Newsletter 70

Oktober 2015

Diese Ausgabe enthält folgende Themen: 

  • Kolumne: Ein Denkmal für die schwul-lesbische Emanzipation
  • Porträt Kurth W. Kocher
  • Referate zur Schweizer LGBT-Geschichte

  

Ein Denkmal für die schwul-lesbische Emanzipation in der Schweiz

Vor der Enthüllung der Tafeln

Vor der Enthüllung der Tafeln. V.l.n.r.: Ernst Ostertag, Madeleine Marti, Corine Mauch, Stadtpräsidentin Zürich

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Urheber
Fotograf: Giovanni Lanni
Herausgeber
Besitzer: Ernst Ostertag
Rechte
© Giovanni Lanni
Sammlungs Nr.
ID: 1005
Enthüllte Tafeln

Enthüllte Tafeln

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Urheber
Fotograf: Ernst Ostertag
Herausgeber
Besitzer: Ernst Ostertag
Rechte
© Ernst Ostertag
Sammlungs Nr.
ID: 1006

eos. Im Beisein von Zeitzeugen, geladenen Gästen, Sponsoren aus der LGBTI-Community und den Medien enthüllte Stadtpräsidentin Corine Mauch drei Infotafeln am Haus der "Barfüsser"-Bar, Eingang Brunngasse, im Zürcher Niederdorf. Das geschah am 15. September 2015. Die drei Texte lauten:

1942 wurden homosexuelle Akte in der Schweiz entkriminalisiert, der Alltag war aber noch lange von Repression geprägt. So gab es in Zürich bis 1979 ein polizeiliches Homoregister. Das Restaurant "Barfüsser" war nach seiner Eröffnung 1956 ein bekannter Treffpunkt und ein Stück Freiheit für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transmenschen in Zürich.

Das erste Treffen des Damen-Clubs Amicitia im August 1931 bildete den Auftakt zur Organisation lesbischer Frauen in der Stadt Zürich. Der Verein rief die Zeitschrift "Freundschafts-Banner" (1932-1937) ins Leben und war Wegbereiter für die ersten Schritte zur Anerkennung homosexueller und bisexueller Menschen in der Schweiz.

In der Zürcher Altstadt traf sich der Lesezirkel der ersten internationalen Zeitschrift für homosexuelle Männer, "Der Kreis" (1943-67). Seine Clublokale waren Begegnungsorte und boten einen geschützten Rahmen für festliche Anlässe. Nach der erzwungenen Schliessung gehörte der "Barfüsser" zu den wenigen Orten, wo sich homosexuelle und bisexuelle Menschen treffen konnten.

Bei der kleinen Eröffnungsfeier befragte die Stadtpräsidentin zwei Personen aus der Community, damit sie zum Projekt Gedenktafeln und zu deren Texten etwas aussagen und auch erläutern, warum sie hier angebracht sind. Diese Personen waren die Lesbenforscherin Madeleine Marti und der Zeitzeuge Ernst Ostertag. Zur Geschichte des Projekts äusserte sich der Zeitzeuge:

Zuerst entstand die Idee in Genf, als wir 2014 zusammen mit Thomas Voelkin anlässlich der Generalversammlung von Network die Gedenktafel an der Rhone besuchten, wo 1566 der 15jährige Student Bartholomé Tecia wegen Sodomie ertränkt wurde. Wenn Genf ein Erinnerungsmal errichtet, dann müsste Zürich dasselbe tun, dachten wir, denn 1482 verbrannte man ein Freundes- und Liebespaar vor den Mauern der Stadt auf dem Scheiterhaufen, den Ritter Richard Puller von Hohenburg und seinen Knecht Anton Mätzler. Das Gutachten eines Historikers führte zu Quellen aus jener Zeit, die allesamt den Ritter als üblen Gesellen schilderten und vermutlich in erster Linie politische Abrechnung waren. Eine heutige Behörde kann jedoch solche Quellen nicht unberücksichtigt lassen. Sie werfen einen Schatten auf den Ritter. Zusammen mit Christian Fuster überdachten wir nun unser Projekt und traten gleichzeitig mit der Stadt Zürich in Kontakt. Wir wurden auf das Büro für Gleichstellung verwiesen. Gemeinsam mit dieser Fachstelle erarbeiteten wir ein neues Konzept. Statt Unrecht an Schwulen in Erinnerung zu rufen, schien der Hinweis auf die Befreiungsbewegung von Lesben und Schwulen, also der Blick auf die jüngere Geschichte ein besserer Ansatz des Gedenkens zu sein. Und Zürich war eindeutig der wichtigste Ort dieser Geschichte. So kam es zu den drei Tafeln.

Inhalt der zweiten dieser Tafeln ist die Frühgeschichte der Emanzipation homosexueller Menschen in der Schweiz mit vorab ihren lesbischen Pionierinnen. Daher ging die Frage an Madeleine Marti. Aus ihrer Antwort:

Zwei Männer wiesen die deutsche Lesbenforscherin Ilse Kokula auf zwei entscheidende Quellen hin und ermöglichten ihr den Zugang zu diesen: zum Protokollbuch des Damenclub Amicitia und zur Zeitschrift "Freundschaftsbanner/Menschenrecht", die damals vollständig in der Bibliothek der Homosexuellen Arbeitsgruppen Zürich (HAZ) vorhanden war. Durch diese Zeitschrift, die 1932 startete, wurde der öffentliche Auftritt von Damenclub Amicitia und Herrenclub Excentric sichtbar. Durch das Protokollbuch auch das Innenleben des Vereins. Dank diesen beiden Hauptquellen sowie weiteren intensiven Recherchen wurde aus Ilse Kokulas ursprünglich kleinem Projekt ein grösseres und schliesslich ein richtiges Buch, in dem die Geschichte des Damenclub Amicitia geschildert wird. Dieser Club wurde 1931 in Zürich von Laura Fredy Thoma, Anna Vock und Frau Beck gegründet. Es ist wichtig, dass heute mit diesen Tafeln auch diese mutigen Pionierinnen geehrt werden, die sich über ein Inserat im Tagblatt der Stadt Zürich gefunden hatten. Anna Vock und Laura Thoma wohnten in den 50er Jahren an der Mühlegasse 7, also im Niederdorf, nicht weit von hier.

Lesbische Frauen waren gesellschaftlich lange unsichtbar. Aber schon in den frühen 1930er Jahren haben sie es geschafft, eine Vereinigung zu bilden, die gesellschaftliche Diskriminierung zu benennen und positive Darstellungen der Lesben zu entwerfen. Oder wie sie es nannten: von Artgenossinnen, artverwandten Seelen, Seelenverwandten, Lesbierinnen oder unseren lieben Mitschwestern. Und obwohl die ersten Clublokale der Frauen an der Löwenstrasse beim Hauptbahnhof und später im Kreis 4 lagen, war die "Barfüsser" Bar bis zur Eröffnung des Frauenzentrums an der Lavaterstrasse in den 70er Jahren eine Heimat für viele Lesben.

Die abschliessende Frage der Stadtpräsidentin hiess:

"Wir stehen hier im Zürcher Niederdorf - es spielt eine wichtige Rolle in der schwul-lesbischen Geschichte. Was hat es damit auf sich?"

Sie richtete diese Frage an den Zeitzeugen und dessen Antwort lautete:

Konkret: Wir stehen vor der "Barfüsser"-Bar. Vom Kloster der Barfüsser-Mönche, also dieses Zweiges der Franziskaner, steht noch die nahe Predigerkirche. Und im Vorgänger des Hauses hier betrieben sie ein Hospiz, eine frühe Art von Spital. Drum geht der Haupteingang der Bar auf die Spitalgasse hinaus. Wer diese Gasse hinunter spaziert, kommt direkt vor das Hotel Hirschen am Hirschenplatz. Dort im Saal richtete sich 1934 das erste Emigranten-Cabaret auf der Hirschen-Bühne ein. Es war die berühmte "Pfeffermühle", geführt vom Lesbenpaar Erika Mann und Therese Giehse. Texte schrieb u.a. auch der schwule Bruder, Klaus Mann. Die politische Ausrichtung war beissend-klar Anti-Nazi. Noch im selben Jahr entstand das schweizerische Pendant, das bald ebenso berühmte Cabaret "Cornichon". Und bei diesem war der Gründer und Leiter der Schwulenorganisation DER KREIS, der Schauspieler Karl Meier, in allen Vorstellungen bis 1951 mit dabei. Auch das "Cornichon" bespielte die Hirschen-Bühne.

1950 wechselte DER KREIS sein Lokal vom Restaurant Schlauch in der Münstergasse 20 zur Eintracht, heute Theater am Neumarkt - also ebenfalls ganz in der Nähe hier - und hatte dort eine Bühne für die grossen internationalen Schwulen-Feste oben im Theatersaal . Dies zehn Jahre lang bis zum offiziell verhängten Tanzverbot.

Im August 1956 öffnete die "Barfüsser"-Bar unter neuer Leitung und wurde durch einen schwulen Kellner rasch zur bekannten Schwulenbar und bald auch zum beliebten Treffpunkt für Lesben. Auf der Seite zur Spitalgasse war die Bar für Frauen; der hintere Raum mit Bar und Eingang zur Brunngasse blieb den Männern offen. Frauen und Männer feierten Feste wie Silvester und Fastnacht gemeinsam ausgelassen und ausgiebig. Von den Polizeirazzien der 60er Jahre liess man sich nicht einschüchtern. Andere Treffpunkte schlossen. Der "Barfüsser" blieb bis in die späten 90er Jahre als "älteste Homo-Bar Zürichs" bestehen - und noch zum 50. Jubiläum gab es 2006 ein letztes Treffen mit internationalem Publikum.

Geführt wurde der "Barfüsser" - oder, wie er liebevoll genannt wurde, "de Fuess" - vom Ehepaar Albert und Ella Zimmermann. Zur Eröffnung stellten sie 1956 einen arbeitslosen Kellner ein, der, weil er offen schwul lebte, überall Absagen erhalten hatte. Dieser Mann war geschickt und umtriebig. Bei ihm fühlte sich die schwule Kundschaft wohl und das zog weitere Kreise. Es kamen die Frauen und auch die ganz Jungen. Das Lokal war kein Getto. Alle, Homo oder Hetero, alt oder minderjährig, Einzelgänger oder Paare, sie waren und fühlten sich willkommen. Die Bar entwickelte sich rasch zum idealen Ort für Leute, die einen lockeren Abend mit unverkrampften Menschen verbringen wollten. Sie war das unorganisierte Zentrum des schwul-lesbischen Lebens der Stadt und hatte Ausstrahlung weit über Zürich und die Schweiz hinaus.

Mehr zur "Barfüsser"-Bar und ihrer Geschichte, ihren Geschichten: Barfüsser-Bar Zürich

  

Porträt Kurth W. Kocher

jb. Kurth W. Kocher moderierte das Fernsehmagazin "Menschen Technik Wissenschaft" und leitete später die Diskussionssendung "Ziischtigsclub". Er engagierte sich im Kampf gegen die Immunschwächekrankheit Aids. Als Kommunikationsfachmann gestaltete er die Stop-Aids-Kampagne mit. Schon im Alter von 53 Jahren erkrankte er ernsthaft. Bis zu seinem Tod im Jahre 2014 sollte er nie mehr ganz gesund werden. Hier ist unser Porträt: Kurth W. Kocher

  

Referate zur Schweizer LGBT-Geschichte

jb. Das Institute of Queer Studies lädt zu einer Veranstaltung über die Schweizer LGBT-Geschichte ein. In drei Kurzreferaten von Rolf Thalmann, Kevin Heiniger und Corinne Rufli aus der "Forschungswerkstatt" Geschichte sollen aktuelle Fragen thematisiert und Rückschau auf die letzten hundert Jahre gehalten werden.
Wann? Dienstag, 13. Oktober 2015, 19.00 Uhr
Wo? Universität Zürich, Rämistrasse 71, 8001 Zürich, Hörsaal KO2 F 150
Die Veranstaltung ist kostenlos und öffentlich.