehr zu bewahren als das, was Organisationen oder Medien 'offiziell' festgehalten und berichtet haben. Oft belegen scheinbar unbedeutende, individuelle Spuren (…) die alltäglichen Lebensumstände. (…)
Weil die immer grösser werdende Sammlung zusammengehalten werden soll und die Archivalien immer wertvoller werden, besteht die Absicht, eine Stiftung zu gründen, der die Archivalien in Zukunft gehören (…).
Zur fach- und sachgerechten Erschliessung und Aufbewahrung des Materials arbeitet das schwulenarchiv schweiz eng mit dem Schweizerischen Sozialarchiv in Zürich zusammen, das bereits früher zum Thema Homosexualität sammelte. So lassen sich Querverbindungen und Zusammenhänge erschliessen. Das ist bedeutend, weil Schwule immer von den jeweiligen sozialen Verhältnissen geprägt waren und sind. Ihr Handeln und Verhalten oder ihre Organisationen standen und stehen mit ähnlichen sozialen Bewegungen in Beziehung.
Die im Sozialarchiv lagernden Materialien sind - unter Berücksichtigung von Sperrfristen zum Persönlichkeitsschutz - öffentlich zugänglich."
Das von Beat Frischknecht verfasste Protokoll der Generalversammlung vom 19. August 2000 im Schweizerischen Sozialarchiv erwähnte u.a. die wichtigsten Neuanschaffungen.
Patrik Schedler trat als Präsident zurück und die Versammlung wählte Hans Ueli Frey zu dessen Nachfolger. Alle übrigen Vorstandsmitglieder und Ressortbeauftragten stellten sich zur Wiederwahl und wurden bestätigt. Die Gründung der Heinrich Hössli Stiftung kam nicht zustande, da jener Mäzen, der das nötige Kapital stiften wollte, plötzlich verstarb und seine Zusage nur mündlich gegeben hatte.
Die durch die Vereinsreform (Dezember 1999) nötig gewordene Ergänzung der Statuten kam zur Diskussion und fand Zustimmung. Darin sind die Ressorts und Ressortbeauftragten festgeschrieben und die "Erfassung potentieller Nachlässe" als Sache des Gesamtvorstandes geregelt. Neu kamen Delegierte "anderer Organisationen" als Verbindungsleute hinzu, auch "Das Schweizerische Sozialarchiv ist mit einer Delegiertenstelle im Verein vertreten."
Präsidenten des Vereins sas
- Patrik Schedler
- 1993-2000
- Hans Ueli Frey
- 2000-2003
- Franco Battel
- 2003 bis heute
Ernst Ostertag, Juni 2008



