Newsletter 66

Juni 2015

Diese Ausgabe enthält folgendes Thema: 

  • Kolumne: Mit Caspar Wirz auf den schwulen Spuren Roms

  

Mit Caspar Wirz auf den schwulen Spuren Roms - Der Theologe und Geschichtsforscher starb vor hundert Jahren

Caspar Wirz (links)

Caspar Wirz (links) in Rom, mit Prof. Karsch-Haack

Die beiden Professoren Wirz und Karsch-Haack in Rom. Quelle: M. Hirschfeld: 'Geschlechtskunde', J. Püttmann Verlagsbuchhandlung, Bd IV, 1930, S. 655.

Urheber
Fotograf: unbekannt
Herausgeber
Besitzer: Sammlung Beat Frischknecht, Zürich
Rechte
© erloschen
Sammlungs Nr.
ID: 0019
Die beiden Professoren Wirz und Karsch-Haack in Rom

eos. Ein protestantisches Pfarramt hätte Broterwerb sein sollen. Sein Hauptinteresse aber galt geschichtlichen und theologischen Forschungen: Der Zürcher Caspar Wirz wurde am 1. August 1847 geboren. Er engagierte sich in Berlin beim frisch gegründeten Wissenschaftlich humanitären Komitee (WhK). In den vatikanischen Archiven holte er Dokumente zur Eidgenossenschaft hervor. Als überzeugter Christ durchforschte er die Bibel und erklärte deren Aussagen zur gleichgeschlechtlichen Liebe als zeitbedingt. Zum selben Zeitpunkt erhielt er den Ehrendoktor für seine Forschungen in Italien. Er starb vor hundert Jahren in Rom und wurde dort auf dem protestantischen Friedhof beigesetzt.

Caspar Wirz führte ein spannendes, scheinbar widersprüchliches Leben. Als Pfarrer in einer thurgauischen Landgemeinde hielt er es vier Jahre aus. Da wurde er abgewählt. Er kannte seine Schäfchen und nahm den Kirchenschatz gleich mit nach München, wo er nun mit seiner frisch angetrauten, sieben Jahre älteren Frau wohnte. Ein Jahr später trennte er sich von ihr; das Kirchengeld kam abzüglich seines Lohnes und zuzüglich einer Busse von 100 Franken zurück nach Frauenfeld, dem Hauptort des Kantons Thurgau. So löste sich dieses Kapitel in Minne auf. Inzwischen hatte er eine "Bibliografie der Schweiz" und ein Zürcher Pfarrverzeichnis "von der Reformation bis zur Gegenwart" verfasst.

Zu den geplanten theologischen Studien bedurfte es seiner Meinung nach vorerst einer Grundlagenforschung über das Wesen der mannmännlichen Liebe, auch der käuflichen. Auf weiten Reisen besuchte er halb Europa, die Türkei und Nordafrika und führte Hunderte von Gesprächen mit Strichern und deren Freiern, um am Schluss überall, auch bei Fällen ohne finanziellen Anreiz, festzustellen, dass Homosexualität nichts Angelerntes, sondern eine Anlage der Natur sei. Nun sah er die ihn als Christ bedrückenden Bibelstellen anders, nämlich im Kontext mit den Umständen der Zeit, in der sie verfasst worden waren. Auch fand er nirgendwo eine Äusserung über gleichgeschlechtliche Liebe. So schrieb er sein Werk "Der Uranier vor Kirche und Schrift" (Der Homosexuelle vor Kirche und Bibel). Die erste Fassung erschien 1904, die zweite ein Jahr später. Caspar Wirz war 57 Jahre alt. Nun trug er keinen Widerspruch zu seiner Veranlagung mehr in sich und ging als gelassener, heiterer Christ durchs Leben.

Vierzehn Jahre zuvor hatte er privat in den Archiven des Vatikans jene Dokumente herauszusuchen begonnen, die zunächst die Mailänderkriege bis Marignano (1515) betrafen und danach auch alle übrigen zur weiteren Geschichte der Eidgenossenschaft. Bald handelte er im Auftrag und mit Unterstützung des Bundes. Er beschäftige ein kleines Heer von Kopisten, die er beaufsichtigte. Denn jedes Dokument musste kopiert werden. Ganze Ladungen davon sandte er regelmässig nach Bern. Rasch war klar, dass auch die städtischen Archive in Rom und anderswo in halb Italien zu durchforsten waren. Für diese Arbeit wurde Caspar Wirz berühmt und erhielt 1903 den Doktor honoris causa der Zürcher Universität, ein Jahr vor der Publikation seines theologischen Werkes zu Homosexualität und Bibel, das er mit vollem Namen zeichnete. Bis zum Tod mit 68 Jahren arbeitete er durch, und er konnte die Sammlung von kopierten Dokumenten fast vollenden. Er starb 1915 an Darmkrebs.

Der Sexualforscher Magnus Hirschfeld besuchte Caspar Wirz regelmässig im Winter oder Frühjahr, während Wirz jeweils dem heissen römischen Sommer für einen Gegenbesuch nach Berlin entfloh. Der Gründer der weltweit ersten Homosexuellen-Vereinigung (WhK) liess sich gerne vom Theologen und Geschichtsdoktor durch die Ewige Stadt führen und hielt diese Treffen in Veröffentlichungen fest. So schrieb er auch vom letzten gemeinsamen Spaziergang um Weihnachten und Neujahr 1913. Wirz habe in den Prunkbauten des "urnischen Beschützers" von Michelangelo, Papst Julius II., begonnen, der so viele gleich Veranlagte zu Bischöfen und Kardinälen erhoben habe. Zu den Urningen gehörte, so Wirz, auch der jüngere Sohn von Lorenzo il Magnifico, dem Medici-Fürsten aus Florenz. Bereits mit 14 Jahren sei dem Jüngling die Kardinalswürde verliehen worden, bevor er dann mit 38 Jahren Julius' Nachfolge als Papst Leo X. antrat. Dann kamen sie an der "düsteren Behausung des grossen Urnings Michelangelo" vorbei, wo dieser die letzten Lebensjahre verbracht hatte. Ein kurzes Wegstück weiter standen sie vor der Engelsburg, dem Kastell der Päpste, das aber eigentlich Kaiser Hadrians gigantisches Mausoleum sei, das dieser nach dem Tod seines Lieblings Antinous für ihn und sich selber zu errichten begann - samt der dazu gehörenden Brücke, auf der sie nun gingen und die weissen Marmorengel Berninis bewunderten. Engel seien ja traditionell alle männlich. Später schritten sie über den Campo de' Fiori (Blumenfeld), wo am 17. Februar 1600 Giordano Bruno auf dem Scheiterhaufen grausam zu Tode kam. In der Urteilsverkündung sollen auch die gleichgeschlechtlichen Neigungen des Opfers erwähnt worden sein. Bald danach schauten die beiden zur Trajanssäule empor, errichtet für jenen Kaiser, der auf seinen Feldzügen eine Schar schöner Jünglinge mitführte, um tagsüber oder nachts einen oder mehrere davon in die Arme zu schliessen. Der Kenner sieht seine Art wie einen roten Faden durch die Geschichte ziehen, soll Wirz am Ende angemerkt haben.

Noch viele weitere Details finden sich hier und auf den folgenden Seiten: Caspar Wirz