Newsletter 80

September 2016

Dieser Newsletter enthält folgende Themen:

    • Alfred Charles Kinsey
    • Vortrag "Homosexualität in der Gesellschaft"

      

    Alfred Charles Kinsey: Pionier der Sexualwissenschaft

    Alfred Kinsey

    Alfred Kinsey

    Dr. Alfred Kinsey, 1894-1956, USA. Veröffentlicht im Nachruf von Rudolf Jung / 'L. A.': 'In Memoriam Dr. Alfred Kinsey', 'Kreis' 10/1956, Seite 30.

    Urheber
    Fotograf: unbekannt
    Herausgeber
    Besitzer: Schwulenarchiv Schweiz, Zürich
    Rechte
    © unbekannt
    Sammlungs Nr.
    ID: 0068
    Dr. Alfred Kinsey, 1894-1956, USA

    eos. Am 5. Januar 1948 erschien das Buch "Sexual Behavior in the Human Male" des US-amerikanischen Zoologen und Forschers Alfred Charles Kinsey: ein knochentrockenes statistisches Werk von 800 Seiten, das sofort unter dem Namen "Kinsey-Report" zum Bestseller wurde und sich millionenfach verkaufte. Fünf Jahre später gab es einen zweiten Band zum sexuellen Verhalten der Frau. Damit war die Sexualwissenschaft zur naturwissenschaftlich anerkannten Disziplin geworden.

    Die beiden Publikationen lösten ein Erdbeben aus, vor allem in Amerika und Europa. Denn Kinsey hatte sämtliche emotionalen, moralischen und sozialen Aspekte ausgeklammert und nur reine Tatsachen, Ergebnisse von Tausenden mündlich direkt befragten Menschen aus allen Schichten und Altersstufen der Öffentlichkeit vorgelegt. "Wenn wir die Lebensbedingungen von Insektenvölkern bis in alle Details studieren können, warum nicht auch jene des menschlichen Säugetiers in allen seinen tausendfachen Varianten?"

    Es gab kein Ausweichen. Die Ergebnisse sprachen für sich und hoben das Privateste, Verborgenste ins Licht. Für viele ein Skandal, für andere eine Befreiung. Eine Befreiung von bislang alles beherrschenden Vor- und Werturteilen. So empfanden es viele Frauen, viele Jugendliche, alle Homosexuellen. Wenn Sex vor der Ehe und Sex mit anderen Partnern während der Ehe recht häufig sowie Selbstbefriedigung vom Pubertierenden bis ins hohe Alter grossmehrheitlich sowohl von Männern wie Frauen praktiziert wird und homosexuelle Erfahrungen bei 37 Prozent der Männer Tatsache sind, dann ist die Stigmatisierung "widernatürlichen Tuns" von "kleinen perversen Minderheiten" schlicht nicht mehr haltbar. Der Kinsey-Report stiess denn auch die sexuelle Revolution der 60er und 70er Jahre an und verschaffte den Befreiungsbewegungen der Frauen, Schwulen und Lesben mächtigen Auftrieb.

    Der KREIS mit seiner Zeitschrift war sofort hellhörig und brachte bereits einen Monat nach dem Erscheinen des Reports, im Februar 1948, Hinweise in Deutsch und Französisch auf dieses bahnbrechende Werk. Es sei "eine Darstellung dessen, was die Menschen wirklich tun, ohne das Problem aufzuwerfen, was sie eigentlich tun sollten". Zugleich versprach die Redaktion, "in absehbarer Zeit" eine gründliche Rezension zu veröffentlichen. Das geschah im folgenden Jahr mit einer vierteiligen Serie, die in den Nummern vom März bis Juni 1949 erschien. Kurz darauf brachte der KREIS auch einen Sonderdruck dieser Serie heraus. Sie trug den Titel "Der Kinsey-Report und die Probleme der Homosexualität". Verfasser war Walther Weibel / "yx", der als "ältester Abonnent" einer der führenden Köpfe des KREIS war.

    Er konzentrierte sich dabei auf jene Teile des Reports, die sich mit homosexuellem Verhalten beschäftigen. Diese Publikation blieb bis 1955 die einzige in deutscher Sprache, die sich mit Kinseys Werk befasste, während schon 1948 eine französische Übersetzung des ganzen amerikanischen Originals erschienen war. In den Schlussfolgerungen, die Kinsey den statistischen Angaben beifügte, übernahm Walther Weibel unter anderen die folgende Passage wörtlich, um danach in eigener Zusammenfassung fortzufahren:

    "'Angesichts der Zahlen über die Häufigkeit der Homosexualität und vor allem auch ihres Zusammentreffens mit heterosexuellen Elementen im Leben eines grossen Teils der männlichen Bevölkerung lässt sich die Annahme schwer aufrecht halten, dass psychosexuelle Beziehungen zwischen Individuen des gleichen Geschlechts selten und daher abnormal oder unnatürlich seien oder dass sie an und für sich schon Anzeichen einer Neurose oder gar Psychose darstellten [wie damals noch mehrheitlich von der Medizin und Psychiatrie angenommen].' […] Die ganz allgemeine und alltägliche Erscheinung der Homosexualität im alten Griechenland und ihre weite Verbreitung auch heutzutage in solchen Kulturgebieten, wo sie nicht unter einem so mächtigen Tabu steht wie bei uns, lege die Annahme nahe, dass die Fähigkeit eines Individuums, erotisch auf irgend einen von einer Person des gleichen Geschlechts ausgehenden Reiz zu reagieren, in der menschlichen Gattung selber begründet sei."

    Beide Kinsey-Reporte, ganz besonders jener über die Frau, waren ein gewaltiger Schock vor allem für die sehr grossen evangelikal geprägten und ebenso für die tief in katholisch-konservativen Traditionen verankerten Bevölkerungsgruppen der USA. Diese Menschen fühlten sich im Innersten getroffen und verletzt, im nun als Heuchelei entlarvten Ideal ihrer enthaltsam und "rein" gelebten Sexualität, die sie als staatserhaltend und für alle Amerikaner verbindlich hochhielten. Das war in ihren Augen Verrat und löste eine Brandung von Wut und Hass aus, die sich bis heute nicht gelegt hat. Ihr Hass konzentriert sich auf alle "Unmoral", die mit diesem Mr. Kinsey und mit seinen "schweinischen Ausfragereien und perversen Statistiken" erst begonnen habe, nämlich die sexuelle Befreiung mit vorehelichem Sex und anderen Unsittlichkeiten, die Duldung von Pornografie, die ansteigenden Scheidungsquoten, Abtreibung, Stammzellenforschung, Homo-Ehe, Geschlechtskrankheiten, Aids.

    Da wissenschaftliche Forschung in den USA hauptsächlich durch private Sponsoren gefördert wird, setzten die Kinsey-Gegner dort an. Es gelang ihnen, den "Dr. Sex" finanziell auszutrocknen. Er musste seine Tätigkeiten einstellen, die bereits vorbereiteten Veröffentlichungen konnten nicht mehr gedruckt und sein Institut für Sexualforschung an der Universität von Indiana in Bloomington musste aufgegeben werden. Es heisst heute "Kinsey-Institut für Sexual-, Geschlechts- und Reproduktionsforschung" und birgt im Archiv verschlossen Tausende von Befragungsprotokollen wie auch die homoerotischen Fotografien von George Platt Lynes / Roberto Rolf, der eine Zeitlang Mitarbeiter von Kinsey war.

    Professor Alfred Kinsey starb 1956, also vor sechzig Jahren, an einem Herzversagen. Er war erst 62. Seine bigotten Feinde hatten ihn mit nie bewiesenen Vorwürfen wie Gruppensex, Sex mit Kindern und seinen Studenten verleumdet, auch mit der Behauptung, er habe seine eigene Frau zu Sex mit seinen Mitarbeitern angehalten. Und nicht genug, sie tun das noch immer bis heute, beispielsweise Judith A. Reisman, die 1935 geborene Gastprofessorin an der christlichen Privathochschule Liberty University in Lynchburg, Virginia, die 1990 und 1998 Bücher unter den Titeln "Kinsey, Sex and Fraud" (Kinsey, Sex und Schwindel) und "Kinsey, Crimes and Consequences" (Kinsey, Verbrechen und Konsequenzen) veröffentlichte. 2005 startete die Hollywood Produktion "Kinsey" in allen wichtigen Kinos, auch bei uns. In Amerika allerdings löste der Film einen Hass-Shitstorm und Aufrufe zum Boykott aus, ganz wie damals, als der Kinsey-Report über das Sexualverhalten der Frau 1953 erschienen war. (In Europa rieb man sich die Augen und die Negativpropaganda von "drüben" wirkte vorzüglich.) Trotzdem, der Forscher Kinsey bleibt jener Pionier, der durch akribisch genaues Vorgehen das menschliche Sexualverhalten zu einem Gegenstand der Wissenschaft machte und es in seiner enorm grossen Vielfalt aufzeigte und darstellte. Damit entzog er es erstmals und endgültig den Beurteilungen und Verurteilungen der von Menschen geschaffenen Sittengebote und stellte es vor das einzige sittlich gültige Kriterium, den Partner zu achten und ihm kein Leid zuzufügen. Professor Kinsey wurde bereits 1948 Abonnent des Kreis und bezog viele seiner Bücher über die Redaktion der Zeitschrift

    Mehr dazu auf: Alfred C. Kinsey

    Vortrag "Homosexualität in der Gesellschaft"

    Homosexualität zeigt sich immer wieder als besonders polarisierende Projektionsfläche gesellschaftlicher Normen und Werte, was einen vielversprechenden Ansatz schafft, sich aus soziologischer Perspektive mit dem Leben von Homosexuellen zu befassen. Vor diesem Hintergrund bewarb sich Michaela Thönnes 2013 vor der Professorenkonferenz des Soziologischen Instituts an der Universität Zürich um einen Lehrauftrag für die Lehrveranstaltung „Homosexualität in der Gesellschaft“ für das Herbstsemester 2014, der einstimmig genehmigt wurde. Erstmals wurde dadurch im deutschsprachigen Raum für ein volles Universitäts-Semester die Möglichkeit geschaffen, Studierenden ausführlich die Ursachen und Erklärungen dieser soziokulturellen Diversität sowie ihrer Ablehnung und Akzeptanz empirisch sowie theoretisch zu vermitteln. Die Initiantin des Projektes lässt die einzelnen Vorlesungen Revue passieren. Sie vermittelt einerseits das besonders Spannende an der soziologischen Perspektive auf die Homosexualität in unserer Gesellschaft. Andererseits soll das Referat eine Diskussion über Sinn und Zweck eines solchen Lehrveranstaltungskonzeptes auslösen.

    Thema:
    Homosexualität in der Gesellschaft – Die Erkenntnisse einer halbjährigen Lehrveranstaltung des Soziologischen Instituts an der Universität Zürich

    Wann und wo:
    Dienstag, 20. September 2016, 19:00 Uhr, Universität Zürich, Rämistrasse 71, Zürich, Raum KO2 F 150

    Referentin:
    Michaela Thönnes, M.A., wissenschaftliche Mitarbeiterin, Soziologisches Institut, Universität Zürich