Newsletter 69

September 2015

Diese Ausgabe enthält folgende Themen: 

  • Kolumne: Damals im ersten Vereinslokal
  • Neue Bilder

  

Vor 90 Jahren: Das erste Vereinslokal des Schweizer Freundschaftsbundes

eos. Euphorisch tönte es im Januar 1925 zur Einweihung dieses Treffpunkts, wo Mitglieder in geschlossenem Rahmen unter sich sein konnten. Und euphorisch blieb es auch am ersten grossen Fest im März und weiter bis zur Hauptversammlung im Oktober. Ein Jahr später gab es noch einen Bericht zur zweiten Zürcher Hauptversammlung, dann blieb es still - bis 1931, als die Vorgeschichte des Damenclubs Amicitia begann.

Quellen aus der Zeit der zwanziger Jahre in Zürich sind ausschliesslich deutsche Zeitschriften wie Die Insel, Das Freundschaftsblatt und Garçonne. In der Schweiz gab es noch nichts Gedrucktes, und Protokolle von Versammlungen sind bis heute nicht gefunden worden. Dafür blieb ein Gedicht erhalten:

Gruss dir du teurer langersehnter Raum,
Bist Wirklichkeit, warst unlängst noch ein Traum.
Ein dreifach Hoch erschall' zum schlichten Feste
Und zaubre Weihe ins Herz der lieben Gäste.

Und kommt aus weiter Fern' ein gern geseh'ner Gast,
Hier findet er dann Ruh und wohlgewollte Rast.
Wir tauschen dann Gedanken wohl um das Erdenrund,
Zu all den Millionen, die gehören unserm Bund.
Wir gedenken all der Menschen in gleicher Not und Pein,
Dass bald die Schranken brechen, die quälen unser Sein.

Gib gleich dem Karr'n, dem Werke ein fest und gut Gedeih'n,
Dass auch in Zürich wachsen noch weiter unsre Reih'n,
Bis ganze Bataillone hier gehen ein und aus
Und wir bald, gar nicht ohne, erbau'n ein eigen Haus.

Nun schmücket fein mit Blumen das traute Brautlokal,
Lasst mächtig überschäumen den sinnigen Pokal.
Bis leise dann im Nebel der Liebesgott erscheint
Und, freundlich lächelnd, die Herzen all vereint.

Dem Vorstand nun zum Schlusse sei herzlich Dank gesagt
Für alle Müh und Opfer, die er für uns gewagt.
Den lieben tapf'ren Kämpen ein freudiges "Vivat"
Ins gold'ne Buch geschrieben sei jede Lehre, Tat!

So lauten einige Zeilen und Strophen des Gedichts von Mitglied O.S., das er an der Eröffnungsfeier am 17. Januar 1925 vortrug. Das Lokal befand sich im oberen Raum des heutigen Restaurants "Schlauch" und hatte einen separaten (und diskreten!) Zugang über die Obere Zäune 17, während der Haupteingang an der Münstergasse 20 lag. Seinen Namen hat es, weil das Haus in früheren Zeiten Sitz der Feuerwehr war und natürlich auch für die vielen langen Schläuche als Depot diente. Zwanzig Jahre später fand der KREIS im selben Lokal eine Heimat und blieb dort bis zum Umzug in die grössere "Eintracht" am Neumarkt.

Doch so offen, wie hier geschildert, wurde damals nicht kommuniziert. Man vermied es, genaue Adressangaben öffentlich bekannt zu geben und hatte gute Gründe. Polizeibesuch war der Paragraphen wegen jederzeit möglich und natürlich höchst unerwünscht. Im Originalton hiess die Ankündigung in der Berliner Zeitschrift Die Insel Nr. 6/1925:

"Unser [Zürcher] Lokal ist ein kleiner Saal, heimelig eingerichtet und liegt im 1. Stock über einem Restaurant in der Altstadt. Besonders angenehm ist, dass zu unserem Lokal ein gänzlich separater Eingang von der Strasse aus führt und man somit nicht gezwungen ist, durch das Restaurant zu gehen."

Wer sich in jenen Altstadt-Lokalitäten auskennt, die nie total umgebaut worden sind, kommt leicht auf "den Schluuch", wie das Haus im Zürcher-Dialekt noch heute heisst. Sein Restaurant (Münstergasse 20) ist unten, und über ein eigenes Treppenhaus steigt man nach oben oder kommt direkt von hinten (Obere Zäune 17) in die Räume im zweiten Stock. Benutzt werden sie sowohl als Restaurant wie Billard-Stuben.

Mitteilungen, Programme und Adressen machten 1925 mündlich die Runde. Im relativ kleinen Kreis von Mitgliedern scheint dies funktioniert zu haben. Schriftliches wie Anzeigen und Berichte sandte man nach Berlin, wo die "Ideale Freundschafts-Zeitung - Blatt der Junggesellen" (Das Freundschaftsblatt) oder die "Wochenschrift für Aufklärung und Unterhaltung" (Die Insel) Platz boten und Nachrichten aus der Schweiz veröffentlichten. Berlin war damals noch das schwule Mass der Dinge, die eigentliche Zentrale. Vorläufig zumindest, denn nur acht Jahre später war alles zerstört, Opfer des Nazi-Fanatismus; und die 1932 entstandene erste schweizerische lesbisch-schwule Zeitung blieb als einzig noch existierendes Organ im gesamten deutschsprachigen Europa weiter bestehen.

Dem Gedicht von O.S. ging ein Artikel "des Präsidenten" (ohne Signatur) voran. Sein Titel lautete "Eröffnung eines Vereinslokales des Schweizer Freundschaftsbundes, Zürich" und darin hiess es nebst der bekundeten grossen Freude klar und deutlich (denn noch galt das alte kantonale Strafrecht, wonach homosexuelle Handlungen - unter Männern - mit Gefängnis geahndet wurden):

"Der Präsident hat für alle unsere Mitglieder garantiert [bei Behörden und dem Betreiber des Lokals] und somit eine Verantwortung mehr auf sich genommen, darum wird er - sowie der Vorstand - streng dafür sorgen, dass sich niemand etwas zuschulden kommen lassen wird. Dass ein tadelloses Verhalten bei diesen Zusammenkünften immer notwendig ist, ist sich ja wohl jedes unserer Mitglieder selber bewusst, denn leider haben wir immer noch ein schweres Bestehen und dürfen uns nicht so frei bewegen, wie es unseren Artgenossen in Deutschland dank ihrer guten Organisation (Bund für Menschenrecht) gestattet ist."

Über das Wochenende vom 28./29. März 1925 war eine Frühjahresversammlung angesagt, die am Samstag im Vereinslokal stattfand. Mitglieder hatten es schön geschmückt u.a. in den "Bundesfarben Blau-Weiss-Violett". Es trafen sich gut 50 Personen. Damit sei die Kapazitätsgrenze erreicht, stellte der Vorstand fest. Nach den traktandierten Geschäften, die "teilweise zur lebhaften Diskussion Anlass gaben", blieb man "noch bis morgens um 2 Uhr bei Speise und Trank mit Musik und Tanz in angenehmer fröhlicher Gesellschaft beisammen". Zum Glück hatte der Vorstand für den "gemütlichen Teil" am Sonntag eine grössere Lokalität ausserhalb der damaligen Stadt organisiert. Gegen 70 Mitglieder und Gäste trafen sich zum Mittagessen im westlich von Zürich gelegenen Dorf Höngg, das leicht erreichbar war, weil seit 1898 das eigenständige "Höngger-Tram" vom Hauptbahnhof aus via Escher Wyss Platz dorthin führte; Höngg wurde erst 1934 eingemeindet.

Über die Versammlung vom Samstag und besonders das Fest am Tag danach berichtete die Berliner Wochenschrift Die Insel in Nr. 15/1925:

"Mit Stolz darf erwähnt werden, dass der gemütliche Teil einer Versammlung des Freundschaftsbundes noch nie so unterhaltend, amüsant und angenehm war wie dieser Sonntag. Jedes einzelne Mitglied war wirklich erstaunt und überrascht über das reichhaltige, man darf auch sagen sogar künstlerische Programm, welches in Form eines Kabaretts abgewickelt wurde. Die Zwischenpausen wurden durch Tanz (Musik war engagiert) ausgefüllt, sodass aber auch jeder Anwesende auf seine Rechnung kam. Besonders zu erwähnen und zu verdanken sind ein Rokoko-Menuett, getanzt in lieblicher Grazie und sehr reichen, wundervollen Kostümen, ferner eigene humorvolle Dichtungen unseres Mitgliedes O.S. inszeniert in passenden Kostümen, ferner märchenhafte Pracht der Toiletten eines Phantasietanzpaares in klassischem Kunsttanz, dann die Vereinsschnitzelbank und vieles andere mehr. Eine reichhaltige Tombola bot einem, sein Glück in der Lotterie zu versuchen und nur zu schnell waren die 400 Lose verkauft, sodass noch viele mehr hätten verkauft werden können. Bei dieser Gelegenheit sagt der Vorstand auch allen unseren Mitgliedern herzlichen Dank für die Schenkung der Gaben zu unserer Tombola. Bis abends 7 Uhr blieb man fast vollzählig, über 60 Personen, beisammen in Höngg und nachher traf man sich nochmals im Vereinslokal und erst gegen Mitternacht nahmen die letzten Mitglieder voneinander Abschied.

Somit hat nun der Vorstand auch in dieser Beziehung mit einiger Mühe Mittel und Wege gefunden, dank der sehr anerkennungswerten Leitung und Hauptmitarbeit der Herren J.H. und O.S., in Zürich unseren Mitgliedern zur genussreichen Unterhaltung etwas zu bieten und mit Freuden durfte er konstatieren, dass allgemein auch diese Arbeit sehr anerkannt wurde.

So möge der Schweizer Freundschaftsbund wie bisher weitere Fortschritte machen und jedes einzelne Mitglied immer sein Möglichstes zu unserer grossen, guten und sehr notwendigen Arbeit beitragen."

Signiert war dieser Bericht wiederum mit "Der Präsident".

Auf das Wochenende vom 17./18. Oktober 1925 war die Hauptversammlung angesetzt. Dabei beschloss man, den Vereinsnamen in Schweizer Bund für Menschenrecht zu ändern, was sehr viel politischer tönte. Zudem bewiesen die Mitglieder ihre Übereinstimmung mit der gleich lautenden grossen deutschen Schwester-Organisation. Wie es weitergegangen ist mit dem Schweizer Bund für Menschenrecht und der Zürcher Sektion, das ist hier nachzulesen: Freundschaftsbund Schweiz, Zürich: Ein frühes Ende

  

Neue Bilder

sbj. Was lange währt ... Ende August konnten wir eine Aktion beenden, die schon 2011 begonnen hatte. Seit dieser Zeit hat Ernst Ostertag weitere Bilder gesammelt, die in die Website eingebaut werden sollten.

Nun ist es endlich soweit: der Bilderbestand wurde um 169 Bilder oder 30% erhöht. Das Total der Bilder ist somit auf 728 gestiegen. Wie die Bilder auf die einzelnen Epochen resp. Bereiche verteilt sind, zeigt die Grafik:

Neue Bilder pro Epoche / Bereich

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Die Epoche 4 DER KREIS, die schon immer, was Umfang und Bebilderung betrifft, in dieser Website bevorzugt und am detailliertesten dargestellt ist, hat den höchsten Zuwachs an interessanten Bildern erhalten. Ernst Ostertag sagt zu diesem Befund, dass

"der KREIS die einzige internationale Schwulenorganisation unseres Landes war, bis heute! Es wäre schön und wünschenswert, wenn andere, noch bestehende Organisationen aller Art mehr Bildmaterial zusammentragen und zur Verfügung stellen würden."

Die neuen Bilder sind nicht speziell gekennzeichnet, sondern sind in üblicher Weise in die Website integriert. Bei dieser Gelegenheit möchten wir wieder einmal auf unsere Bildergalerie hinweisen. Dort kann man die Bilder pro Epoche in der Reihenfolge ihrer Integration in die einzelnen Webpages betrachten.