Newsletter 51

März 2014

Diese Ausgabe enthält folgendes Thema: 

  • Glanzvolle Premiere des "KREIS"-Films in Berlin

      

Glanzvolle Premiere des "KREIS"-Films in Berlin: "Wir haben Rechte und müssen sie durchsetzen"

Das Doku-Drama "Der Kreis" von Stefan Haupt (Produzenten: Ivan Madeo und Urs Frey) wurde an den diesjährigen Internationalen Filmfestspielen in Berlin gleich zweimal ausgezeichnet: in der Kategorie "Bester Dokumentar-Essayfilm" mit dem Teddy Award und mit dem Panorama Publikumspreis. Der Film führt in die Zeit der Jahre 1956 bis 1967 zurück und folgt dem Leben des jungen Zürcher Lehrers Ernst Ostertag und dem Travestie-Künstler Röbi Rapp. Beide dokumentierten später die Emanzipationsgeschichte der Schwulen in der Schweiz. Ernst Ostertag antwortet auf Fragen von Josef Burri.

 

Hoch über den Dächern von Berlin nach der Weltpremiere von "DER KREIS" anlässlich der 64. Berlinale (von links): Ernst Ostertag, Röbi Rapp, Sven Schelker (Röbi), Marianne Sägebrecht (Röbis Mutter), Matthias Hungerbühler (Ernst) und Berlins Regiere

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Das Filmprojekt war ja seit einiger Zeit bekannt, und Ihr habt Euch bei verschiedenen Gelegenheiten über Eure Zeit des Kennenlernens und des Aufbruchs der Schwulenbewegung in der Schweiz geäussert. Jetzt nachdem Ihr den Film gesehen habt: Was geht Euch durch den Kopf? Welche Gefühle ruft der Film bei Euch ab?

Teile der eigenen Biografie in Spielfilm-Szenen vorgesetzt zu bekommen, ist schon etwas recht Spezielles. Jene glaubt man genau zu kennen, diese sind als Fiktion zusammengedrängte Abschnitte. Anfänglich kamen Fragen, ja Widerstände auf. Dann erreichte die dramatische Dichte unsere Gefühle - und schliesslich war das filmische Geschehen mit dem damals Erlebten und unserer inneren Lage in jener schwierigen Zeit kongruent. Die Übereinstimmung war sogar vollkommen. Was uns besonders freut: Der Kampf um unser gemeinsames Leben als Paar und der Kampf gegen das Ausgestossenwerden sind klar ins Zentrum gestellt. Wir sind keine Verbrecher! Wir haben Rechte und müssen sie durchsetzen!

Aus heutiger Perspektive erscheint uns der KREIS als eine Art Notgemeinschaft, wo sich Freunde ungezwungen und diskret treffen konnten. Ist das auch der Schwerpunkt des Films, oder setzt er andere Akzente?

Der KREIS war weit mehr als blosse Notgemeinschaft. Die KREIS-Geschichte in den elf Jahren von 1956 bis 1967 ist im Film auf 102 Minuten zusammengezogen. Erstaunlich vieles von der grossen Bandbreite des KREIS mitsamt seiner Zeitschrift lebt im Film wieder auf, allerdings nichts vom Inhalt der Zeitschrift, was aus dramaturgischen Gründen verstehbar ist. Für uns weckte der Film so manche Erinnerungen und machte sie unmittelbar nahe. Vom Gefühl her war es, als lebten wir noch einmal im Damals. Und das war keineswegs immer schön; es sprangen die alten Ängste aus ihren Löchern hervor und an anderen Stellen flossen Tränen und waren nicht rasch wegzuputzen.

Wie waren denn die Reaktionen des Publikums in Berlin? Ging es da eher still und beschaulich zu und her, oder wollten die Zuschauer mehr von Euch wissen, wie Eure persönliche Geschichte gelaufen ist und welchen Stellenwert der KREIS damals hatte?

Das Echo des Publikums nach den beiden Erstaufführungen war überwältigend. Beim zweiten Mal gab es sogar Standing Ovations. Natürlich kamen Fragen auf, vor allem an Regisseur Stefan Haupt über die Art des Recherchierens, die Auswahl des Drehmaterials und den Schnitt. Sehr persönlich und emotional reagierten die Darsteller auf Fragen, die ihnen galten und ernteten damit warmen Beifall. Und schliesslich hatten auch Röbi und ich uns zahlreichen Fragen zu stellen. Hier ein Zitat aus meiner Antwort (Festivalsprache war englisch): "Sie haben einige der Mitarbeiter des KREIS und vor allem 'Rolf' (Karl Meier) als Leiter erlebt und wissen nun um die gewaltige emanzipatorische Arbeit, die trotz eisigkalter Umwelt geleistet wurde. Sie wissen um den festen Zusammenhalt und sicheren Ort, den der KREIS seinen Mitgliedern bot und um die grausame Tragik der Zerstörung. Wir beide nehmen Ihre grossartige Ovation auf und leiten sie weiter an alle, die hinter uns stehen, an die Pioniere, die damals die ganze Last trugen und heute nicht mehr unter uns sind. Vielen Dank!" Damals war der KREIS unsere eigentliche Heimat und für viele war "Rolf" ein echter Vater, der - auch uns - Perspektiven zeigte, wie ein schwules Leben sinnvoll gestaltet werden kann.

Draussen in den Gängen, bei diversen Anlässen und Empfängen, ja sogar auf offener Strasse kam uns spontane Sympathie entgegen, und immer wieder hörten wir die Bemerkung, wie unendlich wichtig diese Geschichte sei angesichts der momentanen dramatischen Lage in Russland und einigen afrikanischen Staaten wie Uganda. Aufgrund dieser Sympathie, denken wir, kam es zum zweiten Award für den Film, dem Publikumspreis, der unseres Erachtens noch höher zu bewerten ist als der Teddy. Offenbar hat der Film einen Nerv getroffen. Besseres hätte ihm nicht geschehen können.

Der Film will ja nicht einfach bloss unterhalten, sondern eine wichtige Epoche der Schwulenbewegung in der Schweiz dokumentieren. Was können wir daraus lernen für die künftige Richtung der Emanzipation von Schwulen und Lesben?

Ich weiss nicht, ob ein Film wie ein Rezeptbuch wirken kann oder soll. Wenn ja, dann zeigt er deutlich, wie rasch eine "moralische" Hysterie angefacht ist und sich zum totalen Verdikt über eine Minderheit auswächst. Da ist Russland sehr nahe und damit das Gefühl der Beklemmung - und des Widerstandes. Wenn wir an gewisse Statements aus dem Umfeld der Teaparty-Bewegung in den USA denken, wird uns andererseits bewusst, wie rasch homophobe Hysterien in Vergessenheit geraten, auch wenn ihre Auswirkungen noch immer gefährlich akut sind. Allen Anstrengungen zum Trotz: Wir werden immer eine Minderheit bleiben und damit jederzeit angreifbar sein. Der Film macht deutlich, dass Aufstieg und Fall des KREIS Phänomene der Schwulengeschichte waren. Sie verläuft in Epochen. Und das wird stets so sein. Jeder vertiefte Blick auf diese Geschichte zeigt uns, dass wir als Minderheit immer aufmerksam und in Bewegung bleiben müssen. Es geht immer ums Überleben, ums Überleben unserer Form der Liebe.

Die schwulengeschichte.ch würdigt den KREIS in einem eigenen, grossen Kapitel:
DER KREIS

Auch den Jahren der Repression ist ein eigenes Kapitel gewidmet:
Jahre der Repression

Reiches Bildmaterial zum KREIS und seiner Zeit findet sich unter
Bildergalerie DER KREIS

PS. Der Film kommt am 18. September 2014 in die Schweizer Kinos.