Newsletter 8

Juli 2010

Dieser Newsletter ist eine Sommer-Ausgabe. Der nächste Newsletter erscheint erst wieder im September.

Diese Ausgabe hat folgende zwei Themen:

  • Kolumne: Aktion Punkt
  • Kolumne: Caspar Wirz

   

Aktion Punkt, die erste Grossrazzia gegen Schwule in der Schweiz

Polizeihauptwache

Die Polizeihauptwache in Zürich, eine unangenehme Verhörstelle für und ein missbräuchliches Machtinstrument gegen Homosexuelle.

Die Polizeihauptwache in Zürich. Missbräuchlich verwendete Verhörstelle von Homosexuellen während der Repression. Quelle: Herdeg 3129.

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Rechte
© Baugeschichtliches Archiv Zürich
Sammlungs Nr.
ID: 0744
Die Polizeihauptwache in Zürich

eos. In der Nacht vom 1./2. Juli 1960, also vor genau 50 Jahren schlug die Zürcher Polizei mit einem Grosseinsatz zu: Bekannte Lokale, die als Schwulentreffs galten, wurden blitzartig überfallen und die anwesenden Gäste in Kastenwagen zur Hauptwache geführt, befragt und registriert. In den Anlagen am Seebecken dauerte es länger, bis alle Gebüsche durchkämmt und die zusammengetriebenen Parkgänger ebenfalls abgeführt waren.

Die Zeitungen berichteten von 174 Eingebrachten und 200 im Einsatz stehenden Polizisten. Der zuständige Stadtrat orientierte an einer Pressekonferenz.

Mit wenigen Ausnahmen gab es nur zustimmende Kommentare. "Die Aktion hat überall grosse Genugtuung ausgelöst" stand in der TAT (Zeitung der politischen Mitte-Partei Landesring der Unabhängigen, LdU). Vorausgegangen war eine beispiellose Pressehetze gegen Homosexuelle und Stricher, welche nach zwei Milieumorden durch minderjährige Strichjungen 1957 begann und sich über die beiden Mordprozesse, wo die Opfer zu Tätern gemacht wurden, mehr und mehr steigerte. Schlagzeilen wie "Zürich, internationaler Treffpunkt von Homosexuellen und Strichern", Verleumdungen gegen den KREIS und Forderungen nach "hartem Durchgreifen" gehörten zum Tenor von Überschriften, Kommentaren und Leserbriefen.

Details zu heute fast nicht mehr vorstellbaren Ausgrenzungen: Die beiden grossen Razzien.

Vor 100 Jahren: Caspar Wirz, ein mutiger Theologe

Caspar Wirz (links)

Orig. Bildlegende: "Die beiden Professoren Wirz und Karsch-Haack in Rom. Verfasser wertvoller Arbeiten über Verbreitung u. Bedeutung der Homos."

Die beiden Professoren Wirz und Karsch-Haack in Rom. Quelle: M. Hirschfeld: 'Geschlechtskunde', J. Püttmann Verlagsbuchhandlung, Bd IV, 1930, S. 655.

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Besitzer: Sammlung Beat Frischknecht, Zürich
Rechte
© erloschen
Sammlungs Nr.
ID: 0019
Die beiden Professoren Wirz und Karsch-Haack in Rom

eos. 1903 und 1905 veröffentlichte der einzige nicht-deutsche Obmann des Berliner Wissenschaftlich-humanitären Komitees ein Werk "Der Uranier vor Kirche und Schrift" (Uranier, damals ein gebräuchlicher Ausdruck für Homosexuelle). Darin zeigte er, dass die Bibel nicht wörtlich genommen, sondern interpretiert, das heisst dem historischen wie gesellschaftlichen Hintergrund ihrer Aussagen entsprechend ausgelegt werden muss. Er war wohl der erste Theologe, der dies systematisch auf die bekannten Bibelstellen anwandte, welche gleichgeschlechtliche Handlungen sanktionieren. Zugleich kritisierte und verurteilte er die traditionelle Haltung der Kirche gegenüber Homosexuellen aufs schärfste.

Der reformierte Schweizer Caspar Wirz war aber auch - und vor allem - ein grosser Forscher in den Archiven des Vatikans und vieler Städte Italiens. Zuerst auf eigene Faust, später im Auftrag des Bundesarchivs in Bern gelang es ihm, sämtliche wichtigen Dokumente zur Geschichte der Eidgenossenschaft in diesen Archiven zu kopieren (Abschriften von Hand) und in Kisten nach Bern zu transportieren. Für diese eminent wichtige Arbeit der Zugänglichmachung von Quellen erhielt er 1903 den Titel eines Ehrendoktors der Universität Zürich. Dies im selben Jahr, als die erste Fassung seines theologischen Werkes in Berlin (unter seinem vollen Namen!) erschien. Doch von dieser Schrift wusste wohl hierzulande kein Mensch…

Mehr über diesen aussergewöhnlichen Menschen und Pionier unter Caspar Wirz.