Newsletter 53

Mai 2014

Diese Ausgabe enthält folgendes Thema: 

  • Kolumne: Heinrich Hössli (1784-1864)

      

Ein Wilhelm Tell unserer Befreiungsbewegung: Heinrich Hössli (1784-1864)

Heinrich Hössli

Heinrich Hössli, 1784-1864

Heinrich Hössli, 1784-1864. Erschienen in 'Der Eigene', ein Blatt für männliche Kultur, Jahrgang X, Nr.1/2, 1924. Sonderausgabe: 'Der freien Schweiz gewidmet'. Seite 19.

Urheber
Künstler: unbekannt
Herausgeber
Besitzer: Sammlung E. Ostertag/R. Rapp, Zürich
Rechte
© erloschen
Sammlungs Nr.
ID: 0006b
Heinrich Hössli, 1784-1864

eos. Heinrich Hössli, "unser" Wilhelm Tell, kam vor 230 Jahren auf die Welt und starb vor 150 Jahren. Wir leben also in einem Gedenkjahr. Hössli war der erste Mensch, der öffentlich bekannt gab und begründete, dass unsere Art zu lieben eine Anlage der Natur sei und daher weder als sündig noch krankhaft und schon gar nicht als kriminell bezeichnet und geächtet werden könne. Die Veröffentlichung seines Werkes ab 1836 ist zugleich Ausgangspunkt und Anfang der gesamten weltweiten Befreiungsbewegung gleichgeschlechtlich empfindender Menschen.

Zum 1. August 1935 sollte dieser Mann der damaligen "Community" in Erinnerung gerufen und sein Werk wieder neu entdeckt und gewürdigt werden. Das tat Karl Meier / Rolf unter seinem damaligen Pseudonym Rudolf Rheiner mit einem Leitartikel im Schweizerischen Freundschafts-Banner. Die Überschrift lautete "Unsere Heimat und wir, einige Gedanken zum 1. August". Ich denke, es ist Zeit, das heute wieder zu tun.

Die "Gedanken zum 1. August" in der erwähnten Zeitschrift (Nr. 15/1935 vom 5. August) sind so aktuell, dass ich einige Stellen daraus zitieren will, dies auch deshalb, weil sie nicht in die Website schwulengeschichte.ch aufgenommen wurden. Sie sind im Sprachstil jener Jahre kurz vor dem Zweiten Weltkrieg verfasst:

"[...] In den Jahren 1784-1864 lebte zu Glarus ein einfacher, biederer, durch und durch schweizerischer Mann in allen seinen Charakterzügen: Heinrich Hössli, genannt der Putzmacher von Glarus. Man wird, auch von fanatischen Gegnern unserer Art, durchaus zugeben müssen, dass die kleine Stadt am Fusse des Glärnisch damals ebenso wenig ein Weltstadtsumpf gewesen ist wie heute, weder mit degenerierten Dandys bevölkert, noch am Weibe übersättigten Lüstlingen, noch mit Knabenschändern. Und trotzdem brach eines Tages in diesem Schweizer, der eine achtbare Ehe einging und zwei Söhne zeugte, die Erkenntnis von der Naturgesetzlichkeit mann-männlicher Liebe so elementar durch, dass er in 17 Jahren verantwortungsvollster geistiger Arbeit ein Werk vollendete, auf das wir schweizerischen Homoeroten ohne jede nationalistische Überheblichkeit gerade am Gedenktage unserer politischen Unabhängigkeit mit freudigem Stolz hinweisen. In diesem Mann unserer Heimat, dem die Zeitgenossen 'rührende Züge grosser Gutmütigkeit und reichen Gemütslebens, ein wenig Rechthaberei, eine nicht geringe satirische Anlage, göttliche Grobheit, aber auch ein starkes Gerechtigkeitsgefühl' nachsagen, haben wir die frohe Bestätigung, dass wir weder fremden, ausländischen Einflüssen unterliegen noch eine Gefühlsrichtung importieren wollen, die mit unserem Volkstum nicht das Geringste zu tun hat. Werk und Leben dieses prachtvollen Glarners sind der schlagendste Beweis für das Überzeitliche und Allgegenwärtige unserer Liebe. [...]"

Dann kam Rudolf Rheiner (Karl Meier) auf das 1903 erschienene Buch des Berliner Professors Ferdinand Karsch-Haack zu sprechen, das dieser unter dem Titel "Der Putzmacher von Glarus" als erste Publikation über Leben und Werk von Heinrich Hössli herausgegeben hatte. Und Rudolf Rheiner zitierte die "Einführungsworte" des Berliner Professors. Daraus einige Sätze, die sich auf Hösslis zwei Bände mit dem Titel "Eros" beziehen:

"[...] In Heinrich Hösslis 'EROS' pulsiert eine gewaltige Kraft, die nie versagt und sich nirgends erschöpft; er überzeugt, er reisst fort; er ermüdet nie; er scheut nicht Wiederholungen, wenn er wuchtig und eindringlich wirken will. Und wirken will er; eigene Gedanken belegt er womöglich mit zahlreichen Stellen aus den Werken der hervorragendsten Männer aller Völker und Zeiten. Seine Idee vom Eros als Natur- und Sittengesetz beleuchtet er von allen Seiten und immer wieder mit andersfarbigem Licht. [...] Seit des grossen griechischen Philosophen Platon's 'Symposion' [Das Gastmahl] und 'Phaidros' ist Heinrich Hösslis 'Eros' das bedeutendste Werk über Männerliebe. Was jene unsterblichen Schriften für das Altertum gewesen sein mögen, eben das bedeutet Hösslis 'Eros' für die Neuzeit oder wird es ihr noch bedeuten. Mit vollster, bewusster Klarheit erkennt er die Liebe von Mann zu Mann als ein unzerstörbares Natur- und Sittengesetz. [...]"

Nach den zitierten Sätzen schloss Rudolf Rheiner (Karl Meier) seine Gedanken zum Nationalfeiertag und zum Pionier Hössli:

"Das war der Kampf eines Schweizers vor hundert Jahren für unsere Liebe. Wir gedenken seiner heute mit tiefer Dankbarkeit als eines Kämpfers für unsere Freiheit und unser Recht. Wir können ihn nicht besser ehren, als dass wir sein Lebenswerk der drohenden Vergessenheit zu entreissen suchen und namentlich auch die Vertreter der verschiedenen Wissenschaften immer wieder darauf hinweisen. Der wache Geist bleibt stets die beste Waffe gegen alle Verdunkelungsmanöver jeder Zeit. [...]"

Über Heinrich Hössli und sein Werk ist schon lange kein Buch mehr erschienen und alle früheren Monografien sind längst vergriffen. Es ist Zeit für etwas Neues. Der Historiker und Stiftungsrat der Heinrich Hössli Stiftung, Dr. Rolf Thalmann, arbeitet an einem solchen Projekt. Sein Buch trägt den Titel "Keine Liebe ist an sich Tugend oder Laster. Heinrich Hössli und sein Kampf für die Männerliebe". Die Buch-Vernissage ist öffentlich und findet statt am 6. September 2014 (korrigiertes Datum) um 17 Uhr im Landratsaal Glarus.

Mehr dazu unter Heinrich Hössli, Pionier der Schwulenbewegung