Newsletter 74

Februar 2016

Dieser Newsletter enthält folgende Themen: 

  • schwulengeschichte.ch erhält Facelift
  • Kolumne: 1986: Aids-Broschüre des BAG

  

Frischer Wind für schwulengeschichte.ch: Spendenaufruf

jb. Die Website schwulengeschichte.ch geht ins siebte Jahr. Ein stattliches Alter im Zeitalter des schnelllebigen Internet. Das umfangreiche und wegweisende Werk soll auch für die Zukunft Bestand haben. Aus diesem Grund ist für 2016 ein Facelift vorgesehen. Unter dem Motto «Du schreibst Geschichte - Kenne Deine Geschichte» soll die Website kontinuierlich weiterentwickelt und breiten, vor allem jüngeren Nutzergruppen zugänglich gemacht werden. Das ist aber nicht ohne zusätzliche Geldspritzen möglich. Geplant und teilweise schon in Arbeit sind die folgenden Massnahmen:

  • Ein neues, frisches Erscheinungsbild soll Appetit auf den Inhalt mit mittlerweile über 1800 Seiten und mehr als 600 Bilddokumenten machen und die Nutzung auch auf mobilen Geräten erleichtern.
  • Eine erneuerte Software (das Content Management System) soll die Stabilität und Nutzerfreundlichkeit der Website auch für die Zukunft sichern.
  • Neben den laufenden inhaltlichen Ergänzungen (beispielsweise im Bereich der Zeittafel) und Detailkorrekturen sind 2016 weitere grössere Beiträge geplant, unter anderem neue Biografien sowie inhaltliche Erweiterungen im Bereich Epochen (z.B. ein grösseres Kapitel über das Lighthouse).

Da die Kosten für dieses Update-Projekt des Jahres 2016 die Eigenmittel des Vereins übersteigen, sind wir auf Fördergelder und die Unterstützung durch Sponsoren und Gönner angewiesen. Ziel dieser Fundraising-Aktion: Wir brauchen 56'000 Franken. Deshalb laden wir auch die Leser unseres monatlichen Newsletters ein, sich an der Finanzierung dieses für die Schwulengeschichte wichtigen Projektes zu beteiligen. Wir bieten Ihnen für Ihre Spende und Ihr persönliches Engagement die folgenden Möglichkeiten an:

  • Wenn Sie im Detail über das geplante Update informiert werden möchten, bestellen Sie bei uns das ausführliche Projekt-Dossier (als PDF oder als Print-Dokument) und entscheiden anschliessend, wie und in welcher Form Sie das Projekt unterstützen möchten.
  • Ihre Spende erreicht uns auch über folgendes Konto: Verein schwulengeschichte.ch, 8000 Zürich (Postcheckkonto 85-160557-0; IBAN: CH25 0900 0000 8516 0557 0; Vermerk Update 2016). Vermerk: Update 2016. Auf Verlangen senden wir gerne eine Spendenbestätigung zuhanden Ihrer Steuerbehörde.
  • Noch einfacher erreicht uns Ihre Spende über die Plattform PayPal:

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ID: 1008

Warum ist Schwulengeschichte wichtig? Die Publizistin Klara Obermüller sieht es so: "Schwulengeschichte ist wichtig: für die Schwulen selbst, aber auch für die Gesellschaft als Ganzes. An ihr lässt sich ablesen, wie ernst es einem Staat mit seinem Bekenntnis zur Demokratie ist. Sie ist der Spiegel, der uns zwingt, die eigene Haltung gegenüber Andersdenkenden, Andersglaubenden und Andersfühlenden zu überprüfen. Schwulengeschichte geht uns alle an. Sie ist ein wertvolles Instrument politischer und sozialer Bildung."

Die Arbeiten an der Website haben zur Folge, dass bis Ende März keine inhaltlichen Korrekturen und Ergänzungen vorgenommen werden können. Ebenso fällt der Newsletter für den März aus. Der nächste Newsletter ist für April 2016 geplant.

  

Vor 30 Jahren: erste nationale AIDS-Broschüre

eos. Im Februar 1986 wurde sie konzipiert, im März kam sie in sämtliche Briefkästen des Landes und schlug wie eine Bombe ein. Die Informationsschrift des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) folgte dem Verteilsystem der Eidgenössischen Abstimmungsvorlagen. Sie war ein Gemeinschaftswerk der nationalen Behörde und der Aids-Hilfe Schweiz (AHS), in der alle wichtigen Schwulenorganisationen ihre Vertreter hatten. Die Broschüre erklärte klar und einfach, was Aids ist und wie man sich davor schützen kann. Es galt, Ängste abzubauen, Gerüchte zu stoppen und das Schweigen zu überwinden, mit dem sexuelle Themen bislang belegt waren. Und: Es war die erste derartige Aktion eines Staates weltweit.

Folgende grundlegende Einsicht war die Voraussetzung, um ans Volk als Ganzes zu gelangen: Fachkundige Information sollte die beginnende Unsicherheit ablösen und das Suchen nach "Sündenböcken" beenden. So konnten hysterische Reaktionen nicht entstehen. Denn sie waren ebenso gefährlich wie die Krankheit selbst. Negative Beispiele gab es im nahen und fernen Ausland genug.

"Schwulen-Krebs", "Homo-Seuche", "90% aller Homosexuellen infiziert", "Der Herr hat für die Homosexuellen immer eine Peitsche bereit" hiessen Schlagzeilen 1983 in Deutschland.

"US-Polizisten setzen Aids-Kranken Gesichtsmasken auf", "Bestattungsbeamte weigern sich, eine Aids-Leiche einzusargen", "Bei einem Fernsehauftritt weigern sich Tontechniker, einem Aids-Kranken ein Mikrofon umzuhängen", "Eltern werfen ihren an Aids erkrankten Sohn auf die Strasse", "Aufruf zum Boykott aller Restaurants, in denen Schwule bedienen". Das waren Meldungen aus den USA und Kanada, gedruckt in Zeitungen bei uns und in Deutschland.

Und im Zürcher Tages-Anzeiger tönte es 1983: "Sie haben doch nicht diese Krankheit, meinte ein Gast zum Kellner, der seinen Finger eingebunden hatte." "Ein Wirt befahl seinem Angestellten, der einen Gast mit Gesichtsekzem bediente: 'Sie kochen dann sein Glas aus!'"

Es gab also Anzeichen und Meldungen auch bei uns, die auf irrationale Reaktionen hinwiesen. Wenn das zugenommen hätte, wären wir in Richtung Ausgrenzung und Hysterie gesteuert - und das hätte die Krankheit noch mehr verbreitet anstatt eingedämmt. So sahen es die hauptsächlich Betroffenen, die Schwulen. Was ihnen zu tun blieb, waren gezielte Schritte zur möglichst umfassenden Aufklärung. Und das hiess: Gang an die Öffentlichkeit! Damals allgemein nicht leicht und nun bei der angespannten Lage besonders schwierig. Der sicherste Weg dazu war, Kontakt mit kantonalen und eidgenössischen Gesundheits-Behörden zu suchen und eine Zusammenarbeit aufzubauen. Das gelang. 1985 gründeten die hauptsächlichen Schwulenorganisationen des Landes die Aids-Hilfe Schweiz und traten zusammen mit leitenden Persönlichkeiten des Bundesamtes für Gesundheit vor die Medien.

Ein knappes Jahr später - März 1986 - erschien die offizielle Informationsschrift. Sie umfasste nur 16 Seiten. Es gab sie in allen vier Landessprachen. Etwas Vergleichbares geschah in der Schweiz noch nie zuvor. Auf der ersten Seite stand, dass diese Broschüre erkläre, "was Aids ist, wie es übertragen wird, wie man sich anstecken kann und was zu tun ist, um sich vor einer Ansteckung zu schützen".

Nur drei Monate später, am 2. Juni, konnten die Verantwortlichen an einer Pressekonferenz der AHS (ein Jahr nach ihrer Gründung) feststellen,

  • dass viel besonnener mit der Krankheit umgegangen werde,
  • dass kaum mehr übertriebene Berichte in der Presse erscheinen,
  • dass es in der Schweiz keine hysterischen Exzesse gebe wie in den USA und erschreckend vielen anderen Staaten,
  • dass aber - vor allem - noch sehr viel zu tun sei.
  • Und das werde gut verstanden. Es zeige sich sowohl in der steigenden Anzahl von freiwilligen Helfern und privaten Geldbeträgen an Aids-Hilfe Gruppen wie auch bei den ebenfalls steigenden finanziellen Beiträgen des Staates, der Kantone und Gemeinden.

Mehr dazu: Informationsschrift des BAG 1986