Newsletter 77

Juni 2016

Dieser Newsletter enthält folgende Themen: 

  • Reminder: Vereinsversammlung und Podiumsgespräch
  • Der spanische Dichter Lorca und die Schweiz

  

Mittwoch, 8. Juni: Vereinsversammlung und Podiumsgespräch

Nicht vergessen: Die Mitglieder des Vereins schwulengeschichte.ch treffen sich am Mittwoch, dem 8. Juni, zur jährlichen Vereinsversammlung.
Beginn: 17.15 Uhr.
Ort (neu): Kulturhaus Helferei, Hans-Leu-Zimmer, Kirchgasse 13, Zürich.

Gleichentags veranstaltet der Verein schwulengeschichte.ch im Rahmen der Pride Week 2016 ein Podiumsgespräch zum Thema "Schwulenbewegung gestern und heute". Der Anlass wird von der Unternehmensberatungsfirma Accenture AG gesponsert. Die Teilnehmer sind: Ernst Ostertag, Hauptautor der Schweizer Schwulengeschichte und aktiv in der Schwulenbewegung seit über sechzig Jahren; Marcel Tappeiner, ehemals Präsident der Homosexuellen Arbeitsgruppen Zürich und der Aids-Hilfe Zürich sowie Mitglied der Letzi-Junxx; Daniel Bruttin, Gründungsmitglied des schwullesbischen Filmfestivals Pink Apple und ehemals Geschäftsführer der Aids-Hilfe Schweiz; Bastian Baumann, Geschäftsführer von Pink Cross. Gesprächsleiter ist Patrick Rohr.
Beginn: 19.30 Uhr (Saalöffnung 19 Uhr).
Ort: Fraumünsterstrasse 16, Zürich (Geschäftsräume von Accenture AG).

  

Federico García Lorca

Federico García Lorca

Federico García Lorca. Gemälde von Gregorio Prieto, Madrid, Juni 1936. Illustration zum Artikel 'La mort de Federico García Lorca' von Daniel Spahni / Scorpion. 'Kreis', 12/1956, ab S. 43.

Urheber
Künstler: Gregorio Prieto, Madrid
Herausgeber
Besitzer: Schwulenarchiv Schweiz, Zürich
Rechte
© unbekannt
Sammlungs Nr.
ID: 0069
Federico García Lorca

Federico García Lorca (1898-1936): Vor 80 Jahren umgebracht

eos. Vor achtzig Jahren starb der homosexuelle spanische Dichter Federico García Lorca (1898-1936) - erschossen von Franco-Faschisten in den ersten Wochen des Bürgerkriegs. Lorca war ein begabter Musiker, ein guter Zeichner im Stil seiner Freunde Salvador Dalí und Pablo Picasso, doch vor allem war er ein herausragender Dichter und Dramatiker, wohl der bedeutendste Spaniens im 20. Jahrhundert. Sein Werk und sein wirkliches Leben wurden im eigenen Land aber lange verleugnet und verschwiegen.

Im Morgengrauen des 19. August 1936 fielen die Schüsse. Schneidend hallte das Echo zurück aus der felsigen Schlucht von Viznar, einem Ort etwa zehn Kilometer nordöstlich von Granada. Der Körper lag auf der trockenen sandigen Erde, wo noch ein paar alte Olivenbäume wuchsen. Dort verscharrten sie ihn. Die Mörder trugen Uniform, jene der Guardia Civil, gezeichnet mit dem Flammenbündel der Falange. Erst Tage danach verbreitete sich die Nachricht vom Tod des Dichters. Ein Verbrechen in Granada. Nur wenige wagten das zu sagen. Einzig die granadinische Zeitung "El Ideal", das Blatt der Faschisten, berichtete am 20. August, dass Lorca am Vortag von der Escuadra Negra (der berüchtigten Schwarzen Schwadron) "amtlich" erschossen worden sei. Doch die Meldung wurde sofort unterdrückt. Wenige Tage später kamen erfundene Versionen in Umlauf: Der Dichter sei im Gefecht um Granada von einer verirrten Kugel getroffen worden; als verweichlichtes Herrensöhnchen hätten ihn "ausgebeutete" arme Bauern erschlagen; ein eifersüchtiger Freund habe den homosexuellen Lorca erstochen; er sei mit Kommunisten liiert gewesen.

Nach dem Mord gingen fast alle Freunde Lorcas ins Exil, doch keiner Richtung Sowjetunion. Zu diesen Freunden zählten vor allem andere Andalusier wie Pablo Picasso (1881-1973) und der Komponist Manuel de Falla (1876-1946, gestorben in Argentinien). De Falla hatte jeweils am Klavier gesessen und die von Lorca inszenierten und verfassten Puppenspiele begleitet. Das war in den zwanziger Jahren, als Lorca in Madrid studierte.

Seit dem 17. Juni 1936 herrschte offener Bürgerkrieg zwischen den Faschisten der Falange unter Leitung ihres Führers, General Franco, und der revolutionären Opposition, gemischt aus Republikanern, Kommunisten, Sozialisten und Demokraten. In den ersten Monaten wurden, wie man heute weiss, 150'000 Menschen auf die gleiche Weise erschossen wie Lorca, Zivilisten alle, ohne Prozess. Der Krieg endete - dank militärischem Eingreifen von Hitler und Mussolini - am 1. April 1939 mit dem Sieg Francos und seiner Diktatur, die Spanien im Einverständnis der Kirche bis 1975 beherrschte.

Der Name Lorca verschwand offiziell im Schweigen. Keines der Theaterstücke wurde gespielt, nur einige der Gedichte erschienen, zensuriert. Einzelheiten über seinen Tod und den Ort des Verbrechens kamen erst in den achtziger Jahren ans Licht. Das Grab, seine Gebeine, wurden bis heute nicht gefunden. Die Mörder allerdings, mit vollem Namen bekannt, lebten weiter bis zu ihrem Tod, unbehelligt, in Madrid. Dennoch zirkulierten Lorcas Werke unter der Hand. Gedruckt wurden sie zumeist in Lateinamerika. Trotz strengster Kontrollen des "Ministeriums für Information" (!) gelang es immer wieder, Exemplare ins Land zu schleusen.

Zum 100. Geburtstag des Dichters schrieb Gustav Siebenmann, Emeritus für Spanische Sprache und Literatur an der Universität St.Gallen (NZZ vom 6./7.6.1998):

"Denkt man auf weltliterarischer Ebene an Spanien, so gesellt sich heute zu Cervantes, Lope de Vega, Calderón zwanglos auch der Name García Lorca. Dem Leben, dem Werk und dem gewaltsamen frühen Tod des Andalusiers gilt in diesen Tagen ein weltweites Gedenken."

Zu den wichtigsten Werken gehören die drei Dramen "Bluthochzeit" (1933), "Yerma" (uraufgeführt 1934 in der Ausstattung von Salvador Dalí) und "Bernarda Albas Haus" (beendet Anfang 1936, 1945 in Argentinien erschienen). Die bekanntesten Gedichte sind die Zyklen "Zigeunerromanzen" (1928), "Lieder des tiefinneren Gesanges" (Poema del Cante Jondo, 1931), "Klage um Ignacio Sánchez Mejías" (1935), "Divan des Tamarit" (1931-1936, erschienen 1940 in New York). Die deutschsprachige Erstaufführung von "Bernarda Albas Haus" fand 1948 am Zürcher Schauspielhaus statt, inszeniert von Ernst Ginsberg; die vier Frauen spielten Ellen Widmann, Agnes Fink, Therese Giehse und Margrit Winter.

In allen Werken Lorcas ist das Andalusische unübersehbar (und darunter, dem Eingeweihten ebenso ersichtlich, viel Homoerotisches). "Al-Andalus" hiess das Land unter maurischer Herrschaft. Sie förderte den offenen Austausch zwischen arabischen, jüdischen, christlichen Einwohnern und liess eigene Formen von geistigem und künstlerischem Schaffen in Dichtung, Philosophie, Musik und Architektur zu. Diese besondere andalusische Kultur entwickelte sich und gedieh über eine Zeit von gut 500 Jahren. Die Rückeroberung des Landes unter den beiden Katholischen Königen Spaniens (Ferdinand und Isabella) brachte nach 1492 die Vertreibung der Mauren und Juden, die rücksichtslose Rekatholisierung und Zerstörung der bisherigen Kultur. Sie brachte den Hass gegen alles Nicht-Christliche und das Auflodern der Scheiterhaufen überall, wo die Inquisition mit ihrem Denunziantentum hinkam. Das gewaltsame Ausbrennen und Auslöschen und die vielfach 150'000 Opfer blieben als Narbe tief im Herzen der Zurückgebliebenen, nicht Vertriebenen und prägen die andalusische Seele bis heute. Sie ist konservativ, ausschliesslich und dem Tode ebenso nahe wie dem Leben. Und aus dieser Nähe bezieht sie ihre ganze feurige Lebenslust. In ihr wohnt der Geist der Trauer vereint mit dem Geist der alten andalusischen Kultur. Die Andalusier nennen diesen Antrieb den "Dämon".

Wer Andalusien in der Semana Santa, der Karwoche, besucht und dem Klang wie den Worten der aus Fenstern und von Balkonen gesungenen Saetas, den "Seufzern", lauscht, wenn eine der Prozessionen vorbeigeht, der weiss um die Nähe zu maurischen Liedern und hat gleichzeitig etwas vom "Dämon" erfahren. Günter W. Lorenz schreibt dazu und zitiert Lorca (Federico García Lorca in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt, Reihe Bildmonographien, Reinbek 1963, 42):

"Wenn man die äusseren Denkmäler arabischer Kultur auch vernichtet oder profaniert hat, so lebt diese Kultur doch immer noch in den Herzen wunderbar und fruchtbar fort. Der Dämon, diese innere Triebkraft, dem 'alle Künste taugen', wie es Lorca nennt, der sein 'weitestes Feld findet natürlich in der Musik, dem Tanz und der gesprochenen Dichtung', ist Teil dieses arabischen Erbes wie auch die selbstverständliche Todesauffassung des Spaniers."

Die Andalusier Lorca und Manuel de Falla verstanden sich als Boten des "Dämons", und beide wollten ihn kreativ hinaustragen und zugleich in die Moderne transponieren. So entstanden Lorcas Gedichte der "Zigeunerromanzen" und ab 1921 die Lieder des "Cante Jondo", des tiefinneren Gesangs, wie auch de Fallas Ballett "El sombrero de tres picos" (Der Dreispitz), das 1919 in London uraufgeführt wurde, ausgestattet von Pablo Picasso.

Zu den beiden älteren Freunden Manuel de Falla und Pablo Picasso stiessen, damals in Madrid, junge Leute, meist ebenfalls Andalusier. Es sei nur einer erwähnt, Vicente Aleixandre (1898-1984), der 1977 den Nobelpreis für Literatur erhielt. Bald waren sie eine grössere Gruppe und wurden ab 1927 die "27er Generation" genannt. Oft war Lorca ihr Mittelpunkt. Gustav Siebenmann beschrieb die Stellung Lorcas in diesem Kreis (NZZ vom 6./7.6.1998):

"Wer Lorca begegnet war, wusste wenigstens einen Grund für dessen Ausstrahlung: der Zauber der Person. [...] Er war ein Meister der Rezitation, der Improvisation, ein glänzender Pianist und Gitarrist. [...] Carlos Morla Lynch, der chilenische Konsul in Madrid, schreibt in seinen Memoiren: 'Unglaublich ist der Zauber, wenn Federico sich ans Klavier setzt. Er lässt Lieder an uns vorüberziehen, in aufsteigender Linie durch alle Jahrhunderte: von den fahrenden Minnesängern des Mittelalters bis in unsere Tage. Die Einfühlung, die ausdrucksvolle Inbrunst seines Vortrags ergreifen zutiefst.'"

In mehreren Heften des Kreis erschienen Berichte über Lorca auf Deutsch und Französisch und ebenso einige seiner Gedichte. Zum zwanzigsten Todestag veröffentlichte die Redaktion 1956 ein Portrait, das ein Freund des Dichters, Gregorio Prieto, kurz vor Lorcas Tod gezeichnet und gemalt hatte.

Mehr dazu (mit aktuellen Ergänzungen von Ernst Ostertag) unter Federico García Lorca